Frau Anders (@Die_Frau_Anders)

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Ich bin die Frau Anders. Ich bin 35 Jahre alt und komme aus der Hamburger Ecke und möchte mich hier auch fleißig beteiligen mit Beiträgen zu den unterschiedlichsten Themen. Ich bin ein Mensch der schreibend am besten denken kann und ich schreibe den ganzen Tag so vor mich hin. Ich bin seit Jahren aktiver Blogger mit diversen Themenblogs, Twitterer, Chatter, Notizzettelfüller, Kalenderbeschrifter. Beruflich bin ich selbständig als ambulant behandelnde Ergotherapeutin, spezialisiert auf den neurologischen Bereich. Im Nebenjob Mutter einer 5jährigen Aspie-Tochter, Familienmanager und seit 13 Jahren Ehefrau eines Aspergers. Damit begann eigentlich auch mein Weg in das Thema. Mein Mann war schon immer irgendwie anders, was ja auch zu mir gut paßte weil auch ich auch schon immer etwas durchgeknallt und anders war. Ich bin vom Typ her ein kreativer Freigeist und Gruftie und treibe mich in diversen ominösen Szenen rum. Ich habe eine sehr gute Beziehung, dennoch hatten wir jahrelang ganz bitterliche Beziehungskrisen über Alltagsthemen die andere lächeln lassen (Tassen stehen falsch im Schrank, falscher Putzlappen benutzt…) und mein sehr geringes Selbstwertgefühl das aus einer traumatisierten Kindheit resultiert schmetterte mich dann auch jedesmal komplett zu Boden. Alles was er sagte oder tat, deutete ich aufgrund meiner Erziehung als herabwürdigend und mich hassend. Ich habe so vieles nicht verstanden und mich immer nur schlecht und ungeliebt gefühlt. Erst als er auch mal einer Freundin ganz schreckliche böse Dinge die „man“ nicht sagt so ohne Streit und so an den Kopf warf, und er danach völlig kindlich verstört war ob ihrer austickenden heulenden Reaktion, habe ich erstmalig angefangen so richtig über alles nachzudenken. Er ist doch kein böser Mensch, warum tut er dennoch solche verletzenden Sachen? Die Antwort kam tatsächlich in der folgenden „denkwürdigen“ Nacht: Ich kenne solche Verhaltensmuster doch von meiner Arbeit, nämlich von meinen Asperger-Patienten. Warum ist mir das noch nie aufgefallen? Immer diese Fachleute die in ihrem eigenen Leben nix erkennen, obwohl sie täglich damit umgehen. Sofort kramte ich all mein Diagnostikmaterial heraus und es fiel mir wie Schuppen von den Augen. Er ist ein Asperger! Das bestätigte sich dann auch recht schnell von fachlicher Seite. Ich war dann also eine Partnerin eines Aspergers. Das waren doch diese komischen Menschen, die so gefühlslos seien, nicht lieben und mitfühlen können, und total meschugge sind im Kopf und ständig wegen irgendwas durchdrehen. (Ja, ich habe sowas noch in meiner Berufsausbildung gelernt und es entsprach meinem damaligen Bild von Autisten. Daß sich sowas schleunigst ändert, dafür möchte ich heute auch hier kämpfen) Naja weiter im Text…Für mich brach eine Welt zusammen. Ich habe in ihm nur noch den kranken Behinderten gesehen und sah wenig Möglichkeiten noch mit ihm glücklich zu sein. Dennoch war ich es wider Erwarten seit der Diagnose mehr als vorher und je mehr ich zu ihm hinschaute, desto mehr entdeckte ich was er wirklich war. Ein sehrwohl einfühlsamer mich liebender Mensch der lediglich nicht in der Lage ist nonverbal zu kommunizieren und auf Signale passend zu reagieren. Also mußte ich doch eher an mir arbeiten, damit er mich besser versteht und auf mich eingehen kann und sollte zudem doch mal mein kaputtes Selbstwertgefühl mal gehörig aufpoliern, statt es von anderen abhängig zu machen wie es mir geht. Damit begann der Blick von ihm weg und zu mir hin. Ich kommuniziere (das dachte ich zumindest immer) extrem nonverbal, ich erkläre mich selten und hoffe immer daß andere eh schon merken und wissen was ich fühle. Kommt da dann nix von denen, ist mein Selbstwertgefühl am Boden. Das ist doch bekloppt so zu denlen. Ich dachte fortan viel darüber nach wie ich denn eigentlich so bin. Ich entdeckte plötzlich Dinge an mir, derer ich mir nie so wirklich bewußt war. Da gab es zB. all diese Übersensibilitäten und die damit verbundenen Overloads, die Unfähigkeit Gesichter und Gefühle zu lesen, diese dennoch extreme Feinfühligkeit in Bezug auf andere Menschen, daß das was ich normal finde Synästhesien sind uvm.   Ich habe all das tatsächlich vorher nie wahrgenommen. Auf diesem Weg der Selbsthilfe fand ich dann auch Selbsthilfegruppen für Aspergerpartner und lernte dadurch erstmalig viele Aspies privat kennen. Ich traf mich zudem parallel mit hochsensiblen Menschen und fand mich ja im Laufe der Zeit soooo anders als meinen starren Aspiemann und all die von denen die Frauen immer so leidvoll berichten. Ich bin innerlich schließlich kunterbunt wo er schwarz weiß erscheint. Ich bin vielseitig interessiert und wechsle ständig in meinen Interessen, er bleibt immer bei einer Sache. Ich bin ein überaus kreativer Chaot, er ist der pedantische gradlinige Ordnungshalter. Ich war dann also einfach mal ne Runde „hochsensibel“, er der Asperger. Hochsensibel klingt nach außen ja auch viel schicker und anerkannter. Das Weltbild paßte für mich ne Weile recht gut. Leider stürzte dieses Weltbild im Laufe der Zeit zunehmend ein, je mehr Asperger ich tiefer kennenlernte. Ich war sehr gerne unter ihnen und fühlte mich so wohl wie sonst nie unter Menschen. Ich las so viel in den Blogs, führte lange Gespräche, chattete. Vor allem auch mal mit weiblichen Aspergern und stellte fest: die waren ja gar nicht alle so starr wie mein Mann und die anderen Kerle, sondern eher wie ich. Ich habe festgestellt wie irre unterschiedlich all diese Asperger so sind und fand mich Stück für Stück immer mehr dem Spektrum absolut zugehörig. Sehr lange habe ich dann diese Thematik für mich zergrübelt, mich belesen, mein altes ich und mein altes Weltbild betrauert, mich neu erfunden und wieder verworfen, mich angezweifelt, täglich verzweifelt und als Endergebnis bin ich mir heute 100%ig sicher ebenso wie mein Mann ein Autist zu sein. Nur halt irgendwie anders, anders sozialisiert. Ich hatte erziehungstechnisch von klein auf an eine extrem harte NT Schule durch meine psychisch schwer erkrankte Mutter. Ich lernte aus großer Not heraus als ganz kleines Kind schon jede Regung an einem Menschen passend zu deuten um mich rechtzeitig in Schutz bringen zu können, ich wurde gezielt geschult sehr früh schon lügen zu lernen um mich und andere zu schützen, ich wurde geschult Menschen gezielt zu manipulieren, lernte wie man schauspielert und wie man Außenwirkung gezielt einsetzen und ändern kann und überhaupt wie man Menschen klarmacht daß man normal seie und wie man unter normalen nicht auffällt. Ich habe den klassischen Smalltalk für allemöglichen Situationen auswendig gelernt, beherrsche alle Redewendungen und Sprichworte und setze sie auch gerne ein und, und, und… Mein Spezialinteresse sind halt Menschen und alles was mit ihnen zusammenhängt wie Körper, Kommunikation, Psyche. Ich war schon immer sehr gut, rasendschnell und ganzheitlich zu denken, Dinge visuell in Lichtgeschwindigkeit zu erfassen und alle Dinge die ich so beobachte in Lichtgeschwindigkeit zusammenzuzählen und in Zusammenhänge zu bringen um zu einem passablen Auswertungsergebnis zu kommen. Deshalb und ob der harten Schule der Kindheit kann ich vieles was Aspies angeblich nicht können sehr gut und zweifelte daher auch sehr lange an der Diagnose. Ich falle nicht wirklich auf, bin perfekt angepaßt und wenn ich durchdrehe sieht es ja eh niemand oder es lag an irgendwas anderem. Dennoch scheiterte ich immer an mir selber, weil ich mich und meine Welt nie so richtig kapiert habe. Ich wollte diese verstörende Welt schon so oft verlassen weil ich es nicht mehr aushalten konnte. Zum Glück bin ich irgendwann aufgewacht und so langsam lichtet dich das bedrückende Dunkel dieser Welt für mich. Ich war über 30 Jahre offiziell normal, auch wenn jeder der mir nahe stand immer von mir behauptete ich seie irgendwie anders als andere, mache komische Dinge, denke und handle komisch anders. Ich habe mich immer sehr bemüht, möglichst nicht anders zu sein um dazuzugehören. Ich habe so auch viele Dinge getan, die mir sehr schadeten. Jetzt erst entdecke ich meine andere Seite. Eine die nicht lügen kann und mag, die nicht weiß was andere denken, die immer sagt was sie denkt, die komisch ist, seltsame Dinge tut und mag, die Rituale braucht, die Menschenmengen nicht mag, der alles schnell zuviel wird, eine die sogar als totaler Chaosliebhaber plötzlich Ordnung liebt. Die muß ich jetzt erstmal annehmen und lieben lernen. So langsam wird das auch was, weil es alles viel echter und daher angenehmer ist. Ich bin nicht mehr wie früher, ich bin jetzt ANDERS. Daher auch mein Nickname. Mal gucken was sich noch alles ändern wird in meinem Leben. Ich bin gespannt und lasse euch daran soweit möglich teilhaben. Wen es interessiert: ich bin mir inzwischen wirklich 100%ig sicher, Asperger zu sein, auch wenn ich in manchen Bereichen und in meiner Außenwirkung so gar nicht ins Bild passen mag. Ich bin allerdings noch nicht offiziell diagnostiziert, außer vielleicht von mir selber (ich verfüge schon beruflich über alle offiziell eingesetzten Fragebögen, Tests und so und habe sie natürlich auch alle gemacht) und ich habe passende Beurteilungen von befreundeten Psychologen. Mir ist eigentlich egal, wie sich das nennt was ich habe. Es reicht mir selber zu wissen wo ich stehe. Aber es gibt so viele Menschen die mich sonst nicht ernst nehmen. Ich habe keine Lust mit meinen Mitmenschen darüber zu reden ob es vielleicht sein kann oder nicht in ihren Augen, sondern ich möchte mit ihnen auf Basis einer Aspergerdiagnose über mich reden. Daher wird das im September mal ganz offiziell gemacht. Trotzdem möchte ich hier jetzt schon aus der Sicht eines Autisten schreiben, ich hoffe daß es für die Leser okay ist.

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8 Kommentare

  1. Oh krass. Ich war ja bisher immer ganz sicher, dass ich trotz einiger Dinge, die sehr seltsam an mir sind, mit meiner extrem ausgeprägten Empathie zumindest keinesfalls Autistin sein könnte, aber in deinem Text (und auch denen der anderen, aber vor allem in deinem) entdecke ich mich auch an ganz schön vielen Stellen wieder.
    Allerdings eben auch in den ganzen Ausführungen zu deiner psychisch kranken Mutter und dazu, wie du lernen musstest, dich anzupassen und auf kleinste Dinge sehr schnell zu reagieren.
    Auch das sehr stark ausgeprägte Interesse an Menschen, Psychologie und Kommunikation (gerade auch in der Theorie) ist bei mir vorhanden (eben deswegen dachte ich ja auch immer, Autistin könnte ich nicht sein). ^^
    Hm. Spannend!
    Danke dafür, dass ihr das hier macht!

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      • Ja! Genau so ist’s bei mir auch – ich kann mich überhaupt nicht abgrenzen und reagiere auf Reize extrem empfindlich.
        (Vor allem) in der Eso-Szene heißt’s dann HSP+Scanner. 😀
        Ich hab letztes Jahr Abi auf dem zweiten Bildungsweg nachgeholt, nachdem ich davor mehrfach aus gesundheitlichen Gründen abbrechen musste und allein durch die (wenige) Zeit, die ich auf dem Schulpausenhof stand, wusste ich so viel über total fremde Menschen. Wer wie heißt und was tut oder nicht und mit wem was hat und so weiter, weil ich es anhand der Interaktion gemerkt habe. Andere Leute sagen dann immer so was wie „Worauf du immer achtest“, dabei TU ich das ja gar nicht! Ich will es ja (meistens) gar nicht!

        Wie ist das für dich denn in der therapeutischen Arbeit? 🙂 Ist das nicht total anstrengend?

        Ich habe gestern, nachdem ich hier gelesen habe, mal einen Onlinetest gemacht, weil ich mal sehen wollte, was die Fragen so sind (der Test sagt, ich hätte zumindest einige Verhaltenscharakteristika, die typisch sind ^^) und da war auch eine Frage, ob man Dinge, die man tut, vorher genau plant.
        Ich mache das tatsächlich immer, wenn ich „neue“ Dinge tue, weil es mich total verunsichert, wenn ich nicht einschätzen kann, wie Dinge (ab)laufen. Ist das echt auch so ein typisches Ding?

        Entschuldige bitte die vielen Fragen – ich werde mich auf jeden Fall noch selbst einlesen. Ich hab nur gerade zum ersten Mal wirklich das Gefühl, eine mögliche Erklärung für bestimmte Dinge zu haben.

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      • Ich habe mich ja anfangs auch recht lange unter den HSPs, bunten Zebras, Scannern und wie sie nicht alle heißen rumgetrieben und das paßt auch heute noch total gut zu mir. Ich bin halt reizoffen wie nix gutes, gepaart mit viel gedanklichem Tiefgang und daß ich keine verrückte Esotante bin grenzt schon fast an ein Wunder bei all dem was mir manchmal so „passiert“. Das Thema Autismus interessierte mich eigentlich nur am Rande wegen meines autistischen Mannes. Ich wollte Wissen anhäufen und habe viele neue Sichtweisen von den Autisten gelernt. Und irgendwann merkte ich daß ich in beiden Gruppen kaum Unterschiede merkte. Vor allem bei vielen Frauen war der Autismus irgendwie ganz anders als ich es von meinem Mann her kannte und irgendwie waren die plötzlich alle so wie ich. Sehr strange. Aber so begann meine Reise in die Autistenwelt…

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      • „daß ich keine verrückte Esotante bin grenzt schon fast an ein Wunder bei all dem was mir manchmal so “passiert““
        Hahahaha. 😀 Same here.
        Super spannend! Ich werde das auf jeden Fall auch mal mit meinem Therapeuten besprechen – der hatte schon ein paar Mal eher scherzhaft so was gesagt wie „Das hat ja schon was Autistisches“ oder „Das ist übrigens auch typisch für Autisten“, aber eben nie so wirklich ernst, deswegen bin ich nicht sicher, wie er reagiert, wenn ich jetzt damit ankomme. Aber das wird sich ja zeigen. 😀 Vielleicht hat er’s auch ernst gemeint und ich hab’s nur nicht gecheckt, weil ich ja dachte, das könne sowieso nicht sein. Witzig. Echt. Ich dachte vorgestern noch, dass ich unbedingt mal ein paar zwanghafte Verhaltensweisen aus meiner Kindheit ansprechen muss, die bisher kein Thema waren und dann stoße ich auf das Thema. Echt interessant!

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  2. Liebe Frau Anders,

    mich macht der Text streckenweise betroffen, zumal ich an anderer Stelle gelesen habe, dass du alkohol- und drogenabhängig warst. Welche Drogen hast du genommen und musstest du dich häufig übergeben? Wie lange ging das und wie hast du es da wieder rausgeschafft?

    Weiterhin finde ich es heftig, dass du es für uncool hältst, dass es dir jetzt besser geht.
    Das hieße ja, dass man, bzw. Frau nur dann cool ist, wenn es einem richtig schlecht geht.

    Ich habe langsam das Gefühl, es ist hoch angesehen, wenn es Frauen schlecht geht.
    Es tut mir leid, ich wollte nicht vorwurfsvoll klingen. Es triggert mich einfach nur, weil ich möchte, dass es dir und allen anderen Frauen mit Asperger-Syndrom endlich gut geht!!

    Ich weiß auch, dass Vorwürfe wegen Vergangenheit auch nichts bringen. Stattdessen habe ich vielleicht einen Tipp, wie du da raus kommen könntest: koordiniere und beschränke einige (und nicht alle) deiner sozialen Aktivitäten. Also dass Du vielleicht abends mal weggehst, aber dann auch ohne Alkohol und Drogen gut drauf sein und das dann umso mehr genießen kannst.
    Dann kann man halt nicht jedes Wochenende abends weggehen oder zumindest nicht bis ultimo, sprich die ganze Nacht durchmachen.

    Ich kenne das selber alles von mir auch. Ich konnte gar nicht die Nacht durchmachen, bzw. hab vllt. zwei- bis dreimal bis 7 oder 8 Uhr durchgemacht. Am nächsten Tag konnte man mich vergessen und es war für mich eine Qual, weil ich nie Drogen genommen habe und Alkohol auch nur sehr wenig getrunken habe, der hatte bei mir nämlich keine euphorisierende Wirkung. ich musste immer die Kontrolle über mich behalten, und deswegen habe ich nie Drogen genommen, weil ich Angst hatte das dann die Zunge locker würde und mich mich noch mehr danebenbenehme.

    Ich kenne auch diesem diese Vorwürfe an mich selbst, uncool zu sein und ich weiß auch von anderen, dass ich es bin.
    Vielleicht wäre Kaputtsein die bessere Alternative gewesen, dann wäre ich wenigstens cool gewesen und hätte nichts verpasst… 😦

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