AUS, AUS, AUS…!!! …ZU,ZU, ZU…!!! (über Zwang)

Zwanghaft zu sein, ist einfach nur ätzend, nervig und gehört zu den Dingen, die wirklich kein Mensch braucht. Aber da der liebe Gott nen großen Zoo hat und bei der Schöpfung auch nicht mit Spezial- Effekten gegeizt hat, gibt es eben auch so was. Und zwar gar nicht so selten. Man geht davon aus, dass etwa 2% der Bevölkerung von Zwangsstörungen betroffen sind. Ich würde aber mal behaupten, es sind bestimmt mehr als 2%.
Wie alle anderen Persönlichkeitsstörungen auch sind Zwangsstörungen im Kern Störungen des Aufbaus eines stabilen Selbstbildes. Das kann nur durch regelmäßige und stabile soziale Interaktion aufgebaut werden. Somit ist es also nicht gerade ein Wunder, dass viele Menschen aus dem Autismus- Spektrum von Zwangsstörungen als Komorbidität betroffen sind.
In einer Zeit, in der sich noch niemand mit Asperger auskannte und niemand einem den Grund für das ANDERS sein erklären konnte, war es (jedenfalls für mich) nicht wirklich möglich, ein stabiles Selbstbild zu entwickeln.
Wenn ich mich selber gemacht hätte, wäre ich ganz sicher nicht zwanghaft- so viel steht fest, denn Zwangsstörungen sind nervenaufreibend und unwahrscheinlich zeitraubend. Je nachdem, wie stark der Zwang gerade ausgeprägt ist, kann es wirklich dazu führen, dass der komplette Tagesablauf zusammenbricht und dass man durch den Zwang nicht mehr in der Lage ist, ein halbwegs normales Leben zu führen.
Wenn ich so auf mein Leben zurückblicke, dann möchte ich wirklich nicht wissen, wie viel Lebenszeit ich mit dem Ausführen von mehr oder weniger sinnlosen Zwangshandlungen verbracht habe. Das Schlimme daran ist, dass einem selbst völlig klar ist, wie unsinnig die Zwangshandlungen sind, man jedoch nicht davon ablassen kann, sie auszuführen.
Meine Zwanghaftigkeit begleitet mich eigentlich schon seit der Kindheit- oder ich sage mal besser so, die Grenzen zwischen Ritual und Zwang sind bei mir schon immer fließend. Ich habe viele ritualisierte Handlungsweisen, die von außen betrachtet wahrscheinlich wie Zwangshandlungen wirken, für mich aber eben völlig normal sind und die ich auch brauche, damit es sich für mich richtig anfühlt. Das sind Handlungen, die ich nicht als belastend empfinde, und die einfach dazugehören, wie zum Beispiel das 3 malige Kontrollieren aller Zimmer, wenn ich rausgeh und das laute Aufsagen von AUS! AUS! AUS! bei allem, was ich ausmache und ZU! ZU! ZU! bei allem, was ich zumache. Für manche Menschen ist das wohl schon Zwang. Für mich ist es Ritual. Zwanghafte Phasen sehen bei mir ganz anders aus.
Schon als Kind mussten bei mir die Kuscheltiere immer wie die Soldaten in einer bestimmten Reihenfolge auf dem Bett sitzen, Handlungen mussten immer in genau der gleichen Reihenfolge erledigt werden und wenn irgendetwas meine Ordnung zerstörte, rastete ich für gewöhnlich komplett aus. Wenn ich es tatsächlich mal zuließ, dass meine Mutter mit mir spielte, dann musste sie mit mir und meinen Puppen immer genau das gleiche Szenario spielen, mit immer wieder exakt der gleichen Handlung und dem gleichen Text. Minimalste Abweichungen brachten mich derart aus der Fassung, dass ich entweder anfing zu heulen oder zu toben- meist das Letztere.
Um mich dann wieder einigermaßen zu beruhigen, ordnete ich stundenlang die Dinge in meinem Zimmer. Ich fing an, Markierungen auf die Regalböden zu machen, auf denen ganz exakt Puppen, Teddys und Co zu stehen hatten.
Irgendwann bekam ich ein Jugendzimmer und fing an, die Schränke zu kontrollieren, ob da alles „ in Ordnung ist“, bevor ich ins Bett ging. Obwohl ich genau wusste, dass da nicht irgendjemand oder irgendwas in den Schränken lauerte, musste ich immer wieder die Schranktüren in einer bestimmten Reihenfolge öffnen, um zu sehen, dass da wirklich alles „in Ordnung“ war. Das uferte derart aus, dass ich abends mindesten ne Stunde damit beschäftigt war, immer wieder die Schranktüren aufzumachen, reinzusehen und wieder zuzumachen. Immer wieder und wieder. Wenn ich im Bett lag, konnte ich oft ewig lange nicht einschlafen und hatte erst Ruhe, wenn ich noch ein paar Mal aufgestanden war und erneut alles kontrolliert hatte.
Dann kriegte ich nen Wohnungsschlüssel, weil meine Mutter wieder arbeiten ging. Mit dem Schlüssel kam die Verantwortung, dass in der Wohnung alles „in Ordnung“ war und die Katze nicht abhaute, wenn man raus ging.
Ich habe Stunden meines Lebens damit verbracht, die Wohnungstür abzuschließen, an dem Griff zu rütteln wie eine Irre um zu überprüfen, ob die Türe auch WIRKLICH zu ist, nur um sie gleich darauf wieder aufzuschließen, um zu überprüfen, ob die Katze auch WIRKLICH noch in der Wohnung ist. Erschwerend kam nach einiger Zeit hinzu, dass der Schlüssel beim Rumdrehen immer ein bestimmtes Geräusch machen musste, damit es für mich als richtig und „in Ordnung“ durchging. Irgendwie war mir zwar bereits damals klar, dass diese Kontroll- Exzesse alles andere als normal waren, was jedoch nichts an der Tatsache änderte, dass ich diese Handlungen wieder und wieder ausführen musste. Je nach Tagesverfassung unterschiedlich oft.
Damals hatte ich noch nicht die geringste Ahnung davon, wie sehr meine Zwanghaftigkeit mit meiner seelischen Stabilität zusammenhängt. Mein einziges Interesse war eigentlich, dass niemand etwas von meinen Zwängen mitbekam. Im Grunde genommen wusste ich damals noch gar nichts über den Menschen, der mich da aus dem Spiegel anschaut. Den habe ich erst viel später kennen gelernt und habe selbst heute noch viel über mich zu lernen. Damals wusste ich einfach nicht darüber Bescheid, was das zu bedeuten hatte, was ich da tat und dass es wohl besser wäre, wenn niemand was davon mitbekommen würde. Denn aufgrund der Tatsache, dass ich in meinem Elternhaus durch mein Verhalten sowieso ständig für Palaver sorgte, hatte ich von meinen Eltern auch schon oft genug Vorträge darüber gehört, wo „so was wie ich“ eigentlich hingehört, wobei besonders gerne (der Zeit entsprechend eben) die Ausdrücke „Irrenhaus, Klapsmühle, und Anstalt“ benutzt wurden.
Und da ich vor meinem geistigen Auge immer das Bild meines Cousins Klaus  hatte, das in der hintersten Wohnzimmerecke meiner Tante hing und diesen verstrubbelten Jungen zeigte, der an den Handgelenken fixiert war und von dem ich wusste, dass er in einer „Anstalt“ lebt, hatte ich irgendwie panische Angst davor, auch dorthin zu kommen, auch wenn das Irrenhaus- Gerede meiner Eltern immer nur aus der Wut über mein Verhalten resultiere und kein ernstgemeinter Plan von ihnen war.
Irgendwann gegen Ende der Pubertät ließ dann die Zwanghaftigkeit von selbst ein bisschen nach und kam über Jahre nur in Zeiten zum Vorschein, in denen in meinem Leben wirklich einschneidende Erlebnisse geschahen. Natürlich habe ich damals wie heute schon alle möglichen ritualisierten Handlungen betrieben. Aber wie gesagt- der Unterschied zwischen solchen Handlungen und Zwangshandlungen besteht darin, dass diese ritualisierten Handlungen sich „gut anfühlen“ und auch nur bestimmt oft wiederholt werden. Und das ist bei mir eben 3 mal.
Irgendwann im jungen Erwachsenenalter fing ich dann an, mit Methyphenidat (Ritalin) und Amphetamin, das damals an jeder Ecke angeboten wurde, herum zu experimentieren. Zunächst war ich davon total begeistert, weil ich unglaublich produktiv und kreativ war, ständig malte, schrieb und in jeder Arbeit völlig versinken konnte. Alle Umstände, die mich sonst zwangen, eine Arbeit zu unterbrechen (essen, schlafen usw.) waren wie ausgeschaltet und ich hatte dadurch die Möglichkeit, mich über lange Zeiträume so intensiv mit einer Sache zu  befassen wie nie zuvor. Was ich allerdings nicht so richtig merkte war, dass ich 1. beim Herunterkommen von diesen Substanzen immer in einer gereizten bis aggressiven Stimmung war und dass sich 2. meine Zwanghaftigkeit wieder einschlich. Mein Fokus war zu der Zeit einzig und allein auf die vordergründig positiven Eigenschaften der Substanzen ausgerichtet. Alles andere konnte oder wollte ich damals nicht sehen. Ich wollte nur produktiv sein und schaffen- von mir aus rund um die Uhr. Und dabei möglichst in Ruhe gelassen werden. Wurde ich angesprochen und aus meinem Film gerissen, explodierte ich förmlich. Ich habe zwar schon mein ganzes Leben die Tendenz zu aggressivem, impulsiven Verhalten, aber unter Einfluss von Amphetamin und später von Ritalin war ich so was wie eine Zeitbombe, die jeden Moment explodieren konnte. Daneben standen auch die Zwanghaftigkeiten wieder in voller Blüte und konnten nicht mehr von mir vor mir selbst weggelogen werden. Aufgrund des hohen Suchtpotenzials hat es jedoch sehr lange gedauert, bis ich diese Phase in meinem Leben hinter mir gelassen habe und dadurch auch die Zwanghaftigkeit auf ein erträgliches Maß absank.
Je mehr ich im Laufe meines Lebens Klarheit über mich selber bekommen habe und mich mit mir selbst auseinander setze, umso klarer sehe ich, dass die zwanghaften Phasen in meinem Leben immer dann vorherrschten, wenn ich den Boden unter den Füßen verloren habe und im Grund wohl nichts anderes sind, als ein Schrei nach Sicherheit in dieser Welt, in diesem Leben, in dem ganzen Chaos da draußen.
Im Laufe eines von Zwangshandlungen begleiteten Lebens hat man unterschiedliche Möglichkeiten, damit umzugehen. Man kann zum Beispiel aus dem Fenster springen, weil man es einfach nicht mehr aushält. Man kann es aber auch lassen. Man kann sich vom Zwang total beherrschen lassen…oder man lässt es bleiben. Es besteht nämlich auch die Möglichkeit, sich mit seinen Zwängen so zu arrangieren, dass sie nicht die meiste Zeit des Lebens fressen sondern in Schranken bleiben, in die man sie verweist und wo sie auch hingehören..
Das erfordert aber aktives Arbeiten an sich selbst. Und das Erkennen seiner selbst. In den Spiegel zu gucken und sich zu sagen „Ja- ich bin das- ICH BIN“, und mich so anzunehmen wie ich bin ist für mich viel leichter geworden, seit ich über mein Anders- Sein Bescheid weiß. Seit ich weiß, warum ich nicht so sein kann wie die meisten anderen und dass das okay ist, ist ein großer Druck von mir gefallen. Und im Laufe der Zeit hab ich für mich persönlich auch gute Strategien entwickelt, wie ich meinen Zwang im Keim ersticken kann- ihm sozusagen „das Maul stopfe“.
Es erfüllt mich zum Beispiel mit großer Befriedigung, wenn ich- nachdem ich das Haus verlassen habe- unten auf dem Bürgersteig stehe und mir auf der Kamera die Bilder, die ich eben zuvor von den ausgeschalteten Sicherungen, dem brandfrei deponierten Aschenbecher und der abgeschlossenen Wohnungstüre gemacht habe, ansehe. Mit so etwas zeige ich meiner Zwanghaftigkeit, wer hier heutzutage zu sagen hat.
Die zwanghaften Teile in meiner Persönlichkeit werden wohl immer irgendwie da sein und in mir schlummern. Schon alleine deshalb, weil mein großes Bedürfnis nach ritualisierten Handlungen im Grunde so was ähnliches ist wie die „kleine nette Schwester“ vom Zwang.
Aber ich habe heutzutage durch mein Wissen und meine Erfahrungen die Möglichkeit, ganz anders mit dem Thema Zwang umzugehen und es gar nicht erst dazu kommen zu lassen, dass Zwänge ausarten.
Und das fühlt sich gut an.

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3 Kommentare

  1. Ich glaube, ich bin zu wenig zwanghaft. Bei mir liegt alles irgendwo rum, ich gucke nie nach, ob ich irgendwas zu oder aus gemacht hab und ich hab starke Schwierigkeiten, Ordnung oder Rituale einzuhalten. Schwache exekutive Funktion, kennen ja bestimmt auch viele Autisten. Das ist dann wohl die andere Seite auf dem Spektrum 😀

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  2. Das Prinzip der Zwanghaftigkeit ist mir seit frühester Kindheit bekannt, aber glücklicherweise ist es mir gelungen, mich dem zu entziehen. Eine große Hilfe war mir (das ist jetzt keine Empfehlung für jeden) das religiöse Ritual im Buddhismus, der Rosenkranz der Buddhisten, die Wiederholung von Mantras wie Om Mani Peme Hung, wiederholte, immer gleiche und beliebig wiederholbare Handlungen, die aber — im Gegensatz zum Zwang — nach und nach eine Freiheit des Geistes verleihen, die Souveränität über den Zwang möglich macht. Und es gibt da Opferungen mit strengen Regeln wie: Sieben Schalen mit Wasser, Reis, Räucherstäbchen, Blumen, Duft; es gibt Niederwerfungen, es gibt Zen und das Zen-Gehen „Kinhin“; Wenn man will, findet man hier Tätigkeiten, die man in immer gleicher Weise ausüben kann und die nach und nach dazu führen, dass die Zwänge aufhören und die freiwillige Übung bleibt.

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  3. emmalexa66 also wenn ich dich mal ärgern möchte muss ich nur deine Ordnung umstellen.
    Würde ich aber natürlich niiiiiie machen weil ich ja lieb und freundlich zu hübschen Mädels bin.
    So paar Zwang Geschichten habe ich auch in meiner Routine des Alltags aber nicht so wild. Doch gestehe ich das auch ich dann schon nachts aufstehe und schaue hast du auch das und das gemacht oder das und das nicht falsch gemacht ist.
    Ich brauche aber auch ecken die eine richtige Unordnung haben, ich gestalte richtig unordnung wenn es dort zu Ordentlich ist. Warum ich das dort oder da brauche weis ich nicht mal aber alles in Ordnung geht nicht ich muss eine Ecke zurichten.

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