Geschichte meiner Spezialinteressen

Bin ich Autist oder nicht? Eine Frage, die mich nicht erst seit gestern beschäftigt. Viele Autisten haben ein Spezialgebiet, das sie oft ein Leben lang mit großer Obsession beackern. Aber ich habe keines – jedenfalls keines, das das ganze Leben über anhielt.

Wenn ich ein Spezialinteresse habe, dann ist es wohl Geschichte. Nicht irgendein Land oder irgendeine Epoche, sondern ganz allgemein Geschichte. Ich habe mich auch schon mit Azteken, Inka, Chinesen und vielem anderem auseinandergesetzt, und konsequenterweise habe ich auch Geschichte studiert. Aber auch da war mein Interesse mal mehr, mal weniger. Manche Themen fand ich faszinierend, manche weniger.

Was ich am faszinierendsten fand, waren historische Landkarten. Wie sich der Besitzstand der einzelnen Länder im Laufe der Jahrhunderte geändert hatte. Reiche und Staaten gingen zugrunde, andere wurden neu aus der Taufe gehoben, und dieser Prozess setzt sich bis heute fort. So bekam ich mal zu Weihnachten den Historischen Weltatlas des Bayerischen Schulbuchverlags geschenkt – und beschäftigte mich stundenlang damit.

Dann eines Tages erhielt ich als Geburtstagsgeschenk die Chronik der Deutschen, und fortan war ich davon wie besessen. Ich las das komplette Buch innerhalb von drei Monaten, widmete ihm jede freie Minute. Freunde hatte ich zur damaligen Zeit keine, und jede Unterbrechung empfand ich als störend. Hinterher kannte ich mich gut in deutscher Geschichte aus – doch das Schulfach verleidete mir schnell das Interesse, und ich suchte nach anderen Wissensgebieten.

Ich fand sie im Unerklärlichen. Nicht die halbseidene Esoterik interessierte mich, sondern die Parapsychologie, die Grenzwissenschaften, UFOs, Atlantis (womit man mich in der Schule aufzog) – alles, was geheimnisvoll und noch nicht erforscht war, faszinierte mich. Dazu kamen archäologische Rätsel wie das Wunder von Stonehenge, die ägyptischen Pyramiden, die Nazca-Linien, und sehr schnell landete ich bei Erich von Däniken, dessen Bücher ich verschlang.

Spätestens mit dem Studium war das vorbei. Als ich lernte, was Wissenschaft bedeutet, beurteilte ich diese Bücher, die ich damals gelesen hatte, wesentlich skeptischer bis ablehnend. Lediglich Spuk und Ufos lassen mich nicht mehr los, weil ich sie für reale Phänomene halte.

Während des Studiums interessierte ich mich für Journalismus und Medien und schrieb nur für mich eine Arbeit, die sich mit dem Hörfunk in Deutschland auseinandersetzte. Dabei machte ich eine Liste aller Hörfunkstationen in Deutschland, die ich kategorisierte und einordnete.

Auch meine Magisterarbeit ist einem temporären Spezialinteresse zu verdanken, mit dem ich mich schon lange vorher auseinandergesetzt hatte. Welches es ist, verrate ich nicht, denn es ist über Google Books aktenkundig geworden. Ich war wie besessen, beschäftigte mich Tag und Nacht damit und brachte am Ende 187 Seiten zustande, gewann dafür sogar einen Preis.
Mit dem Einstieg bei meinem jetzigen Arbeitgeber machte ich das Spezialinteresse Journalismus zum Beruf, und ein neues musste her. Ich setzte mich mit dem Leben nach dem Tod auseinander, fand eine Internetseite mit umfangreichem Material und verbrachte ganze Abende damit, es zu lesen. Mittlerweile habe ich keine Angst mehr vor dem Tod und bin davon überzeugt, dass Gott existiert, dass er aber vollkommen anders ist, als die meisten Religionen glauben.

Über dieses Thema gelangte ich zur hierzulande relativ unbekannten YouTube-Serie The Haunting of Sunshine Girl. Ich sah jede Folge an, hatte sogar Kontakt mit Regisseuren und Darstellern, tummelte mich täglich in entsprechenden Foren und verlor dann von einem auf den anderen Tag das Interesse.

Nächstes Spezialinteresse war die deutsche und europäische Territorialgeschichte. Gebietsveränderungen, Kriege, Erbschaft, Käufe – mittlerweile bin ich ein wandelndes Lexikon auf diesem Gebiet.

Ich beschäftigte mich außerdem viel mit Geographie, legte ganze Listen an (bzw. kopierte sie für mich von Wikipedia): Die größten Staaten, die kleinsten Staaten, die größten Inseln, die höchsten Berge, ungewöhnliche Grenzverläufe, politische Systeme, geographische Kuriositäten, Verwaltungsstrukturen – alles, was mir in den Sinn kam und was mich faszinierte.

Schließlich gelangte ich zum Thema Autismus und las auch da sehr viel – entdeckte aber so viel Ungereimtheiten und Widersprüche – zum einen bei den Wissenschaftlern, zum anderen auch bei den Betroffenen – dass ich keine Struktur finden konnte – und Strukturen sind das, was mich hauptsächlich fasziniert. Wenn ich etwas zu wissen glaubte, wurde ich kurze Zeit später wieder eines besseren belehrt. So faszinierend das Thema für mich als möglicherweise Betroffenen ist: Als Spezialinteresse für mich taugt es nur wenig.

Jetzt bin ich auf der Suche nach einem neuen Spezialinteresse. Vielleicht hat jemand von euch eine Idee… Aber vielleicht waren das alles keine Spezialinteressen, sondern nur Interessen, denen ich besonders intensiv nachgegangen bin. Doch wenn ich mit neurotypischen Menschen über diese Interessen spreche, stoße ich auf Unverständnis. Wen juckt es, was ich über die europäische Territorialgeschichte weiß? Oder über den belgisch-niederländischen Grenzort Baarle (Googelt das mal: Das ist wirklich faszinierend!)? Was mich fasziniert, ist im Grunde unnützes Wissen. Vielleicht kann man so mein Spezialinteresse zusammenfassen.

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3 Kommentare

  1. Pingback: Markierungen 02/28/2015 - Snippets

  2. Da Du Dich ja doch sehr weitreichend über die einzelnen Themen informiert hast, würde ich definitiv von Spezialinteressen ausgehen.

    Spezialinteressen wechseln bei einigen Autisten. Manche Themen hat man dann ja auch erschöpfend erforscht. 😉 💡 Aber das Wissen zu diesen Themen geht in den seltensten Fällen verloren. Oder ist das bei Dir anders?

    Mein Mann nennt meine Interessengebiete „Quartalsabhängig“. Das heißt, dass ich dann Tage- / Wochen- / Monatelang ein Thema abarbeite. Mit vollster Intensität. Meine Bücherlisten alllerdings, die begleiten mich immer. Bücher gehören zu den zuverlässigsten Begleitern, die ich kenne! 😉

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  3. Na, wenn das keine Spezialinteressen sind, dann weiß ich auch nicht ;)…auf jeden Fall superspannend. Beim „weiblichen“ Autismus (trifft jetzt nicht auf deinen Text zu) kommt es übrigens durchaus vor, dass man gar kein Spezialinteresse hat. Oder, als Kind, die gleichen Interessen wie Gleichaltrige hat, sie jedoch erheblich intensiver und zeitaufwändiger verfolgt.

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