Über Reizüberflutung und übersteuerte visuelle Wahrnehmung

Das Thema Reizüberflutung steht wohl bei jedem Autisten sehr weit im Vordergrund und jeder hat auf seine Weise damit zu kämpfen.
Allerdings kann man auch hier nicht pauschal alle Autisten in eine Schublade stecken.
Je nach Lebenssituation und Persönlichkeit ist der Punkt, an dem die Reizüberflutung eintritt oder wie weit das Maß des Erträglichen geht, wohl bei jedem individuell verschieden gelagert.
Ich kann mir gut vorstellen, dass man als Autist auf dem Lande ein Leben führen kann, das halbwegs frei von Reizüberflutung ist. Und würde man so jemanden in eine Stadtwohnung stecken, würde derjenige dann wohl wahrscheinlich die nächste Zeit im Dauer- Overload verbringen.
Und im Gegensatz dazu wäre die Stille auf dem Land möglicherweise unerträglich laut für einen Stadt- Autisten, der dort von ganz neuen Reizen überflutet werden würde.
Als Stadt- Autist wird man im Laufe des Lebens gegen bestimmte Reize ziemlich abgehärtet und hat sich im Laufe der Jahre Strategien entwickelt, damit umzugehen.
Nehmen wir mal meine Wohnung- die liegt mitten in einer Stadt, direkt an der Kreuzung einer stark befahrenen Straße, außerdem in Nähe des Bahnhofs auf der Höhe, auf der die Züge abbremsen. Außerdem ist um die Ecke ein Krankenhaus, weshalb hier mehrmaliges Sirenengeheule am Tag völlig normal ist. Und als Dauer- Geruchskulisse gibt es Hopfengeruch aus der Brauerei gegenüber und eine Metzgerei im Nachbarhaus.
Ich denke mal, jeder Autist, der ländlich lebt, würde meine Wohnung dankend ablehnen. Wogegen Autisten in Städten oft in ähnlichen Verhältnissen leben und sich deshalb daran gewöhnt haben.
Hier oben in meiner Wohnung (natürlich bei geschlossenem Fenster) macht mir der Verkehrslärm, das Bremsgeräusch der Züge , die Sirenen und der Anblick der unendlichen Blechlawine, die an meinen Fenstern vorüberrollt, nicht viel aus. Wenn man Tag und Nacht von dieser Geräuschkulisse begleitet wird, nimmt man es irgendwann überhaupt nicht mehr so wahr.
Die Reizüberflutung fängt an, sobald ich das Haus verlasse und dabei ist es auch nicht unbedingt der Verkehr, mit dem ich draußen die größten Probleme habe, sondern es sind eher die ganzen Menschen, die da unkoordiniert kreuz und quer durcheinander laufen, Farben von grellen Kleidungsstücken, die einen förmlich anspringen, Gerüche von Parfüms, Jogger, die plötzlich wie aus dem nichts angeschossen kommen und dicht an einem vorbeirennen, die ganzen Gesprächsfetzen von Passanten und Teenagern, die überlaut in ihre Handys kreischen und die auch mit Ohrstöpseln nicht zu überhören sind. Und vor allem die ganzen Dinge, die da draußen rumliegen und nicht da hin gehören. Auf jedem Schritt fallen mir Dinge ins Auge, die weggeworfen wurden und nun irgendwo liegen, wo sie nicht hingehören. Und die „verfolgen“ mich dann Tag für Tag. Manchmal so sehr, dass ich keine Ruhe habe, bevor ich sie nicht aufgehoben und entsorgt habe. Ich zoome alles heran, was flattert, blitzt und blinkt und eigentlich nicht ins Bild gehört.
Manche Dinge können richtig Besitz von mir ergreifen. Zum Beispiel hatte letztes Jahr irgendjemand einen Buggy einfach auf dem Bürgersteig entsorgt und dieser Buggy stand dann ständig irgendwo anders in der Straße, bis jemand ihn dann schließlich entsorgt hat.
Dieser Buggy hatte ab dem ersten Tag einen Stammplatz in meinem Kopfkarussell und das Bild schoss mir wochenlang immer wieder vor Augen.
Ich weiß nicht, wie nichtautistische Menschen es schaffen, durch diese Kulisse zu laufen und all diese Dinge nicht wahrzunehmen. Diese Filtermechanismen der nichtautistischen Menschen stelle ich mir vor wie Scheuklappen. Eingebaute Scheuklappen.
Und dann frage ich mich, ob ich eingebaute Scheuklappen haben möchte. Und ob das ein Fluch oder ein Segen ist. Vielleicht würden Nicht- Autisten es überhaupt nicht ertragen können, alles mit gleicher Intensität wahrzunehmen und deshalb sind bei ihnen eben Scheuklappen eingebaut.
Meine Wahrnehmung hat auch durchaus schöne Seiten. Ich finde draußen sehr oft irgendwelche Dinge. Ich hab schon alles Mögliche bei meinen Spaziergängen gefunden- besondere Steine, Federn und sonstiges ausgefallenes Naturzeug,Ohrringe, Armbändchen, Geld, Handy usw.). Dinge, die nicht ins Bild gehören, stechen mir von weitem ins Auge während andere Menschen einfach daran vorbeilaufen und sie nicht sehen. Vielleicht sehen sie auch nicht den ganzen Müll, von dem wir umgeben sind.
Meine wichtigsten Filter draußen sind Sonnenbrille, Hut und Ohrenstöpsel. Ich führe draußen quasi ein Leben hinter der Sonnenbrille.

Mir ist sehr stark aufgefallen dass die Intensität, mit der die visuellen Reize auf mich einströmen in den letzten Jahren sehr viel heftiger geworden ist, als es früher der Fall war. Früher konnte ich zeitweise ohne Sonnenbrille draußen herumlaufen. Das ist heute für mich nicht mehr möglich. Ohne Sonnenbrille sehe ich alles so dermaßen überscharf und übersteuert, dass es weh tut und nach kürzester Zeit die Augen tränen.
Ich kann mich noch sehr gut an Zeiten erinnern, in denen die visuelle Übersteuerung noch nicht so massiv war.
Man könnte es jetzt so betrachten, als hätte sich dieses Symptom bei mir eben im Laufe der Jahre verstärkt.
Man kann es aber auch ganz anders sehen.
Sehr interessant finde ich hierzu die Forschungen des Biophysikers Dieter Broers und seiner Kollegen, die sich unter anderem intensiv mit den Auswirkungen der Erhöhung der Schumann- Frequenz auf das menschliche Bewusstsein und die Wahrnehmung beschäftigt.
Die Schumann – Frequenz ist sozusagen der Herzschlag der Erde und jeder Mensch funktioniert nur im Einklang mit dieser Schwingung (bei den frühen Weltraumflügen hatten die Astronauten körperliche und mentale Probleme, bis man entdeckte das ihnen die Schumann-Frequenz fehlte, heute wird diese mittels eines künstlichen schwingenden Magnetfeldes bei jeder Weltraummission den Astronauten mitgegeben). Während die Haupt – Schumann Frequenz noch in den 1970er Jahren bei etwa 7,83 Hz lag, treten heutzutage Frequenzstärken von über 14 Hz auf. Das menschliche Gehirn mit seinem Taktgeber EEG geht grundsätzlich in Resonanz zur Schumann-Frequenz. Da diese neue Grundfrequenz (neben der 7,83Hz) immer stärker und häufiger auftritt, verstärkt sich dadurch die neuronale Aktivität im Gehirn des Menschen. Dieser Zustand liegt deutlich im Bereich einer erhöhten Wachheit und Erregung, (am Schnittpunkt der Alpha/Beta EEG-Welle), innerhalb der schnelleren Beta-Wellen, also dem absoluten Wachzustand des Gehirns.
In den Untersuchungsreihen wurden Tests sowohl an Probanden aus dem Autismus- Spektrum als auch an Nicht- Autisten durchgeführt und es zeigte sich, dass Nicht- Autisten größere Probleme mit der veränderten neuronalen Aktivität des Gehirns hatten als Probanden aus der Autisten- Gruppe.

Klingt für mich schon irgendwie ziemlich logisch. Schließlich sind wir Autisten es ja bereits das ganze Leben lang gewöhnt, mit einer völlig übersteuerten Wahrnehmung zu leben und haben in harter Arbeit Strategien entwickelt, damit umzugehen, was für Nicht-Autisten ja eher Neuland ist. Vielleicht ist das auch mit ein Grund dafür, warum die Zahl der nichtautistischen Menschen, die psychisch zusammenbrechen, immer mehr ansteigt.
Vielleicht stellt sich ja eines Tages heraus, dass unsere besondere Wahrnehmung keine Behinderung, sondern ein Segen ist.
Warten wir es ab…