Die Vorgeschichte zum Diagnoseversuch – oder:

…wieso bin ich da überhaupt hingegangen, zu diesem Diagnose-Menschen…?!

Schuld sind eigentlich (so blöd das auch klingt) mein Mann und Dr. Sheldon Cooper. Ihr wisst schon, Big Bang Theorie…
Ich hab das gerne geguckt, da die Jungs dort ziemlich genau so sind wie meine besten Rollenspiel-Kumpels und ich an jedem Sonntag… (nein, ich bin NICHT Penny).
Alle konnten immer über Sheldon lachen. Nur ich nicht. Ich bin immer traurig oder wütend geworden wenn sich alle über ihn amüsiert haben, da er genau das Verhalten widerspiegelt, mit dem ich bei meinem Mann riesige Probleme hatte. (Ja, das was einen am anderen nervt ist meist ganz genau das, was man an sich selbst nicht mag…)

Irgendwann hab ich dann mal in einem Artikel über die Serie gelesen, dass Dr. Cooper Asperger Autist ist. (Die Serienschreiber haben das widerrufen, aber der Schauspieler orientiert sich laut eigener Angaben am Asperger-Syndrom um die Rolle zu spielen.) Jedenfalls hat es in meinem Kopf ganz laut *KLICK* gemacht. AHA! Ich hab mich mit dem Thema beschäftigt und meinen Mann zu ca. 85% darin wiedergefunden. Und was sagt man dann? „Hey Schatz, ich weiß warum du so komisch bist…. Warum mich immer viele Leute darauf ansprechen das du unfreundlich, launisch, zu direkt und unsozial bist… du bist Autist!“ Kann man doch nicht machen… hab ich aber.
Und was sagt mein Mann (der sich schon immer selbst als „Sozialkrüppel“ bezeichnete)?
„Ach so. Ja, mach Sinn“. Damit war das Thema für ihn erledigt. Dass er selbst angefangen hat Witze darüber zu machen hat mir gezeigt dass er das wohl einfach so akzeptiert hat… Jedenfalls fällt es ihm seitdem VIEL leichter sich zu öffnen und mir zu erklären warum er gerade so und so reagiert. Und ich versteh ihn besser.

Ich allerdings hatte ein neues, spannendes Thema für mich entdeckt. Ich beschäftige mich schon seit vielen Jahren mit Psychologie, insbesondere mit Persönlichkeitsstörungen.
Dann kam ein unerwarteter Schlag ins Gesicht. Mein großer Sohn, damals 11, hatte schon immer Probleme in der Schule (mangelnde Aufmerksamkeit, Unordnung, Abgelenkt sein etc.) und dann äußert seine Klassenlehrerin ganz plötzlich aus heiterem Himmel den Verdacht: „Ihr Sohn könnte das Asperger-Syndrom haben.“ WAAAS?!
Mein großer Sohn ist wie ich… meine Mutter sagt, ich habe einen männlichen Klon von mir zur Welt gebracht. Sie hat schon immer viel Zeit mit ihm verbracht und mir jedes Mal ganz erstaunt berichtet wie sehr wir uns ähneln.
Eine Beobachtung in der Schule erhärtete den Verdacht, eine darauf folgende Testung schlug ihn wieder aus. Hochbegabung im sprachlichen Bereich und wahrscheinlich ADS. Bei meinem kleinen Sohn, damals 8, kamen autistische Züge heraus. (Den haben wir gleich mit getestet, da er gerade die 2. Klasse übersprungen hatte, seine Lehrerin eine Hochbegabung vermutete die bei dem Test auch Überprüft wurde, sein bester Freund ein Aspie ist und er ebenfalls Auffälligkeiten im Unterricht zeigte).

Ich habe vorher gesagt „wenn bei einem meiner Kinder irgendwelche autistischen Züge rauskommen, dann lass ich mich testen.“ Ich könnte es ja vererbt haben, mein Mann aber eben auch.
Ich habe mich dann mit Asperger in der Kindheit beschäftigt, wegen meiner Kinder und aus Interesse an dem Thema… und habe mich gefunden. Ich habe Dinge gelesen, die für mich selbstverständlich sind, weil sie immer so waren. Die ich NIE mit irgendwas in Verbindung gebracht habe. Ich fand plötzlich eine Erklärung für sämtliche Schwierigkeiten die ich jemals gehabt habe…. Das Puzzle, welches ich schon mein ganzes Leben lang versucht hatte zusammenzufügen passte plötzlich.
Ich war mit 8 das erste Mal beim Neurologen wegen Auffälligkeiten. Dann mit 14 das erste Mal in Therapie und so zog sich das durch mein ganzes Leben. Ich habe viele Diagnosen, habe mich mit ihnen beschäftigt und jedes Mal gesagt „Nee, spinnt ihr? Das passt doch gar nicht!“
Und plötzlich passte es. Ich habe sehr viel geweint in dieser Zeit. Ich habe „Schattenspringer*“ gelesen und abwechselnd laut gelacht und noch lauter geheult. Viele meiner Verhaltensweisen hatte ich bisher gar nicht bemerkt oder als „unnormal“ eingestuft; woher soll man auch wissen dass andere anders denken, wenn man nicht in deren Kopf gucken kann?

Für mich ist es normal, alles zu zählen. Alles. In einem bestimmten Ablauf und Muster.
Ich hab nicht gewusst dass 1, 3, 5, 7, 11, und 13 Primzahlen sind und warum die 9 dazwischen irgendwie nicht passt und viel tiefer klingt als die anderen in der Reihe.
Ich habe nie verstanden warum die anderen Mädchen mich doof fanden, obwohl ich doch immer versucht habe mich mit ihren Themen zu beschäftigen damit man sich unterhalten kann… weil sie Dinosaurier doof fanden. Sie mochten Pferde und BoyBands. Aber für den exakten Aufbau eines Pferdeskeletts und deren evolutionäre Entwicklung oder die Geburtsdaten- und Orte der einzelnen Mitglieder ihrer Lieblings-Band haben sie sich dann doch nicht interessiert.
Ich wollte lieber Manuela heißen, das hab ich meiner Mutter mehrfach gesagt. Ich hatte 2 Manuelas in meiner Klasse, die fanden alle toll. Also sollte das doch funktionieren wenn ich auch Manuela heißen würde. Ist doch logisch.
Die haben auch nie verstanden dass Benjamin Blümchen mit allem Recht hatte. Man darf andere Kinder nicht ärgern. Jeder ist gleich. Hilf den Schwächeren. Das waren doch moralische Lehren aus den Geschichten die man wunderbar anwenden konnte um mit anderen zurecht zu kommen. Das hab ich denen dann auch gesagt, wenn mal wieder jemand geärgert wurde weil er nicht die „richtigen“ Klamotten trug. Sie haben mich ausgelacht. Haben die die Geschichten denn nicht verstanden? Die hören die doch auch!
Ich bin nach der Schule oft weinend nach Hause gekommen, weil alles ungerecht war. Oder ich habe einfach den ganzen Nachmittag geschlafen. Und viel alleine gespielt. Alles andere war zu anstregend. Ich hatte bereits als Kleinkind Dissoziationen („Alice-im-Wunderland-Syndrom“, wenn man sich zu groß oder zu klein fühlt) und als Grundschülerin schon Migräne und Herzrhythmusstörungen.
Ich habe mit 6 Jahren einen sehr drastischen Hilferuf an meinen Klassenlehrer gesendet. Ich habe ein Bild gemalt, welches ausdrücken sollte „Ich glaube ich brauche Hilfe! Jemand sollte sich mich mal genauer anschauen, ich glaube langsam mit MIR stimmt etwas nicht“. Er hat es nicht verstanden. Und ich konnte es nicht anders kommunizieren. Es ist bei dem einen Versuch geblieben.

Mein inneres Erleben nach dem gescheiterten Diagnoseversuch gleicht exakt dem Gefühl, welches ich damals hatte als mein Lehrer sich das Bild gar nicht richtig angeguckt hat und einfach zum normalen Unterrichtsgeschehen überging.
Er hat es einfach nicht gesehen. Er hat MICH nicht gesehen.
„Man sieht nur mit dem Herzen gut, das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“
Aus „der kleine Prinz“, Antoine de Saint-Exupéry

*“Schattenspringer“ ist eine GraphicNovel von Fuchskind.

Advertisements

Bitte Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s