Über „mal eben“ telefonieren

Ich möchte heute mal- aus aktuellem Anlass- über das Telefonieren schreiben.

Vielleicht kennt das ja auch der eine oder andere…

Mal eben irgendwo anrufen ist ne Sache, die mich jetzt mehrere Wochen beschäftigt hat.

Ich musste/ sollte mal eben irgendwo anrufen.

Ich selber rufe (abgesehen von meiner Freundin) vielleicht einmal im Jahr irgendwo an. Ich hasse telefonieren- und zwar wie die Pest.

Wenn es irgendwie möglich ist, erledige ich alles schriftlich.

Ist ja für die meisten Leute schön und praktisch, dass das Telefon erfunden wurde, aber irgendwie ist Telefonieren für mich eine Kommunikationsdisziplin, die mir eher auf den Magen schlägt, als dass ich mich an ihr erfreuen kann.

Jedes Mal aufs Neue.

Ich hab zwar auch eins, ein Handy. Uralt. Und das dient mir hervorragend als Wecker.

Aber wehe, das Ding klingelt außer zum Wecken….und es zeigt nicht die Nummer meiner Freundin an.

Wenn einfach so das Telefon klingelt, und es ist nicht meine Freundin, dann heißt das eigentlich fast immer, es ist was „Offizielles“.

Ich habe keine Angst vor „offiziellen“ Sachen, aber ich empfinde das Telefonklingeln ohne Voranmeldung wie einen Einbruch in meinen innersten Raum… wirklich wie einen Einbruch…so als stünde der am anderen Ende bereits mit einem Fuß in der Tür.

Am besten noch morgens… vor oder während meiner Routinen. Prima… dann kann es sein, dass der halbe Tag kippt.

In solchen Situationen greif ich dann auch gerne mal zu Strategien,  über die ich im Nachhinein selber den Kopf schüttele, wie zum Beispiel viele Kissen über das Handy türmen  oder es in den Kühlschrank legen und die Küchentür zu machen, bis das Klingeln endlich vorbei ist.

Man könnte ja auch einfach ran gehen… theoretisch.

Und ich denke mal, das tun auch die meisten Menschen.

Ich kann das auch…aber nur in Ausnahmesituationen. Also in Situationen, die für mich wirklich extrem wichtig sind.

Wie zum Beispiel letztes Jahr, als mein Kater plötzlich verschwand und ich die ganze Stadt mit Suchmeldungen gepflastert hatte. Da bin ich innerhalb von vier Wochen über 100 Mal ans Telefon gerannt und hab sofort und ohne zu zögern abgehoben.

Aber so im Alltag…?

Da ist es irgendwie schon ganz anders.

Da schleich ich erst mal um das Telefon herum, als wär das Ding gefährlich.

Wenn angezeigt wird, wer sich da in meinen „Film“ klingelt, dann fange ich an, darüber nachzudenken, was ich mit demjenigen sprechen werde, wenn er ein weiteres Mal anruft und „übe“ quasi für mich dieses Gespräch, damit ich mir wenigstens über die Basics keine Gedanken machen muss. So kann ich mich auf das bevorstehende Gespräch einstellen.

Wenn nur eine Nummer angezeigt wird und ich den anderen Gesprächsteilnehmer nicht kenne, wird es dann für mich schon schwieriger, mich auf das Gespräch zu konzentrieren.

Meistens vergesse ich während des Telefonats schon wieder, mit welchem Namen die Person an der anderen Seite der Leitung sich gemeldet hat sowie auch irgendwelche Einzelheiten , wenn ich es nicht sofort während des Telefonats aufschreibe.

Ich bin die meiste Zeit des Telefongesprächs so damit beschäftigt mich zu fragen, ob die Person an der anderen Seite jetzt gerade nur Luft holt oder eine Pause macht, ob ich jetzt sprechen soll und wie lange und was irgendwelche Geräusche zu bedeuten haben, die ich da noch so aus dem Telefon höre, dass das eigentliche Gespräch zur Nebensache wird.

Hinterher rege ich mich meistens über mich selber auf, weil ich dann oft das Gefühl habe, ich hätte mich total ungeschickt und gehemmt formuliert und meine Sätze mit  lauter „ ähhhm, öhhhm“ und ähnlichen Lauten gespickt oder hätte ewig gebraucht, um auf den Punkt zu kommen oder etwas zu erklären.

Und spiele das Telefonat wieder und wieder durch.

Und mir fallen plötzlich massenweise bessere, elegantere, treffendere Sätze ein, die ich hätte sagen können. Das bringt mich dann in dem Moment in totale Unruhe.

Und dann hab ich das Gefühl, ich hab mich in dem Gespräch verhalten wie der letzte Idiot.

Auf die Idee, dass das Gespräch vielleicht für den anderen völlig „normal“ und ausreichend gewesen ist, komme ich meistens erst mit ziemlicher Verzögerung und nachdem ich mich ausgiebig über mich selbst aufgeregt habe.

Jetzt ist es aber so, dass ich „mal eben“ bei jemandem anrufen musste/ wollte.

Und zwar bei einer Fachärztin für psychosomatische Medizin.

Wochenlang habe ich mir jetzt den Kopf zermürbt, wie ich der Frau erklären soll, was ich von ihr will, ohne dass sie mich gleich für eine total Irre hält.

Wochenlang hab ich dieses Telefonat jetzt vor mir hergeschoben, es immer wieder neu im Kopf vorbereitet und mir Gedanken über alles Mögliche gemacht. Ich war schon kurz davor, es ganz bleiben zu lassen.

Letzten Endes hab ich dann tatsächlich „mal eben“ da angerufen- nach 6 Wochen oder so. Und hatte nach 2 Minuten einen Termin und das Gespräch war vorbei.

Die ganzen Stunden, die ich im Vorfeld mit Gedanken über dieses Telefonat verbracht habe, hätte ich mir auch sparen können.

Das weiß ich jetzt. Jetzt im Moment.

Das heißt aber nicht, dass es beim nächsten Mal anders wird, wenn ich „mal eben“ irgendwo anrufen muss.

 

 

 

 

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5 Kommentare

  1. Bei mir ist’s nicht ganz so schlimm, auch wenn ich telefonieren ebenso wenig mag. Briefe schreiben ist für mich schlimmer, das dauert auch Stunden, wenn ich mich mal überwunden konnte.
    Besser aber auch nicht ohne ist Emails schreiben, da ist es mehr oder weniger normal, wenn man sich kurz fasst.

    Gefällt 1 Person

  2. Es gibt zur Telefoniererei ja den blöden Witz:
    Fragt der Mann seine Frau, die sonst Dauertelefoniererin ist: „Was war los, heute dauerte dein Gespräch ja nur eine Viertelstunde?“ Antwortet die Frau: „Ach, war falsch verbunden.“
    Das ist wohl nur unter NTs möglich.
    Es sei denn, zwei Autisten telefonieren miteinander …

    Gefällt 2 Personen

    • Ich kann Dir versichern – auch Autisten können lange miteinander telefonieren. Man muss sich dann nämlich keine Gedanken darum machen, wann und was man sagt, sofern gegenseitig Klarheit herrscht, dass man damit Probleme hat. Dann ist das ziemlich ungezwungen, und man kann über tiefsinnige Dinge reden.

      Die Telphobie habe ich auch. Behörden sowieso, ein Anliegen haben, wie formulieren. Aber auch ein Hotelzimmer buchen oder in einer Berghütte nachfragen, ob noch Platz ist und so. Ich hab schon unzählige Urlaubstage „vergeudet“, weil ich mich nicht dazu durchringen konnte, was fix zu buchen. Das wird nur langsam besser. Aber es wird …

      Gefällt 1 Person

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