Bewerbungszirkus oder: Vierundfünfzig Bewerbungen

Vierundfünfzig Bewerbungen habe ich in den letzten zehn Monaten verschickt. Das ist weniger, als es sich angefühlt hat (es können durchaus einige mehr gewesen sein, die beim Durchzählen abhanden gekommen sind). Ich habe nur diejenigen Stellen angeschrieben, bei denen ich -aufgrund meiner Qualifikationen- eine Chance zu haben schien. Und die muss(te) man erstmal finden.

Herausgekommen sind 11 Bewerbungsgespräche. Das ist gar kein so schlechter Schnitt. Also kam mit etwa jeder fünften Bewerbung ein Gespräch zustande.

Bewerbungsgespräche sind -jedenfalls für mich- der Horror. Dort merkt der Arbeitgeber, dass die in der Bewerbung aufgeführten, sehr guten Qualifikationen, nicht mit dem Gesamtpaket übereinstimmen. Ich könnte mich nicht verkaufen, würde „mein Licht unter den Scheffel stellen“ (Redewendung), und hätte doch etwas über mich erzählen sollen. Was soll das denn bitte sein, wenn es doch angeblich auf das Fachliche ankommen sollte? Über die persönlichen Verhältnisse wird man eh ausgefragt. Ob ich pinke Socken mag? Oder Rosinen? Ich habe es dann doch lieber sein gelassen, etwas über mich zu erzählen.

Nachdem man mir bei einer Rückmeldung nach einem Gespräch sagte, „es hätte so keinen Sinn“ und „Sie sollten ein Coaching machen oder sich fachlich weiterbilden“ (Nummer zwei nehme ich jetzt übrigens in Angriff…), habe ich mir etliche Bücher über Körpersprache besorgt, sie durchgearbeitet und vor dem Spiegel geübt. Gebracht hat es -vermutlich- nicht so viel. Jedenfalls wurde ich genauso oft eingestellt wie vor diesem Training-nämlich gar nicht.

Ich muss dazusagen, dass ich mich weder in den Bewerbungen, noch in den Gesprächen als Autistin „geoutet“ habe. Im sozialen Bereich ist eine Diagnose nicht so gern gesehen. Das muss aber jede/r individuell für sich entscheiden, ob ein „Outing“ im Bewerbungsprozess vermutlich Vor- oder Nachteile bringt. Vermutlich fällt es im Arbeitsalltag früher oder später eh auf, dass „etwas nicht stimmt“. Es bleibt aber immer die Gefahr, dass man mit Diagnose gar nicht eingestellt wird.

Dadurch, dass ich keinen Kontakt zu ehemaligen Kommiliton/innen habe („Brücken abbrechen“ ist unter Autisten verbreitet), hatte ich keine Ahnung, ob mein Bewerbungsvorgehen überhaupt sinnvoll ist, oder ob man so -ohne Weiterbildung- eh nichts bekommt. Ich habe einfach „gemacht“ und bin immer wieder „auf die Schnauze gefallen“. Auch seitens der Ämter kann man nicht auf Unterstützung von Asperger-Autisten hoffen – sie haben einfach viel zu wenig Ahnung, wie man helfen könnte. Und jeder Autist hat ganz individuelle Stärken und Schwächen.

Die letzten zehn Monate haben mich viele Nerven gekostet. Die schlaflosen Nächte vor den Gesprächen. Das -teilweise- wochenlange Warten auf die Rückmeldungen bzw. Absagen und die Niedergeschlagenheit und Zweifel, die nach ihnen kamen. Es gab Wochen, da hat allein das Öffnen der Jobbörsen Brechreiz und Panik verursacht, so dass ich den PC sofort runterfahren musste. Und ganz viel Hoffnungslosigkeit, warum einen denn niemand einstellen möchte.

Unter Asperger-Autisten ist es ein weit verbreitetes Problem, dass man im Bewerbungsprozedere auf dem ersten Arbeitsmarkt, trotz sehr guter Qualifikationen, sehr große Schwierigkeiten hat (zu diesem Thema gibt es das sehr hilfreiche Buch „Hochfunktionale Autisten im Beruf: Navigationshilfen durch die Arbeitswelt“ von Ina Blodig, das ich auch gelesen habe).

Der „Bewerbungszirkus“ ist in meinem Fall noch nicht abgeschlossen. Sie können mir sehr gerne für noch offene Bewerbungen die Daumen drücken und auch für Bewerbungsgespräche, die hoffentlich noch kommen werden.

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13 Kommentare

  1. Ich bin keine Autistin. Ich habe aber jahrelang immer wieder an schweren Depressionen gelitten und war nicht erwerbsfähig, außer ein kleiner HiWi-Job an meiner Uni.

    Ich habe neun Jahre Lücke im Lebenslauf. Nachdem ich wieder fit geworden bin, habe ich die anstrengende Abschlussphase meines Studiums in Angriff genommen und geschafft 🙂

    Aber ich werde erst gar nicht zu Vorstellungsgesprächen eingeladen. Irgendwie ist denen die lange Studiendauer wohl suspekt??

    Ich bin auch schon ziemlich verzweifelt und habe bereits ernsthaft daran gedacht, ob und wie ich einfach mein Geburtsdatum fälschen könnte. Nur so als Gedanke.

    Ich bin wieder fit und arbeitsfähig, aber ich werde nicht gelassen.

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  2. Liebe klarnetaut,
    vielen Dank für deinen Bericht.
    Mir geht es ähnlich. Auch ich habe über die Jahre schon ungezählte Bewerbungen verschickt. Selten mal überhaupt eine Absage erhalten und noch seltener eine Einladung zum Vorstellungsgespräch. Es frustriert, demütigt und macht krank. Inzwischen achte ich viel mehr darauf, ob ich für einen Arbeitgeber auch wirklich arbeiten MÖCHTE – als darauf, ob und wie ich mich für ihn passend dar- und ver-stellen könnte.

    So viele Bewerbungen auf für mich PASSENDE Stellen in so kurzer Zeit wie du, das habe ich jedoch noch niemals hingekriegt und – zum Glück – auch niemals schaffen MÜSSEN (schon weil es so viele Stellenangebote gar nicht gab). Ich finde dich da enorm stark! Erst Recht auch das Aushalten der ganzen Nach- und Nebenwirkungen ist keine Kleinigkeit, plus Druck von der Behörde …
    Welch einen Kraftakt du da stemmst, chapeau! Schon für ’normale Neuros‘ kaum zu schaffen.

    Ich wünsche uns Nischen, in denen es menschlich zugehen darf, in denen nicht nur auf die angeblichen Defizite geachtet wird. Denn ‚Jeder IST doch irgendwie‘ – vor allem aber: „Jeder ist JEMAND“.
    Also:
    Know your name – be who you are – and go your own way
    Ich wünsche dir Geduld und Kraft, vor allem einen liebevollen Umgang mit dir selbst. Und „Nicht fünf Minuten vor dem Wunder die Hoffnung aufgeben“
    Alles Gute!
    mo jour

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  3. Kommt mir seeehr bekannt vor!!! Könnte fast so auch von mir stammen. Immerhin habe ich ein unterstützendes (und überwiegend kirchliches) Umfeld. Da kann ich mich glücklich schätzen.

    Ich habe jetzt beschlossen das Abitur nachzuholen. Dann will ich studieren. Theologie dachte ich. Auch wenn es ein Knochenjob werden kann. Da war erst letztens ein Bericht in unsrer Kirchenzeitung. Andrerseits werden Pfarrer gesucht. Vielleicht habe ich da mehr Glück.

    Dir wünsche ich Gottes Segen – und viel Erfolg, dass sich möglichst bald eine Nische für dich anfindet. Der Herr segne dich und behüte dich, er lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig, er erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden. Amen. Ja das wünsche ich dir von Herzen. Amen.

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  4. Ach. Ich fühle mit, und auch, wenn ich eine ganz andere Diagnose hab, kommt mir das ein bisschen bekannt vor. Vor allem der Teil zum Thema „Offenheit bezüglich Diagnose“. Ich habe das grosse Glück, eine Stelle zu haben. Aber ich würde um viel Geld wetten, dass ich nicht den Hauch einer Chance gehabt hätte, diesen Posten zu ergattern, wenn ich im Bewerbungsverfahren nicht mehrmals grob gelogen hätte (was mit wiederum sehr schwer fällt, ich hasse es, zu lügen). Ich drücke dir alle verfügbaren Gliedmassen, dass du auch so eine „Nische“ findest wie ich. Und Respekt vor deinem Durchhaltewillen. 54 Bewerbungen sind echt viel.

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  5. Du, ich kann das soooo nachvollziehen.
    Diesen „Zirkus“, dieses Suchen nach eigenen Fehlern, dieses Arbeiten an sich selbst. Dieses Sammeln von Qualifikationen.
    dazu vielleicht diese dummen Aussagen von Personalern, wie bei mir vor ein paar Wochen: „Es gibt aber auch Autisten, die keine Probleme mit der Selbstpräsentation haben und sogar Interviews im Fernsehen geben. “ *örks*
    Ja, ja, Elite-Autisten.

    Aber es tut mir nicht leid, und es gibt auch kein Mitleid.
    Weil:
    Das zeigt immer mehr, dass „Autismus zu verstehen“ nicht ausreicht. „Autismus, steh auf.“ wird immer wichtiger. Find ich.
    Aufstehen. Du selbst sein, bleiben, werden.
    Notfalls Nischen suchen, mehrere Standbeine aufbauen. Ich habe kein Rezept. Aber immer den Ansprüchen anderer genügen wollen oder müssen, tötet auf die lange Sicht.
    Und das wünsche ich keinem.

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