Ich und behindert???

Na, auf die Idee muss man erst mal kommen.
Also unter „behindert“ hab ich mir irgendwie immer was ganz anderes vorgestellt.
Wenn man wie ich, irgendwann in den 60ern das Licht der Welt erblickt hat, dann weiß man eins ganz genau- nämlich, dass die Uhren damals noch ganz anders tickten. Im Fernsehen gab es ARD, ZDF und das dritte Programm, Rehbeinchen servierte in Schwarz- Weiss- Krimis Schnittchen für rauchende Kommissare, die sich einen Drink nach den morgendlichen Ermittlungen gönnten. und wenn einer behindert war, dann sah man dem das schon an…irgendwie. Da es an mir äußerlich nix zu beanstanden gab, wurde ich halt erst mal in die Schublade „schwer erziehbar“ gesteckt. Fertig.
Damals hat sich noch kein Mensch für Asperger interessiert. Da hat man eine gescheuert bekommen und damit war der Fall erledigt…jedenfalls erst mal.
Die Leute hatten damals ganz einfach keine Ahnung und haben die Zusammenhänge nicht erkannt.

Da gab es zum Beispiel meinen Cousin Klaus, den ich nur von einem Bild im Wohnzimmer meiner Tante kannte. Also vielmehr hing das Bild nicht direkt im Wohnzimmer, sondern eher so am Ende des Raumes, wo ein Flur zu Schlafzimmer und Klo führte. Das Bild zeigte einen etwa 6-jährigen Jungen mit strubbeligen, schwarzen Haaren, der an den Händen mit Ledergurten fixiert war ,am Mund hing Speichel und er schaute irgendwie zwar verrückt, aber auch wie mit etwas Höherem verbunden und irgendwie selig aber alles in allem doch ziemlich gruselig einem direkt ins Gesicht.

Über Klaus wurde nicht viel geredet, vor allem nicht in Anwesenheit meiner Tante.
Denn die fing immer sofort an zu heulen, wenn die Rede auf Klaus kam.
Aus den stets im Flüsterton geführten Gesprächen der Erwachsenen wusste ich, der Klaus war behindert und lebte in einer „Anstalt“ in Süchteln und meine Tante fuhr einmal die Woche kilometerweit mit dem Fahrrad, um ihn zu besuchen. Mein Onkel reagierte immer ziemlich gereizt auf das Thema „Klaus“ und alle fragten sich insgeheim, wer wohl schuld daran war, dass der Klaus behindert war. Mein Onkel betonte auch bei jeder Gelegenheit, dass der Klaus „das auf keinen Fall von ihm hätte“.
Bei den Gesprächen fiel dann ab und zu die Bezeichnung AUTIST… und man sagte, dass der Klaus „in seiner eigenen Welt leben würde“. Behandelt wurde er zu der Zeit wie ein Wilder, bei dem man am besten einen Betäubungspfeil zur Hilfe nimmt, wenn man ihm die Fußnägel schneiden oder ihm einen Brocken Fleisch hinwerfen will. In den vierzig Jahren seit damals ist viel passiert in der Autismusforschung und aus dem damals fixierten Jungen ist ein Mann geworden, der mit seiner betreuten Wohngruppe sogar in Urlaub fahren kann. Und das ist auch gut so. Jedoch hat noch Jahre gedauert, bis die Autismusforschung bei uns an dem Punkt war, dass man erkannte, dass es abgesehen vom schweren frühkindlichen Autismus und Kannersyndrom noch andere Autismusformen im Spektrum gibt.
Und so ist es dazu gekommen, dass es vor allem bei Menschen, die älter als 30 Jahre sind, eine hohe Dunkelziffer an Asperger Autisten gibt. Da beneide ich schon manchmal echt die jungen Autisten. Die wachsen in dem Wissen über ihre Andersartigkeit ganz anders auf als die Spätdiagnostizierten, die erst mal jahrzehntelang ein Leben im „falschen Film“ führen, bevor sich dann endlich irgendwann (oft nach etlichen Fehldiagnosen, gescheiterten Therapien und so weiter) alles zusammen fügt.

Ab dem Punkt, wo man weiß, dass das Anders sein einen Namen hat, bekommt man die Möglichkeit, sich neu zu definieren. Der Prozess, der dadurch in Gang gesetzt wird, ist wie eine Welle. Mal ist man näher dran- ein anderes Mal ist man weiter entfernt davon, ein Asperger- Leben zu leben, das sich gut und richtig anfühlt.
Irgendwie habe ich zu meinem Autismus so eine Art Hassliebe entwickelt. In den Hoch- Phasen bin ich glücklich über meine Wahrnehmung, in Tiefphasen hadere ich oft mit der späten Diagnose.
Behindert fühle ich mich eigentlich in erster Linie dadurch, dass ich in einer neurotypisch orientierten Welt lebe und mit den Menschen ein Kommunikationsproblem habe.
Es gibt Tage, an denen ich mich schon durch meine Spezialeffekte behindert fühle, aber die werden im Laufe der Jahre immer weniger. Am meisten nerven mich meine Tic- Störungen.
Wenn ich mir aber überlege, dass ein Mensch, der die Nase ab hat laut Kriterienkatalog auch nur Anspruch auf 50% hat, bin ich mit 50% für Asperger ganz zufrieden.

Advertisements

6 Kommentare

  1. Pingback: Markierungen 03/01/2015 - Snippets

  2. Ende der 50er in diese Welt gekommen kann ich Deine Ausführungen gut nachvollziehen. Ende 2012 diagnostiziert und mit GdB 40 ausgestattet schiele ich schon mit einem Auge auf die Rente, da ich „meine Spezialeffekte“, wie Du es nennst, inzwischen kaum noch kompensieren kann. Behindert fühle ich mich allerdings eher durch meine Umgebung, wenn ich meine Wohnhöhle verlassen muss.

    Gefällt 1 Person

  3. „Am meisten nerven mich meine Tic-Störungen.“
    Kann ich von mir eigentlich nicht sagen. Die hatte ich ja schon immer. Ich bin 1972 geboren und habe die Diagnose 2013 erhalten, habe also lange genug damit gelebt, ohne zu wissen, woher die Tics kommen. Nur waren alle Psychiater davor zu wenig qualifiziert (man kann auch sagen, sie hatten in ihrem Fach einfach keine Ahnung, besonders der in meiner Kindheit, der mit „Gehirnrheuma“ ankam…), die entsprechend einzuordnen. Und ich gehe davon aus, dass die meisten Psychiater, denen man mich gegenübersetzen würden, das auch heute nicht erkennen würden, was Sache ist: Autismus.

    „Da beneide ich schon manchmal echt die jungen Autisten. Die wachsen in dem Wissen über ihre Andersartigkeit ganz anders auf als die Spätdiagnostizierten,“
    und mussten sich nicht ‚durchbeissen‘. Ob das immer und in jedem Fall gut ist? Sind diejenigen, die sich für die Aufklärung über Autismus einsetzen, z.B. als BloggerIn, nicht gerade jene Spätdiagnostizierten, die üblicherweise eine enorme Widerstandskraft besitzen, gerade weil sie es so hart hatten und sich doch nicht haben unterkriegen lassen?
    Ich habe auf Regelschulen Realschulabschluss und Abitur gemacht. Ich habe studiert und zwei Hochschulabschlüsse. Das war alles nicht einfach zu bewerkstelligen. Aber ich habe es ohne Nachteilsausgleiche etc. geschafft und muss mir nicht hinter meinem Rücken noch möglicherweise vorwerfen lassen, ich würde ja ’sonst normalerweise‘ nichts auf die Reihe kriegen.

    Gefällt 2 Personen

Bitte Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s