Journalist mit autistischen Zügen: Der tägliche Kampf

Ich werde immer wieder gefragt: Wie schaffe ich es, als Autist (oder zumindest als Mensch mit autistischen Zügen) journalistisch tätig zu sein? Viel Kontakt mit Menschen, keine tägliche Routine, oft sogar Abendtermine und Wochenenddienst – eigentlich der Horror für Menschen mit Autismus.

Als ich das erste Mal vom Asperger-Syndrom hörte und mich darin wieder erkannte, war ich gerade dabei, ein Volontariat zu machen. Ich fragte mich ernsthaft, ob ich diesen Beruf noch weiter ausüben könnte oder ob ich mich nach etwas anderem umsehen müsste. Doch ich las auch, dass alles, was bisher gut gegangen ist, wohl auch noch weiter gutgehen wird.

Ich habe diesen Beruf ergriffen, als ich noch nichts einem möglichen Autismus wusste. Ich habe einfach gerne Texte geschrieben. Das war schon in der Grundschule meine Stärke gewesen, und so stand für mich schon sehr früh fest: Entweder Schriftsteller oder Journalist. Ersteres hat leider (zumindest bisher) nicht geklappt, wiewohl ich da die Hoffnung bislang noch nicht aufgegeben habe. Es ist auch nicht einfach, einen Roman bei einem Verlag unterzubringen. Also habe ich ein Volontariat angefangen und habe mich da durchaus als Talent erwiesen.

Ich hatte von Anfang an große Schwierigkeiten, Menschen anzusprechen. Doch schon an der Uni, als ich beim Uniradio gearbeitet hatte, hatte ich festgestellt: Mit Mikrofon war es auf einmal kein Problem mehr. Weil ich nicht selber etwas von den Menschen wollte, sondern nur der Vertreter einer Institution war. Ich konnte mich hinter dem Mikrofon bzw. hinter der Kamera verstecken – im übertragenen Sinn. Ich als Person war nicht mehr wichtig, sondern das, wofür ich arbeitete. So konnte ich meine Scheu überwinden.

Es kommt trotzdem immer wieder vor, dass ich beim Interview die nächste Frage vergesse. Das liegt daran, dass ich mich nicht konzentrieren kann, wenn ich einem anderen Menschen in die Augen schaue. Ich verstehe nur, was er sagt, wenn ich woanders hin schaue, denn sonst bin ich oft abgelenkt. Oder ich verstehe, was er sagt, versuche gleichzeitig, in seine Augen zu schauen und habe dann keinen Platz mehr im Kopf für die nächste Frage, da ich mich nie auf zu viele Dinge gleichzeitig konzentrieren kann. Zum Glück konnte ich aber – auch durch Routine – größere Peinlichkeiten vermeiden.

Von Journalisten wird oft erwartet, dass sie ein Netzwerk aufbauen, überall ihre Informanten sitzen haben und über irgendwelche Kanäle über alles informiert sind. Jetzt sind viele Autisten schlecht darin, Netzwerke aufzubauen. Das trifft auch auf mich zu. Aber dafür habe ich eine Fähigkeit, die anderen vielleicht fremd ist: Ich kann Informationen sammeln und diese dann wiederum verständlich für meine Zielgruppe aufbereiten.

Vor allem: Eine Information, die ich gesammelt habe, vergesse ich so schnell nicht. So kann ich mich auch in kurzer Zeit in komplizierte Sachverhalte einarbeiten und diese dann einfach und verständlich den Zuschauern, Hörern, Lesern, etc. präsentieren. Ich kenne noch nach Jahren die Zusammenhänge in einem bestimmten Thema, das ich bearbeitet habe – ja, ich wurde eine Zeit lang sogar das Gehirn der Redaktion genannt. Zusätzlich zu meiner sprachlichen Begabung macht mich das zu einem Journalisten, der sich zumindest in dem Unternehmen, in dem er beschäftigt ist, einen guten Ruf erarbeitet hat. Meine Vorgesetzten wissen, was sie an mir haben und dass ich aus jedem Thema, mit dem sie mich beauftragen oder das ich selber wähle, ein ansprechendes journalistisches Produkt machen kann.

Ich bin gerne Journalist, weil ich gerne schreibe und weil ich doch bei viel Routine auch viel Abwechslung habe – und weil man in keinem Beruf so viel über das Leben in seinen unterschiedlichsten Facetten lernt wie im Journalismus, da man hier mit allen Themen konfrontiert wird, die das menschliche Leben ausmachen.

Etwas anderes freilich sind die Arbeitszeiten. Hier muss man Kompromisse machen können. Es fällt mir schwer, nach einem Acht-Stunden-Tag noch auf eine Veranstaltung zu gehen, um darüber Bericht zu erstatten. Ich bewundere auch jeden Menschen, der nach einem vollen Arbeitstag noch auf ein Konzert, eine Vortragsveranstaltung oder eine Podiumsdiskussion gehen kann und Freude daran hat. Mir fällt so etwas unsagbar schwer.

Was die Wochenenddienste angeht, bediene ich mich eines Tricks: Bei uns bekommt jemand, der am Sonntag arbeiten muss, den Freitag frei, und wer am Samstag arbeitet, bekommt einen freien Montag – so dass immer jeder zwei freie Tage am Stück hat. Für mich gilt dann, dass ich die Samstags-Routinen einfach an einem der beiden Tage ausführe und die Sonntags-Routinen am anderen. Das führt manchmal dazu, dass ich am Freitag denke, es wäre Samstag oder am Samstag, es wäre Sonntag. Aber ansonsten funktioniert es sehr gut.

Trotz allem: Viele Probleme bleiben. Zum Beispiel, dass ich nicht gerne telefoniere. Zum Beispiel, dass es mir oft schwer fällt, mit Kollegen, Protagonisten, Interviewpartnern und Kunden umzugehen (Es gelingt mir meistens trotzdem zumindest unfallfrei.). Wenn zu viele Informationen auf mich einprasseln – zum Beispiel auf Messen oder während einer CvD-Schicht (Chef vom Dienst) -, ist das auch ein Problem. Wenn es darum gilt, mich an Orten, an denen ich noch nie war, zurechtzufinden. Ich kann mich nur sehr schwer konzentrieren, und wenn ich unterbrochen oder abgelenkt werde, finde ich nur schwer wieder zurück. So ist das Berufsleben ein täglicher Kampf, die Fassade aufrecht zu erhalten, so gut es geht.

Advertisements

2 Kommentare

  1. Pingback: Markierungen 07/03/2015 - Snippets

  2. Wenn ich das vergleiche, mit meiner kaufm. Arbeit (bevor ich Kinder hatte), dann gibt es da viele Ähnlichkeiten.

    Am besten eingesetzt fühlte ich mich, wenn ich so „hirnlose“ Aufgaben (in den Augen (RW) meiner Kollegen) wie Ablage, und damit einhergehend, ein marodes Mahnsystem mit chaotischer Aktenlage machte. Summen suchen, Ordnung schaffen, Formbrief verfassen und Zahlungen suchen und zuordnen. Auch andere Sortieraufgaben lagen mir sehr. Kundenkontakt per Telefon klappte auch ganz gut, solange er vorgegebenen Regeln folgte. Und meine Aufgabe / Interaktion dabei klar definiert war. Neu-Aquise oder Verhandlungen dagegen fielen mir unheimlich schwer.

    Wo ich generell einen klaren Unterschied festgestellt habe, ist der geschäftliche und der private Rahmen. Im geschäftlichen Bereich wirkt es so, als ob ein Schalter umgelegt war und ich mich in einem „Roboter-Modus“ befand. Ich handelte nach klaren, erlernten Regeln.

    Im privaten funktionierte dies nicht. Die „Anderen“ waren halt privat unterwegs. Und ich nicht. So ist es mir auch erklärlich, warum ich zwar kellnern konnte, aber mich privat in Gaststätten und ähnlichen Orten massiv unwohl fühlte. Wenn privat unterwegs, war die „Unterhaltung“ mit den Kellnern gut auszuhalten mit den „Anderen“ dagegen absolut „unprofessionell“ „unangemessen“ nicht „korrekt“ und nicht verständlich.

    Mein gutes Gedächtnis für Alt-Akten oder Vorgänge war geschätzt, ich als Person aber eher nicht. Sobald ein Gespräch in den privaten Bereich „abrutschte“ war ich „raus aus der Nummer“ (RW), da erntete ich immer merkwürdige Blicke und Aussagen. Meine durchaus vorhandene Naivität wurde gerne ausgenutzt, mein Wehren gegen das Ausnutzen fiel immer sehr massiv aus.

    Gefällt mir

Bitte Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s