Letzter Akt. Der Vorhang fällt.

Gerade komme ich von einem weiteren Gespräch in der Psychiatrie. Ich muss das alles noch verarbeiten, aber der Psychiater, der mit mir eben gesprochen hatte, war der festen Ansicht, dass ich kein Autist, kein Narzisst und auch sonst nichts bin, was irgendwie pathologisch wäre.

Was ich hätte, das wäre eine besondere Persönlichkeit (keine Persönlichkeitsstörung). Er gehe da mit meiner Kinderpsychologin konform, die mich vor Jahren untersucht hatte: Mir würde nichts fehlen, aber Hochbegabung kann unter Umständen zu ähnlichen Effekten führen wie Autismus.

Letzten Endes sei an mir nichts, was normale Menschen nicht auch hätten. Von meinen Problemen blieb am Ende nur das Lange-Bank-Problem, und das hätten die normalen Menschen der Klinik (also die Psychiater, Mitarbeiter etc.) genauso. Das Asperger-Syndrom hätte ich mir nur eingebildet, ähnlich wie ein Hypochonder sich in manchen Symptomen einer bestimmten Krankheit wiederfindet.

Dabei schlug der Psychiater in eine ähnliche Kerbe wie ich in einem meiner letzten Beiträge: Die Frage ist doch letzten Endes nicht, ob bei mir eine Form des Autismus vorliegt. Die Frage ist: Ist das überhaupt relevant? Mir geht es insgesamt gut, ich führe eine harmonische Beziehung, und nichts deutet darauf hin, dass sich das ändern könnte. Auch auf der Arbeit läuft alles gut. Ich bekomme Anerkennung von Kunden, Protagonisten, Kollegen und Vorgesetzten. Ich habe zwar nicht viele Freunde, aber einen besten Freund. Eine Therapie würde mich mehr belasten, als dass sie mir helfen könnte. Also alles im grünen Bereich.

Bleibt die depressive Episode, die nachgewiesenermaßen vorhanden war. Aber das, so meinte er, sei wohl eine einmalige Episode gewesen. Ich sollte vielleicht noch die Medikamente nehmen und sie dann irgendwann absetzen. Das Serotonin, das in meiner funktionierenden Beziehung freigesetzt würde, sei ohnehin viel stärker.

Was die Vergangenheit betrifft, so soll ich sie ruhen lassen. Ich habe eine funktionierende Beziehung, ein Berufsleben ohne größere Probleme und einen besten Freund. Damit habe ich alles, was ich brauche, um glücklich zu sein. Dass ich Schwierigkeiten hatte, jemanden zu finden und dass ich in der Schule Außenseiter war, interessiert doch heute niemanden mehr.

Damit keine Missverständnisse aufkommen: Ich will nicht sagen, dass ich kein Autist bin. Ich will auch nicht sagen, dass ich einer bin. Ich denke nur, diese Frage ist für mich einfach nicht mehr relevant – ebenso wie die Beschäftigung mit dem Thema. Es belastet mich mehr, als dass es mir nützt. Vor mir liegt, wenn alles so gut läuft wie bisher, eine wunderbare Zukunft. Und wenn es nicht so gut läuft, kann ich immer noch in die Psychiatrie zurück, um zu schauen, ob mit mir vielleicht nicht doch irgend etwas nicht stimmt.

Es steht außer Frage, dass ich Probleme habe. Nur: Probleme hat eben jeder Mensch, egal ob Autist, Narzisst, ADSler, neurotypisch oder eben hochbegabt.

Der Diagnose-Termin in der Asperger-Sprechstunde steht weiterhin. Aber ich denke, wenn alles so läuft wie bisher, werde ich ihn nicht wahrnehmen. Man muss sich ohnehin etwa eine Woche vorher dort zurückmelden.

Viele werden sich jetzt fragen, wie ich mich damit fühle. Manche waren ja der Ansicht, ich würde mich in der Rolle des Autisten gefallen. Ich fühle mich aber erleichtert und unbeschwert, denn ich kann jetzt in aller Ruhe die Aufgaben in Beruf und Privatleben wahrnehmen, die jetzt auf mich warten, und ich werde mich jetzt noch wesentlich mehr in der Rolle eines Nichtautisten mit besonderer Persönlichkeit gefallen.

Bleibt jetzt, nach dem letzten Akt, die Frage: Was wird aus meiner Online-Präsenz? Was wird aus Lohengrin? Ich habe auf Twitter und durch die Blogs einige Menschen kennen gelernt, die mir einiges bedeuten, und deswegen scheue ich davor zurück, den Account zu löschen, wie ich es schon einmal getan hatte. Aber auf der anderen Seite: Diese Menschen erinnern mich an etwas, das ich zu sein glaubte, aber wohl nicht bin. Trotz allem gibt es eben immer noch sehr viel, was ich mit meinen Followern und denjenigen, denen ich folge, gemeinsam habe. Was ich genau mit meinem Account anstellen werde, weiß ich noch nicht. Viel Zeit werde ich ohnehin nicht haben, denn jetzt gilt es, neue berufliche Aufgaben anzugehen und eine Beziehung, die Zukunft hat, zu stabilisieren und auszubauen. Das benötigt alles viel Zeit.

Was meine Präsenz hier auf Blogger ASpekte angeht: Die alten Beiträge werde ich hier stehen lassen. Was ich geschrieben habe, gilt immer noch. Schließlich werde ich ja dadurch, dass ich mit großer Wahrscheinlichkeit doch kein Autist bin, kein anderer Mensch. Neues wird allerdings nicht hinzukommen.

Diejenigen, die gerne noch mehr Blogbeiträge von mir lesen würden, seien aber unbesorgt: Ich werde mit Sicherheit eines Tages wieder bloggen. Nur eben zu anderen Themen. Vielleicht auch über mich selbst mit den nach wie vor vorhandenen Defiziten und Problemen. Aber es wird nichts mehr über Autismus sein. Dieses Kapitel ist für mich (vorerst) abgeschlossen.

Damit ist der Schlussakkord von „Lohengrin“ erklungen. Der Vorhang fällt nach dem letzten Akt. Mein altes Leben ist zu Ende, und ein vielversprechendes neues Leben beginnt.

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Was mit mir nicht stimmte

Ich kann meine Hände nicht ruhig halten. Ständig spiele ich mit ihnen herum, verknote sie, knackse mit den Knöcheln oder – wenn ich mich unbeobachtet fühle – fange ich an, mit den Händen zu flattern. Bin ich beobachtet, spiele ich stattdessen mit Kugelschreibern. Das tut jeder ab und an, aber bei mir ist es besonders intensiv.

Eines Tages kam ein junger Kollege zu mir und meinte, er könne mit dem Ringfinger flatternd auf den unteren Daumenknöchel schlagen. Er demonstrierte es mir, und ich fragte mich, woher er das hatte, denn schließlich flatterte ich selber auf diese Art und Weise mit den Händen, wenn ich alleine war. Aber ich zeigte ihm, dass ich es auch konnte. Um so überraschter war ich, dass ich feststellen musste, dass wir die einzigen in der Redaktion waren, die zu dieser Bewegung in der Lage waren. Dabei bin ich doch sonst nicht besonders gelenkig.

Schon als kleines Kind bin ich wie ein Tiger durch die Wohnung gelaufen, habe dabei eine Spielzeug-Maus an ihrem Schwanz herumgeschleudert und dabei Geschichten erzählt oder Musik oder Fernsehen imitiert – oder eben „Kassetten aufgelegt“. Zunächst in Anwesenheit meiner Eltern, dann – als sie es mir verboten hatten – wenn ich alleine war oder bei meinen Großeltern.

Im Kindergarten setzte sich das fort. Diesmal nahm ich den Plastikschlauch der Playmobil-Feuerwehr. In der Schule dann waren es Stöckchen, und ich verlegte die Aktionen in die Pausen. Dann rannte ich auf dem Schulhof herum, fuchtelte mit dem Stöckchen und imitierte Kassetten oder Radio. Manche Schulkameradinnen zerbrachen oft das Stöckchen, und ich suchte mir ein neues und machte weiter. Das tat ich nicht in jeder Pause. Aber da ohnehin kaum jemand mit mir spielen wollte, machte ich es immer öfter.

Die anderen Schüler machten sich über mich lustig. „Hier kommt der Kassettenerzähler“, hieß es. Ich wollte auch damit aufhören, aber ich brachte es einfach nicht fertig. Meine Eltern hatten es mir mehrfach verboten. Mein Vater drohte mir mit dem „Irrenhaus“. So nannte man damals umgangssprachlich noch die Psychiatrie.

Als ich dann auf das Gymnasium kam, beschloss ich, dass es keine gute Idee war, in den Pausen damit weiter zu machen. Ich verlegte meine derartigen Aktivitäten nach Hause. Immer wieder kam es vor, dass meine Eltern mich dabei erwischten. Eines Tages gab mein Vater mir ein Heft und sagte, ich solle immer, wenn das Bedürfnis mich überfiel, stattdessen in das Heft schreiben.

Seitdem ließ ich es bleiben. Aber nur die Imitationen. Mit dem Flattern machte ich weiter bis auf den heutigen Tag, und ich kann damit nicht aufhören. Immer wenn mein Kopf zu platzen droht und ich meiner Kreativität (wie ich es nannte) freien Lauf lassen muss, laufe ich flatternd durch die Wohnung, und durch meinen Kopf schießen Geschichten, alternative Geschichtsverläufe, alternative Verwaltungsstrukturen, Popsongs, die nie ein Mensch je gehört hat und nie ein Mensch hören wird, ganze Konzerte und Symphonien, Science Fiction-Settings – jede nur erdenkliche Idee von brillant bis absolut hirnrissig. Ich verfolge die Ideen, während ich den Bleistift herumschleudere und setze dann meine Tätigkeiten fort, als wäre nichts gewesen.

Jahrelang habe ich darüber geschwiegen, weil ich mir darauf keinen Reim machen konnte und weil mir eine solche Verhaltensweise bis heute überaus peinlich ist. Ich wusste, dass ich anders war als die anderen und dass dies ein wichtiger Schlüssel zu diesem Anderssein war. Auch mit Autismus konnte ich es mir bislang nicht erklären – bis ich las, dass manche Autisten ähnliche Verhaltensweisen verwenden, um sich selbst zu stimulieren oder um einen Overload abzubauen. Stimming nennt man das.

Ich fing an, im Internet danach zu suchen, aber einen Fall wie mich habe ich bislang bei der Recherche noch nicht gefunden. Meine Psychiaterin aber bestätigte mir, dass es sich wohl um eine (unbewusste) Strategie handelte, um Reizüberflutung abzubauen.

Ich und Autist? So ein Blödsinn!

Ich bin Journalist, Mitarbeiter, Kollege und Vorgesetzter. Ich bin Freund, Liebhaber und Partner. Ich bin Sohn, Bruder und Onkel. Aber bin ich auch Autist? Und somit behindert?

Ich weiß, diese Frage kann nur ein Experte nach einer langen Diagnose-Prozedur beantworten. Und doch habe ich sie innerhalb von sieben Jahren immer wieder selbst zu beantworten versucht und kam dabei immer wieder auf ein anderes Ergebnis.

Aber was würde es für mich bedeuten, wenn die Diagnose für mich fest stünde? Wenn ich Autist wäre? Oder wenn ich etwas anderes hätte? Es scheint, dass die Leser meiner Blogbeiträge ihre eigenen Meinungen dazu gebildet hätten. Und diese könnten unterschiedlicher kaum sein, wie die folgenden beiden Zitate zeigen:

Zitat Nr. 1: „Meiner Meinung nach bist Du regelrecht verliebt in die Idee, Autist zu sein. Du gefällst Dir als Autist.“

Zitat Nr. 2: „aus deinen Texten wird deutlich, dass -obwohl sehr vieles bei dir für Asperger spricht- du es nicht wahrhaben willst

Ja, was denn nun? Diese beiden Einschätzungen geben die Extrempole eines Spektrums wider, in dem sich meine Gedanken und Gefühle zum Thema Autismus bewegen.

Mir ist schon klar, dass das Leben kein Wunschkonzert ist und dass ich eben mit dem leben muss, was kommt. Nur, wie ich mit diesem Ergebnis am Ende umgehen werde, das weiß ich noch nicht. Wie ich zum Thema Autismus stehe, ändert sich fast täglich.

Am Anfang war die Sache für mich klar: Als ich das erste Mal vom Asperger-Syndrom hörte und was es bedeutete, erkannte ich mich darin wieder. Ich sah es zunächst relativ unemotional, aber von Anfang an war es ein zweischneidiges Schwert: Auf der einen Seite war ich darüber erleichtert, dass es eine Erklärung für mein Anderssein gab, auf der anderen Seite war ich erschüttert darüber, dass ich es nie im Leben würde ändern können, dass Autismus nicht heilbar ist, sondern dass ich den Rest meines Lebens damit würde umgehen müssen.

Diese Ambivalenz des Themas hat mich bis heute begleitet. Ich setzte mich intensiv mit Autismus auseinander, identifizierte mich stellenweise sehr stark damit, weil es so viel meiner Persönlichkeit erklärte. Es gab Phasen, in denen ich mich mit nichts anderem beschäftigte und es gab Phasen, in denen ich alles verdrängte und am liebsten nichts von Autismus wissen wollte.

Über das Internet lernte ich vor vielen Jahren eine Autistin kennen. Wir trafen uns dann auch persönlich. Es ist bislang die einzige Autistin, zu der ich auch persönlichen Kontakt hatte. Ich weiß nicht warum, aber die Begegnung triggerte mich so sehr, dass ich danach tagelang in den sprichwörtlichen Seilen hing und mir klarzumachen versuchte, dass ich kein Autist war, weil ich kein Autist sein wollte. Doch meine Bekannte war klar anderer Meinung. Sie sagte, ich sei ganz sicher autistisch.

Dann gab es aber auch Momente, in denen ich vom Phänomen Autismus einfach fasziniert war – in denen ich entdeckte, dass ich zu Dingen in der Lage war, die meine Mitmenschen nicht konnten, dass ich viele Dinge anders sah oder anders wahrnahm als sie. Oder Momente, in denen ich von Erfolgsgeschichten von Autisten las, in denen ich mich mit den Filmen von Tim Burton beschäftigte oder mit Sherlock Holmes beschäftigte, in denen ich dachte: Autismus ist doch cool.

In den vergangenen Monaten gab es dann immer wieder Phasen, in denen ich am liebsten alles hinschmeißen wollte. Ich Autist? So ein Blödsinn! Ich wollte den Twitter-Account und meinen Blog löschen (hatte es sogar schon getan) und mich mit anderen, angenehmeren Dingen beschäftigen. Doch ich wusste: Das Thema würde mich nicht los lassen.

Jetzt ist es wieder ähnlich. Die Autismus-Thematik ist für mich gerade eher ein Bremsklotz an meinem Bein. Ich möchte fast schreien: „Ich bin kein Autist und will es auch nicht sein.“ Es läuft doch zur Zeit alles so gut. Bei meiner Arbeit darf ich interessante Projekte realisieren und bekomme dafür viel Lob von Kunden, Protagonisten, Adressaten und Kollegen.

Auch im Privatleben läuft alles optimal. Ich bin in einer harmonischen Zweier-Beziehung – eine Erfahrung, die für mich in dieser Intensität völlig neu ist. Warum muss ich mich also unbedingt mit Autismus befassen? Ich merke sogar, dass das Thema mich stark belastet, wenn ich darüber mit meiner Freundin rede. Sie ist nicht Autistin und hat auch wenig Ahnung vom Thema, aber ich habe ihr wegen meiner Psychiatrie-Termine, die ich habe, von meinem Autismusverdacht erzählt, und sie wollte Genaueres wissen. Also erzählte ich davon und kam mir dabei so seltsam vor. Ich weiß nicht, was für ein Gefühl es war, aber es war kein gutes. Es belastete mich.

Also, warum mache ich mir überhaupt die Mühe mit Sprechstunden, Therapeutensuche, Diagnosetermin im Oktober und auch mit Bloggen und Austausch mit Autisten? Warum gebe ich zu meinem positiv verlaufenden Leben noch dieses schwere Thema mit hinzu und lasse es nicht einfach bleiben?

Weil die nächste Krise garantiert kommt. Wenn meine Freundin mit mir Schluss macht oder wenn es wieder Probleme am Arbeitsplatz gibt. Weil ich dann wissen will, wie ich aus dieser Krise wieder herauskommen, wie ich mit meinem Leben etwas anfangen, wie ich eine neue Partnerschaft finden oder Probleme am Arbeitsplatz lösen kann.

Wenn ich weiß, ob Autismus die Wurzel meiner Probleme ist oder ob es eine andere Ursache gibt, kann ich vielleicht besser damit umgehen, solche Krisen besser bewältigen.

Aber die Frage war ja: Fühle ich mich behindert? Oder anders: Fühle ich mich autistisch? Derzeit ehrlich gesagt nicht. Aber ich weiß, dass wieder andere Zeiten kommen werden, in denen alles wieder hoch kommt. Und beim nächsten Mal wäre ich gerne gerüstet – unter anderem mit dem Wissen, was wirklich mit mir los ist. Vielleicht kann ich dann besser damit umgehen. Darauf kommt es mir bei der Diagnose an. Und auf nichts anderes.

Hochbegabung, Depressionen, möglicherweise Persönlichkeitsstörung

In der Grundschule war ich verhaltensauffällig. Ich störte den Unterricht, ich hatte Schwierigkeiten, Freunde zu finden, ich ärgerte die Lehrerin, und doch: Sobald es um Klassenarbeiten ging, schrieb ich lauter Einsen und Zweien.

Meine Lehrerin war damit schlichtweg überfordert. So ein ungezogenes Kind und trotzdem so ein guter Schüler – damit konnte sie nichts anfangen, und so wurde ich getestet. Ob ich denn nicht eine Klasse überspringen könnte. Denn sie fürchtete, ich sei unterfordert. Doch aus dem Überspringen wurde nichts, da ich schwierige Aufgaben zwar mit Bravour löste, bei den vermeintlich einfachen dagegen meine Probleme hatte.

Gemeinsam mit meinen Eltern wurde eine Kinderpsychologin eingeschaltet. Sie sollte herausfinden, was mit mir los ist. Würde diese Geschichte in den 2000er Jahren spielen, so wäre man wahrscheinlich auf eine Autistische Spektrumsstörung gekommen. Aber das waren die achtziger Jahre, und so hieß es: „Der Junge ist in Ordnung, und er hat eine blühende Phantasie, aber er ist unterfordert. Wahrscheinlich hochbegabt.“

Die Hochbegabung wurde später in der vierten Klasse durch einen Intelligenztest bestätigt. Jetzt ist es natürlich etwas verwegen, bei einer Hochbegabung von Komorbidität zu sprechen. Tatsächlich sind die Verhaltensweisen von Hochbegabten und Asperger-Autisten oft ähnlich, so dass auch heute durch eine Hochbegabung ein gleichzeitig vorliegendes Asperger-Syndrom oft nicht erkannt wird und umgekehrt.

Mehr noch: Asperger-Syndrom und Hochbegabung scheinen sich in manchen Fällen zu neutralisieren. Bei mir als Verdachtsautist ist das nicht anders: Ich kann mit Hilfe meiner Intelligenz viele Defizite, die zweifelsfrei vorhanden sind, ausgleichen. Aber die Defizite, die ich habe, stören mich zugleich dabei, die Chancen wahrzunehmen, die ich als Hochbegabter eigentlich hätte.

Ich vermeide heute, so gut es geht, den Begriff Hochbegabung. Es klingt so, als würde ich mich für etwas Besseres halten. Doch demgegenüber stehen manchmal massive Minderwertigkeitskomplexe. Ich mag zwar hochintelligent sein, aber meine Defizite im sportlichen, im handwerklichen und im sozialen Bereich relativieren das ganze Bild gewaltig. Letzten Endes gilt das, was meine Lehrerin mir immer wieder sagte: „Du bist nicht besser und nicht schlechter als die anderen Kinder auch.“ Und fast war mir, als würde sie in Gedanken hinzufügen: „Du bist nur anders.“

Die zweite Komorbidität, die bei mir festgestellt wurde, war eine leichte bis mittlere depressive Episode. Es war Ende 2014, Anfang 2015, als mir alles zu viel wurde. Komplette Traurigkeit, Antriebslosigkeit, ich wankte nur noch wie ein Zombie durch die Gegend, hatte „Matsch im Kopf“. Ich fühlte mich, als hätte ich geweint, obwohl ich das nicht hatte. Ich bekam zeitweise sogar Suizidgedanken. Also führte mich mein Weg in die Psychiatrische Institutsambulanz. Ziel dieses Ganges war es, endgültig herauszufinden, was mit mir los ist. Zwar hatte ich einen Verdacht, Autist zu sein, und mich dementsprechend in der Asperger-Sprechstunde angemeldet aber es könnte ja auch Differenzialdiagnosen und Komorbiditäten geben, und so wollte ich eine Expertenmeinung einholen.

Ich sagte der Psychiaterin zunächst nichts von meinem Verdacht, denn ich wollte, dass sie zu einem unvoreingenommenen Urteil kommt. Schnell merkte ich, dass die Fragen in Richtung Autismus steuerten. Und ich antwortete wahrheitsgemäß und brachte auch Dinge zur Sprache, die meiner Ansicht nach gerade nicht autistisch waren. Am Ende fragte sie mich, was ich jetzt erreichen wollte, was das Ziel meines Besuchs war.

„Ich will wissen, was mit mir los ist.“

„Was glauben Sie?“

„Ich habe einen Verdacht.“

„Und welchen?“

„Dass ich Autist bin.“

„Ja“, sagte sie, und sie ließ den Kugelschreiber fallen, als wollte sie sagen: „Bingo!“ „Diesen Verdacht habe ich auch.“ Sie fügte allerdings hinzu: „Es könnte auch eine Persönlichkeitsstörung sein.“

Am Ende stand in der Anfangsdiagnose: „Verdacht auf Autistische Spektrumsstörung“ und „Leichte bis mittlere depressive Epiosde“. Keine weiteren Komorbiditäten.
Jemand äußerte mir gegenüber auch den Verdacht einer Narzisstischen Persönlichkeitsstörung. Ich hielt das für gar nicht so abwegig und konfrontierte meine Psychiaterin damit. Wir sprachen ein wenig darüber, doch dann kam sie zu dem Schluss, dass ich a) durchaus eine Persönlichkeitsstörung als Komorbidität zu Autismus haben könnte und dass b) allerdings eine Persönlichkeitsstörung als Differenzialdiagnose bei mir nicht sehr wahrscheinlich sei. Auch Narzisstische Persönlichkeitsstörung sei eher unwahrscheinlich. Sie jedenfalls geht stark davon aus, dass bei mir eine ASS vorliegt.

Die Untersuchungen sind noch nicht abgeschlossen, und wer weiß, welche Komorbiditäten noch zutage treten.

Mein Verhältnis zur Musik

(aus meinem alten Blog)

Ich mag Musik. Sehr sogar. So lange sie sich harmonisch anhört. Oder – alternativ – ein interessantes Klangerlebnis bietet. Daraus kann man ablesen, dass ich nicht jede Art von Musik schätze. Hip Hop zum Beispiel ist mir zu wortlastig. Hier kommt es auf die Texte an. Wenn ich die aber nicht verstehe, weil sie in einem englischen Slang geschrieben sind oder weil der Nachbar die Anlage so laut aufgedreht hat, dass ich zwar den Rhythmus spüre, vom Text aber gar nichts mitbekomme, nervt das nur noch.

Oder diverse Spielarten des Heavy Metal. Früher – und damit meine ich: zu meiner Schulzeit – konnte ich Hardrock überhaupt nicht hören. Da war schon AC/DC jenseits der Grenze. Doch man gewöhnt sich an vieles, wenn sich mit dem Alter die Gewohnheiten ändern und auch Gothic Rock Aufnahme in das Repertoire meiner Hörgewohnheiten findet. Trotz allem: Bei Slayer oder Sepultura ist bei mir immer noch Schluss.

Je differenzierter die Klangfarben sind, je fragiler das Gewebe, je außerordentlicher die Akkordfolge und je phantasievoller die Melodieführung desto mehr kann ich auch in die Klangwelten eintauchen. Deshalb ist Klassische Musik für mich ideal. Oder Pink Floyd. Oder meine Vorliebe in Teenager-Zeiten: Depeche Mode.

Und wie bei meiner Lektüre, so entstehen vor meinem geistigen Auge auch, wenn ich Musik höre, Bilder. Meistens abstrakte Bilder. Die Bass Drum wird oft zu einem dunklen Punkt, die flächigen Töne werden zu Flächen. Düstere Klangfarben erscheinen in Schwarz, hellere in helleren Tönen. Bei Programmmusik entstehen dann konkretere Bilder. Aber insgesamt ist das alles schwer zu beschreiben.

Als Teenager habe ich oft stundenlang vor der Stereoanlage gesessen, und da mein Musikarchiv noch nicht so umfangreich war, habe ich die selben Sachen immer und immer wieder gehört, habe mich in die Klangwelten versenkt. Das kommt heute nicht mehr vor. Musik wird immer mehr zum Nebenbei-Medium. Und doch: Mein geistiges Auge arbeitet an einem weiteren abstrakten Kopfkino-Film.

Jetzt war ich als Kind musikalisch begabt, hatte Klavier gelernt und später auch Waldhorn. Doch obwohl ich, was die Theorie anging, die meisten meiner Alterskameraden in die Tasche steckte, reichte es bei meinen Instrumentalkünsten für nicht mehr als ein Schülervorspiel oder eine Aufführung im Schulorchester. Warum? Ganz klar: Zum einen hatte ich große Schwierigkeiten in der Motorik, was vor allem beim Klavierspiel zum Verhängnis wurde, zum anderen war das instrumentale Üben für mich nichts weiter als ein Teil meiner täglichen Routine: Es gehörte zum Alltag dazu, aber ich war oft froh, wenn ich es hinter mich gebracht hatte und spielen oder dann später lesen gehen konnte. Ein großer Pianist oder Hornist wäre aus mir nie geworden.

Und heute? Es ist seltsam, aber wenn ich keine Musik höre, höre ich welche in meinem Kopf. Neue Musik, die bisher nie ein Mensch gehört hat. Manchmal ertappe ich mich später, dass ich mich dabei an Musik, die ich bereits im Unterbewusstsein kenne, bedient habe, aber oft genug entsteht neues. Ganze Symphonien oder Pop-Alben (allerdings niemals mit Text). Bei einer Wanderung habe ich schon mal ein ganzes Klavierkonzert im Kopf. Ein Genie bin ich deswegen keineswegs, denn mir fehlt das Know How, das ganze aus dem Kopf raus zu bekommen – der Musik den Weg in die Außenwelt zu ebnen. Mein Notenschreiben ist eben katastrophal, und die virtuosen Klavierkünste des Klavierspielers in meinem Kopf würde ich niemals zustande bekommen.

Wahrscheinlich gibt es sehr, sehr viele Musikinteressierte, denen es genauso geht, und sie sind ja auch keine Genies. Und meine Pop-Alben – nun, bei einem Vergleich mit modernem Songwriting könnten sie nur verlieren. Ich habe ja noch nicht mal Texte – und wenn, dann nur ziemlich dämliche.

Auch die Art, wie ich Musik höre, ist ziemlich schräg – verglichen mit dem Musikkonsum vieler Zeitgenossen. Ich kann mich nie entscheiden, was ich gerade hören will. Ich bringe auch selten die Geduld auf, ein ganzes Album am Stück zu hören – es sei denn, es ist neu oder ich höre es beim Autofahren. Auf meiner Festplatte liegt mein gesamtes Musikarchiv. Es ist nicht sonderlich groß, umfasst aber eine Vielfalt von Klassischer Musik über Gothic Rock bis Latino, Electro etc. Was ich höre, bestimmt allein der Zufall. So kann auf Bach schon mal Rammstein kommen und danach südamerikanischer Salsa.

Viele Menschen machen das, was sie hören wollen, von ihrer Stimmung abhängig. Das geht bei mir nicht. Würde ich so entscheiden, wäre ich ziemlich bald ziemlich ratlos. Musik ist für mich ein Klangerlebnis. Sie kann Emotionen transportieren, tut es aber nicht sehr oft. Vielleicht erklärt das auch, warum ich Kraftwerk mag. Musik als Träger von Ideen, nicht von Emotionen.

Die lange Bank

(Bereits zuvor im eigenen Blog veröffentlicht, wieder gelöscht und dann hierher transferiert):

Das Reichskammergericht in Speyer nahm im Heiligen Römischen Reich eine wichtige Funktion ein: Wann immer es zu einem Streit zwischen zwei Feudalherren kam, klagte einer von ihnen beim Gericht. Doch bis die Herren Richter ihr Urteil gesprochen hatten, waren die beiden Streithähne längst tot – und ihre Söhne ebenfalls. Denn im Gerichtsgebäude gab es eine lange Bank, auf der die Gerichtsakten lagen. Kam ein neuer Fall dazu, wurde er einfach vorne auf die Bank geschoben. Die weiteren Fälle wanderten immer weiter nach hinten. Waren sie am hinteren Ende der langen Bank angekommen, nahm sie das Gericht und bearbeitete sie.
In den Jahrhunderten hatte sich ein gewaltiger Aktenstau gebildet, und das Gericht kam mit der Bearbeitung der Fälle nicht mehr nach.

So wie dem Reichskammergericht geht es mir auch. Immer wenn etwas neues ansteht, das nicht dringlich ist, wird es auf die lange Bank geschoben. Ich sehe sie vor meinem geistigen Auge, und was dort alles liegt, raubt mir manchmal den Schlaf. So funktioniert bei mir schon seit mehr als einem Jahr nur eine von zwei Herdplatten. Und das ist nur das harmloseste von dem, was erledigt werden sollte. Manche Dinge sind dringlicher und dulden keinen Aufschub. Manche fallen mir auf die Füße, weil ich zu lange gewartet hatte, aber keine Nerven hatte, mich damit zu beschäftigen.

Ich arbeite acht Stunden am Tag, fünf Tage die Woche. Wenn ich abends nach Hause komme, bin ich meistens zu kaputt, um mich noch um irgendwelche Erledigungen zu kümmern. Von den restlichen beiden Tagen gehört einer der Ruhe und meinen Hobbys, gegebenenfalls auch noch Freunden oder Familie und neuerdings auch meiner Freundin. Alles andere muss an einem einzigen Tag in der Woche erledigt werden – und meistens wird dieser Tag schon komplett vom Haushalt in Anspruch genommen. Ich habe also schlichtweg keine Zeit, mich um die ganzen Dinge zu kümmern, die außer der Reihe erledigt werden sollten.

Oder besser: Zeit hätte ich durchaus, denn ich habe auch Zeit, diesen Blogbeitrag zu schreiben, aber ich kriege es einfach nicht hin – und daran verzweifel ich. So häufen sich die unerledigten Aufgaben und machen Stress. Aber sie machen mir auch Angst, denn einige davon verlangen Dinge von mir, die zuvor noch nie getan hatte, und ich weiß oft nicht, wo und wie ich anfangen soll. Da sitze ich als intelligenter Mensch und scheue mich davor, die Dinge anzupacken, die erledigt werden sollten.

Das ist aber keine neue Erscheinung. So war es schon immer. Und schon von meiner Mutter musste ich mir einiges anhören. Faul sei ich gewesen. Dafür brauchte ich doch nur viel Zeit für mich selbst. Zeit, die ich nicht habe und die ich mir deshalb von den Erledigungen nehmen muss.

Unerfüllte Aufgaben nehmen einen Großteil meiner Probleme ein. Sie machen mich wahnsinnig – vor allem, wenn es eine Deadline gibt und diese Deadline immer näher rückt. Dann fühle ich mich manchmal eingeengt – warte bis zum letztmöglichen Termin, um dadurch noch mehr in Stress zu geraten.

Ein Beispiel: Ich weiß, ich muss dringend etwas einkaufen, doch ich schiebe es vor mir her – oft ist das Wetter schuld, da ich bei Regen ungern nach draußen gehe. Aber oft liegt es auch einfach daran, dass ich mich an meinem freien Tag nicht dazu überwinden kann, überhaupt das Haus zu verlassen. Wenn dann der letztmögliche Termin kommt, ist es meistens ein Tag, an dem ich arbeiten muss, und dann schwitze ich, dass ich keinen Abendtermin habe und auch früher gehen kann, um meine Erledigung noch schnell absolvieren zu können.

Die Lange Bank, das ist neben meinen sozialen Defiziten mit Abstand mein größtes Problem. Ein Problem, das ich möglichst bald in den Griff bekommen möchte. Ich frage mich: Wenn es alle anderen mühelos hinbekommen, warum kann ich es nur mit viel Selbstüberwindung oder gar nicht? Ist es wirklich so, dass ich den Arsch nicht hoch kriege? Aber warum schaffen es dann die anderen? Faul bin ich ja nicht; das stelle ich mit meiner Arbeit unter Beweis. Aber diese 40 Stunden in der Woche – so scheint es – rauben mir sämtliche Energiereserven, die ich habe, und dann muss ich am Wochenende wieder aufladen. Mit Schlafen, Lesen, Fernsehen, meinen Interessen nachgehen oder eben Blogbeiträge schreiben.

Ich habe schon immer geglaubt, mein innerer Schweinehund sei größer als der von anderen Leuten. Woran es lag, wusste ich nicht. Bis heute.

Journalist mit autistischen Zügen: Der tägliche Kampf

Ich werde immer wieder gefragt: Wie schaffe ich es, als Autist (oder zumindest als Mensch mit autistischen Zügen) journalistisch tätig zu sein? Viel Kontakt mit Menschen, keine tägliche Routine, oft sogar Abendtermine und Wochenenddienst – eigentlich der Horror für Menschen mit Autismus.

Als ich das erste Mal vom Asperger-Syndrom hörte und mich darin wieder erkannte, war ich gerade dabei, ein Volontariat zu machen. Ich fragte mich ernsthaft, ob ich diesen Beruf noch weiter ausüben könnte oder ob ich mich nach etwas anderem umsehen müsste. Doch ich las auch, dass alles, was bisher gut gegangen ist, wohl auch noch weiter gutgehen wird.

Ich habe diesen Beruf ergriffen, als ich noch nichts einem möglichen Autismus wusste. Ich habe einfach gerne Texte geschrieben. Das war schon in der Grundschule meine Stärke gewesen, und so stand für mich schon sehr früh fest: Entweder Schriftsteller oder Journalist. Ersteres hat leider (zumindest bisher) nicht geklappt, wiewohl ich da die Hoffnung bislang noch nicht aufgegeben habe. Es ist auch nicht einfach, einen Roman bei einem Verlag unterzubringen. Also habe ich ein Volontariat angefangen und habe mich da durchaus als Talent erwiesen.

Ich hatte von Anfang an große Schwierigkeiten, Menschen anzusprechen. Doch schon an der Uni, als ich beim Uniradio gearbeitet hatte, hatte ich festgestellt: Mit Mikrofon war es auf einmal kein Problem mehr. Weil ich nicht selber etwas von den Menschen wollte, sondern nur der Vertreter einer Institution war. Ich konnte mich hinter dem Mikrofon bzw. hinter der Kamera verstecken – im übertragenen Sinn. Ich als Person war nicht mehr wichtig, sondern das, wofür ich arbeitete. So konnte ich meine Scheu überwinden.

Es kommt trotzdem immer wieder vor, dass ich beim Interview die nächste Frage vergesse. Das liegt daran, dass ich mich nicht konzentrieren kann, wenn ich einem anderen Menschen in die Augen schaue. Ich verstehe nur, was er sagt, wenn ich woanders hin schaue, denn sonst bin ich oft abgelenkt. Oder ich verstehe, was er sagt, versuche gleichzeitig, in seine Augen zu schauen und habe dann keinen Platz mehr im Kopf für die nächste Frage, da ich mich nie auf zu viele Dinge gleichzeitig konzentrieren kann. Zum Glück konnte ich aber – auch durch Routine – größere Peinlichkeiten vermeiden.

Von Journalisten wird oft erwartet, dass sie ein Netzwerk aufbauen, überall ihre Informanten sitzen haben und über irgendwelche Kanäle über alles informiert sind. Jetzt sind viele Autisten schlecht darin, Netzwerke aufzubauen. Das trifft auch auf mich zu. Aber dafür habe ich eine Fähigkeit, die anderen vielleicht fremd ist: Ich kann Informationen sammeln und diese dann wiederum verständlich für meine Zielgruppe aufbereiten.

Vor allem: Eine Information, die ich gesammelt habe, vergesse ich so schnell nicht. So kann ich mich auch in kurzer Zeit in komplizierte Sachverhalte einarbeiten und diese dann einfach und verständlich den Zuschauern, Hörern, Lesern, etc. präsentieren. Ich kenne noch nach Jahren die Zusammenhänge in einem bestimmten Thema, das ich bearbeitet habe – ja, ich wurde eine Zeit lang sogar das Gehirn der Redaktion genannt. Zusätzlich zu meiner sprachlichen Begabung macht mich das zu einem Journalisten, der sich zumindest in dem Unternehmen, in dem er beschäftigt ist, einen guten Ruf erarbeitet hat. Meine Vorgesetzten wissen, was sie an mir haben und dass ich aus jedem Thema, mit dem sie mich beauftragen oder das ich selber wähle, ein ansprechendes journalistisches Produkt machen kann.

Ich bin gerne Journalist, weil ich gerne schreibe und weil ich doch bei viel Routine auch viel Abwechslung habe – und weil man in keinem Beruf so viel über das Leben in seinen unterschiedlichsten Facetten lernt wie im Journalismus, da man hier mit allen Themen konfrontiert wird, die das menschliche Leben ausmachen.

Etwas anderes freilich sind die Arbeitszeiten. Hier muss man Kompromisse machen können. Es fällt mir schwer, nach einem Acht-Stunden-Tag noch auf eine Veranstaltung zu gehen, um darüber Bericht zu erstatten. Ich bewundere auch jeden Menschen, der nach einem vollen Arbeitstag noch auf ein Konzert, eine Vortragsveranstaltung oder eine Podiumsdiskussion gehen kann und Freude daran hat. Mir fällt so etwas unsagbar schwer.

Was die Wochenenddienste angeht, bediene ich mich eines Tricks: Bei uns bekommt jemand, der am Sonntag arbeiten muss, den Freitag frei, und wer am Samstag arbeitet, bekommt einen freien Montag – so dass immer jeder zwei freie Tage am Stück hat. Für mich gilt dann, dass ich die Samstags-Routinen einfach an einem der beiden Tage ausführe und die Sonntags-Routinen am anderen. Das führt manchmal dazu, dass ich am Freitag denke, es wäre Samstag oder am Samstag, es wäre Sonntag. Aber ansonsten funktioniert es sehr gut.

Trotz allem: Viele Probleme bleiben. Zum Beispiel, dass ich nicht gerne telefoniere. Zum Beispiel, dass es mir oft schwer fällt, mit Kollegen, Protagonisten, Interviewpartnern und Kunden umzugehen (Es gelingt mir meistens trotzdem zumindest unfallfrei.). Wenn zu viele Informationen auf mich einprasseln – zum Beispiel auf Messen oder während einer CvD-Schicht (Chef vom Dienst) -, ist das auch ein Problem. Wenn es darum gilt, mich an Orten, an denen ich noch nie war, zurechtzufinden. Ich kann mich nur sehr schwer konzentrieren, und wenn ich unterbrochen oder abgelenkt werde, finde ich nur schwer wieder zurück. So ist das Berufsleben ein täglicher Kampf, die Fassade aufrecht zu erhalten, so gut es geht.