Wenn Worte meine Sprache wären…

…singt Tim Bendzko. Ich musste googeln, von wem das Songzitat stammt. Habe ich wohl in irgendeiner TV-Werbung aufgeschnappt. Da es aber eh nicht meine Musik ist, habe ich mich nicht weiter damit beschäftigt. Ich erinnere mich nur an die sich penetrant wiederholende Werbung.

Darum soll es in diesem Text aber gar nicht gehen. Weder um Herr Bendzko, noch um Musik…sondern um Worte. Nur wenige Sätze würde ich für mich unterschreiben, wie den Titelsatz des Beitrags. Der passt wie die Faust aufs Auge.

Worte sind nämlich nicht meine Sprache, jedenfalls nicht in verbaler Hinsicht. In meinem Kopf sieht es jedoch ganz anders aus. Ein Außenstehender würde es am ehesten als wortfaul, wortkarg bezeichnen. Ich gehe lieber zum Selbstbedienungs-Bäcker als zur „normalen“ Bäckerei, wenn ich die Möglichkeit habe – weil ich dort weniger kommunizieren muss. Kleine Bekleidungsgeschäfte, bei denen man sofort nach dem Betreten des Ladens angequatscht wird, meide ich wie die Pest. Genauso wie das klingelnde Telefon. Und smalltalkende Nachbarn. Man kann so viele Worte verschwenden. Um den heißen Brei herumreden. „Viel Lärm um nichts“ (nach Shakespeare) machen. Ich schweige lieber und sage nur das, was ich für wirklich wichtig halte.

Es gibt durchaus Autisten, die vor Worten nur so sprudeln. Vor allem, wenn es um ihre Spezialinteressen geht. Das kenne ich auch, jedoch nur in schriftlicher Form. Hin und wieder habe ich mir als Kind gewünscht, von Geburt an stumm zu sein. Wie schön wäre es, nicht dem gesellschaftlichen Zwang zu unterliegen, mit Menschen (verbal) zu sprechen, um nicht als verschroben zu gelten. In sozialen Situationen ist immer viel zu wenig Zeit, die richtigen Worte zu formen, die das ausdrücken, was ich wirklich sagen möchte. Und nicht nur so ungefähr. Kommunikation in schriftlicher Form -mit Familie und Freunden- ist für mich jedoch überlebensnotwendig. So wie das Lesen – ich habe schon als Kind Bücher verschlungen.

Wenn ich mir eine Sprache aussuchen könnte, wäre es Musik. Musik ist für mich ein wichtiges Kommunikationsmittel, mit dem ich Gefühle ausdrücken und transportieren kann. Mit Hilfe von Sprache ist es für mich kaum möglich.

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Über Fachärzte und Schubladen

Traveler Digital Camera

Ich bin jetzt erst mal wieder geheilt!
Und zwar von Fachärzten.

Es ist so:
Da ich ja schon ne verhältnismäßig „alte Schachtel“ (bald 50) bin und weder für mich noch für meine Umgebung eine Gefahr darstelle, interessiert da draußen niemanden, was ich mach und wie es mir geht. Ich tu ja keinem was.
Eigentlich bin ich auch ganz froh darum, wenn ich einfach meine Ruhe hab und leben kann, wie ich es will und brauche und so sein kann, wie ich bin. So soll es ja auch eigentlich sein, ne?
Das war aber nicht immer so.
Blöderweise komm ich aus ner Generation , in der Asperger Autismus noch gar kein THEMA war, weil es „SOWAS“ damals einfach noch nicht gab.

Man darf nämlich nicht vergessen, dass das Asperger-Syndrom erst 1991 in das medizinische Klassifikationssystem ICD der Weltgesundheitsorganisation aufgenommen wurde und im Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (DSM), dem Klassifikationssystem der American Psychiatric Association, sogar erst seit 1994 erscheint.

Das heißt aber nicht, dass es vorher noch keine Asperger gab, bzw. Menschen mit ASS (Autismus Spektrum Störungen)- wie es heute heißt.
Ich weiß nicht- ich kann mich mit der Bezeichnung ASS einfach nicht anfreunden. Die ist mir zu widersinnig. Und zu NT, denn „gestört“ ist unser Spektrum für uns ja nicht. Aber das ist wieder ein anderes Thema und hat wohl eher was mit unserem Hang dazu, alles „wortwörtlich“ zu verstehen, zu tun.

Naja, wieder zurück zum Thema…

War man damals „verhaltensauffällig“ oder „schwer erziehbar“, wurde eben nach damaligem Wissensstand an einem „herum- ge-doktort“.
Und wie die meisten anderen Spätdiagnostizierten bin ich auch irgendwann in die Diagnose- Spirale geraten , von der aus sich dann ein Diagnose- Marathon entwickelt hat, in dem es alle paar Jahre eine neue Erkenntnis seitens der „Fachwelt“ gab…und natürlich ne neue Diagnose, ne neue Persönlichkeitsstörung und lustige, bunte Pillen.
Ich denke, das kennen viele von den Älteren.
Auf die Idee, man könnte einfach ein „anderes“ Gehirn haben, kam eben damals noch KEINER.

Aufgrund meiner Erfahrungen, die ich im Alter von 16 bis etwa 30 mit Psychiatern und Psychologen hatte, hab ich mir in den letzten Jahren eher angewöhnt, einen Bogen um Fachärzte zu machen, zumal ich hier in einer ziemlich hinterweltlerischen Gegend leb, in der Fachärzte ohnehin rar gesät sind und wo man von AUTISMUS noch immer ein ziemlich beschränktes Bild hat.
Ich habe das Glück, dass ich wirklich einen Super- Hausarzt habe. Bei meinem Hausarzt bin ich schon über zehn Jahre in Behandlung und der kennt mich mittlerweile sehr gut und weiß auch ziemlich genau, wie ich ticke. Und da ich alle 2 Wochen in die Praxis gehe, hat der gute Mann mich im Laufe der ganze Jahre schon in wirklich beinahe allen möglichen Phasen und Zuständen erlebt und ist auch über sämtliche (teilweise Fehl-) Diagnosen aus der Vergangenheit im Bilde. Er versteht sich als Dienstleister am Menschen und hilft, wo er nur kann- auch bei Projekten außerhalb der Praxis. Außerdem hat er ein ganz feines Gefühl für Stimmungen und eine extrem gute Beobachtungs- Gabe.
Also kurz- ein Glückstreffer. So was begegnet einem nicht überall. Und ohne solche Menschen wären wir hier in der Prärie verloren.
Dieser Mann wird auf jeden Fall nach seinem Tod sofort im Himmel für gute Ärzte landen- sofern es den gibt- da bin ich mir vollkommen sicher.

Komm ich zu meinem Arzt in die Praxis, fragt er nicht der Höflichkeit halber „Wie geht es Ihnen?“, sondern er „scannt“ mich kurz von Kopf bis Fuß ab… und meistens erahnt er ziemlich zielsicher, wie es grade so tendenziell in mir aussieht. In 9 von 10 Fällen liegt er richtig.
Und das, obwohl ich eine extrem reduzierte Mimik und in Alltags- Situationen ziemlich monotone, tiefe Stimme habe und laut irgendwelcher „Fachleute“ wenig schwingungsfähig bin.
Neulich hatte ich zum Beispiel mal wieder eine ziemliche Depri- Phase und als ich in die Praxis kam, musterte er mich kurz und meinte:“ Na, Sie haben ja an den Haaren rumgeschnippelt- was war denn los?“

Ein anderer Arzt hätte so was wahrscheinlich gar nicht bemerkt oder vielleicht höchstens gedacht, ich wäre beim Friseur gewesen.
Nicht so mein Arzt. Der weiß eben seit Jahren, dass Haare- Schnippeln in Stresssituationen ein Stimming bei mir ist.
Auf so einen Level muss man erst mal mit einem Arzt kommen.
Aber der gute Mann ist halt „nur“ Allgemeinarzt. Und somit für gewisse Dinge einfach nicht der richtige Ansprechpartner- und das sagt er einem dann auch und gibt einem ne Überweisung für einen Facharzt. Ich hab ne halbe Schublade voll Überweisungsscheine an Fachärzte, die ich nie benutzt hab, weil es hier in der Wallachei einfach keinen geeigneten Ansprechpartner gibt (damit meine ich jemanden, der auch ein bisschen „über den Tellerrand“ blickt).

So… dann passierte neulich Folgendes…( ich bin so ein naives, altes Kind, das immer an „Winke vom Universum“ glaubt…).

Vor etwa einem Vierteljahr verstarb mein Hund (an Altersschwäche).
Gleichzeitig wurden an der riesigen, sich drehenden Uhr auf der anderen Straßenseite die Werbeflächen ausgetauscht- und zwar alle 4 mit der gleichen Werbung- nur jeweils in anderen Farben.
Seitdem sehe ich immer, wenn ich aus dem Fenster schaue, auf den Werbetafeln einen Wecker, auf dem es 5 vor 12 ist und darunter der Satz „Verschenken Sie nicht ihre Zeit“.
Jeden Tag- nonstop.

Die Sache wurde bei mir unter der Rubrik „Wink vom Universum“ verbucht, und ich beschloss, tatsächlich nicht mehr meine Zeit zu verschenken, und von nun an auch mal „neue Wege“ zu gehen- und zwar im wahrsten Sinne des Wortes, denn zu Lebzeiten meines Hundes habe ich tagtäglich zu Fuß immer nur die gleichen Wege benutzt.
Und so kam ich- man stelle sich vor- auf die andere Straßenseite. Zum ersten Mal seit ca. 6 Jahren. KEIN WITZ.
Denn da ich für meine Besorgungen in der Stadt eine andere Route habe und der „Gassi- Park“ auf meiner Seite der Straße liegt, gab es für mich einfach keine Veranlassung, mal die Straßenseite beim Spazierengehen zu wechseln.
Und siehe da, plötzlich stand ich vor einem etwas versteckt liegenden Haus, vor dem ein fettes Messingschild angebracht war.
Frau Dr. Blablabla
Fachärztin für psychosomatische Medizin, Psychotherapie, Psychoanalyse und was- weiß ich- noch alles.
Zu allem Überfluss fiel in dem Moment, als ich vor dem Schild stand, noch die Sonne darauf, die es regelrecht „erstrahlen“ ließ, und es hätte eigentlich nur noch gefehlt, dass kleine, dicke Putten-Engelchen am Himmel erschienen und auf Trompeten bliesen, um die Vorstellung von „Wink vom Universum“ zu komplettieren.

Jedenfalls hatte ich von dem Moment an die „fixe Idee“, dass ein Wink vom Universum mich zu diesem Haus geführt hatte, da aufgrund meiner Alexithymie Somatisierungsstörungen zu meinen Hauptproblemen zählen und ich mir wahrscheinlich eines Tages die Seele aus dem Leib kotze oder so was in der Art.

Es folgten Wochen, in denen mich der Gedanke an diese Ärztin nicht mehr losließ.
(siehe Blogbeitrag: Über „mal eben“ telefonieren)

Um der guten Frau mein Anliegen zu erklären, hatte ich erst mehrere Briefe verfasst und wieder gelöscht und mich dann nach tagelangem Hin und Her dazu durchgerungen, sie wegen einem Termin anzurufen.

Und endlich kam dann dieser Termin. Morgens um 8.

Die Dame hatte mich am Telefon gebeten, weder zu früh noch zu spät zu erscheinen und so stehe ich Punkt 8 Uhr auf der Matte und klingele… und warte….und klingele noch mal…und warte.
Gerade, als ich wieder gehen will, geht dann tatsächlich die Tür auf, und Frau Dr. Blablabla steht vor mir.
Eine völlig blutleere Erscheinung mit einem Händedruck wie ein toter Fisch.
Ich hasse „toter- Fisch- Händedruck“ wie die Pest. Wenn ich schon jemandem die Hand geben muss, dann bitte nicht so was…. Aber ich schlucke es runter wegen „Wink vom Universum und so“ und folge der Dame in ihr Sprechzimmer, in dem eine Liege sowie ein Couchtisch mit zwei Ledersesseln und ein Bücherregal steht.
„Bitte nehmen Sie links Platz!“
Oh Mann, ich hasse es, wenn ich links Platz nehmen soll, vor allem, wenn das Bücherregal auch links steht und ich so noch nicht mal sehen kann, was für Bücher im Regal stehen- aber auch hier erinnere ich mich wieder an „Wink vom Universum“ und tue, wie mir gesagt wird und krame meine KK- Karte und meine Überweisung heraus, was ein gewisses Maß an Leben in Frau Dr. Blablabla hervorruft.
Mit einem Blick auf die Überweisung spöttelt sie:“ Na, für einen Autisten haben Sie aber einen ziemlich festen Händedruck…“.

Ruhig bleiben…ruhig bleiben…ruhig bleiben…denk ans Universum…

Während sie gierig und ein bisschen triumphierend die Karte in ihr Lesegerät steckt, hängt mein Blick an dem Tischchen zwischen uns, auf dem eine frisch aufgerissene Packung Kosmetiktücher steht- und zwar aufgerissen wie von nem wilden Tier- und nicht schön an der Perforierung entlang- so was hasse ich wie die Pest.
Aber ruhig bleiben…ruhig bleiben…ruhig bleiben…denk ans Universum…
Dann wendet sie sich wieder an mich. „Ich muss Ihnen zunächst ein paar Fragen stellen.“
Es folgen einige Fragen zu mir (wie viele Kinder, wie oft verheiratet, blablabla)- die ich auch alle nach bestem Wissen und Gewissen beantworte.
Darauf Frau Doktor:“ Sie kommunizieren ja ganz normal. Das ist gar nicht autistisch. Und ziehen sie mal bitte ihr Armband aus- das stört mich!“
(Ich trage immer ein Armband mit Glöckchen(Schellen)- für mich ein wichtiges Stimming).
Aber na gut- ruhig bleiben…ruhig bleiben…denk ans Universum…

Nachdem ich dann endlich kurz die Gelegenheit bekomme, über die Tragweite meiner Somatisierungsstörungen zu sprechen, unterbricht sie mich mit den Worten: „Ich bin ein Fan von stationärer psychosomatischer Rehabilitation!“

„Ich aber nicht“, sag ich, denn an dem Punkt ist bei mir Feierabend mit „ruhig bleiben…ruhig bleiben… und Wink vom Universum“.
Stationär kommt für mich einfach nicht mehr in Frage. PUNKT.
Ab dem Moment ist Frau Dr. Blablabla beleidigt und auf dem Kriegszug.
„Sie kommen zu mir- einer Fachärztin- und denken, dass Sie besser Bescheid wissen als ich?!“,giftet sie mich an.
„Naja, immerhin leb ich ja schon ein halbes Jahrhundert in meinem Körper und bin sozusagen auch Fachfrau!“, geb ich zurück (mittlerweile wissend, dass es zumindest dieses Mal KEIN Wink vom Universum war, als ich zum ersten Mal vor der Türe dieser Frau stand).
Und meine innere Aufforderung an mich, ruhig zu bleiben, zielt mittlerweile eigentlich nur noch darauf ab, nicht einfach aufzustehen und zu gehen.
Plötzlich jedoch bekommt ihr farbloses Gesicht einen triumphalen Zug.
„SIND SIE EIN MISSBRAUCHSOPFER?“ fragt sie und schaut mich listig an, beugt sich vor und schiebt die Kosmetiktücher ein Stück näher zu mir herüber. Ähm? Was soll das jetzt?
So- jetzt ist der Punkt gekommen, an dem es mir einfach zu blöd wird und ich mach zu.
„Ich bin nicht erkältet, danke!“
Sie mustert mich und sagt:“ Ich glaube, wir finden keinen gemeinsamen Nenner!“
„Das glaub ich auch!“, sag ich und möchte gehen.
„Ich brauche noch eine Unterschrift von Ihnen!“, sagt sie und legt mir ein leeres Blatt vor.
„Blanko?“ frage ich, und muss lachen…“Ich unterschreibe nichts blanko!“.
Zwei Minuten später stehe ich draußen vor der Tür.
WAS WAR DAS?
Jedenfalls kein Wink vom Universum.
So, jetzt bin ich erst mal für die nächsten Jahre wieder „geheilt“.
Und zwar von Fachärzten.