Ich und Autist? So ein Blödsinn!

Ich bin Journalist, Mitarbeiter, Kollege und Vorgesetzter. Ich bin Freund, Liebhaber und Partner. Ich bin Sohn, Bruder und Onkel. Aber bin ich auch Autist? Und somit behindert?

Ich weiß, diese Frage kann nur ein Experte nach einer langen Diagnose-Prozedur beantworten. Und doch habe ich sie innerhalb von sieben Jahren immer wieder selbst zu beantworten versucht und kam dabei immer wieder auf ein anderes Ergebnis.

Aber was würde es für mich bedeuten, wenn die Diagnose für mich fest stünde? Wenn ich Autist wäre? Oder wenn ich etwas anderes hätte? Es scheint, dass die Leser meiner Blogbeiträge ihre eigenen Meinungen dazu gebildet hätten. Und diese könnten unterschiedlicher kaum sein, wie die folgenden beiden Zitate zeigen:

Zitat Nr. 1: „Meiner Meinung nach bist Du regelrecht verliebt in die Idee, Autist zu sein. Du gefällst Dir als Autist.“

Zitat Nr. 2: „aus deinen Texten wird deutlich, dass -obwohl sehr vieles bei dir für Asperger spricht- du es nicht wahrhaben willst

Ja, was denn nun? Diese beiden Einschätzungen geben die Extrempole eines Spektrums wider, in dem sich meine Gedanken und Gefühle zum Thema Autismus bewegen.

Mir ist schon klar, dass das Leben kein Wunschkonzert ist und dass ich eben mit dem leben muss, was kommt. Nur, wie ich mit diesem Ergebnis am Ende umgehen werde, das weiß ich noch nicht. Wie ich zum Thema Autismus stehe, ändert sich fast täglich.

Am Anfang war die Sache für mich klar: Als ich das erste Mal vom Asperger-Syndrom hörte und was es bedeutete, erkannte ich mich darin wieder. Ich sah es zunächst relativ unemotional, aber von Anfang an war es ein zweischneidiges Schwert: Auf der einen Seite war ich darüber erleichtert, dass es eine Erklärung für mein Anderssein gab, auf der anderen Seite war ich erschüttert darüber, dass ich es nie im Leben würde ändern können, dass Autismus nicht heilbar ist, sondern dass ich den Rest meines Lebens damit würde umgehen müssen.

Diese Ambivalenz des Themas hat mich bis heute begleitet. Ich setzte mich intensiv mit Autismus auseinander, identifizierte mich stellenweise sehr stark damit, weil es so viel meiner Persönlichkeit erklärte. Es gab Phasen, in denen ich mich mit nichts anderem beschäftigte und es gab Phasen, in denen ich alles verdrängte und am liebsten nichts von Autismus wissen wollte.

Über das Internet lernte ich vor vielen Jahren eine Autistin kennen. Wir trafen uns dann auch persönlich. Es ist bislang die einzige Autistin, zu der ich auch persönlichen Kontakt hatte. Ich weiß nicht warum, aber die Begegnung triggerte mich so sehr, dass ich danach tagelang in den sprichwörtlichen Seilen hing und mir klarzumachen versuchte, dass ich kein Autist war, weil ich kein Autist sein wollte. Doch meine Bekannte war klar anderer Meinung. Sie sagte, ich sei ganz sicher autistisch.

Dann gab es aber auch Momente, in denen ich vom Phänomen Autismus einfach fasziniert war – in denen ich entdeckte, dass ich zu Dingen in der Lage war, die meine Mitmenschen nicht konnten, dass ich viele Dinge anders sah oder anders wahrnahm als sie. Oder Momente, in denen ich von Erfolgsgeschichten von Autisten las, in denen ich mich mit den Filmen von Tim Burton beschäftigte oder mit Sherlock Holmes beschäftigte, in denen ich dachte: Autismus ist doch cool.

In den vergangenen Monaten gab es dann immer wieder Phasen, in denen ich am liebsten alles hinschmeißen wollte. Ich Autist? So ein Blödsinn! Ich wollte den Twitter-Account und meinen Blog löschen (hatte es sogar schon getan) und mich mit anderen, angenehmeren Dingen beschäftigen. Doch ich wusste: Das Thema würde mich nicht los lassen.

Jetzt ist es wieder ähnlich. Die Autismus-Thematik ist für mich gerade eher ein Bremsklotz an meinem Bein. Ich möchte fast schreien: „Ich bin kein Autist und will es auch nicht sein.“ Es läuft doch zur Zeit alles so gut. Bei meiner Arbeit darf ich interessante Projekte realisieren und bekomme dafür viel Lob von Kunden, Protagonisten, Adressaten und Kollegen.

Auch im Privatleben läuft alles optimal. Ich bin in einer harmonischen Zweier-Beziehung – eine Erfahrung, die für mich in dieser Intensität völlig neu ist. Warum muss ich mich also unbedingt mit Autismus befassen? Ich merke sogar, dass das Thema mich stark belastet, wenn ich darüber mit meiner Freundin rede. Sie ist nicht Autistin und hat auch wenig Ahnung vom Thema, aber ich habe ihr wegen meiner Psychiatrie-Termine, die ich habe, von meinem Autismusverdacht erzählt, und sie wollte Genaueres wissen. Also erzählte ich davon und kam mir dabei so seltsam vor. Ich weiß nicht, was für ein Gefühl es war, aber es war kein gutes. Es belastete mich.

Also, warum mache ich mir überhaupt die Mühe mit Sprechstunden, Therapeutensuche, Diagnosetermin im Oktober und auch mit Bloggen und Austausch mit Autisten? Warum gebe ich zu meinem positiv verlaufenden Leben noch dieses schwere Thema mit hinzu und lasse es nicht einfach bleiben?

Weil die nächste Krise garantiert kommt. Wenn meine Freundin mit mir Schluss macht oder wenn es wieder Probleme am Arbeitsplatz gibt. Weil ich dann wissen will, wie ich aus dieser Krise wieder herauskommen, wie ich mit meinem Leben etwas anfangen, wie ich eine neue Partnerschaft finden oder Probleme am Arbeitsplatz lösen kann.

Wenn ich weiß, ob Autismus die Wurzel meiner Probleme ist oder ob es eine andere Ursache gibt, kann ich vielleicht besser damit umgehen, solche Krisen besser bewältigen.

Aber die Frage war ja: Fühle ich mich behindert? Oder anders: Fühle ich mich autistisch? Derzeit ehrlich gesagt nicht. Aber ich weiß, dass wieder andere Zeiten kommen werden, in denen alles wieder hoch kommt. Und beim nächsten Mal wäre ich gerne gerüstet – unter anderem mit dem Wissen, was wirklich mit mir los ist. Vielleicht kann ich dann besser damit umgehen. Darauf kommt es mir bei der Diagnose an. Und auf nichts anderes.

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4 Kommentare

  1. Egal, welchen “Namen” das “Kind” hat, es ist vor allem wichtig, sich Techniken anzueignen, wie man 1. die Frühwarnzeichen für eine Krise erkennen kann und 2. wie man da durchkommt und zum Schluss möglichst wenig Schaden genommen hat. Im Endeffekt ist es egal, ob die Schublade Autismus heißt. Seitdem ich von Asperger erfahren habe, werden sicherlich noch viele Phasen folgen, in denen ich nichts davon wissen will. Autismus gehört nun mal zu mir. Schafft auch Erleichterung, weil Dinge aus der Vergangenheit jetzt Sinn machen. Das schwierigste für mich ist es momentan, mit dem Blick der Gesellschaft auf diese Behinderung zurechtzukommen. Menschen sind auf verschiedene Dinge stolz-z.B. auf ihr Herkunftsland, manche auch nur auf ihr teures Auto in der Garage. Auf jeden Fall kann man stolz darauf sein, wozu man es mit Autismus im bisherigen Leben gebracht hat. Das einzige, was diesen Blick trübt, ist die defizitäre Sicht des Autismusbegriffs, der von der Gesellschaft ausgeht.

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    • Zitat: „Das einzige, was diesen Blick trübt, ist die defizitäre Sicht des Autismusbegriffs, der von der Gesellschaft ausgeht.“

      Ich denke eher, dass die Gesellschaft durch die Medien und die „Fach“-Leute dahin gedrückt werden.

      Zumal es ja „Fach“-Leute gibt, die die Meinung vertreten, „wenn nicht genug gelitten wird, dann ist es kein echter Autismus“.

      Ähmm,NEIN.

      Nur, weil ein Autist es geschafft hat, sich ein Optimum an Umgebungsverhältnissen zu schaffen und sich im Leben eingerichtet hat, heißt das nicht, dass er die Stressoren nicht mehr hat und die Reizfilterschwäche verschwunden wäre.

      Ein Diabetiker bleibt ja auch ein Diabetiker, obwohl er mit Insulin gut eingestellt, ein angepasstes Leben führen kann. 💡

      Nimm dem Diabetiker das Insulin oder dem Autisten die notwendigen Entlastungsmechanismen, dann ist der Effekt gleichwertig schlimm.

      Gefällt 1 Person

  2. Pingback: Markierungen 03/02/2015 - Snippets

  3. Zitat: „Ich bin Journalist, Mitarbeiter, Kollege und Vorgesetzter. Ich bin Freund, Liebhaber und Partner. Ich bin Sohn, Bruder und Onkel. Aber bin ich auch Autist? Und somit behindert? “

    In aller Erster Linie bist Du ein Mensch!

    Und egal, worin Deine Probleme (die Du in all den Jahren hattest) begründet sind, so ist es wichtig, den Grund zu wissen.

    Und Behindert, nun ja, eher GEhindert, an freier Persönlichkeitsentfaltung. 💡

    Zitat: „Aber die Frage war ja: Fühle ich mich behindert? Oder anders: Fühle ich mich autistisch? Derzeit ehrlich gesagt nicht.“

    wenn die Dinge gut laufen, eine Art Optimum herrscht, dann liegt auch kein GEhindertsein vor. 😉

    Aber Du kennst einige Trigger und beantwortest Deine Frage durchaus realistisch.

    Das Wissen über sich selber ist enorm wichtig.

    Darüber lassen sich auch andere Strategien erlernen. Für die Notfälle!

    Gefällt 2 Personen

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