Sensorische Integration und Unterempfindlichkeit

Anna Jean Ayres beschrieb sensorische Integration bereits in den 70er Jahren als „den neurologischen Prozess, der Sinneseindrücke aus dem eigenen Körper und aus der Umwelt organisiert und es uns ermöglicht, den Körper effektiv in der Umwelt einzusetzen“ (Ayres 1972, S. 11).

Viele Autisten haben eine sensomotorische Störung, was aussagt, dass bei ihnen sowohl Sensorik als auch Motorik gestört sind. Es handelt sich um eine neurologische Andersentwicklung. Es ist nicht möglich, sich diese Störung abzutrainieren. Was man machen kann, ist Physiotherapie und je nach Störungsbild und Persönlichkeit des Kindes kann es einen sehr positiven Effekt haben.

Ich bin austherapiert.

Neulich wurde auf diesem Blog die Situation beschrieben, wenn man überempfindlich ist in seiner Sensorik. Ich präsentiere nun den anderen Pol: Ich bin unterempfindlich.

Das bedeutet, ich brauche stärkere Berührungen und generell stärkere Reize, damit ich sie überhaupt angemessen wahrnehmen kann. Ich mag leichte Berührungen wie Streicheln nicht, das fühlt sich an wie Nadeln auf der Haut. Ich werde allerdings gerne fest gehalten, umarmt, mit etwas Druck gestreichelt (natürlich nicht zu viel Druck, das ist dann auch schon wieder unangenehm). Überhaupt reagiere ich ‚taktil defensiv‘ bei Berührungen. Dies ist eine der zwei Dinge, die Kinder mit sensorischer Störung tun können: Entweder werden sie aggressiv bei Berührungen und damit auffällig, oder sie werden defensiv, ziehen sich zurück und lassen niemanden an sich heran. Das Zweitere traf auf mich als Kind zu, durch die Therapie war ich in der Lage, es etwas abzumildern. Doch auch heute brauche ich längere Zeit alleine, um die Reize zu verarbeiten, die ich empfange.

Im Umkehrschluss habe ich weniger Probleme mit Reizüberflutung, denn die meisten Reize erreichen ja meine Grenzschwelle gar nicht. Ich bin daher nicht so abgelenkt, wie es viele Autisten beschreiben und kann störende Reize besser ausblenden.

Ich bin motorisch genauso unterempfindlich. Ich bin nicht in der Lage, zu wissen, wo meine Körperteile sich befinden, wenn ich mich nicht bewusst daran erinnere. Auf Wikipedia steht so ein niedliches Beispiel, dass solche Kinder vom Stuhl fielen, wenn sie sich zu stark aufs Schreiben konzentrieren. So etwas ist mir zwar noch nie passiert, aber es stellt eben den Extremfall dar, wie es ist, nicht zu wissen, wo im Raum man sich befindet. Ich renne ständig gegen Türrahmen oder remple Gegenstände und Leute an. Ich kann Abstände nicht einschätzen, bin Menschen zu nahe oder stehe zu weit entfernt. Ich wirke dadurch auf andere entweder abweisend oder zu forsch.

Durch die Unterempfindlichkeit verletze ich mich manchmal, ohne das überhaupt zu merken. Ich stelle dann Stunden später fest, dass ich eine Wunde an der Hand habe und kann mich absolut nicht daran erinnern, woher die wohl wieder ist. Allerdings habe ich kein vermindertes Schmerzempfinden – die Schmerzen müssen lediglich stärker sein, damit sie meine Sensorik überhaupt bemerkt. Dies ist besonders schwierig, wenn ich versuche, Ärzten zu erklären, wo mir etwas weh tut. Ich spüre es ja selbst nicht richtig und kann es nicht ausreichend gut lokalisieren.

Hinzu kommt bei mir wie auch bei vielen anderen Menschen mit SI ein zu niedriger Muskeltonus. Dies führt dazu, dass ich nicht so viel Kraft aufbringen kann, beziehungsweise mehr Kraft für alltägliche Dinge aufbringen muss. Meine Haltung ist schlecht, weil Gerade sitzen eine tatsächliche Anstrengung für mich bedeutet. Ich kann ohne Trolley kaum einkaufen, weil ich die Sachen nicht tragen kann. Ich mache seit meinem dreizehnten Lebensjahr Krafttraining, damit es nicht schlechter wird (es wird aber schlechter, einfach weil ich älter werde). Natürlich habe ich daher auch oft den Eindruck, keine Energie zu haben, doch inzwischen weiß ich, dass es nur an der Unterempfindlichkeit liegt, die zu einer zu niedrigen Energie führt und kann diesen Zustand teilweise schon überwinden. Auch wenn dies oft mit viel Stress für mich verbunden ist.

Ich bin sehr froh darüber, therapiert worden zu sein, auch wenn es nicht möglich ist, SI zu „heilen“. Aber meine Therapie war sehr gut, auch wenn ich sie als Kind oft als frustrierend erlebt habe, weil ich ja ständig Dinge tun musste, die ich nicht konnte. Doch wäre ich untherapiert geblieben, könnte ich heute nicht gerade aus laufen. Fahrradfahren musste ich in einem Kurs mit 18 Jahren lernen, weil ich selbst es nicht geschafft hätte. Ich fahre heute noch nicht gerne alleine, auch wenn es langsam besser geworden ist. Heute kann ich gut mit meiner gestörten Sensomotorik leben und selbst wenn mancher bei diesem Text eventuell denkt, dass ich bemitleidenswert sei, nun ja, ich kenne mich ja nicht anders und mir geht es gut damit.

Literatur:

A. Jean Ayres: Bausteine der kindlichen Entwicklung: Die Bedeutung der Integration der Sinne für die Entwicklung des Kindes. Springer Verlag, 4. Auflage 2002.

Links:

http://www.fruehbehandlung.de/de/liebe-eltern/komplexleistung-fruehfoerderung/komplexleistung-medizinisch-therapeutisch/99.html

http://www.iflw.de/wissen/was_ist_sensorische_integration.htm

http://www.ergotherapie.org/2010/10/sensorische-integrationstherapie/

http://de.wikipedia.org/wiki/Sensorische_Integration#Sensorische_Integrationsst.C3.B6rungen

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3 Kommentare

  1. Ich war schon 60, als meiner Krankengymnastin auffiel, dass ich ohne Hinschauen nicht wusste, wo unter meinem Körper sich meine Füße befanden. Auch mir geht es so, dass ich den schwachen Muskeltonus habe, allerdings habe ich meinen Rücken durch Zen-Meditation in jüngeren Jahren so gestärkt, dass ich lange Zeit ohne Anlehnen sitzen kann. Die Alltagstätigkeiten strengen mich jedoch mehr an als andere Frauen meiner Statur. In der Oberschule hatte ich durchgehend eine 5 in Sport und erlitt nach Wandertagen und Klassenreisen regelmäßig Erschöpfungszustände. Damals ist es niemandem eingefallen, meine Konstitution zu hinterfragen. Es galt so bald nach der Nazi-Zeit eine Verherrlichung der körperlichen Tüchtigkeit. So blieb mir nur Scham und eine Randposition.
    Das Schmerzempfinden muss immer schon gedämpft gewesen sein. Als Kind habe ich mich viele Male geschnitten, gestochen, aufgeschürft, ein Loch in den Kopf gehauen, ohne dass ich zur Mama lief. Ich suchte mir was, um das Blut zu stillen, und behielt die Geschichte für mich. Es lag auch daran, dass meine Mutter ein schweres Schicksal erlitten hatte, und wir Kinder wurden zur Rücksichtnahme angehalten.
    Zarte Berührung kann ich dann verkraften, wenn sie durch ein anschließendes festeres Anfassen aufgelöst wird. Das ist sogar sehr genussvoll.
    Auch jetzt, in den Sechzigern meines Lebens, kenne ich zwar Schmerz, aber er hält sich in Grenzen. Das führt auch leicht mal zu Fehldiagnosen, da sich Ärzte oft an einem durchschnittlichen Schmerzempfinden orientieren.

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  2. Ich finde auch, daß es immer sehr wichtig ist zu wissen warum man manche Dinge nicht kann und was bei einem eigentlich wie anders funktioniert. Dann kann man auch am besten sinnvolle Alternativen entwickeln um im Alltag trotzdem halbwegs klarzukommen. Mich würde interessieren, was das so für Kompensationstricks sind die du nutzt. Also zB. der Trolley zum einkaufen oder so.

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    • Den Trolley nehme ich nur, wenn richtig schwere Sachen zu kaufen sind, Getränke vor allem. Sonst kommt alles in den Rucksack, und das ist mein fast tägliches Krafttraining. Ich bin stark übergewichtig. Ich kann nicht so große Kurzzeit-Leistungen erbringen wie mehrere Treppen hintereinander steigen; aber ich mache lange Spaziergänge in gut geeigneten Schuhen, um die Ausdauer zu trainieren. Das geht recht gut. Um die Rumpfmuskulatur zu stärken, spielen wir manchmal Billard. Das übt auch die Motorik, die Auge-Hand-Koordination und die Toleranz für Frustration — ich verliere immer. Neulich haben wir drei Stunden gespielt, darauf war ich ziemlich stolz.

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