Hochbegabung, Depressionen, möglicherweise Persönlichkeitsstörung

In der Grundschule war ich verhaltensauffällig. Ich störte den Unterricht, ich hatte Schwierigkeiten, Freunde zu finden, ich ärgerte die Lehrerin, und doch: Sobald es um Klassenarbeiten ging, schrieb ich lauter Einsen und Zweien.

Meine Lehrerin war damit schlichtweg überfordert. So ein ungezogenes Kind und trotzdem so ein guter Schüler – damit konnte sie nichts anfangen, und so wurde ich getestet. Ob ich denn nicht eine Klasse überspringen könnte. Denn sie fürchtete, ich sei unterfordert. Doch aus dem Überspringen wurde nichts, da ich schwierige Aufgaben zwar mit Bravour löste, bei den vermeintlich einfachen dagegen meine Probleme hatte.

Gemeinsam mit meinen Eltern wurde eine Kinderpsychologin eingeschaltet. Sie sollte herausfinden, was mit mir los ist. Würde diese Geschichte in den 2000er Jahren spielen, so wäre man wahrscheinlich auf eine Autistische Spektrumsstörung gekommen. Aber das waren die achtziger Jahre, und so hieß es: „Der Junge ist in Ordnung, und er hat eine blühende Phantasie, aber er ist unterfordert. Wahrscheinlich hochbegabt.“

Die Hochbegabung wurde später in der vierten Klasse durch einen Intelligenztest bestätigt. Jetzt ist es natürlich etwas verwegen, bei einer Hochbegabung von Komorbidität zu sprechen. Tatsächlich sind die Verhaltensweisen von Hochbegabten und Asperger-Autisten oft ähnlich, so dass auch heute durch eine Hochbegabung ein gleichzeitig vorliegendes Asperger-Syndrom oft nicht erkannt wird und umgekehrt.

Mehr noch: Asperger-Syndrom und Hochbegabung scheinen sich in manchen Fällen zu neutralisieren. Bei mir als Verdachtsautist ist das nicht anders: Ich kann mit Hilfe meiner Intelligenz viele Defizite, die zweifelsfrei vorhanden sind, ausgleichen. Aber die Defizite, die ich habe, stören mich zugleich dabei, die Chancen wahrzunehmen, die ich als Hochbegabter eigentlich hätte.

Ich vermeide heute, so gut es geht, den Begriff Hochbegabung. Es klingt so, als würde ich mich für etwas Besseres halten. Doch demgegenüber stehen manchmal massive Minderwertigkeitskomplexe. Ich mag zwar hochintelligent sein, aber meine Defizite im sportlichen, im handwerklichen und im sozialen Bereich relativieren das ganze Bild gewaltig. Letzten Endes gilt das, was meine Lehrerin mir immer wieder sagte: „Du bist nicht besser und nicht schlechter als die anderen Kinder auch.“ Und fast war mir, als würde sie in Gedanken hinzufügen: „Du bist nur anders.“

Die zweite Komorbidität, die bei mir festgestellt wurde, war eine leichte bis mittlere depressive Episode. Es war Ende 2014, Anfang 2015, als mir alles zu viel wurde. Komplette Traurigkeit, Antriebslosigkeit, ich wankte nur noch wie ein Zombie durch die Gegend, hatte „Matsch im Kopf“. Ich fühlte mich, als hätte ich geweint, obwohl ich das nicht hatte. Ich bekam zeitweise sogar Suizidgedanken. Also führte mich mein Weg in die Psychiatrische Institutsambulanz. Ziel dieses Ganges war es, endgültig herauszufinden, was mit mir los ist. Zwar hatte ich einen Verdacht, Autist zu sein, und mich dementsprechend in der Asperger-Sprechstunde angemeldet aber es könnte ja auch Differenzialdiagnosen und Komorbiditäten geben, und so wollte ich eine Expertenmeinung einholen.

Ich sagte der Psychiaterin zunächst nichts von meinem Verdacht, denn ich wollte, dass sie zu einem unvoreingenommenen Urteil kommt. Schnell merkte ich, dass die Fragen in Richtung Autismus steuerten. Und ich antwortete wahrheitsgemäß und brachte auch Dinge zur Sprache, die meiner Ansicht nach gerade nicht autistisch waren. Am Ende fragte sie mich, was ich jetzt erreichen wollte, was das Ziel meines Besuchs war.

„Ich will wissen, was mit mir los ist.“

„Was glauben Sie?“

„Ich habe einen Verdacht.“

„Und welchen?“

„Dass ich Autist bin.“

„Ja“, sagte sie, und sie ließ den Kugelschreiber fallen, als wollte sie sagen: „Bingo!“ „Diesen Verdacht habe ich auch.“ Sie fügte allerdings hinzu: „Es könnte auch eine Persönlichkeitsstörung sein.“

Am Ende stand in der Anfangsdiagnose: „Verdacht auf Autistische Spektrumsstörung“ und „Leichte bis mittlere depressive Epiosde“. Keine weiteren Komorbiditäten.
Jemand äußerte mir gegenüber auch den Verdacht einer Narzisstischen Persönlichkeitsstörung. Ich hielt das für gar nicht so abwegig und konfrontierte meine Psychiaterin damit. Wir sprachen ein wenig darüber, doch dann kam sie zu dem Schluss, dass ich a) durchaus eine Persönlichkeitsstörung als Komorbidität zu Autismus haben könnte und dass b) allerdings eine Persönlichkeitsstörung als Differenzialdiagnose bei mir nicht sehr wahrscheinlich sei. Auch Narzisstische Persönlichkeitsstörung sei eher unwahrscheinlich. Sie jedenfalls geht stark davon aus, dass bei mir eine ASS vorliegt.

Die Untersuchungen sind noch nicht abgeschlossen, und wer weiß, welche Komorbiditäten noch zutage treten.

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5 Kommentare

  1. Für den Aspekt „narzistische Persönlichkeitsstörung“ bräuchte ich eine Erklärung. Ich hatte darunter immer so etwas wie eine „Selbstgefälligkeit“ von jemandem verstanden, der unbedingt die Aufmerksamkeit anderer erzwingen will und damit sein Ego aufpoliert (Beispiel: Robert E. Peary und seine Sucht nach Berühmtheit). Aber das ist vielleicht ein Klischee.

    Weshalb hat dieser „Jemand“ so einen Verdacht geäußert? Wie kam er darauf?

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  2. Halleluja…du bist an eine Psychologin geraten, die bestätigt, dass es Komorbiditäten zu Autismus gibt, also dass mehrere Dinge gleichzeitig vorkommen können. Das ist leider nur zu wenigen Fachleuten durchgedrungen. Da hast du wirklich Glück gehabt. Das, was ich von dir lese, hört sich auch wirklich nicht nach einer Narzisstischen Persönlichkeitsstörung an.

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  3. Weißt Du, eine Hochbegabung (HB) kann durchaus eine Komorbidität sein.

    Wenn man zu intelligent für den Unterricht ist, aber auf sozialer Ebene einfach nichts „gebacken“ bekommt.

    Bei den Kindern haben wir 3mal Asperger, 1mal Atypisch, 1mal mit Kombi ADS, 1mal mit Kombi ADHS. Hochbegabt bzw. überdurchschnittlich begabt sind alle 4.

    Nu mach das mal einem Lehrer begreiflich.

    Das eine HB einen nicht besser macht als andere, finde ich enorm wichtig. Ich wäre auch niemals auf den Gedanken gekommen, dies zu testen, wenn es nicht im Rahmen der Diagnostik dazugehören würde.

    So können die Kinder vieles ausgleichen, rein intellektuell. Aber die Kompensationsmechanismen greifen bei akuter Reizüberflutung oder merkwürdigem Gebaren der Mitschüler einfach nicht mehr.

    Der Kontakt zur Lehrerschaft geschieht dann eher auf „geschäftlicher“ Ebene und folgt klaren Regeln (in den meisten Fällen) sobald es die Ebene wechselt und sich auf emotionaler Ebene abspielt, ist es unerträglich.

    Zitat Anomaspe: „In der Grundschule war ich verhaltensauffällig. Ich störte den Unterricht, ich hatte Schwierigkeiten, Freunde zu finden, ich ärgerte die Lehrerin, und doch: Sobald es um Klassenarbeiten ging, schrieb ich lauter Einsen und Zweien.“

    das „Stören“ nennt die Schulbegleitung unseres Kleinsten
    Spannungsabbau.

    Auch habe ich beobachtet, bei den drei Älteren, dass es der verzweifelte Versuch war, Anschluss zu finden.

    Obwohl meine Mädchen hier anders agieren, als die Jungs.

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    • Der Spannungsabbau fand bei mir während der Pausen statt – durch Verhaltensmuster, die damals einfach als „dumme Angewohnheit“ angesehen wurden und in der ich heute Stimming erkenne (Meine Psychiaterin hat mir das bestätigt.) Ich kenne aber keinen anderen – auch nicht Autisten -, die auf diese speziellen Verhaltensmuster zurückgegriffen haben.

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      • Ich kann Dir ja nur von meinen Jungs berichten………..

        der Große hat immer laute Quietsch-Geräusche von sich gegeben. Laut und durchdringend, sehr grell. Auch hat er sehr, sehr oft seine Tasche um sich geschwungen. Weit über seinem Kopf, ohne auch nur das geringste von seiner Umwelt wahrzunehmen.

        Der Kleine pustet und brummt sehr viel. Kippeln und wibbeln ist Normal-Zustand.

        Fingernägeln kauen war und ist beim Großen ein „Alarm-Zeichen“. Die Große hat unter hohem Stress ihre Haare fein säuberlich einzeln ausgerissen und zum Teil gegessen.

        Das Knibbeln an verschorften Stellen ist auch sehr beliebt.

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