Mein Verhältnis zur Musik

(aus meinem alten Blog)

Ich mag Musik. Sehr sogar. So lange sie sich harmonisch anhört. Oder – alternativ – ein interessantes Klangerlebnis bietet. Daraus kann man ablesen, dass ich nicht jede Art von Musik schätze. Hip Hop zum Beispiel ist mir zu wortlastig. Hier kommt es auf die Texte an. Wenn ich die aber nicht verstehe, weil sie in einem englischen Slang geschrieben sind oder weil der Nachbar die Anlage so laut aufgedreht hat, dass ich zwar den Rhythmus spüre, vom Text aber gar nichts mitbekomme, nervt das nur noch.

Oder diverse Spielarten des Heavy Metal. Früher – und damit meine ich: zu meiner Schulzeit – konnte ich Hardrock überhaupt nicht hören. Da war schon AC/DC jenseits der Grenze. Doch man gewöhnt sich an vieles, wenn sich mit dem Alter die Gewohnheiten ändern und auch Gothic Rock Aufnahme in das Repertoire meiner Hörgewohnheiten findet. Trotz allem: Bei Slayer oder Sepultura ist bei mir immer noch Schluss.

Je differenzierter die Klangfarben sind, je fragiler das Gewebe, je außerordentlicher die Akkordfolge und je phantasievoller die Melodieführung desto mehr kann ich auch in die Klangwelten eintauchen. Deshalb ist Klassische Musik für mich ideal. Oder Pink Floyd. Oder meine Vorliebe in Teenager-Zeiten: Depeche Mode.

Und wie bei meiner Lektüre, so entstehen vor meinem geistigen Auge auch, wenn ich Musik höre, Bilder. Meistens abstrakte Bilder. Die Bass Drum wird oft zu einem dunklen Punkt, die flächigen Töne werden zu Flächen. Düstere Klangfarben erscheinen in Schwarz, hellere in helleren Tönen. Bei Programmmusik entstehen dann konkretere Bilder. Aber insgesamt ist das alles schwer zu beschreiben.

Als Teenager habe ich oft stundenlang vor der Stereoanlage gesessen, und da mein Musikarchiv noch nicht so umfangreich war, habe ich die selben Sachen immer und immer wieder gehört, habe mich in die Klangwelten versenkt. Das kommt heute nicht mehr vor. Musik wird immer mehr zum Nebenbei-Medium. Und doch: Mein geistiges Auge arbeitet an einem weiteren abstrakten Kopfkino-Film.

Jetzt war ich als Kind musikalisch begabt, hatte Klavier gelernt und später auch Waldhorn. Doch obwohl ich, was die Theorie anging, die meisten meiner Alterskameraden in die Tasche steckte, reichte es bei meinen Instrumentalkünsten für nicht mehr als ein Schülervorspiel oder eine Aufführung im Schulorchester. Warum? Ganz klar: Zum einen hatte ich große Schwierigkeiten in der Motorik, was vor allem beim Klavierspiel zum Verhängnis wurde, zum anderen war das instrumentale Üben für mich nichts weiter als ein Teil meiner täglichen Routine: Es gehörte zum Alltag dazu, aber ich war oft froh, wenn ich es hinter mich gebracht hatte und spielen oder dann später lesen gehen konnte. Ein großer Pianist oder Hornist wäre aus mir nie geworden.

Und heute? Es ist seltsam, aber wenn ich keine Musik höre, höre ich welche in meinem Kopf. Neue Musik, die bisher nie ein Mensch gehört hat. Manchmal ertappe ich mich später, dass ich mich dabei an Musik, die ich bereits im Unterbewusstsein kenne, bedient habe, aber oft genug entsteht neues. Ganze Symphonien oder Pop-Alben (allerdings niemals mit Text). Bei einer Wanderung habe ich schon mal ein ganzes Klavierkonzert im Kopf. Ein Genie bin ich deswegen keineswegs, denn mir fehlt das Know How, das ganze aus dem Kopf raus zu bekommen – der Musik den Weg in die Außenwelt zu ebnen. Mein Notenschreiben ist eben katastrophal, und die virtuosen Klavierkünste des Klavierspielers in meinem Kopf würde ich niemals zustande bekommen.

Wahrscheinlich gibt es sehr, sehr viele Musikinteressierte, denen es genauso geht, und sie sind ja auch keine Genies. Und meine Pop-Alben – nun, bei einem Vergleich mit modernem Songwriting könnten sie nur verlieren. Ich habe ja noch nicht mal Texte – und wenn, dann nur ziemlich dämliche.

Auch die Art, wie ich Musik höre, ist ziemlich schräg – verglichen mit dem Musikkonsum vieler Zeitgenossen. Ich kann mich nie entscheiden, was ich gerade hören will. Ich bringe auch selten die Geduld auf, ein ganzes Album am Stück zu hören – es sei denn, es ist neu oder ich höre es beim Autofahren. Auf meiner Festplatte liegt mein gesamtes Musikarchiv. Es ist nicht sonderlich groß, umfasst aber eine Vielfalt von Klassischer Musik über Gothic Rock bis Latino, Electro etc. Was ich höre, bestimmt allein der Zufall. So kann auf Bach schon mal Rammstein kommen und danach südamerikanischer Salsa.

Viele Menschen machen das, was sie hören wollen, von ihrer Stimmung abhängig. Das geht bei mir nicht. Würde ich so entscheiden, wäre ich ziemlich bald ziemlich ratlos. Musik ist für mich ein Klangerlebnis. Sie kann Emotionen transportieren, tut es aber nicht sehr oft. Vielleicht erklärt das auch, warum ich Kraftwerk mag. Musik als Träger von Ideen, nicht von Emotionen.

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1 Kommentar

  1. Manches kommt mir bekannt vor. Ich kann auch selten Alben oder Titel zuendehören und zappe sehr zum Leidwesen der grade Anwesenden am liebsten durch meine total schrägen Musiksammlungen. Ich hab auch nix spezielles für traurig oder fröhlich sein. Allerdings kann Musik meine Stimmung enorm beeinflussen weil sie so viel in mir auszulösen vermag.

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