Freundschaften

Freundschaften

Im Pflegen von Freundschaften bin ich eigentlich eine ziemliche Niete. Früher, als ich noch jung war, habe ich mich immer gewundert, wie andere das hinbekommen sich dauernd zu treffen , sich ständig was zu erzählen und dabei offenbar Spaß zu haben.Irgendwie war mir das immer ein Rätsel.  Eigentlich – wenn man es genau betrachtet-hatte ich immer nur Bekanntschaften…und die sind gekommen und gegangen. Relativ schnell ist dabei immer klar geworden, dass es da keine Basis für eine dauerhafte Verbindung gab. Ich kenne eigentlich im Realleben kaum jemanden, der meine Interessen teilt, und ich von meiner Seite aus habe kein Interesse an den Dingen, über die die meisten Menschen sich so unterhalten.
Aber auch ich habe eine Freundin, und zwar schon seit etlichen Jahren. Und für diese Freundschaft bin ich auch sehr,sehr dankbar. Meine Freundin Klaudi und ich haben vor vielen, vielen Jahren mal zusammen im gleichen Haus gewohnt, uns irgendwann mal zufällig wieder getroffen und daraus hat sich dann eine Freundschaft entwickelt. Diese Freundschaft bedeutet mir unglaublich viel und meine Freundin ist für mich der wichtigste Mensch auf der ganzen Welt und die einzige reale Person, mit der ich dauerhaft in Kontakt bin, da ich auch sämtliche familiären Brücken hinter mir abgebrochen habe. Wir treffen uns in der Regel 1-2 Mal im Monat für eine Zeitdauer von etwa 2-3 Stunden. Dann sprechen wir über das, was uns jeweils bewegt, über das, was wir zur Zeit lesen oder als Hörbücher hören, fahren ins Aldi und kaufen ein und kochen etwas zusammen. Und danach ist das Treffen dann beendet. In der Zwischenzeit bis zum nächsten Treffen schreiben wir uns vielleicht mal eine E- Mail oder eine SMS- das war´s dann aber auch. Ein- oder 2 Mal im Jahr besuchen wir zusammen eine Veranstaltung . Das ist für mich das Äußerste, wozu ich in der Lage bin. Durch meinen Autismus habe ich einfach nicht das Bedürfnis, mit anderen Menschen zusammen zu sein. Es hat auch schon Zeiten gegeben, in denen ich selbst unsere relativ seltenen Treffen so lange hinausgezögert habe, dass Monate dazwischen lagen. Solche Dinge tuen unserer Freundschaft jedoch keinen Abbruch, Meine Freundin weiß über meinen Asperger Autismus Bescheid und kann damit umgehen. In den ersten Jahren unserer Freundschaft habe ich meine Freundin sicher oft dadurch verletzt, dass ich nicht wie andere Menschen dieses Bedürfnis danach habe, viele gemeinsame Dinge mit-einander zu unternehmen und dass ich auch nur eingeschränkt in der Lage bin, an Dingen, die sie bewegt haben, emotional teilzunehmen. Da sie jedoch ein HSP (high sensitive person) ist, hat sie bald verstanden, dass ich das nicht aus böser Ansicht tue und dass sie mir trotz meiner sozialen Behinderung unwahrscheinlich viel bedeutet. Sie ist im Übrigen auch der einzige Mensch, der einen Schlüssel zu meiner Wohnung besitzt und Vertrauensperson für den Fall, wenn mir mal etwas passiert. Ich weiß, dass ich auf meine Freundin immer zählen kann, wenn es darauf ankommt. Zum Beispiel hatte ich im letzten Jahr eine schwere OP und lag fast einen Monat lang im Krankenhaus. In dieser ganzen Zeit ist meine Freundin jeden Tag zu mir nach Hause gefahren und hat meine 5 Katzen und meinen Hund versorgt. Auch in der ersten Zeit nach der OP, als ich zuhause nur auf der Couch lag und mich nicht bewegen konnte, kam sie jeden Tag, ist mit dem Hund rausgegangen, hat für mich eingekauft und die Tiere und mich versorgt. Und je mehr sie gemerkt hat, dass ich wieder selbst in der Lage war, meine Dinge zu erledigen, umso mehr hat sie sich dann wieder zurückgezogen, da sie genau wusste, dass ich dieses Alleinsein brauche. In der Zeit im Krankenhaus habe ich viel darüber nachgedacht, was meine Freundin alles für mich tut und wie sehr ich ohne sie aufgeschmissen wäre und wie viel sie mir bedeutet und ich habe quasi als „Sozialtraining“ angefangen, ihr von mir aus alle 1- 2 Wochen eine E-mail oder SMS an sie zu schreiben, einfach damit sie weiß, dass ich an sie denke. Ich glaube, dass sie sich darüber freut. Für mich ist das ein großer Schritt gewesen, denn vorher war ich dazu nicht in der Lage. Ich bin jemand, der sich sonst generell nicht bei anderen meldet. Nicht, weil mir alle egal sind, sondern weil ich so sehr in meiner Welt gefangen bin, dass die Drähte einfach nicht bis nach außen reichen. Verabredungen oder Verpflichtungen mit anderen Menschen können für mich zu so einer Belastung werden, dass sie mein komplettes inneres Gleich-gewicht und meinen gewohnten Ablauf so dermaßen durcheinander bringen, dass ich völlig gelähmt werde und gar nichts mehr auf die Reihe bekomme. So bringt mich zum Beispiel eine Verabredung für Freitag schon am Montag völlig aus dem Konzept und kann mich unter Umständen so blockieren, dass die komplette Woche eine völlige Katastrophe wird. Oft genug ist es mir schon passiert, dass der Druck und die Anspannung in den Tagen vor einer Verabredung so groß wurde, dass ich kurz vor dem geplanten Treffen abgesagt habe. Auch war ich eigentlich nie enttäuscht, wenn andere Menschen eine Verabredung mit mir abgesagt haben. Im Gegenteil…zumeist habe ich das als große Erleichterung empfunden. Spontane Treffen sind so eine Sache, die es bei mir überhaupt nicht gibt. Wenn ich irgendwo unterwegs bin, dann ist das immer zielgerichtet (arbeiten, einkaufen, Hund ausführen) und danach bin ich sofort wieder in meiner Wohnung verschwunden. Zufällige Treffen auf der Straße mit irgendwelchen Bekannten sind für mich eher unangenehm, da ich mit Small- Talk absolut nicht anfangen kann und außerdem in der „Matrix“ immer dermaßen reizüberflutet bin, dass ich mich gar nicht auf ein Gespräch konzentrieren kann. In solchen Situationen bekomme ich dann vermehrt Tics, was für mich ziemlich unangenehm und peinlich ist und weshalb ich solche Situationen so gut es geht vermeide.
Ich fühle mich dadurch, dass ich so zurückgezogen lebe, nicht einsam. Und ich denke, wenn man so eine Freundin hat wie meine Klaudi, dann ist man nie allein. Das reicht mir und damit bin ich eigentlich glücklich und zufrieden. Ich glaube, mehr wäre mir schnell zuviel.

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1 Kommentar

  1. Hallöchen!
    Tolle Geschichte.Kann ich richtig gut nachvollziehen.Freundschaften pflegen kann ich auch nicht.
    Mir fehlt einfach die Fähigkeit die Bedürfnisse anderer zu erkennen.
    Ich weiss auch nie, ob das was ich tue dem anderen gefällt.
    Mir fehlt der feinsinn in der sozialen Kommunikation.Man
    findet selten jemanden der dies toleriert.So kommen und
    gehen Bekanntschaften.Warst du denn schon mal dolle
    verliebt?
    Grüßchen Peter

    Gefällt 1 Person

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