Die lange Bank

(Bereits zuvor im eigenen Blog veröffentlicht, wieder gelöscht und dann hierher transferiert):

Das Reichskammergericht in Speyer nahm im Heiligen Römischen Reich eine wichtige Funktion ein: Wann immer es zu einem Streit zwischen zwei Feudalherren kam, klagte einer von ihnen beim Gericht. Doch bis die Herren Richter ihr Urteil gesprochen hatten, waren die beiden Streithähne längst tot – und ihre Söhne ebenfalls. Denn im Gerichtsgebäude gab es eine lange Bank, auf der die Gerichtsakten lagen. Kam ein neuer Fall dazu, wurde er einfach vorne auf die Bank geschoben. Die weiteren Fälle wanderten immer weiter nach hinten. Waren sie am hinteren Ende der langen Bank angekommen, nahm sie das Gericht und bearbeitete sie.
In den Jahrhunderten hatte sich ein gewaltiger Aktenstau gebildet, und das Gericht kam mit der Bearbeitung der Fälle nicht mehr nach.

So wie dem Reichskammergericht geht es mir auch. Immer wenn etwas neues ansteht, das nicht dringlich ist, wird es auf die lange Bank geschoben. Ich sehe sie vor meinem geistigen Auge, und was dort alles liegt, raubt mir manchmal den Schlaf. So funktioniert bei mir schon seit mehr als einem Jahr nur eine von zwei Herdplatten. Und das ist nur das harmloseste von dem, was erledigt werden sollte. Manche Dinge sind dringlicher und dulden keinen Aufschub. Manche fallen mir auf die Füße, weil ich zu lange gewartet hatte, aber keine Nerven hatte, mich damit zu beschäftigen.

Ich arbeite acht Stunden am Tag, fünf Tage die Woche. Wenn ich abends nach Hause komme, bin ich meistens zu kaputt, um mich noch um irgendwelche Erledigungen zu kümmern. Von den restlichen beiden Tagen gehört einer der Ruhe und meinen Hobbys, gegebenenfalls auch noch Freunden oder Familie und neuerdings auch meiner Freundin. Alles andere muss an einem einzigen Tag in der Woche erledigt werden – und meistens wird dieser Tag schon komplett vom Haushalt in Anspruch genommen. Ich habe also schlichtweg keine Zeit, mich um die ganzen Dinge zu kümmern, die außer der Reihe erledigt werden sollten.

Oder besser: Zeit hätte ich durchaus, denn ich habe auch Zeit, diesen Blogbeitrag zu schreiben, aber ich kriege es einfach nicht hin – und daran verzweifel ich. So häufen sich die unerledigten Aufgaben und machen Stress. Aber sie machen mir auch Angst, denn einige davon verlangen Dinge von mir, die zuvor noch nie getan hatte, und ich weiß oft nicht, wo und wie ich anfangen soll. Da sitze ich als intelligenter Mensch und scheue mich davor, die Dinge anzupacken, die erledigt werden sollten.

Das ist aber keine neue Erscheinung. So war es schon immer. Und schon von meiner Mutter musste ich mir einiges anhören. Faul sei ich gewesen. Dafür brauchte ich doch nur viel Zeit für mich selbst. Zeit, die ich nicht habe und die ich mir deshalb von den Erledigungen nehmen muss.

Unerfüllte Aufgaben nehmen einen Großteil meiner Probleme ein. Sie machen mich wahnsinnig – vor allem, wenn es eine Deadline gibt und diese Deadline immer näher rückt. Dann fühle ich mich manchmal eingeengt – warte bis zum letztmöglichen Termin, um dadurch noch mehr in Stress zu geraten.

Ein Beispiel: Ich weiß, ich muss dringend etwas einkaufen, doch ich schiebe es vor mir her – oft ist das Wetter schuld, da ich bei Regen ungern nach draußen gehe. Aber oft liegt es auch einfach daran, dass ich mich an meinem freien Tag nicht dazu überwinden kann, überhaupt das Haus zu verlassen. Wenn dann der letztmögliche Termin kommt, ist es meistens ein Tag, an dem ich arbeiten muss, und dann schwitze ich, dass ich keinen Abendtermin habe und auch früher gehen kann, um meine Erledigung noch schnell absolvieren zu können.

Die Lange Bank, das ist neben meinen sozialen Defiziten mit Abstand mein größtes Problem. Ein Problem, das ich möglichst bald in den Griff bekommen möchte. Ich frage mich: Wenn es alle anderen mühelos hinbekommen, warum kann ich es nur mit viel Selbstüberwindung oder gar nicht? Ist es wirklich so, dass ich den Arsch nicht hoch kriege? Aber warum schaffen es dann die anderen? Faul bin ich ja nicht; das stelle ich mit meiner Arbeit unter Beweis. Aber diese 40 Stunden in der Woche – so scheint es – rauben mir sämtliche Energiereserven, die ich habe, und dann muss ich am Wochenende wieder aufladen. Mit Schlafen, Lesen, Fernsehen, meinen Interessen nachgehen oder eben Blogbeiträge schreiben.

Ich habe schon immer geglaubt, mein innerer Schweinehund sei größer als der von anderen Leuten. Woran es lag, wusste ich nicht. Bis heute.

Advertisements

1 Kommentar

  1. Die „Lange Bank“, mein „liebster“ Feind.

    Es ist exakt SO, wie Du es beschreibst. Dinge schieben und schieben, bis eine Erinnerung kommt die mich dann sofort ins absolute Aus schiebt / handlungsunfähig macht.

    Manche dieser Dinge waren extrem teuer und absolut unnötig. Und es hat mich nichts gelehrt. Ich kann es immer noch nicht besser! Jahrelang habe ich die Steuererklärung am letzten möglichen Tag persönlich zum Finanzamt gebracht. Weil ich es eben nicht hinbekomme (obwohl FiBu mir sehr liegt) meine Dinge in Ordnung zu halten und termingerecht abzugeben.

    (PS: ich bin sehr froh, Dich wieder lesen zu dürfen! 🙂 )

    Gefällt mir

Bitte Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s