Wer ich bin und wie ich meinen Autismus empfinde

Ich wurde erst mit Mitte 20 diagnostiziert. Bis zu diesem Punkt dachte ich, dass mit mir irgendetwas „nicht stimmt“. Ich konnte aber nie greifen, was mich von anderen unterschied. Mein Wesen mochte ich und war mir sicher, dass ich die Voraussetzungen mitbringe, in der Gesellschaft zu bestehen. Ich bin ehrlich, loyal, aufrichtig, zielstrebig und gewissenhaft. Meine Fähigkeiten konnten auch nicht der Grund sein, warum mir so vieles so enorm schwer fiel: ich bin intelligent, querdenkend, mitfühlend und unkonventionell. Es gab immer Menschen in meinem Leben, die genau das an mir zu schätzen wussten, aber ich polarisierte stark. Entweder ich wurde gehasst oder geliebt. Mir selbst liegt ein schwarz-weiß Denken fern, aber genau so sahen mich andere. Keine Grauzone. Keine Aspekte, die kritisch hinterfragt wurden. Keine weiteren Perspektiven, die in Betracht gezogen wurden. Ich wirke abweisend, also muss ich demzufolge auch so sein. Ich wirke auch viel zu oft „faul“, weil meine eigentlichen Bestrebungen nicht gesehen werden.

Ich wirke „mysteriös“, bin ein stilles Wasser und dennoch tobt in mir eine raue See. Mir wurde sehr oft gesagt, dass stille Wasser tief sind, wenn mich jemand näher kennenlernte.

Das trifft mein Leben bis zur Diagnose sehr gut.

Es war mir nicht möglich, mich einem Menschen so sehr zu öffnen, dass er alle Facetten meiner Persönlichkeit kennenlernte. Nicht meine tiefsten Gedanken erfuhr und auch nicht meine Probleme. Ich verstand mich selbst nicht, wie sollte ich also erwarten, dass es jemand anderes tut?

Diese Zurückhaltung und tiefe Verunsicherung ist bei mir nicht angeboren, weil es eine starke Veränderung in meinem Verhalten gab. Mit Eintritt der Pubertät wurde aus meiner „glücklichen Realität“ allmählich traurige Gewissheit, dass ich „alleine“ bin. So sehr ich mich auch bemühte, immer wieder mein Herz zu öffnen und Menschen hereinzulassen, wurde ich dennoch erneut enttäuscht. Es wurde zu einer „Frage der Zeit“, bis jemand beginnt, mich zu hassen.

Mit zunehmenden Selbstzweifeln wurde ich stiller. Ich hatte Angst, verstoßen zu werden oder in einen Streit zu geraten, dem ich nicht gewachsen bin.

Das Gefühl, nicht in diese Welt zu gehören und unsichtbare Defizite den anderen gegenüber zu haben, ließ mich straucheln. Ich zog mich zurück, lebte mein Leben ein Stück weit nur in meinen Gedanken aus. Stellte mir meine Zukunft vor, wie ich sie für mich wünsche und gewann Kraft aus diesen Vorstellungen. Kraft, um weiterzumachen, nicht aufzugeben und zu hoffen, dass es eines Tages besser wird. Es ist fast 2 Jahrzehnte her, dass ich allmählich die Kontrolle über mein Leben verlor und nur mit kleinen Schritten voran kam. Mein „Tempo“ reichte dabei nicht aus, um neue Rückschläge zu verarbeiten. Erst mit meiner Diagnose und der Auseinandersetzung mit Autismus, konnte ich neues Vertrauen in mich gewinnen und effektiv an meinem Leben arbeiten. Meine Wunden, die über fast 20 Jahre hinweg immer zahlreicher wurden, konnte ich noch nicht alle verheilen.

Erst vor Kurzem wurde mir bewusst, dass meine Narben mir in gewisser Weise in die Wiege gelegt wurden. Sie sind nicht angeboren und dennoch schon sehr früh entstanden.

Letztes Jahr fand ich heraus, dass meine Mutter seit langer Zeit schizophren ist. Das stellte meine „Weltanschauung“ nach der Auseinandersetzung mit Autismus erneut auf den Kopf. Ich habe sie immer als meine Mutter betrachtet – so, wie sie ist. Mit ihren Ecken und Kanten. Dabei habe ich ihr auf meine Weise vertraut. In dem Sinne vertraut, dass ich davon ausging, sie sei „normal“ und hätte ihr Leben unter Kontrolle. Dass ich mein Leben nicht unter Kontrolle hatte, war für andere ab einem gewissen Punkt sichtbar. Bei meiner Mutter habe ich so etwas nie beobachten können oder wahrgenommen.

Nachdem ich zum ersten mal in psychiatrischer Behandlung war, sagte mir die Therapeutin, dass meine Schutzmechanismen so groß sind, dass ich anderen Menschen gar nicht erst die Möglichkeit gebe, mich kennenzulernen. Ich sei zu misstrauisch und stelle illusorische Ansprüche an meine Mitmenschen. So naiv und froh wie ich war, endlich Hilfe und Unterstützung zu bekommen, vertraute ich auf ihre fachliche Kompetenz.

Ich wurde offener, ließ Menschen an mich heran, vor denen mich mein Bauchgefühl warnte und wurde noch heftiger enttäuscht, als zuvor. In mir kamen Zweifel auf, was für eine schreckliche Person ich sein muss, wenn selbst diese Menschen nichts liebenswertes in mir erkennen können. Menschen, die ebenso wie ich, stark polarisieren und auf der Suche nach Freundschaft/ Beziehungen sind. Rückwirkend betrachtet, hatten alle Personen, die ich an mich heranließ, ähnliche Probleme, wie ich. Sie strauchelten durchs Leben. Anders als ich, das gebe ich zu, aber augenscheinlich sehr ähnliche Charaktere. Ich investierte viel Zeit, Energie und Herz in meine Freundschaften. Stand ihnen zur Seite, wenn es Probleme gab und versuchte mit meinem rationalen Denken neue Lösungswege aufzuzeigen. Obwohl sie mich eigentlich besser hätten kennen müssen, kam der Punkt, dass sie in mir eine „Verrückte“ sahen. Zwiegespalten zwischen Nähe und Distanz. Ich brauche menschliche Nähe und ich brauche auch Vertrauen, aber ich brauche sehr viel Zeit zum Ich-Sein. Momente der Ruhe und des Loslösens in meine Gedankenwelt.

Meine Mechanismen zur Bewältigung von Trauer mögen auf andere martialisch wirken, weil ich mit „voller Energie“ in depressive Stimmungen stürze. Das ist nicht immer ein automatischer Prozess, sondern von mir bewusst hervorgerufen. Ich verstehe oft die Tragweite menschlichen Verhaltens nicht. So sehe ich nach einer Trennung nur die Trennung als solche. WIE die Trennung mein Leben beeinflusst, kommt häppchenweise und drückt mich für lange Zeit nach unten. Wenn ich diesen Prozess bewusst hervorrufe, kann ich solche Erlebnisse besser einordnen und mir über meine eigenen Gefühle bewusst werden. In diesen Phasen höre ich traurige Balladen, sehe Fotos der entsprechenden Zeit an und schreibe über meine „verlorenen“ Hoffnungen. Ich erlebe die Trauer und Erinnerungen dann quasi im „Schnelldurchlauf“. Sobald ich sie verstanden habe, kann ich mit ihr rational umgehen und meine emotionale Seite „schützen“. Mir sagte neulich jemand dazu: „In tragedy is beauty!“

Es stimmt (leider), denn nur mit depressiver Stimmung kann ich mein Leben „ordnen“ und bin paradoxerweise produktiver, als in besseren Phasen. Produktiver auf geistiger Ebene. Um mich herum bleibt dann alles liegen, aber ich finde wieder zu mir.

Bis vor Kurzem war mir nicht bewusst, wie gestört die Bindung zu meiner Mutter ist und es auch schon sehr früh war. Erst seit letztem Jahr habe ich die Möglichkeit, das Verhalten meiner Mutter allmählich zu verstehen und nachzuvollziehen. Es gab Zeiten, da haben wir uns gehasst und es gab auch Zeiten, in denen unser Verhältnis besser war (erst nach dem Rat, ich solle anderen Menschen gegenüber nicht so misstrauisch sein). Meine Bezugsperson war mein Vater. Wenn er in der Nähe war, war meine Mutter wie Luft für mich. Es gab dann nur ihn und mich. Lange Zeit litt ich darunter, weil ich meiner Mutter deswegen viel Schmerz zugefügt habe. Heute verstehe ich, dass sie es selbst mit ausgelöst hat (bzw. die Schizophrenie). Es macht mich traurig, wie sehr meine Mutter wohl unter ihren Einschränkungen leidet. Ich weiß, dass ich ein Wunschkind war und sie lange auf mich warten musste. Als ich dann aber zur Welt kam, war ich „langweilig“. Ich schlief viel, verpasste meine Mahlzeiten und „von meiner Sorte“ hätte sie vier Kinder parallel versorgen können. Mein Wesen unterforderte sie so sehr, dass sie ihren Chef anflehte, wieder arbeiten zu dürfen. Wenn auch nur für ein paar Stunden in der Woche. Das sind Aussagen meiner Mutter – das habe ich mir nicht „zusammengedichtet“.

Wenn ich ein Kind bekommen würde, wäre ich glücklich – ganz egal welches Wesen es hat. Ich würde so viel Zeit mit ihm verbringen, wie es mir möglich ist. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es mich unzufrieden stimmen würde, wenn mein Baby auf meinem Arm schläft und ich es dabei eng an meinen Körper halte. Ich bin harmoniesüchtig und was ist harmonischer als die frühkindliche Beziehung einer Mutter zu ihrem Baby?

Meine Eltern arbeiteten vor meiner Geburt beide im Schichtdienst. Meine Mutter wechselte ihre Stelle und hatte nur noch Frühdienste, um sich um mich zu kümmern. Somit habe ich viel Zeit mit ihr verbracht, aber irgendwie auch nicht. Meine frühesten Erinnerungen zeigen mir, dass wir schon damals aneinander vorbeilebten. Sie war zwar da und auch für mich ansprechbar, aber sie hat sich nicht mit mir „befasst“. Nach außen hin wirkte sie als umsorgende Mutter, die viel mit ihrem Kind unternimmt. Für mich war sie aber immer irgendwie „fremd“. Bis heute weiß ich nicht sehr viel über sie und ihr Leben. Ich weiß nur das über sie, was ich selbst beobachtet/ erfahren habe.

Mir ist erst jetzt bewusst geworden, wie sehr diese gestörte Bindung mein Leben beeinflusst hat. Ich wäre ohne diese Erfahrungen nicht weniger Autistin, aber vermutlich eine vollkommen andere.

Darüber möchte ich hier im Blog schreiben. Zum Einen, um mich selbst besser kennenzulernen und anderen mit ähnlichen Erfahrungen dadurch vielleicht helfe und zum Anderen, um einen Austausch zum Thema zu führen. Wobei mein Austausch wohl eher passiv sein wird. Ich mache mir Gedanken über Kommentare und beziehe sie in meine Sichtweise mit ein, aber manchmal sind keine Kapazitäten im Gehirn mehr frei, um eine passende Antwort zu verfassen. Das ist keineswegs böswillig gemeint, sondern eine meiner persönlichen Einschränkungen.

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1 Kommentar

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