Über das Bedürfnis nach Rückzug

Seit meiner Diagnose- und vor allem, seit ich mich endlich mit den sozialen Netzwerken angefreundet habe (das hat bei mir wirklich sehr lange gedauert)- habe ich viele verschiedene Menschen aus dem Autismus Spektrum kennen gelernt und immer wieder festgestellt, wie facettenreich das Autismusspektrum ist und wieviel Wahrheit in dem Satz „Kennt man einen Autisten, dann kennt man genau EINEN Autisten“ liegt.

Ich kenne viele erwachsene Asperger Autisten, die Familie oder Partnerschaften haben, aber ich kenne  auch sehr viele, die alleine leben und wenig bis gar keine sozialen Realkontakte haben.

Zu denen gehöre ich auch.

Und ich schätze auch mal, dass sich daran nicht mehr viel ändern wird in meinem Leben.

Und es stört mich eigentlich auch nicht weiter- jedenfalls meistens.

Mein einziger regelmäßiger Sozialkontakt in der Realwelt ist meine langjährige Freundin Klaudi, die mich einmal in der Woche besucht. Und damit liegen wir bei einem ganz guten Schnitt, denn es hat auch Jahre gegeben, in denen ich unsere Treffen wochenlang herumgeschoben habe, weil ich einfach nicht die Kraft zu einem Treffen hatte.

Mit dem wöchentlichen Treffen habe ich für mich persönlich schon einen großen Schritt nach vorne gemacht.

In den vierzig Jahren vor meiner Diagnose habe ich eigentlich immer mit (zumeist NT) Menschen zusammengelebt.

 

In den Jahren von 20 bis 40 habe das Modell Beziehung und/ oder Ehe zu Genüge ausprobiert, weil ich irgendwie immer dachte, das muss so sein.

Und es hat auch das eine oder andere Mal geklappt, einmal sogar 10 Jahre. Das lag aber vermutlich wohl auch ein bisschen daran, dass ich zu der Zeit junge Mutter war und von daher mit ganz anderen Dingen beschäftigt als in den Beziehungen, die danach noch so kamen.

Kann auch sein, es lag daran, dass ich zu der Zeit noch gar nichts von meinem Autismus wusste und irgendwie das Bild im Kopf hatte, das ne Beziehung oder ne Ehe einfach zum „Erwachsen- Sein“ dazugehört und dass ich das gefälligst auch auf die Reihe zu kriegen habe, wenn ich keine kranke Versagerin sein will.

Also kann ich zumindest sagen, ich habs versucht.

 

Heutzutage könnte ich mir das ehrlichgesagt nicht mehr so wirklich vorstellen.

Oder vielmehr- ich wüßte nicht, wie es funktionieren soll. Alleine schon der Gedanke, jeden Tag mit einem Menschen zu reden, sich mit ihm auseinander zu setzen, dauerhaft physische Nähe zu haben mit allem, was sie mit sich bringt… Bewegungen, Geräusche, Wörter, Farben, Eindrücke… das kann ich in Ausnahmefällen vielleicht mal einen oder zwei Tage….aber dann ist bei mir wirklich Feierabend und ich brauche mindestens doppelt so lange, um wieder davon „runter zu kommen“, auch wenn ich denjenigen mag.

 

Dann brauch ich erst mal ganz intensiv meine Rituale, meine Routinen und die Beschäftigung mit meinen 5 Katzen und die Stimme von Hermann Hesse oder von Gerd Westphal im Hintergrund um meinen Kopf zu ordnen und ruhig zu werden.

Je älter ich werde, umso mehr strengen Menschen mich an. Also ich meine „die da draußen“.

 

Ich hab irgendwie manchmal das Gefühl, es hat bei mir sehr stark mit der späten Diagnose zu tun, dass ich heutzutage so ein enormes Bedürfnis an Rückzug habe. Fast so, als müsste ich Jahre des Rückzugs, den ich nie wirklich hatte, nachholen, damit mal irgendwann Ruhe in meinem Kopf ist.

Wenn man 40 Jahre im Leben herumgestolpert ist, ohne zu wissen, was mit einem los ist, hat man eine Menge Erlebnisse / Erfahrungen angehäuft, über die man mit seinem neuen Wissen über sich selbst noch mal nachdenken will/kann/soll/ muss.

Oder vielmehr ist es so: die Gedanken und die Bilder im Kopf tauchen einfach auf und wollen neu beleuchtet werden…manchmal um Frieden mit mir selbst zu machen, manchmal, um andere zu verstehen…oder um überhaupt zu verstehen, was da so alles passiert ist im Leben.

Beinahe ein bisschen so, als müsste man einige Kapitel im Buch des Lebens noch mal neu schreiben und all das Geschehene erst mal abarbeiten, bevor wieder genug Kapazitäten für neues Erleben in der Realwelt im Kopf frei werden. Die zur Verfügung stehenden Reserven reichen zwar aus, um den Alltag einigermaßen hinzubekommen, aber alles, was darüber hinaus geht, ist pure Anstrengung.

Anfang des Jahres habe ich im Zuge der guten Vorsätze, die man sich so zum neuen Jahr macht einen Anlauf gestartet, “mehr unter Menschen“ zu gehen und bin in ein ganz nettes Cafe´ gegangen, wo ich auch jedesmal ins Gespräch mit anderen Menschen (vermutlich alle NT) kam. Das war mir aber ganz einfach zu viel. Zu viel Menschen, zu viel Worte, zu viel (Neben-) Geräusche, zu viel Bilder im Kopf…und der dringende Wunsch, lieber zuhause bei meinen Katzen zu sein.

Warum soll ich mir sowas heutzutage noch antun, wenn es überhaupt nicht meinem Wesen entspricht. Ich sitze eben lieber zuhause am Computer und tausche mich mit anderen Autisten im Internet aus, als in der Realwelt unter irgendwelche Menschen zu gehen, mit denen ich eigentlich überhaupt nichts anfangen kann.

Dieses Jahr werde ich genau 1 Mal auf eine Abendveranstaltung gehen, weil ich das Anfang des Jahres mit meiner Freundin abgemacht habe. Ich denke, ich krieg das hin…morgen ist ja erst der 1. Juli.

 

 

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Soziale Kontakte und Ich

Ich muss an dieser Stelle einmal etwas los werden. Eine Meinung, ein Empfinden, mit dem ich gesellschaftlich oft auch anecke. Ich möchte hier über soziale Kontakte sprechen und über deren Vor- und Nachteile. Denn es gibt definitiv beides. Und oft ist es für mich eine ganz sorgfältige Abwägung der Vor- und Nachteile. Der Grund dafür ist nicht nur meine Gesundheit…

Ich brauche soziale Kontakte!

Das muss ich an erster Stelle klar sagen. Ich brauche soziale Kontakte, ich brauche es geliebt zu werden, ich brauche es lieben zu dürfen und ich brauche genau so Zuspruch, Zuneigung und auch körperliche Nähe, wie die allermeisten Menschen eben auch. Zugegeben, letzteres musste ich erst lernen, aber seitdem ich es kann, ist es ein wichtiger Teil in meinem Leben geworden. Ich brauche das alles ganz unbedingt. Ein Leben vollkommen ohne Liebe, und ohne geliebt werden, ist für mich schier unerträglich. Da könnte ich mich auch gleich unter die Erde legen. Will ich aber nicht. Ich brauche Menschen in meinem Leben! Ich möchte mit ihnen lachen und weinen und ich möchte mich mitteilen, und das auch sie sich mir mitteilen. Ich brauche auch Sex und ich brauche es auch hier und da in einer Gruppe zusammen zu sitzen, gemütlich zu grillen und/oder ein Bierchen zu trinken. Das sind alles wichtige Dinge für mich, aber es gibt eben auch ein, zwei Probleme, die ich so mit sozialen Kontakten habe.

Ich habe da keine Energie für!

Eines meiner Probleme wird wohl fast jeder von euch kennen. Ein Abend in Gesellschaft ist körperlich so anstrengend, wie ein Marathon. Die Aufmerksamkeit, die Konzentration, die ich aufbringen muss, um deren unverständliches Gebrabbel (sry Leute, meine ich nicht böse) in klare Worte zu verwandeln, damit ich überhaupt begreife, wovon die eigentlich sprechen, ist unendlich ermüdend. Ich muss in Windeseile alles Gesagte korrekt einordnen. Dazu muss ich Vergleiche finden, Emotionen einordnen, die Bedeutung dahinter begreifen. Ich muss einfach alles ins, für mich, rechte Licht rücken. All das funktioniert über Vergleiche. So funktioniert eben Empathie und ich bin ja auch gerne empathisch. Mir macht das irgendwo ja auch Spaß, sonst würde ich es nicht immer wieder tun! Ich muss aber in der Regel an ganz anderen Stellen suchen, um das gleiche zu finden, was sie mir da erzählen und dazu muss ich dann auch noch meine eigenen Erlebnisse massiv abstrahieren, abwandeln und wieder in ein Erlebnis setzen, welches mein Gegenüber dann auch begreifen kann. Ich spreche also permanent in Gleichnissen. GOTT! Eine fünfstündige Matheklausur ist dagegen Entspannung für meinen Kopf! Ich mache diese Arbeit gerne. Alles was ich eben sagen möchte, ist, es ist anstrengend. Wirklich, wirklich, wirklich sehr, sehr anstrengend und es wird nicht leichter, je mehr Fallbeispiele ich zu Rate ziehen kann, sondern eher immer komplexer.

Dieses Problem wird oft nicht verstanden, aber an sich durchaus gesellschaftlich akzeptiert. Ich habe da selten das Problem, wenn ich das erkläre und mich mit diesen Worten verabschiede, dass die Leute da irgendwie sauer sind auf mich, oder so. Sie sagen eher so etwas wie Achso, ja sag das doch, das ist doch gar kein Problem, dann treffen wir uns das nächste Mal nur für 2h statt für 4. Ist doch alles cool! Das zweite Problem hingegen, dass ist schon viel schwieriger wertfrei an den Mann zu bringen, darum verschweige ich das in der Regel, aber auch darüber muss ich einfach einmal sprechen.

Das Gespräch entwickelt sich einseitig!

In den allermeisten Unterhaltungen bin ich inhaltlich wirklich unterfordert. Ich habe oben grob umrissen, auf welchem kognitiven Niveau ich agieren muss und meine Mitmenschen können das sehr oft einfach nicht auch leisten. Ich muss in dieser Komplexität denken, ich habe gar keine andere Wahl, denn ich hätte sonst keine Chance, meinen Mitmenschen mehr als nur ein Aha oder Ja, das kenne ich auch zu bieten. Das zieht aber eben auch den Nachteil mit sich, dass ich, sollte ich es mal wagen, einen eigenen Gedanken zu äußern, mich häufig mehrmals massiv herunterbrechen muss, mich mehrmals stark vereinfachen muss, damit ich überhaupt verstanden werde. Dadurch entwickelt sich das Gespräch schnell recht einseitig. Ich verliere enorm die Lust daran, meine eigenen Gedanken zu äußern, die gerade einfach wesentlich für mich sind, während mein Gesprächspartner jetzt so richtig aufblüht, tausend Erkenntnisse gewinnt und mir ein Problem nach dem anderen um die Ohren haut, um mich in diesen Angelegenheiten um Rat zu bitten. Versteht mich bitte nicht falsch. Ich freue mich darüber. Ich finde das schön, wenn ich helfen kann. Mein Gesprächspartner beteuert mir dann immer wieder, wie wertvoll die Gespräche mit mir sind. Ich bin ja durchaus ein gern gesehener Gesprächspartner. Nur diese Einseitigkeit, die ist einfach ermüdend. Denn wenn ich diejenige bin, zu der alle mit ihren Problemen kommen, weil ich so weise (haha) bin, wo gehe ich denn hin, wenn ich nicht weiter komme? Zu denen, die weiter hinter mir liegen? Die verstehen ja gar nicht, wovon ich spreche.

Das vermischt sich dann zusätzlich noch mit der autistischen Denkweise. Die Arbeit hängt immer an mir und das ist meinen neurotypischen Mitmenschen gar nicht so richtig klar. Ich bin dazu gezwungen, alles so aufzubereiten, damit sie es verstehen, weil sie einfach nicht in der Lage sind, sich auf mich zuzubewegen. Weder vom Intellekt, noch von der autistischen Wahrnehmung her. Und ja, ich gebe das zu, aber in diesem Moment sehe ich auch sehr häufig schlicht keinen Sinn darin, mich meinen Mitmenschen mitzuteilen. Dabei brauche ich das so sehr. Ich möchte genau so wie jeder andere ein qualitatives, gegenseitiges Gespräch führen. Doch fast immer komme ich, aufgrund der vorhandenen Fähigkeiten meiner Mitmenschen, in diese einseitige Lage.

Therapie? Ja? Nein?

Genau das war dann auch die Frage, vor die ich mich gestellt sah, als ich endlich bereit war, an mir zu arbeiten. Suche ich mir jetzt einen Therapeuten? Einen richtig guten, der auch mal versucht, die Arbeit zu leisten, die ich tagtäglich leisten muss? Mal versucht, sich in mich hinein zu versetzen? Ich habe das alles mal durchgespielt. Ich hätte jemanden finden müssen, dann einen Platz bei ihm bekommen müssen, dann hätte ich ihn erst einmal anlernen müssen und dann, erst dann hätte die Therapie angefangen. Alles in allem wäre ich dann in 6 Jahren an der Stelle gewesen, an der ich heute nach 6 Monaten bin. Ich bin daher sehr froh darüber, dass ich die Fähigkeiten besitze, dass selbst machen zu können. Das alleine zeigt ja schon, denn es handelt sich dabei ja um einen Profi, wie erschöpfend das ganze sein muss, wenn da jemand mit noch weniger Ahnung vor mir sitzt. Ich will damit das Ausmaß beschreiben, welchen Dingen ich tagtäglich ausgesetzt bin. Welche Leistung ich da eigentlich tagtäglich vollbringe. Es ist eine ganz außerordentliche Leistung! Ernsthaft!

Und unterm Strich?

Unterm Stich kommt für mich etwas heraus, was viele nicht gerne hören möchten, weil sie sich dadurch persönlich verletzt fühlen. Für mich kommt heraus, dass ich einen enormen Energieverlust zu verzeichnen habe. Mich übermannt Lustlosigkeit und Trauer. Ich werde auf ein Podest gehievt, auf dem ich vollkommen einsam bin. Ich erlebe einfach keine Gemeinsamkeit. Immer nur Einseitigkeit. Ich stecke Tonnen an Energie in die Kommunikation, damit ich alles in den für mich richtigen Kontext setzen kann und übersetze permanent auch wieder zurück. Ich stecke Tonnen an Energie in ein Unterfangen, aus dem ich nichts zurück bekomme. Im Gegenteil. Ich bin der Verlierer der Konversation. Ich verliere nicht nur Energie, Lust und Freude, ich verliere auch Selbstbewusstsein, Selbstwertgefühl, das Gefühl von Gleichwertigkeit. Mein Gesprächspartner hingegen gewinnt nur, weil er sich nicht auf mich zu bewegen kann und daher alle Arbeit an mir hängt. Ich fühle mich da auch irgendwie … benutzt …

Ja, ja, ja. Ich soll das nicht aufwiegen und ich darf nichts von einem sozialen Kontakt erwarten, ich weiß, ich weiß. Und dennoch muss ich mir ernstlich die Frage stellen, was ich davon habe, wenn ich auf diese Kontakte verzichte. Täte ich dies, ich würde lesen, lernen, schreiben, einfach kreativ sein und mich entfalten. Kurz gesagt, ich würde mich bilden und entwickeln. Ich würde mein Selbstwertgefühl steigern, mein Selbstbewusstsein, meine Selbstwirksamkeit. Ich wäre voller Freude und Lust und meine Energie würde steigen und steigen. Und daher sage ich, wie es für mich einfach ist:

Ich empfinde soziale Kontakte in den allermeisten Fällen als Klotz am Bein!

Und es macht mich traurig, dass ich so empfinden muss. Ich möchte das nicht. Ich sehne mich danach, konstruktive Freundschaften zu pflegen. Aber das sind sie meistens nicht für mich. Meine konstruktiven Freundschaften pflege ich daher eher mit Büchern. Mit meinen Blöcken und Stiften. Mit den hunderttausend Büroartikeln, die ich sammle, wie eine Irre. Mit meinem Notebook, dass mir so ein treuer Begleiter ist. Ich finde meinen Trost und meinen Fortschritt in der Musik und in der klassischen Literatur. Ich finde meinen Trost und meinen Fortschritt in der Naturwissenschaft. Die verstehen mich. Die sind immer für mich da. Die zeigen mir Perspektiven auf. Denen muss ich mich nicht erklären, die helfen mir einfach. Sie erklären mir alles, was ich wissen will. Kaum sonst einer kann das. Ich wünschte, es wäre nicht so. Ich wünschte, Menschen könnten das für mich sein. Aber sie sind es nicht. Sie sind Klötze am Bein, die mich aufhalten, in meinem Bestreben, mich zu entwickeln. Das wollte ich viel zu lange nicht wahrhaben.

Es ist eben auch gesellschaftlich nicht akzeptiert, so zu fühlen. Wenn ich das ausspreche, dann bin ich arrogant und eingebildet. Ich bin ein Narzisst. Ich halte mich ja für was besseres und bin in mich verliebt. Ich schätze mich ja sowieso vollkommen falsch ein, denn wir wissen ja alle, dass das niemand kann. Weil zu sagen, dass man intelligent ist und diese eigene Intelligenz, im Vergleich mit anderen Menschen, auch deutlich wahrnimmt, dass macht man nicht. Da ist man selbstverliebt. Ganz klar. Und diesem Urteil erlag ich lange Zeit und habe mich so selbst daran gehindert, mich zu entwickeln. Ich habe mich dazu gezwungen, sozial zu sein. Ich habe mich dafür geschämt, intelligent zu sein. Ich habe absichtlich Klausuren verhauen. Und so weiter.

Jetzt akzeptiere ich das. Ich akzeptiere, dass mir Menschen Klötze am Bein sind und sie mich aufhalten. Ich darf das nur eben nicht so sagen. Ich bin also nicht asozial, weil ich ein Arschloch bin. Ich bin asozial, weil ich durch meine Konditionen in eine Rolle gedrängt werde, in der ich nicht sein möchte und weil ich deswegen einen anderen Weg gehe, als meine Mitmenschen. Meine Mitmenschen entwickeln sich über den Kontakt zu Gleichaltrigen. Ich nicht. Das ist okay. Wenn ich euren sozialen oder religiösen Werdegang akzeptieren kann, dann akzeptiert doch bitte auch meinen, über die Naturwissenschaften und die Kunst. Danke vielmals!

Warum ich es gut finde, nicht normal zu sein

Ich bin stark!

Die Erfahrungen, die ich gemacht habe, haben mich wachsen lasen. So grotesk es auch klingen mag – ich möchte sie nicht missen. Jede einzelne Erfahrung hat mich zu der Frau gemacht, die ich jetzt bin. Das ist der Schmetterlingseffekt. Wenn nur die kleinste Sache in meinem Leben anders gelaufen wäre, hätte es mich in andere Richtungen gebracht. Es wäre ein Verrat mir selbst gegenüber, wenn ich mir wünschte, dass meine Vergangenheit anders verlaufen wäre. Ich mag mich so, wie ich bin!

Ich bin unvoreingenommen!

In meiner Denkweise existiert nur meine eigene Meinung. Ich beziehe andere Meinungen/ Sichtweisen mit ein, bilde mir aber mein eigenes Urteil darüber. Es ist möglich, mich von einem alten Urteil abzubringen, auch wenn es manchmal schwieriger wird.

Ich bin tiefgründig!

Da ich immer schon sehr viel über mich nachgedacht habe, kenne ich mich sehr gut. Dabei sehe ich nicht nur meine Perspektive, sondern werte auch die von anderen aus. Mein Interesse an Psychologie und menschlichen Verhalten, hat eine große „Datenbank“ an Informationen hervorgerufen, die ich jeder Zeit in meine Gedanken einbinden kann. So ist es mir möglich, deutlich tiefer in meine „Seele“ schauen zu können, als es viele andere schaffen/ möchten.

Ich bin kreativ!

Meine Gedanken rasen immerzu, was mir oft lustige „Gedankenkombinationen“ erlaubt. Sei es „zufällig“, wenn ich eigentlich über etwas ganz anderes nachdenke oder die bewusste Kombination verschiedenster Puzzleteile. Ich liebe das und nutze es oft, um ganz besondere Ideen/ Dinge zu schaffen.

Ich bin scharfsinnig!

Meine geschärfte Wahrnehmung erlaubt mir, die Umwelt detaillierter zu erfassen. So stehen mir mehr Informationen zur Verfügung, die oft etwas offensichtliches entdecken, was andere übersehen haben.

Ich bin optmistisch!

Mein Humor ist die trockene Selbstironie. Situationskomik kann mich so sehr einnehmen, dass ich scheinbar ewig weiter lachen und mich erst nach langer Zeit allmählich beruhigen kann. Wenn mir etwas peinliches/ dummes passiert, muss ich meist selbst darüber lachen. Wenn nicht sofort, dann etwas später bei nüchterner Betrachtung der Geschehnisse.

Es gibt natürlich auch Situationen, die alles andere als amüsant sind. Selbst dann denke ich daran, dass mich jeder vergangene Tag einen Tag näher an den Zeitpunkt bringt, an dem es vorbei ist. So kann ich anhaltende Schmerzen besser ertragen oder auch für Schicksalsschläge Energie aufbringen, die mich nicht stehenbleiben lässt. Mein Optimismus ist eine nicht versiegende Quelle an Energie. Solange ich mir selbst treu bleibe und nicht vergesse, wer ich bin, steht mir diese Quelle zur Verfügung.

Ich bin ablenkbar!

Wenn ich traurig bin, ist es nicht schwierig, mich etwas fröhlicher zu stimmen. Schon kleine Gesten können bewirken, dass ich für einen Moment die Trauer vergesse.

Meine Ablenkbarkeit ist zwar oft von Nachteil, aber manchmal auch ein großer Helfer.

Ich bin begeisterungsfähig!

Meine Interessen sind so breit gestreut, dass ich eigentlich immer ein Thema finde, mit dem mein Gegenüber mich begeistern kann. In einer Partnerschaft können das neue Hobbys sein und bei Bekannten besondere Themen, die ich weiter verfolge, um darüber gemeinsam diskutieren zu können. Es gibt nicht sehr viele Themen, bei denen ich mich komplett „ausklinke“. Da fallen mir jetzt nur Politik, Geschichte und Erdkunde ein. In den Bereichen ist mein Wissen sehr gering, weil ich mir nichts davon merken kann.

Ich bin flexibel!

Der Alltag hat mich im Griff und Planänderungen können mich sehr belasten. Je weiter ein Datum aber entfernt ist, desto leichter kann ich meine Pläne neu ordnen. Momentan stellt sich bei mir noch die Frage nach der beruflichen Orientierung. Sehr oft sprang mein „Ziel“ schon in unterschiedliche Richtungen. Sobald ich erkannt habe, dass ich wichtige Aspekte übersehen habe und diese aufgrund meiner Schwierigkeiten nicht zu schaffen sind, habe ich eine Alternative gesucht. Ich habe jetzt ein genaues Ziel vor Augen und mich für einen Beruf entschieden, in dem ich schon viel Erfahrung gesammelt habe und die Möglichkeit habe, eine Ausbildung zu beginnen. Wobei ich schon öfter gesagt habe, dass es DAS jetzt ist….

Flexibel ist nicht nur meine Zukunftsplanung, sondern auch meine allgemeine Sichtweise.

Je mehr Informationen mir zur Verfügung stehen, desto genauer bildet sich das passende Bild vor meinen Augen. Manchmal bedeutet das auch, etwas vollkommen Neues zu sehen. Deswegen ist meine Meinung flexibel und nicht „in Stein gemeißelt“.

Autismus und Messie – geht das?

Aus eigener Erfahrung heraus: ja, das geht und ist bei dem Erscheinungsbild und den Auslösern des Messie-Syndroms auch nicht sonderlich überraschend.

Es wird oft von ordnenden und peniblen Autisten berichtet. Bei mir ist das nicht so. Im Prinzip schon, weil ich das gerne schaffen würde, aber es ist für mich überaus anstrengend, das zu erreichen. Ich stehe meinem Chaos täglich im Kampf gegenüber.

Der Begriff Messie dürfte jedem geläufig sein, jedoch habe ich selbst erfahren müssen, dass dabei weniger die Auslöser betrachtet werden, als das Ausmaß.

„Räum doch mal auf!“ – „Das ist ekelig!“ – „Du bist faul!“ – „Das ist krankhaft!“

Aber wirklich geholfen, hat mir dabei keiner (von den wenigen, die es wussten).

Ich möchte nun die grobe Charakteristik des Syndroms aufzeigen und anhand meiner Erfahrungen/ Gefühle/ Gedanken genauer darauf eingehen. Ich orientiere mich dabei am Wikipedia-Artikel, da er für den Einstieg in das Thema ziemlich gut ist: https://de.wikipedia.org/wiki/Messie-Syndrom

Der Wikipedia-Artikel beginnt, wie folgt:

„Der Begriff Messie-Syndrom bezeichnet schwerwiegende Defizite in der Fähigkeit, die eigene Wohnung ordentlich zu halten und die Alltagsaufgaben zu organisieren; es können ernsthafte seelische Störungen vorliegen. (…)

Die Störung wird auch als Desorganisationsproblematik bezeichnet. (…)“

Weiter heißt es bei der Definition:

„Das Messie-Syndrom ist eine psychische Wertbeimessungsstörung, das heißt Betroffene schätzen Wert und Nutzen verschiedener Dinge anders ein als der Durchschnitt der Bevölkerung. (…)

Einige Messies sammeln nur eine bestimmte Art von Dingen, andere sammeln alles und werfen überhaupt nichts weg, da sie sich nicht davon trennen können.

Teilweise führt dieses Verhalten zu Verwahrlosung und Vermüllung, Schwierigkeiten im sozialen Umgang oder anderen Problemen. Allerdings ist keines dieser Symptome charakteristisch für das Messie-Syndrom. Viele Messies führen nach außen ein völlig normales bürgerliches Leben.“

Symptomatik:

  • Unordentlichkeit bis zu Geruchsbelästigung und hygienischen Problemen
  • zwanghaftem Sammeln wertloser oder verbrauchter Dinge
  • chronischen Problemen mit Zeiteinteilung und Pünktlichkeit
  • „Lähmung“ der Handlungsfähigkeit auch in wichtigen Situationen
  • Versäumen bzw. Nichterledigen (Aufschieben) normaler sozialer Verpflichtungen. (Es kann beispielsweise vorkommen, dass die gesamte Post – ob Werbung, wichtige Briefe oder Mahnungen – ungeöffnet liegenbleibt.)
  • eingeschränktem sozialem Umgang, den u. a. eine oft extrem unordentliche Wohnung mit hervorruft
  • Hilflosigkeit unter dem Druck des Chaos

(…)

Die Betroffenen sind meistens unfähig, den realen Wert dieser Gegenstände einzuschätzen und zwischen wichtig und unwichtig, brauchbar und unbrauchbar zu unterscheiden. Oft sehen sie die Irrationalität ihres Hortens zwar ein, sind aber nicht in der Lage, der Einsicht entsprechend zu handeln.

(…)

Darüber hinaus haben Messies häufig Schwierigkeiten, Prioritäten zu setzen, Notwendiges zu erledigen und ihre Handlungen gemäß eigener Zielsetzungen effektiv zu steuern. Insbesondere die Umsetzung geplanter Handlungen, die nicht aktuell befriedigend sind, fällt ihnen schwer, ebenso eine aufgabengerechte Zeiteinteilung. Ähnlich wie bei einer Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) sind also die sogenannten exekutiven Funktionen gestört.

Auch haben Messies oft das Problem, dass sie sich voller Elan in neue Aufgaben stürzen, viel organisieren und letzten Endes dann feststellen, dass sie dieser Aufgabe nicht gewachsen sind. So bleiben viele angefangene Projekte liegen und tragen dazu bei, die Unordnung im Leben zu vergrößern.

Viele Messies schämen sich ihrer Unordnung und leiden darunter. Auch infolge sozialer Isolation halten es viele Betroffene nicht für möglich, dass andere unter denselben Schwierigkeiten leiden. Dies erschwert ihnen häufig, ihr Problem zu erkennen und Hilfe zu suchen. Nach außen sind Messies meistens unauffällig. Sie erscheinen oft als offene, optimistische, vielseitige und kreative Menschen. Manchmal haben sie – scheinbar paradox – eine Tendenz zum Perfektionismus.

(…)

Und zuletzt zu den Ursachen:

(…)

Die Ursachen können im „Verlassen-Werden“ von angenehmen Dingen liegen. Jemand, der sich etwas zulegt, einkauft oder von jemandem beschenkt wird, verbindet mit dem erworbenen Besitz eine nicht zu unterschätzende angenehme Erinnerung. Für den Messie, der nie oder selten in seinem Leben Zuneigung oder Bestätigung bekam, ist diese Erinnerung des angenehmen gekauften Besitzes das Einzige, woran er sich klammern kann. Eine Erinnerung, die er nicht wieder verlieren will. So hortet der Messie sie.

(…)

Das Messie-Syndrom kann auch Folge eines Traumas sein, also einer seelischen Verwundung oder eines Schicksalsschlages, die den Betreffenden aus der Bahn warfen. Psychologen sprechen in diesem Zusammenhang von fehlgelaufener Trauerarbeit oder von einer Anpassungsstörung.

(…)

Als Beispiel nun der Verlauf des Syndroms bei mir:

Mein Kinderzimmer hatte ein anderes Ordnungssystem, als es bei anderen Kindern der Fall war. Ich wusste immer, wo etwas ist und hatte die Spielsachen, mit denen ich mich viel beschäftigte immer in „Sichtweite“. Ich erinnere mich daran, dass ich oft traurig war, wenn mein Zimmer aufgeräumt wurde und ich nichts mehr so vorfand, wie ich es verlassen hatte. Manche Dinge fand ich schnell wieder – andere musste ich lange suchen. Beim Kinderarzt sortierte ich immer die Bücher und Spielsachen im Wartezimmer. Meine Mutter erwähnte oft, dass sie das nie verstand. Zuhause unordentlich und wo anders räume ich auf.

Ich selbst war aber nicht „unordentlich“, ich hatte meine „eigene Ordnung“. Quasi ein System im vermeintlichen „Chaos“.

Je älter ich wurde, desto voller wurde mein Zimmer. Es war nicht „überfüllt“. Ich konnte darin spielen, der Boden war (abgesehen unmittelbar vor Wänden) frei. Dennoch drängte meine Mutter mich, endlich Ordnung zu schaffen, was ich nicht tat, da es für mich ja schon ordentlich war.

Irgendwann kamen mir auf dem Weg nach Hause Kinder entgegen, die genau die Spielsachen hatten, die ich auch hatte. Ich realisierte es nicht, sondern freute mich darüber, dass ich genau mit diesen Dingen auch spielen kann. Ein paar Meter weiter realisierte ich dann, dass es nicht nur die gleichen, sondern tatsächlich meine Spielsachen waren! Sie standen in Müllsäcken am Straßenrand. Wie ich darauf reagierte, ob ich rebellierte oder es „schluckte“, weiß ich nicht mehr. Da endet meine Erinnerung.

Im Alter von etwa 14 Jahren bemerkte ich, dass ich meine Mutter aus meinem Zimmer heraushalten kann, wenn es noch unordentlicher wird. Leider fand bei ihr ein „Gewöhnungsprozess“ statt und die Unordnung reichte nicht mehr aus. Somit legte ich nach. Das war aber immernoch „nur“ die Unordnung einer Chaosprinzessin. Keineswegs eines Messies.

Ich schaffte es, immer wieder die Sachen zu ordnen, wenn ich Besuch bekam. Was zugegeben sehr selten war, aber nicht immer zu vermeiden. Mit 16 Jahren hatte ich die ordentlichste Phase meines Lebens. Ich lernte meine erste Liebe kennen. Nach der Trennung artete es zum ersten Mal in Vermüllung aus. Ich konnte nichts aus unserer Zeit wegwerfen. Auch Dinge, die mich während meiner Trauerphase an ihn erinnerten, wurden mit auf mein Zimmer genommen (Zeitungen mit bestimmten Daten, Flyer des Kinos, in dem wir waren etc.).

Zwei Jahre später, nach der Trennung meiner zweiten ernsteren Beziehung (in der Zwischenzeit gab es noch andere Beziehungen, die mich aber emotional nicht so sehr mitgenommen haben), verkroch ich mich auf mein Zimmer. Ich kam nicht mehr heraus, verlor meinen Tag- und Nachtrhythmus. Blieb nachts wach, weil es dann still im Haus war und fuhr morgens mit dem Auto weg, damit meine Eltern nicht merkten, dass ich nicht mehr zur Schule gehe. Ich fuhr auf einen stillen Parkplatz und schlief im Auto, bis die Schule vorbei war. Dann fuhr ich zurück – ging auf mein Zimmer und vegetierte in meinem Chaos. Nachts schlich ich mich nach unten, um neue Getränke- und Essensvorräte zu holen und ließ Geschirr/ Verpackungen etc. in meinem Zimmer, weil ich es so selten wie möglich verlassen konnte/ wollte.

Mit 21 Jahren hatte ich die dritte, sehr schmerzhafte Trennung. Von da an war mir bewusst, dass es kein „normales“ Chaos ist, weil ich gerade nicht die Kraft habe, es anzugehen, sondern tatsächlich das Messie-Syndrom.

Es ist unglaublich viel Scham damit verbunden und ich litt selbst darunter. Ich wollte/ brauchte Ordnung und Struktur, bekam sie aber selbst nicht hin.

Dadurch gab es viele familiäre Probleme, die mich stark belastet haben, weil angenommen wurde, ich mache es absichtlich und in Wahrheit doch vollkommen überfordert und um Hilfe schreiend war.

Heute habe ich es relativ gut im Griff. Ich bin nicht die Ordentlichste, aber es ist meist so, dass ich Besuch empfangen könnte. Es kostet mich immernoch sehr viel Kraft, dem täglichen „Krieg gegen das Chaos“ anzugehen. Es gibt immer wieder Phasen, in denen das Chaos wieder überhand nehmen zu droht, aber ich schaffe es dann, es wieder zu beseitigen, weil ich weiß, wie schwierig es für mich war, aus diesem Kreislauf auszubrechen. Ich habe zu große Angst, dass eines Tages wieder der Punkt erreicht sein könnte, an dem das Chaos für mich zu groß wird.

Ich möchte euch meine effektivste (und kleinste) Herangehensweise nicht vorenthalten:

ich verlasse einen Raum nicht, ohne zu sehen, ob sich etwas in diesem Raum befindet, das ich auf meinem Weg zum nächsten Raum seinem eigentlichen Platz ein Stück näher bringe. Auch habe ich mittlerweile meine „Sammelstellen“ für Gegenstände, die wieder an ihre „alten Plätze“ zurückgebracht werden müssen. Wenn ich dann an diesen Sammelstellen vorbeilaufe, nehme ich es mit. Mir war nicht bewusst, wie viel auf diese Weise aufgeräumt werden kann, ohne dass es ein sonderlicher Mehraufwand ist.

Jedem, dem es ähnlich geht, kann ich nur raten: gehe nicht mit leeren Händen durch die Wohnung/ das Haus. Nutze Wege, die du sowieso laufen musst!

Mangelndes Urvertrauen und sexuelle Verunsicherung – Gedanken einer Autistin

Ich möchte nicht erklären, was Autismus ist und was es nicht ist. Ich schreibe über mich, meine Erfahrungen und MEINEN Autismus. Ich denke, wer diesen Artikel gefunden hat, wird sich schon etwas intensiver mit dem Thema Autismus auseinandergesetzt haben.

Wie ich in meinem vorherigen Post schon angedeutet habe, bin ich als Kind einer schizophrenen Mutter aufgewachsen. Das kann der Auslöser dafür gewesen sein, dass einige meiner autistischen Verhaltensweisen in gewisser Weise verstärkt wurden. In meiner Familie konnte ich einige „Verdachtsautisten“ ausmachen. Somit ist hier eine erbliche „Vorbelastung“ gegeben.

Väterlicherseits sind es „starke Persönlichkeiten“, die trotz Hindernissen ein „normales“ Leben führen können. Mütterlicherseits hingegen kamen fast alle Familienmitglieder ins Straucheln. Haben frühe Traumata erlebt und bis ins Erwachsenenalter (teilweise bis zum Tod), nie festen Boden unter den Füßen gefunden.

Nun trafen in meinem Elternhaus zwei vollkommen verschiedene Welten aufeinander. Mein Vater ist ein unbändiger Optimist und glaubt an das Gute im Menschen. Meine Mutter hingegen kann nicht vertrauen und sieht „Gutes“ nicht, selbst wenn es sich vor ihr offenbart.

Ich fühle mich mit meinem Vater mehr verbunden, weil wir uns sehr ähnlich sind. Ebenso wie er, bin ich Optimistin. Ich versuche immer das Beste aus einer Situation zu machen. Meine Mutter hingegen wählt das geringste Übel.

Vom Prinzip her erreichen wir vielleicht das Gleiche. Ich bin dann aber mit dem erreichten zufrieden, weil ich mein Möglichstes getan habe. Meine Mutter sieht es nur als Enttäuschung, weil ja doch so viel mehr möglich gewesen wäre.

Ich habe als Kind nie angezweifelt, dass meine Mutter „funktioniert“. Sie war eben meine Mutter und aus Sicht eines Kindes muss die Mutter funktionieren.

Zu diesem Zeitpunkt war unser Verhältnis schon deutlich ungewöhnlich, wenn auch noch nicht für Außenstehende sichtbar. Meine Mutter beschäftigte sich mit mir und ich auch mit ihr. Aber es war nie so, wie mit meinem Vater. Mit ihm tobte ich gerne, nahm ihn in den Arm, gab ihm einen Kuss. Das kenne ich von meiner Mutter nicht.

Ich fühlte mich immer etwas befremdlich, wenn ich Trost bei ihr suchte, weil es trotz körperlicher zu keiner emotionalen Nähe kam.

Bis zur Pubertät empfand ich mein Leben als glücklich. Ich eckte nicht so oft an, wurde so genommen, wie ich war, weil ich die gesellschaftlichen Erwartungen an mich noch erfüllen konnte.

Mit Einsetzen der Pubertät wurde ich zunehmend ausgegrenzt und gemobbt. Auch fiel mein Vater für mich als Bezugsperson weg, weil ich nicht mehr wusste, wie ich mich altersentsprechend verhalte. Ich war zu verwirrt über die unterschiedlichen Geschlechterrollen und die Übersexualisierung unserer Gesellschaft. Ich musste früh feststellen, dass ich oft nur als Objekt wahrgenommen wurde. Männer, die meine Oberweite anstarren oder sogar ansprachen, obwohl unser Kontakt nicht so innig war, dass es nach meinem Empfinden angebracht war. Damit kann ich bis heute nicht umgehen. Ich habe für mich einen Weg gefunden, möglichst elegant aus diesen Situationen herauszukommen – was in Anbetracht meiner Ängste und Scham in diesen Momenten eine Höchstleistung bedeutet.

Mit 10 Jahren begannen wohl auch meine Depressionen. Von da an fehlte mir jegliche Nestwärme. Hinzu kam, dass meine Mutter damals einen längeren Aufenthalt in der Psychiatrie hatte, weil sie – nach damaligen Aussagen der Ärzte – eine paranoide Psychose hatte. Darüber sprach aber niemand mit mir. Mir wurde nur gesagt, dass es ihr nicht gut geht und sie in einem Krankenhaus für die Seele ist. Ich könne sie auch nicht besuchen, weil sie sich momentan nicht daran erinnert, dass ich existiere Ich solle mit niemandem darüber reden, weil die Leute das nicht verstehen würden. Mein Vater war damals überfordert und gab mich zu meiner Großmutter mütterlicherseits. Ich wurde nicht gefragt, was meine eigenen Wünsche sind. Wie die Situation für mich am erträglichsten wäre.

Ich war in dieser Situation auf mich allein gestellt.

Mein Vater handelte damals so, wie er es aus seiner Sicht am sinnvollsten war. Dabei realisierte er nicht, dass ich mir der Tragweite der Ereignisse sehr wohl bewusst war. Da ich verängstigt und zutiefst verletzt war, blieb ich still. Zum ersten Mal wurden meine Probleme so groß, dass ich mit jemandem darüber reden wollte. Es wurde mir aber verboten genau das zu tun.

Meine Mutter hatte eine recht gut Beziehung zu der Mutter meiner besten Freundin. Deswegen kam ich den ersten Tag/ die erste Nacht zu ihr. Da ihre Mutter als eine der wenigen eingeweiht war, wusste auch meine Freundin Bescheid und ich vertraute ihr meine Gefühle an.

Am nächsten Tag in der Schule erzählte sie es anderen. Nicht nur aus Unwissenheit über die Konsequenzen, sondern als pure Provokation. Zutiefst entsetzt über diesen Vertrauensbruch, sprach ich sie unter vier Augen darauf an. Sie sagte mir, dass ich sie nerve mit meiner weinerlichen Einstellung. Auch wenn ich damals noch relativ klein war, konnte ich dieses Verhalten in keinster Weise nachvollziehen! Meine Mutter kam erst einen Tag zuvor in die Klinik. Sie hatte mich – ihr eigenes Kind – vergessen und mein Vater hatte mich quasi zu Hause rausgeworfen.

Für diese ganzen Umstände fand ich meine Verfassung noch sehr positiv.

Da ich damals schon gemobbt wurde, nutzten manche die Informationen über meine Mutter aus, um mich gezielt damit zu verletzen. Ich erinnere mich noch an eine Situation vor dem Musikraum. Wir warteten, dass unser Lehrer kam, um aufzuschließen, als manche Klassenkameraden anfingen, mich wegen meiner Mutter aufzuziehen. Ich warnte sie, dass sie damit aufhören sollen. Einer verstand nicht, wie ernst ich es meine und ich wurde energischer. Da er immernoch weiter machte bin ich auf ihn zugestürmt, habe mich vor ihn gestellt (ich war deutlich größer als er) und mit ganz entschlossener Stimme gesagt, dass er damit jetzt sofort aufhört. Es gab ein Raunen und ich wurde von einigen Gesichert fassungslos angesehen. So kannten sie mich nicht. Ich konnte mich ja doch wehren!

Ich hatte Ruhe. Zumindest, was das Thema meiner Mutter betrifft.

Mit meiner ersten Partnerschaft habe ich zum ersten Mal Harmonie und Geborgenheit erlebt. Es war eine sehr intensive (hauptsächlich intellektuelle) Beziehung. Es war, als hätte ich meinen Seelenverwandten gefunden. Unsere Liebe stand unter keinem guten Stern, weil sie die gesellschaftlichen Ansichten sprengte. Ich war noch minderjährig, er deutlich älter.

Er trennte sich von mir, weil er der Meinung war, ich hätte jemanden verdient, der mir ein besseres Leben ermöglichen kann, als es bei ihm der Fall ist. Auch hier wurde ich wieder nicht nach meiner Meinung und meiner Einstellung gefragt.

Ich trauerte sehr lange und verlor den letzten Halt, den ich noch hatte: meinen schulischen Erfolg. Mein Lebensziel änderte sich. Ich wollte unbedingt wieder dieses erfüllende Gefühl spüren, dass ich bei ihm hatte. Wenn ich das nicht finden würde, könnte ich mein Leben nicht genießen.

Ich wurde immer häufiger in kürzer werdenden Abständen enttäuscht. Männer lernte ich kennen, weil sie sich von meinem Äußeren angezogen fühlten. Nicht wegen meiner komplexen Persönlichkeit. Vielleicht noch anfangs, weil ich ganz anders bin, als bisherige Frauen, aber irgendwann sahen sie mich und meine Eigenheiten so abstoßend, dass sie aus meiner Welt flohen und viele Scherben zurückließen.

Ich zweifelte an mir, ob ich liebenswert bin. Bisher hatte das niemand erkannt.

Es begann, dass ich meinen Körper bewusst dafür einsetzte, Nähe zu finden. Eine Möglichkeit zu bekommen, kennengelernt zu werden. Ich schlief sehr schnell mit Männern, weil ich darin die einzige Möglichkeit sah, jemandem näher zu kommen.

Meine Mutter sagte mir ganz deutlich, dass ich eine Schlampe bin, weil ich von einem Bett zum nächsten hüpfe.

Die Erfahrungen, die ich dabei gemacht habe, waren teilweise sehr schlimm für mich. Nach immer weiteren Enttäuschungen war ich soweit, mit Männern zu schlafen, um meine Ruhe zu bekommen. Männer, die zu viel über mich wussten, weil ich zu spät bemerkt habe, dass sie nicht die Richtigen sind. Um keinen neuen Stalker zu haben, gab ich ihnen das, was sie von mir wollten: Sex!

Auch befand ich mich das ein oder andere Mal bei Männern zu Hause, mit denen ich mich vorher schon ein paar Mal öffentlich getroffen hatte und hatte die Situation nicht mehr unter Kontrolle.

Wenn meine Bemühungen, ihn verbal von mir fernzuhalten nicht funktionierten, tat ich das, was sie wollten, weil ich Angst vor körperlicher Gewalt hatte.

Ich belog mich selbst dahingehend, dass ich One-Night-Stands hatte, die in Wahrheit keine ONS waren. Nur so konnte ich das letzte Quäntchen Selbstachtung schützen.

All diese Erfahrungen habe ich nie aus dem Aspekt heraus betrachtet, dass ich auf der Suche nach Vertrauen und Zuneigung war.

Seitdem mir das bewusst ist, betrachte ich meinen Autismus mit anderen Augen, weil sich viele Problematiken dadurch verstärkt haben. Die sexuelle Verunsicherung ist nur ein Aspekt von vielen.

Wer ich bin und wie ich meinen Autismus empfinde

Ich wurde erst mit Mitte 20 diagnostiziert. Bis zu diesem Punkt dachte ich, dass mit mir irgendetwas „nicht stimmt“. Ich konnte aber nie greifen, was mich von anderen unterschied. Mein Wesen mochte ich und war mir sicher, dass ich die Voraussetzungen mitbringe, in der Gesellschaft zu bestehen. Ich bin ehrlich, loyal, aufrichtig, zielstrebig und gewissenhaft. Meine Fähigkeiten konnten auch nicht der Grund sein, warum mir so vieles so enorm schwer fiel: ich bin intelligent, querdenkend, mitfühlend und unkonventionell. Es gab immer Menschen in meinem Leben, die genau das an mir zu schätzen wussten, aber ich polarisierte stark. Entweder ich wurde gehasst oder geliebt. Mir selbst liegt ein schwarz-weiß Denken fern, aber genau so sahen mich andere. Keine Grauzone. Keine Aspekte, die kritisch hinterfragt wurden. Keine weiteren Perspektiven, die in Betracht gezogen wurden. Ich wirke abweisend, also muss ich demzufolge auch so sein. Ich wirke auch viel zu oft „faul“, weil meine eigentlichen Bestrebungen nicht gesehen werden.

Ich wirke „mysteriös“, bin ein stilles Wasser und dennoch tobt in mir eine raue See. Mir wurde sehr oft gesagt, dass stille Wasser tief sind, wenn mich jemand näher kennenlernte.

Das trifft mein Leben bis zur Diagnose sehr gut.

Es war mir nicht möglich, mich einem Menschen so sehr zu öffnen, dass er alle Facetten meiner Persönlichkeit kennenlernte. Nicht meine tiefsten Gedanken erfuhr und auch nicht meine Probleme. Ich verstand mich selbst nicht, wie sollte ich also erwarten, dass es jemand anderes tut?

Diese Zurückhaltung und tiefe Verunsicherung ist bei mir nicht angeboren, weil es eine starke Veränderung in meinem Verhalten gab. Mit Eintritt der Pubertät wurde aus meiner „glücklichen Realität“ allmählich traurige Gewissheit, dass ich „alleine“ bin. So sehr ich mich auch bemühte, immer wieder mein Herz zu öffnen und Menschen hereinzulassen, wurde ich dennoch erneut enttäuscht. Es wurde zu einer „Frage der Zeit“, bis jemand beginnt, mich zu hassen.

Mit zunehmenden Selbstzweifeln wurde ich stiller. Ich hatte Angst, verstoßen zu werden oder in einen Streit zu geraten, dem ich nicht gewachsen bin.

Das Gefühl, nicht in diese Welt zu gehören und unsichtbare Defizite den anderen gegenüber zu haben, ließ mich straucheln. Ich zog mich zurück, lebte mein Leben ein Stück weit nur in meinen Gedanken aus. Stellte mir meine Zukunft vor, wie ich sie für mich wünsche und gewann Kraft aus diesen Vorstellungen. Kraft, um weiterzumachen, nicht aufzugeben und zu hoffen, dass es eines Tages besser wird. Es ist fast 2 Jahrzehnte her, dass ich allmählich die Kontrolle über mein Leben verlor und nur mit kleinen Schritten voran kam. Mein „Tempo“ reichte dabei nicht aus, um neue Rückschläge zu verarbeiten. Erst mit meiner Diagnose und der Auseinandersetzung mit Autismus, konnte ich neues Vertrauen in mich gewinnen und effektiv an meinem Leben arbeiten. Meine Wunden, die über fast 20 Jahre hinweg immer zahlreicher wurden, konnte ich noch nicht alle verheilen.

Erst vor Kurzem wurde mir bewusst, dass meine Narben mir in gewisser Weise in die Wiege gelegt wurden. Sie sind nicht angeboren und dennoch schon sehr früh entstanden.

Letztes Jahr fand ich heraus, dass meine Mutter seit langer Zeit schizophren ist. Das stellte meine „Weltanschauung“ nach der Auseinandersetzung mit Autismus erneut auf den Kopf. Ich habe sie immer als meine Mutter betrachtet – so, wie sie ist. Mit ihren Ecken und Kanten. Dabei habe ich ihr auf meine Weise vertraut. In dem Sinne vertraut, dass ich davon ausging, sie sei „normal“ und hätte ihr Leben unter Kontrolle. Dass ich mein Leben nicht unter Kontrolle hatte, war für andere ab einem gewissen Punkt sichtbar. Bei meiner Mutter habe ich so etwas nie beobachten können oder wahrgenommen.

Nachdem ich zum ersten mal in psychiatrischer Behandlung war, sagte mir die Therapeutin, dass meine Schutzmechanismen so groß sind, dass ich anderen Menschen gar nicht erst die Möglichkeit gebe, mich kennenzulernen. Ich sei zu misstrauisch und stelle illusorische Ansprüche an meine Mitmenschen. So naiv und froh wie ich war, endlich Hilfe und Unterstützung zu bekommen, vertraute ich auf ihre fachliche Kompetenz.

Ich wurde offener, ließ Menschen an mich heran, vor denen mich mein Bauchgefühl warnte und wurde noch heftiger enttäuscht, als zuvor. In mir kamen Zweifel auf, was für eine schreckliche Person ich sein muss, wenn selbst diese Menschen nichts liebenswertes in mir erkennen können. Menschen, die ebenso wie ich, stark polarisieren und auf der Suche nach Freundschaft/ Beziehungen sind. Rückwirkend betrachtet, hatten alle Personen, die ich an mich heranließ, ähnliche Probleme, wie ich. Sie strauchelten durchs Leben. Anders als ich, das gebe ich zu, aber augenscheinlich sehr ähnliche Charaktere. Ich investierte viel Zeit, Energie und Herz in meine Freundschaften. Stand ihnen zur Seite, wenn es Probleme gab und versuchte mit meinem rationalen Denken neue Lösungswege aufzuzeigen. Obwohl sie mich eigentlich besser hätten kennen müssen, kam der Punkt, dass sie in mir eine „Verrückte“ sahen. Zwiegespalten zwischen Nähe und Distanz. Ich brauche menschliche Nähe und ich brauche auch Vertrauen, aber ich brauche sehr viel Zeit zum Ich-Sein. Momente der Ruhe und des Loslösens in meine Gedankenwelt.

Meine Mechanismen zur Bewältigung von Trauer mögen auf andere martialisch wirken, weil ich mit „voller Energie“ in depressive Stimmungen stürze. Das ist nicht immer ein automatischer Prozess, sondern von mir bewusst hervorgerufen. Ich verstehe oft die Tragweite menschlichen Verhaltens nicht. So sehe ich nach einer Trennung nur die Trennung als solche. WIE die Trennung mein Leben beeinflusst, kommt häppchenweise und drückt mich für lange Zeit nach unten. Wenn ich diesen Prozess bewusst hervorrufe, kann ich solche Erlebnisse besser einordnen und mir über meine eigenen Gefühle bewusst werden. In diesen Phasen höre ich traurige Balladen, sehe Fotos der entsprechenden Zeit an und schreibe über meine „verlorenen“ Hoffnungen. Ich erlebe die Trauer und Erinnerungen dann quasi im „Schnelldurchlauf“. Sobald ich sie verstanden habe, kann ich mit ihr rational umgehen und meine emotionale Seite „schützen“. Mir sagte neulich jemand dazu: „In tragedy is beauty!“

Es stimmt (leider), denn nur mit depressiver Stimmung kann ich mein Leben „ordnen“ und bin paradoxerweise produktiver, als in besseren Phasen. Produktiver auf geistiger Ebene. Um mich herum bleibt dann alles liegen, aber ich finde wieder zu mir.

Bis vor Kurzem war mir nicht bewusst, wie gestört die Bindung zu meiner Mutter ist und es auch schon sehr früh war. Erst seit letztem Jahr habe ich die Möglichkeit, das Verhalten meiner Mutter allmählich zu verstehen und nachzuvollziehen. Es gab Zeiten, da haben wir uns gehasst und es gab auch Zeiten, in denen unser Verhältnis besser war (erst nach dem Rat, ich solle anderen Menschen gegenüber nicht so misstrauisch sein). Meine Bezugsperson war mein Vater. Wenn er in der Nähe war, war meine Mutter wie Luft für mich. Es gab dann nur ihn und mich. Lange Zeit litt ich darunter, weil ich meiner Mutter deswegen viel Schmerz zugefügt habe. Heute verstehe ich, dass sie es selbst mit ausgelöst hat (bzw. die Schizophrenie). Es macht mich traurig, wie sehr meine Mutter wohl unter ihren Einschränkungen leidet. Ich weiß, dass ich ein Wunschkind war und sie lange auf mich warten musste. Als ich dann aber zur Welt kam, war ich „langweilig“. Ich schlief viel, verpasste meine Mahlzeiten und „von meiner Sorte“ hätte sie vier Kinder parallel versorgen können. Mein Wesen unterforderte sie so sehr, dass sie ihren Chef anflehte, wieder arbeiten zu dürfen. Wenn auch nur für ein paar Stunden in der Woche. Das sind Aussagen meiner Mutter – das habe ich mir nicht „zusammengedichtet“.

Wenn ich ein Kind bekommen würde, wäre ich glücklich – ganz egal welches Wesen es hat. Ich würde so viel Zeit mit ihm verbringen, wie es mir möglich ist. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es mich unzufrieden stimmen würde, wenn mein Baby auf meinem Arm schläft und ich es dabei eng an meinen Körper halte. Ich bin harmoniesüchtig und was ist harmonischer als die frühkindliche Beziehung einer Mutter zu ihrem Baby?

Meine Eltern arbeiteten vor meiner Geburt beide im Schichtdienst. Meine Mutter wechselte ihre Stelle und hatte nur noch Frühdienste, um sich um mich zu kümmern. Somit habe ich viel Zeit mit ihr verbracht, aber irgendwie auch nicht. Meine frühesten Erinnerungen zeigen mir, dass wir schon damals aneinander vorbeilebten. Sie war zwar da und auch für mich ansprechbar, aber sie hat sich nicht mit mir „befasst“. Nach außen hin wirkte sie als umsorgende Mutter, die viel mit ihrem Kind unternimmt. Für mich war sie aber immer irgendwie „fremd“. Bis heute weiß ich nicht sehr viel über sie und ihr Leben. Ich weiß nur das über sie, was ich selbst beobachtet/ erfahren habe.

Mir ist erst jetzt bewusst geworden, wie sehr diese gestörte Bindung mein Leben beeinflusst hat. Ich wäre ohne diese Erfahrungen nicht weniger Autistin, aber vermutlich eine vollkommen andere.

Darüber möchte ich hier im Blog schreiben. Zum Einen, um mich selbst besser kennenzulernen und anderen mit ähnlichen Erfahrungen dadurch vielleicht helfe und zum Anderen, um einen Austausch zum Thema zu führen. Wobei mein Austausch wohl eher passiv sein wird. Ich mache mir Gedanken über Kommentare und beziehe sie in meine Sichtweise mit ein, aber manchmal sind keine Kapazitäten im Gehirn mehr frei, um eine passende Antwort zu verfassen. Das ist keineswegs böswillig gemeint, sondern eine meiner persönlichen Einschränkungen.