Die Sache mit der Kommunikation

Der Mensch ist ein soziales Wesen. Diesen Satz habe ich noch nie gemocht. Ich konnte mich auch sehr gut allein beschäftigen – ja für mich war es schon immer wichtig gewesen, einen Rückzugsraum zu haben – einen Bereich, in dem ich alle Masken fallen lassen und einfach nur ich selbst sein konnte. In dem ich innehalten und das Erlebte reflektieren und verarbeiten konnte.

Ich will jetzt nicht auf die klassischen Muster eingehen, die Autisten zugeschrieben werden. Zum Beispiel, dass sie keine Ironie verstehen sollen. Ja, meine Kollegen ziehen mich damit auf, und eine Kollegin hat für mich auch schon ein Ironie-Schild gebastelt, das sie immer dann hochhält, wenn sie etwas ironisch meint.

Aber über die ganzen Klassiker, die man immer wieder liest wie z. B. Sprichwörter und alles andere nur wortwörtlich verstehen, nicht zwischen den Zeilen lesen können, nicht wissen, dass jemand auch etwas durch die Blume sagen kann, auf die Frage, ob ich weiß, wo es zum Bahnhof geht mit „ja“ antworten und einfach weiter gehen, über diese Dinge bin ich längst hinaus.

Als Sprach- und Literaturwissenschaftler habe ich gelernt zu interpretieren. Mein Problem ist ein ganz anderes: die Fehlinterpretation. Wenn mir jemand etwas sagt, das über die reine Fakten-Übermittlung hinausgeht, dann versuche ich, es zu interpretieren – aber eben intellektuell, nicht intuitiv. Nur: Bis meine Interpretation endlich fertig ist, ist das Gespräch schon wesentlich weiter fortgeschritten, und ich verpasse meinen Einsatz. Schlagfertig ist anders.

Oft entstehen Missverständnisse. Ich fühle mich angesprochen und bin es nicht. Oder mir fällt etwas ein, aber ich weiß nicht genau, wann ich dran bin. Wenn ich zum Beispiel in einer Gruppe von mehreren Menschen unterwegs bin, und ein Mensch seinen Satz geendet hat, fängt Sekundenbruchteile später der nächste zu reden an. Und ich frage mich: Wie hat er so schnell mitbekommen, dass er dran ist? Jetzt gibt es nur drei Möglichkeiten: Entweder unterbrechen (absolutes No-Go!) oder später mit meinem Einfall kommen, wenn sich das Gespräch längst zu einem anderen Thema hin entwickelt hat (und dabei Unverständnis ernten) oder eben meinen Einfall für mich behalten. Am Ende des Abends gelte ich dann als schüchterner, ruhiger Typ, aber damit kann ich am ehesten leben.

Missverständnisse, das ist für mich ein großes Thema. Ich fühle mich manchmal, als spräche ich eine komplett andere Sprache als andere Menschen. Was ich schreibe, kommt manchmal vollkommen anders an als beabsichtigt, und was ich lese, interpretiere ich vollkommen anders, als der Schreiber es gemeint hat.

Jetzt wird sich so mancher fragen: Wie kann jemand, der so große Kommunikationsprobleme hat, journalistisch arbeiten? Nun, im Journalismus – jedenfalls in der Spielart, die ich vertrete – geht es um harte Fakten. Auch da gibt es Interpretationsspielraum, aber der macht mir nie so große Probleme wie die Kommunikation über Zwischenmenschliches.

Andere werden sich fragen: Wie funktioniert die Kommunikation mit meiner Freundin? Erstaunlich gut und ohne große Worte. Weil wir auf einer Wellenlänge liegen. Genau wie ich mit meinem besten Freund auf einer Wellenlänge liege – und mit vielen, aber längst nicht mit allen Autisten.

Diese gemeinsame Wellenlänge entscheidet meist, ob die Kommunikation, ob die Beziehung (sei sie nun sozial, romantisch oder sexuell) funktioniert oder nicht – ob ich mich auf einen Menschen näher einlassen kann (und er sich auf mich) oder nicht. Leider sind Menschen, zu denen ich so etwas wie eine Beziehung aufbauen kann, rar gesät. Und so bleibt gegenüber allen anderen eine große Unsicherheit.

Unsicherheit heißt in diesem Fall: In meinem Kopf kreist das Gedankenkarussell: Wie soll ich mich verhalten? Was wird der oder die von mir denken? Was verlangt in diesem Fall die gesellschaftliche Konvention von mir? Was das jetzt eben richtig und gut? Was will derjenige mir jetzt damit sagen? Wie soll ich darauf reagieren? Achtung, Fettnäpfchenalarm! Zu spät!

Vor allem gesellschaftliche Anlässe – Partys, Neujahrsempfänge, Festakte – geraten zum Spießrutenlauf. Ist der offizielle Teil vorbei und hat der letzte Redner „gute Gespräche“ gewünscht – eine Wortkombination, bei der es mir eiskalt den Rücken herunter läuft – suche ich das Weite. Mein Kopf ist dann meist schon so voll, dass ich unbedingt vermeiden möchte, angesprochen zu werden. Sinnvolles werde ich dann zu einer Kommunikation sicherlich nichts mehr beizutragen haben.

Der Mensch ist ein soziales Wesen, heißt es. Er liebt Partys, gesellschaftliche Anlässe, Bälle. Er liebt es, seinen Status, seine sozialen Beziehungen im Subtext belangloser Konversation zu pflegen, Netzwerke aufzubauen, Kontakte zu knüpfen. Ich würde es auch mögen, wenn ich es könnte. Ich wäre so gerne wie alle anderen auch. Immerhin treffe ich mich gerne mit meinen Freunden oder gehe mit meiner Freundin aus oder knüpfe im Internet Kontakte zu Gleichgesinnten. Vielleicht bin ich ja auch sozial. Vielleicht.

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