Alexithymie

Leben mit Alexithymie ist ein bisschen wie alleine Wandern im Land der Gefühle. Und zwar ohne Karte und Kompass.
Wie viele andere Menschen im Autismus- Spektrum bin ich alexithym- also gefühlsblind.
Bei der Alexithymie (Gefühlsblindheit) handelt es sich nicht um eine Krankheit im eigentlichen Sinne, sondern vielmehr um ein Persönlichkeitsmerkmal, das etwa 10% der Bevölkerung betrifft und in den letzten Jahren besonders verstärkt bei weiblichen Autisten bemerkt wurde.

Den Begriff Alexithymie prägte der amerikanische Psychiater Peter Sifneos in den 70er Jahren.
Er setzte ihn aus den griechischen Teilen a, lexis und thymos (»kein Wort für Gefühl«) zusammen.
In der Emotionsforschung wird dieses Phänomen als emotionales Analphabetentum oder Gefühlsblindheit bezeichnet. Allerdings muss man sagen, dass „Kein Wort für Gefühl“ viel treffender ist als „Gefühlsblindheit“
Vieles spricht dafür, dass in den Gehirnen von Menschen mit alexithymen Symptomen das limbische System nicht richtig mit dem präfrontalen Cortex vernetzt ist.
Betroffene empfinden zumeist weder Trauer noch Freude, was für das soziale Umfeld unter Umständen sehr schwer zu ertragen ist. Ebenso können Betroffene z.B. Gefühle von Hilflosigkeit und seelischem Schmerz nicht bei sich wahrnehmen oder beschreiben ihre Empfindungen lediglich als „schlecht drauf sein“.
Viele der Betroffenen (vor allem Frauen) verspüren überhaupt keine Gefühle sondern erleben anstelle dessen lediglich Missempfindungen oder Schmerzen im Körper.
Erschöpfung, chronische Schmerzen, Beschwerden des Herz-Kreislauf-Systems oder im Magen-Darm-Bereich werden besonders bei Frauen mit Alexithymie häufig beobachtet. Mein Körper zum Beispiel wandelt zum Beispiel seelische Probleme, die ich nicht identifizieren kann, sofort in Schmerzen um, und so sagt mir mein Schmerzmittelverbrauch oftmals mehr über meinen Gefühlszustand aus als ich zu der Frage:“ Wie geht es dir?“ sagen könnte

Als Persönlichkeitsmerkmal tritt die Alexithymie meist in der frühen Kindheit auf, bleibt über die Lebensdauer meist stabil und hat starken Einfluss auf das soziale Verhalten. Ein Mensch, der alexithyme Symptome aufweist, hat als Kind vermutlich nicht alle dafür notwendigen Entwicklungsschritte durchlaufen, was zumeist auf eine Fehlentwicklung oder Vernachlässigung der sozialen Interaktionen zwischen dem Kind und seiner Umgebung/ Primärfamilie zurück zu führen ist.
In diesem Fall spricht man von der primären Alexithymie.

Eine weiter Form ist die sekundäre Alexithymie, die häufig infolge von Traumata entsteht und im Gegensatz zur primären Alexithymie therapierbar ist.

Alexithyme Menschen sind nicht gefühllos, die Betroffenen haben lediglich weniger oder keinen Zugang zu ihren Gefühlen, grundsätzlich jedoch nicht weniger Gefühle als andere.
Körperlichen Reaktionen auf Gefühle werden von alexithymen Menschen häufig falsch verstanden beziehungsweise können nicht richtig eingeordnet werden, was zu Verwirrung führen kann. Weil Alexithyme ihre körperlichen Reaktionen auf Gefühle zwar nicht gut zuordnen, aber sehr wohl spüren können, wird von Alexithymen beispielsweise Herzrasen nicht als Signal von Angst, sondern als Symptom einer Herzerkrankung, und Grummeln im Bauch nicht als Nervosität, sondern eben als Bauchschmerz gedeutet.

In zahlreichen Studien wurden Zusammenhänge von Alexithymie mit psychischen Problemen wie Essstörungen, Drogenmissbrauch, Depressionen und Angststörungen nachweisen.

Die Sache mit dem Essen

Die Sache mit dem Essen ist bei mir höchst unspektakulär und dient eigentlich in erster Linie dem Zweck, meinem Alltag Struktur zu geben.
Meistens ist es so, dass ich irgendwann am Nachmittag merke, dass ich noch nichts gegessen habe. Und da ich mir angewöhnt hab, mindestens einmal am Tag was zu essen und das auch auf meinem Tagesplan abzuhaken, weiß mein Gehirn dann, dass es langsam Zeit wird, was zu essen. Auf meine Körperwahrnehmung kann ich mich da nicht verlassen, denn meine Körperwahrnehmung ist so gestört, dass es schon mal locker eineinhalb Tage dauern kann, bis ich von mir selbst aus merke, dass ich Hunger hab und stattdessen nur darüber verwundert bin, warum ich so runtergefahren bin. Oder mir fällt noch nicht mal was auf- kann auch passieren.
Deswegen habe ich mir angewöhnt, den Punkt Essen jeden Tag auf meiner Liste abzuhaken. Dann weiß ich, ich hab das erledigt und sehe das schwarz auf weiß und brauche mich da nicht weiter mit befassen. Und ich habe einen stabilen Punkt in meinem Tagesablauf.
Schwierig wird es bei mir, wenn ich bestimmen muss, ob und wann ich satt bin. Das ist eine Sache, die ich überhaupt nicht erkennen kann und deshalb muss ich immer darauf Acht geben, dass ich mich nicht total überfresse. Sowas merke ich denn wirklich meistens erst, wenn es mir schon langsam schlecht wird. Von meinem Körperwahrnehmung her gibt es für mich eigentlich keinen Unterschied, ob ich nun eine Portion esse oder drei.
Mit dem, was ich esse, läuft es immer seriell ab. Viel Auswahl gibt es nicht auf meinem Speiseplan. Im Moment hab ich ne Serie, die seit Februar 2014 läuft und in der ich abwechselnd einen Tag Kartoffeln mit Tzaziki und am nächsten Tag Bratkartoffeln esse. Das fühlt sich für mich okay an und kann auch durchaus noch ein paar Monate so weitergehen. Ab und zu gibt es dann mal Gemüse dazu…aber das war es dann auch schon mit dem, was ich esse. Ich käme auch vermutlich nicht auf die Idee, mal etwas anderes auf den Speiseplan zu setzen, denn durch die tägliche Wiederholung des Kartoffelthemas habe ich jeden Arbeitsschritt so verinnerlicht, dass die Koch- und Essensaktion eine Routine geworden ist.
Zwischendurch esse ich überhaupt nichts und denke auch nicht an Essen. Die einzige Ausnahme ist da Lakritz. Ich krieg so regelmäßig alle 2 Wochen nen Lakritzanfall. Dann ess ich 1 oder 2 Tüten auf Ex und dann ist es wieder gut.
Waage und sowas besitze ich nicht. Ich wiege eigentlich immer so ziemlich das Gleiche und brauch da nicht drauf achten. Ausnahme ist dabei nur, wenn ich irgendwas an meinen Antidepressiva ändere, dann schwankt das Gewicht schon mal ein bisschen- aber selten mehr als 5 Kilo.
Früher hab ich das Essen manchmal als lästige Unterbrechung meiner Beschäftigungen angesehen und mir oft gewünscht, dass es einfach Essenspillen gäbe die man schluckt und damit wäre dann das Thema erledigt. Heute sehe ich das ein bisschen anders und denke über sowas nicht mehr nach, und es ist für mich ganz normal geworden, den Punkt Essen jeden Tag in meinen Ablauf mit einzubeziehen. Aber es ist für mich kein Thema, über das ich großartig nachdenke.

Essende Menschen hingegen haben auf mich was total Verwirrendes und ich bin immer froh, wenn ich keine sehe. Direkt neben meinem Haus ist eine Metzgerei mit Mittagstisch. Und wenn ich meine Runde mit dem Hund mache, sitzen da hinter der Glasscheibe immer irgendwelche kauenden Menschen und ständig kommen dort Leute heraus, die sich für die Pause ein Frikadellenbrötchen oder sowas geholt haben und das dann einfach draußen essen.
Bei sowas muss ich immer höllisch aufpassen, dass ich möglichst nicht dahin gucke und mein Gehirn nicht irgendwas aufschnappt- wie zum Beispiel eine komische Kaubewegung oder Krümel im Gesicht oder so. Solche Bilder springen mich quasi mit Zoom an und bleiben dann- wenn ich Pech hab- erst mal ne ganze Weile in dem Bilderkarussell in meinem Kopf hängen.
Deswegen versuche ich, den Anblick von essendenden Menschen so weit es geht zu vermeiden.

Sensorische Integration und Unterempfindlichkeit

Anna Jean Ayres beschrieb sensorische Integration bereits in den 70er Jahren als „den neurologischen Prozess, der Sinneseindrücke aus dem eigenen Körper und aus der Umwelt organisiert und es uns ermöglicht, den Körper effektiv in der Umwelt einzusetzen“ (Ayres 1972, S. 11).

Viele Autisten haben eine sensomotorische Störung, was aussagt, dass bei ihnen sowohl Sensorik als auch Motorik gestört sind. Es handelt sich um eine neurologische Andersentwicklung. Es ist nicht möglich, sich diese Störung abzutrainieren. Was man machen kann, ist Physiotherapie und je nach Störungsbild und Persönlichkeit des Kindes kann es einen sehr positiven Effekt haben.

Ich bin austherapiert.

Neulich wurde auf diesem Blog die Situation beschrieben, wenn man überempfindlich ist in seiner Sensorik. Ich präsentiere nun den anderen Pol: Ich bin unterempfindlich.

Das bedeutet, ich brauche stärkere Berührungen und generell stärkere Reize, damit ich sie überhaupt angemessen wahrnehmen kann. Ich mag leichte Berührungen wie Streicheln nicht, das fühlt sich an wie Nadeln auf der Haut. Ich werde allerdings gerne fest gehalten, umarmt, mit etwas Druck gestreichelt (natürlich nicht zu viel Druck, das ist dann auch schon wieder unangenehm). Überhaupt reagiere ich ‚taktil defensiv‘ bei Berührungen. Dies ist eine der zwei Dinge, die Kinder mit sensorischer Störung tun können: Entweder werden sie aggressiv bei Berührungen und damit auffällig, oder sie werden defensiv, ziehen sich zurück und lassen niemanden an sich heran. Das Zweitere traf auf mich als Kind zu, durch die Therapie war ich in der Lage, es etwas abzumildern. Doch auch heute brauche ich längere Zeit alleine, um die Reize zu verarbeiten, die ich empfange.

Im Umkehrschluss habe ich weniger Probleme mit Reizüberflutung, denn die meisten Reize erreichen ja meine Grenzschwelle gar nicht. Ich bin daher nicht so abgelenkt, wie es viele Autisten beschreiben und kann störende Reize besser ausblenden.

Ich bin motorisch genauso unterempfindlich. Ich bin nicht in der Lage, zu wissen, wo meine Körperteile sich befinden, wenn ich mich nicht bewusst daran erinnere. Auf Wikipedia steht so ein niedliches Beispiel, dass solche Kinder vom Stuhl fielen, wenn sie sich zu stark aufs Schreiben konzentrieren. So etwas ist mir zwar noch nie passiert, aber es stellt eben den Extremfall dar, wie es ist, nicht zu wissen, wo im Raum man sich befindet. Ich renne ständig gegen Türrahmen oder remple Gegenstände und Leute an. Ich kann Abstände nicht einschätzen, bin Menschen zu nahe oder stehe zu weit entfernt. Ich wirke dadurch auf andere entweder abweisend oder zu forsch.

Durch die Unterempfindlichkeit verletze ich mich manchmal, ohne das überhaupt zu merken. Ich stelle dann Stunden später fest, dass ich eine Wunde an der Hand habe und kann mich absolut nicht daran erinnern, woher die wohl wieder ist. Allerdings habe ich kein vermindertes Schmerzempfinden – die Schmerzen müssen lediglich stärker sein, damit sie meine Sensorik überhaupt bemerkt. Dies ist besonders schwierig, wenn ich versuche, Ärzten zu erklären, wo mir etwas weh tut. Ich spüre es ja selbst nicht richtig und kann es nicht ausreichend gut lokalisieren.

Hinzu kommt bei mir wie auch bei vielen anderen Menschen mit SI ein zu niedriger Muskeltonus. Dies führt dazu, dass ich nicht so viel Kraft aufbringen kann, beziehungsweise mehr Kraft für alltägliche Dinge aufbringen muss. Meine Haltung ist schlecht, weil Gerade sitzen eine tatsächliche Anstrengung für mich bedeutet. Ich kann ohne Trolley kaum einkaufen, weil ich die Sachen nicht tragen kann. Ich mache seit meinem dreizehnten Lebensjahr Krafttraining, damit es nicht schlechter wird (es wird aber schlechter, einfach weil ich älter werde). Natürlich habe ich daher auch oft den Eindruck, keine Energie zu haben, doch inzwischen weiß ich, dass es nur an der Unterempfindlichkeit liegt, die zu einer zu niedrigen Energie führt und kann diesen Zustand teilweise schon überwinden. Auch wenn dies oft mit viel Stress für mich verbunden ist.

Ich bin sehr froh darüber, therapiert worden zu sein, auch wenn es nicht möglich ist, SI zu „heilen“. Aber meine Therapie war sehr gut, auch wenn ich sie als Kind oft als frustrierend erlebt habe, weil ich ja ständig Dinge tun musste, die ich nicht konnte. Doch wäre ich untherapiert geblieben, könnte ich heute nicht gerade aus laufen. Fahrradfahren musste ich in einem Kurs mit 18 Jahren lernen, weil ich selbst es nicht geschafft hätte. Ich fahre heute noch nicht gerne alleine, auch wenn es langsam besser geworden ist. Heute kann ich gut mit meiner gestörten Sensomotorik leben und selbst wenn mancher bei diesem Text eventuell denkt, dass ich bemitleidenswert sei, nun ja, ich kenne mich ja nicht anders und mir geht es gut damit.

Literatur:

A. Jean Ayres: Bausteine der kindlichen Entwicklung: Die Bedeutung der Integration der Sinne für die Entwicklung des Kindes. Springer Verlag, 4. Auflage 2002.

Links:

http://www.fruehbehandlung.de/de/liebe-eltern/komplexleistung-fruehfoerderung/komplexleistung-medizinisch-therapeutisch/99.html

http://www.iflw.de/wissen/was_ist_sensorische_integration.htm

http://www.ergotherapie.org/2010/10/sensorische-integrationstherapie/

http://de.wikipedia.org/wiki/Sensorische_Integration#Sensorische_Integrationsst.C3.B6rungen

Vom Nicht- Ertrinken

Eine der grössten Herausforderungen an jedem neuen Tag ist für mich zeitweise, nicht in mir selbst zu ertrinken.
Meine Situation ist so: Ich bin ja schon etwas älter (48), meine Kinder sind erwachsen und die Zeit der Beziehungen und Ehen ist bei mir schon ziemlich lange vorbei. Kontakt zu meinen Eltern habe ich schon lange nicht mehr. Ich lebe also komplett für mich alleine in Bezug auf Menschen gesehen- abgesehen von meiner Freundin Klaudi, die mich regelmäßig besucht. Meine Familie sind meine 5 Katzen und mein Hund.
Ich leb in einem Haus mitten in der Stadt, in dem es vier Parteien gibt- ganz gerecht aufgeteilt, 2 mit handicap, 2 ohne . Hier wird mit dem Thema Autismus ganz offen umgegangen und ich kann in meiner Wohnung wirklich tun und lassen, was ich will. Mein Vermieter, der unter mir wohnt sorgt dafür, dass hier wirklich alle im Haus gute Rahmenbedingungen haben und kommt so alle 2 Wochen mal gucken, ob ich noch lebe, wenn wir uns längere Zeit nicht im Treppenhaus treffen.
Man könnte auch noch sagen, noch idealer sind die Bedingungen dadurch für mich, dass der Nachbar über mir blind ist. Das hört sich jetzt vielleicht ein bisschen komisch an, aber ich hab in der Kommunikation mit jemandem, der blind ist und ne Sonnenbrille trägt weniger Probleme als wenn ich in einem Gespräch durch Augen abgelenkt bin.

Also so gesehen habe ich wirklich Lebensumstände, unter denen mir ein gutes autistisches Leben möglich sein müsste. Und trotzdem kämpfe ich im Moment eigentlich jeden Tag dagegen an, nicht in mir selbst zu versinken.

Im letzten Jahr hat sich mein Leben ziemlich verändert. Bis dahin habe ich Vollzeit in der Altenpflege gearbeitet. Und dann kam eine Bauch- OP, seit der ich dauerhaft krankgeschrieben bin und auch nicht mehr weiter in meinem Beruf arbeiten kann. Ich bin also seit über einem halben Jahr krankgeschrieben und die einzigen Termine, die ich im Moment wahrzunehmen habe sind der wöchentliche Besuch beim Arzt, wo ich mir meine Spritzen und meinen Schein abhole und ab und zu mal ein Gespräch bei der AOK.
Den Rest meines Lebens (abgesehen von Einkäufen und Gassi- Runden)verbringe ich mit meinen Tieren in der Wohnung. Ich sitze also ganz „legal“ in meinem Elfenbeinturm (meine Wohnung) und muss mir auch im Moment wegen Geld und so keine größere Sorgen machen. Die einzige Aufgabe, die ich im Moment habe ist, mich mit mir selbst auseinander zu setzen und jedem Tag einen Sinn zu geben und mich um meine Tiere zu kümmern.
Hierfür muss ich mir jeden Tag aufs Neue ein Gerüst bauen, um den Tag vernünftig über die Bühne zu kriegen. Und an jedem Tag lauern hunderte von Momenten, die dafür sorgen können, dass ich regelrecht versinke und in Starre verfall. In solchen Situationen kann ich so versinken, dass hier der komplette Tagesablauf ins Straucheln kommt. Sowas kann mir selbst zuhause in jeder Ecke passieren. Zum Beispiel vorgestern habe ich irgendwas aus dem Werkzeugkasten benötigt und war beim Öffnen von dem Schraubenfach so geflasht, dass ich über eine Stunde nur in das Fach gestarrt habe und mir genau jede einzelne Schraube angeschaut hab, bis ich mich irgendwann aus dem Film wieder rauslösen konnte. Wenn sowas schon morgens während meiner Morgenroutinen passiert, dann kann da ganz schnell mal ein Tag draus werden, an dem hier überhaupt nichts läuft und dann fühl ich mich meistens Abends wie ein kleines ausgekotztes Bündel von Diagnosen, das den ganzen Tag nichts auf die Reihe gekriegt hat.

Damit es mir nämlich gut geht und ich meinen Alltag geregelt bekomme, brauch ich ganz bestimmte Rahmenbedingungen. Und dazu gehört unter anderem auch, dass alles genau an seinem Platz ist. Das macht mich einigermaßen ruhig und dann klappt der Tagesablauf auch meistens halbwegs, wogegen rumliegendes Zeug mich total aus dem Konzept bringt und dafür sorgt, dass ich schnell überhaupt nichts mehr auf die Reihe bekomme.
Was für mich auch total wichtig ist, ist die strikte Einhaltung der Reihenfolge, in der ich jeden Tag meine Wohnung aufräume. Das gibt mir Ruhe und ein Gefühl von Sicherheit.
Ich hab natürlich auch schon Selbstversuche unternommen und versucht, die Dinge in einer anderen Reihenfolge zu erledigen, aber es fühlt sich ganz einfach nicht richtig an… und dann laufen die Tage auch nicht so richtig.
Wenn ich irgendwas nicht finde, werde ich innerhalb kürzester Zeit so hektisch, dass ich nicht mehr in der Lage bin, an was anderes zu denken und schaffe es, in kürzester Zeit die Wohnung in ein absolutes Schlachtfeld zu verwandeln. Also von daher ist aufgeräumte Wohnung reiner Selbstschutz.
So sitz ich also in meinem aufgeräumten Elfenbeinturm und schau mir das Treiben unten auf der Kreuzung an. Und auch darin kann ich versinken. Stundenlang zuschauen. In jeder Sekunde ist da unten ein neues Bild…immer ist alles in Bewegung. Und von hier oben aus betrachtet hat das ganze Treiben da unten sogar irgendwie eine Ordnung. Eine Ordnung, die sich für mich sofort in Luft auflöst, sobald ich da runter in das Geschehen geh. Aber von hier aus- so hinter Glas verleitet mich das Geschehen oft dazu, über längere Zeiträume am Fenster zu stehen und auf die Straße zu starren, während hier drin die Zeit verstreicht und ich nichts sinnvolles und produktives tue. Dann fühl ich mich sehr getrennt von allem… hier in meinem Mikro- Universum. Und dann hilft mir manchmal auch nicht das Wissen, dass ich einfach nur den Rechner anschalten und online gehen muss, um nicht allein zu sein. Wenn ich zu oft versinke, dann schaffe ich es nicht mal den Knopf am Rechner zu drücken, obwohl ich genau weiß, dass ich dann nicht mehr getrennt bin. Dass ich dort Leute treff, denen es in vielerlei Hinsicht genau so geht wie mir und mit denen ich mich austauschen kann. An so Tagen schaffe ich es einfach nicht, aus der Realwelt in die virtuelle zu wechseln und verbringe dann Tagelang mit Versinken und irgendwelchen Ritualen, ohne eigentlich was geschafft zu bekommen, einen Text geschrieben zu haben oder sonst irgendwas Produktives geleistet zu haben. Dann kommt bei mir auch oft die Frage auf, was das ganze eigentlich soll. Jeden Tag aufs Neue die Beleuchtung auszurichten ist ne verdammt harte Arbeit und manchmal bin ich einfach kurz davor, darin zu ertrinken. Aber ich weiß, dass auf solche Phasen auch wieder Zeiten folgen, in denen ich voller Schaffensdrang bin. Und deswegen mach ich weiter.

Das Leid mit der Depression

Am besten könnte man über Depressionen schreiben, wenn man gerade depressiv ist. Dann ist man „mittendrin und dabei“. Wer knackedepressiv ist, macht das aber nicht. Er macht gar nichts mehr, außer im Bett zu liegen und zu grübeln. Zu weinen, ohne Außenstehenden erklären zu können, warum. Oder er ist rastlos, bekommt kaum Schlaf. In dem Fall kann er sich aber bestimmt auch nicht darauf konzentrieren, seine Depressionen in Worte zu fassen, weil die Konzentration bei dieser Erkrankung in Mitleidenschaft gezogen wird.

Bei mir lag der erste Fall vor. Antriebslosigkeit, Freud- und Interessenslosigkeit, Schlafstörungen. Nichts mehr fühlen können. Suizidgedanken, konkrete Suizidpläne bis kurz vor Ausführung. In der schlimmsten Phase (schwere depressive Episode) sieht es so aus: Du wachst auf und der erste Gedanke ist, dass du sterben willst. Auch weitere Gedanken des Tages und der weiteren Tage und Wochen drehen sich hauptsächlich darum. Dann machst du dir keine Vorwürfe mehr, findest nicht mehr nur dich selbst und die Umwelt zum Kotzen. Es ist egal was ist und wird, du willst einfach nicht mehr sein. Dich berührt nichts mehr, du fühlst nichts mehr außer Apathie. Du kannst dir gar nicht mehr vorstellen, dass es mal aufhören könnte. Und du erinnerst dich nicht mehr, was für ein Mensch du vor der Depression warst. Alles wird wie durch Milchglas wahrgenommen.

Aber es hört auf. Immer. Deswegen darf man die Hoffnung niemals aufgeben. Und dann willst du, dass es nie wiederkommt und würdest alles dafür tun, dass du dich weiterhin „normal“ fühlen kannst.

Depressionen und Autismus treten sehr oft zusammen auf (sind komorbid). Würde ein Mensch ohne Autismus seit fast zwei Jahrzehnten jedes Jahr depressiv werden, käme bei ihm irgendwann die Überlegung, einen Besuch bei einem Therapeuten abzustatten. Oder zumindest, dem Hausarzt sein Leid zu klagen. Natürlich hat man in unserer Gesellschaft Angst, durch das Depressions-Label als „verrückt“ abgestempelt zu werden. Deswegen ist es für die meisten Menschen mit großer Überwindung verbunden, sich beim Arzt als depressiv zu outen (oder überhaupt in seinem näheren Umfeld über das Problem zu sprechen). Meine Phasen dauerten immer einige Monate, die letzte Phase ging allerdings über neun Monate und war schlimmer als je zuvor.

Autistische Menschen haben meistens keine gute Selbstwahrnehmung. Deswegen kann man davon ausgehen, dass sie erst merken, dass etwas nicht stimmt, wenn es fast schon zu spät ist (oder gar nichts merken). Im Glücksfall fällt nahestehenden Personen auf, dass der Autist irgendwie komisch ist, sich nicht wie sonst verhält. Ein Mensch mit Autismus kann sich in den seltensten Fällen so gut bemerkbar machen, dass beim Gegenüber auch wirklich ankommt, was für Probleme er hat.

Bezüglich der Medikation wirken Antidepressiva häufig nicht so, wie sie sollen (paradoxe Wirkung), oder sie wirken gar nicht. Im besten Fall probiert man, mit Hilfe des Arztes, verschiedene Präparate aus, bis man etwas Passendes gefunden hat. Meistens ist eine geringere Dosis notwendig, als normalerweise von Ärzten empfohlen.

Im Jahr 2020 wird Depression übrigens, laut Weltgesundheitsorganisation, weltweit die zweithäufigste Ursache von gesundheitlichen Beeinträchtigungen sein (http://www.who.int/mental_health/management/depression/definition/en/).

Letzter Akt. Der Vorhang fällt.

Gerade komme ich von einem weiteren Gespräch in der Psychiatrie. Ich muss das alles noch verarbeiten, aber der Psychiater, der mit mir eben gesprochen hatte, war der festen Ansicht, dass ich kein Autist, kein Narzisst und auch sonst nichts bin, was irgendwie pathologisch wäre.

Was ich hätte, das wäre eine besondere Persönlichkeit (keine Persönlichkeitsstörung). Er gehe da mit meiner Kinderpsychologin konform, die mich vor Jahren untersucht hatte: Mir würde nichts fehlen, aber Hochbegabung kann unter Umständen zu ähnlichen Effekten führen wie Autismus.

Letzten Endes sei an mir nichts, was normale Menschen nicht auch hätten. Von meinen Problemen blieb am Ende nur das Lange-Bank-Problem, und das hätten die normalen Menschen der Klinik (also die Psychiater, Mitarbeiter etc.) genauso. Das Asperger-Syndrom hätte ich mir nur eingebildet, ähnlich wie ein Hypochonder sich in manchen Symptomen einer bestimmten Krankheit wiederfindet.

Dabei schlug der Psychiater in eine ähnliche Kerbe wie ich in einem meiner letzten Beiträge: Die Frage ist doch letzten Endes nicht, ob bei mir eine Form des Autismus vorliegt. Die Frage ist: Ist das überhaupt relevant? Mir geht es insgesamt gut, ich führe eine harmonische Beziehung, und nichts deutet darauf hin, dass sich das ändern könnte. Auch auf der Arbeit läuft alles gut. Ich bekomme Anerkennung von Kunden, Protagonisten, Kollegen und Vorgesetzten. Ich habe zwar nicht viele Freunde, aber einen besten Freund. Eine Therapie würde mich mehr belasten, als dass sie mir helfen könnte. Also alles im grünen Bereich.

Bleibt die depressive Episode, die nachgewiesenermaßen vorhanden war. Aber das, so meinte er, sei wohl eine einmalige Episode gewesen. Ich sollte vielleicht noch die Medikamente nehmen und sie dann irgendwann absetzen. Das Serotonin, das in meiner funktionierenden Beziehung freigesetzt würde, sei ohnehin viel stärker.

Was die Vergangenheit betrifft, so soll ich sie ruhen lassen. Ich habe eine funktionierende Beziehung, ein Berufsleben ohne größere Probleme und einen besten Freund. Damit habe ich alles, was ich brauche, um glücklich zu sein. Dass ich Schwierigkeiten hatte, jemanden zu finden und dass ich in der Schule Außenseiter war, interessiert doch heute niemanden mehr.

Damit keine Missverständnisse aufkommen: Ich will nicht sagen, dass ich kein Autist bin. Ich will auch nicht sagen, dass ich einer bin. Ich denke nur, diese Frage ist für mich einfach nicht mehr relevant – ebenso wie die Beschäftigung mit dem Thema. Es belastet mich mehr, als dass es mir nützt. Vor mir liegt, wenn alles so gut läuft wie bisher, eine wunderbare Zukunft. Und wenn es nicht so gut läuft, kann ich immer noch in die Psychiatrie zurück, um zu schauen, ob mit mir vielleicht nicht doch irgend etwas nicht stimmt.

Es steht außer Frage, dass ich Probleme habe. Nur: Probleme hat eben jeder Mensch, egal ob Autist, Narzisst, ADSler, neurotypisch oder eben hochbegabt.

Der Diagnose-Termin in der Asperger-Sprechstunde steht weiterhin. Aber ich denke, wenn alles so läuft wie bisher, werde ich ihn nicht wahrnehmen. Man muss sich ohnehin etwa eine Woche vorher dort zurückmelden.

Viele werden sich jetzt fragen, wie ich mich damit fühle. Manche waren ja der Ansicht, ich würde mich in der Rolle des Autisten gefallen. Ich fühle mich aber erleichtert und unbeschwert, denn ich kann jetzt in aller Ruhe die Aufgaben in Beruf und Privatleben wahrnehmen, die jetzt auf mich warten, und ich werde mich jetzt noch wesentlich mehr in der Rolle eines Nichtautisten mit besonderer Persönlichkeit gefallen.

Bleibt jetzt, nach dem letzten Akt, die Frage: Was wird aus meiner Online-Präsenz? Was wird aus Lohengrin? Ich habe auf Twitter und durch die Blogs einige Menschen kennen gelernt, die mir einiges bedeuten, und deswegen scheue ich davor zurück, den Account zu löschen, wie ich es schon einmal getan hatte. Aber auf der anderen Seite: Diese Menschen erinnern mich an etwas, das ich zu sein glaubte, aber wohl nicht bin. Trotz allem gibt es eben immer noch sehr viel, was ich mit meinen Followern und denjenigen, denen ich folge, gemeinsam habe. Was ich genau mit meinem Account anstellen werde, weiß ich noch nicht. Viel Zeit werde ich ohnehin nicht haben, denn jetzt gilt es, neue berufliche Aufgaben anzugehen und eine Beziehung, die Zukunft hat, zu stabilisieren und auszubauen. Das benötigt alles viel Zeit.

Was meine Präsenz hier auf Blogger ASpekte angeht: Die alten Beiträge werde ich hier stehen lassen. Was ich geschrieben habe, gilt immer noch. Schließlich werde ich ja dadurch, dass ich mit großer Wahrscheinlichkeit doch kein Autist bin, kein anderer Mensch. Neues wird allerdings nicht hinzukommen.

Diejenigen, die gerne noch mehr Blogbeiträge von mir lesen würden, seien aber unbesorgt: Ich werde mit Sicherheit eines Tages wieder bloggen. Nur eben zu anderen Themen. Vielleicht auch über mich selbst mit den nach wie vor vorhandenen Defiziten und Problemen. Aber es wird nichts mehr über Autismus sein. Dieses Kapitel ist für mich (vorerst) abgeschlossen.

Damit ist der Schlussakkord von „Lohengrin“ erklungen. Der Vorhang fällt nach dem letzten Akt. Mein altes Leben ist zu Ende, und ein vielversprechendes neues Leben beginnt.