Gesichtsblind? Aber ich ich doch nicht

Tja, so dachte ich 35 Jahre lang von mir. Ich kann ja schließlich Gesichter sehen, erkennen und auch durchaus unterscheiden. Ich habe keine verschwommene Fläche vor mir wenn mich einer anguckt. Außerdem habe ich mich mein Leben lang sehr detailliert und fast fanatisch mit dem Thema Gesichter befaßt. Ich bestehe sämtliche Gesichtstests mit Bravour, ich bin ein Meister der Antlitzdiagnostik, ich erkenne jede Regung und kann sie deuten, ich kann durchaus meine Nachbarn auf der Straße erkennen und grüßen. Ich bin doch nicht gesichtsblind. Das kann ja gar nicht sein. Heute weiß ich daß ich doch Prosopagnostiker bin. Also ein Gesichtsblinder. War die Erkenntnis anfangs eher unglaublich für mich, kann ich heute sehen daß das sehrwohl stimmt. Ich habe mich damals auf die Suche gemacht wie ich so funktioniere und wie das sein kann. Ich erkenne doch Menschen und manchmal sogar zuverlässiger als andere. Wie kann das sein?

Ganz einfach, ich habe meinen Mangel schon von Kindesbeinen an zum Spezialinteresse gemacht. Menschen! Dazu gehört auch das lesen und erkennen von Körpersprache und Gesichtern. Ich habe es geübt und geübt wie nix gutes. Das war für mich auch überlebensnotwendig, denn meine psychisch schwerkranken Eltern waren oft auch sehr sehr böshafte Eltern und es war für mich sehr wichtig so schnell wie möglich zu erkennen wer oder was mir da grade wie gegenüberstand um angemessen reagieren zu können. Jedesmal wenn ich mich vertan hatte, hatte es sehr böse Konsequenzen für mich. So hab ich es durchaus sehr schnell gelernt Gesichter bewußt zu lesen und zu deuten. Also das gesehene mit dem Gelernten abzugleichen um zu interpretieren. Bewußt, das ist der Schlüssel und Unterschied zu anderen. Ich erkenne nichts einfach mal so, ich habe keinen Autopiloten für Gesichter. Ich muß sie mir durch denken mühsam erschließen. Das kostet enorm Kraft und Energie. Daher lese ich Gesichter nur, wenn genug Kraftreserven vorhanden sind oder wenn es wirklich wichtig ist.

Nun würde man denken das würde man doch merken, aber dem ist nicht so. Ich erkenne ja Menschen durchaus auch sehr zuverlässig. Ich grüße Nachbarn die mir im Auto entgegenkommen, ich kann Kollegen, Patienten, Freunde und gute Bekannte jederzeit auseinanderhalten, ich erkenne sogar jahrelang nicht gesehene Bekannte auf einem Konzert 20m vor mir von hinten.

Tja, wie mach ich das bloß? Ganz einfach. Ich kann zu meinem Glück unwahrscheinlich schnell denken und Zusammenhänge bewußt knüpfen. Da ich das aber mein Leben lang arg trainiert habe, spüre ich den Aufwand gar nicht mehr. Vor allem Gesehenes wird bei mir viel schneller verarbeitet und zu einem Ganzen verwurstet als bei anderen Menschen. Ich erkenne jedes Auto und jedes Nummernschild in Buchteilen von Sekunden und kann dann Aktion grüßen starten. Ich erkenne Menschen die ich bereits gut kenne zuverlässig an der Art wie sie sich bewegen. Sie könnten sich auch komplett verkleiden und ich würde sie jederzeit erkennen. Neulich gab es ein Konzert einer neuen verrückten Band deren Mitglieder geheim bleiben wollten, man wußte nur daß sie Mitglieder aus bekannten anderen Bands sind. Sie standen alle Kopfvermummt auf der Bühne und ratet mal, wer als Einziger sofort wußte wer da stand. Manchmal ist das ja durchaus praktisch 😉 Ich gleiche anscheinend Bewegung und gewohnte Optik wie Klamotten/Haare gerne miteinander ab. Je mehr Infos ich bekomme, desto zuverlässiger bin ich. Allerdings strauchel ich auch oft, wenn ich Menschen eben nicht so gut kenne oder nicht weiß wie sie sich bewegen, sie plötzlich neue Haarfarben haben, andere Klamotten tragen oder ich sie in einem nicht passenden Kontext treffe wo sie eigentlich nicht hingehören.

Da kann es sein, daß ich meinen Besuch den ich nur aus dem Internet kenne trotz massenweiser aktueller Fotos nicht am Treffpunkt erkenne oder maximal die Klamotten der rumstehenden Leute durchscanne um ihn zu erkennen. Ich erkenne den Postboten nicht beim einkaufen, der seit vielen Jahren ganz zuverlässig und freundlich täglich meine vielen Pakete ohne murren bringt, ich vertue mich ständig in Menschenmengen und grüße wildfremde Personen, weil so viele Bewegungszwillinge rumrennen und wenn dann auch noch die Haare annähernd gleich sind, läuft halt Reaktion grüßen wieder automatisch ab. Menschen an denen ich wenig Interesse habe, lose Bekannte, Freunde von irgendwem etc. die erkenne ich manchmal auch nach Jahren nicht immer zuverlässig. Gerne führe ich auch seltsame Smalltalkunterhaltungen (ja, hey…ich beherrsche Smalltalk mit Bravour und das als Autist!) mit Menschen von denen ich keinen Schimmer habe wer sie sind. Ich versuche dann im Gespräch immer irgendwelche Informationsbrocken herauszubbekommen ohne aufzufliegen. Selten bekomme ich die und so grübel ich oft tagelang mit wem ich die ganze Zeit wohl so nett geredet haben könnte und wie ich bloß reagiere wenn ich diesen Menschen wiedertreffe oder er mich auf unser Gespräch anquatscht.

Tja, was mach ich nun damit?

Weitermachen, denn es läuft ja eigentlich ganz gut. Gibt schließlich schlimmeres im Leben und manchmal ist es auch durchaus hilfreich so zu sein. Ich erzähle es möglichst oft und offen daß ich Schwierigkeiten habe, Gesichter zu erkennen und daß man mich doch bitte ansprechen soll und ansonsten lebe ich damit. Ich versuche Menschen beim einkaufen und ähnlichem nicht anzugucken, dann kann niemand sagen ich hätte ihn ja erkennen müssen. Ich kann mich jederzeit auf, huch…ich hab sie gar nicht gesehen berufen. Ich werd ja oft eh als Schussel und Tüddeltante von außen angesehen, da verzeiht man mir recht schnell so ein paar kleinere Fehltritte. Ansonsten versuche ich bei fachlichen Treffen vorab so viele Fotos der Personen als möglich anzuschauen die ich im Internet finden kann um sie mir einzuprägen.

Also wenn wir uns mal treffen sollten, einfach anquatschen oder vorab Fotos von den Klamotten die man aktuell trägt schicken.

Mir fällt zum Schluß noch was ein zur Gesichtsblindheit. Ich erkenne oft mein eigenes Kind nicht wenn ich es in der Kita suche. Da laufen zig kleine quirlige blonde Mädels rum und egal wie sehr ich mich konzentriere, wenn ich nicht weiß was sie anhat weil der Herr Papa sie morgens hingebracht hat, habe ich keine Chance.

Ich habe auch große Schwierigkeiten Filmen zu folgen. Grade so Sachen wie Tatort oder so sind sehr schwer für mich zum folgen. Die Schauspieler sehen echt alle gleich aus für mich, tragen oft alle 0815 Klamotten und keiner sticht optisch sehr heraus. Ich erkenne einfach oft die Kommissare nicht und grübel ständig wer das nun ist, ob gut oder böse und wie das nun im Kontext zur Handlung richtig sein könnte. Ich verballer viel Energie, gleich am Anfang krampfhaft genau zu schauen wie das Gesicht und die Haare der Hauptpersonen aussehen. Wenn dann andere auch noch ansatzweise ähnlich aussehen ist es für mich vorbei. Ich bekomme keinen Handlungsstrang mehr klar und breche oft die Filme ab. Ähnlich auch, wenn ich mittendrin reinschalte. Ich kann das nicht!  In den meisten Filmen sieht man den “bösen” ja durchaus an daß sie die bösen sind oder die Helden haben einfach eine ganz bestimmte Optik. Dann ist es einfach für mich. Aber so klassische Kriminalfilme zB. sind fast immer ganz schwierig. Daher gucke ich gerne Animationsfilme, optisch total überzogene Filme oder Fantasykram. Das kostet mich weniger Energie.

Spezialinteressen der Frau Anders

Oh ja, die lieben Spezialinteressen. Die wechseln bei mir irgendwie stetig. Ich arbeite mich solange in ein Thema ein bis ich fast alles weiß und dann wird es mir schrecklich langweilig damit. Um mich mal an frühere  und längst vergessene Spezialinteressen zu erinnern, versuche ich mal ein paar hier aufzuschreiben.

Ich habe schon immer gerne gelesen. Selbst als kleines Kind das noch nicht lesen konnte. Phantasiewelten waren schon immer meine. Ich las gerne Geschichten, Bücher und sog alles Geschriebene was ich in die Finger bekam förmlich auf. Ich bin als kleines Kind trotz Ostzeiten mit Mickey Mouse und Donald Duck sozialisiert worden. Mein Vater war damals Lehrer und mußte den Schülern die heimlich mitgebrachten Hefte abnehmen. Naja und die bekam dann halt ich 😉 Ich hab die Dinger geliebt. Ich weiß wirklich alles über Entenhausen und kenne jedes lustige Taschenbuch bis heute komplett auswendig.

Als kleines Mädchen liebte ich natürlich auch Tiere. Insbesondere liebte ich Hunde und Pferde. Ich lernte schon früh alles über verschiedene Pferderassen, las mich in medizinisches Fachwissen ein und was weiß ich nicht noch alles. Natürlich konnte ich damals auch perfekt Pferde zeichnen, was ich fast täglich machte. Ich machte sämtliche Reitausbildungen in sämtlichen Klassen mit und habe viele Jahre lang intensiv Springreiten betrieben weil mir das am meisten Spaß gemacht hat. Ich gewann die dollsten Turniere, hatte irgendwann ein eigenes Pflegepferd usw. Irgendwann verlor ich dann mein „eigenes“ Pferd und trat notgedrungen in einen neuen Verein ein, in dem ich mit all diesen pferdebegeisterten Mädchen die sich permanent miteinander messen mußten nicht klarkam. Das war die Hölle für mich. Also hörte ich irgendwann komplett mit allem was Pferde angeht auf und saß seither nie wieder auf einem Pferd, was ich bis heute sehr bedaure.

Autos waren auch mal mein Spezialinteresse als kleines Mädchen. Ich kannte wirklich jedes Auto und habe sogar als ganz kleiner Stöpsel mit meinem Vater unter unserem Auto gelegen und geschraubt. Ich habe Matchbox gesammelt, mein Zimmer hing voller Autoposter und ich habe geübt Autos am Geräusch identifizieren zu können. Wer mich heute kennt würde das kaum glauben, denn Autos interessieren mich jetzt nur noch zum fahren und alles was Autos angeht ist inzwischen Spezialsache meines Mannes.

Neben den genannten Sachen ist natürlich auch Fußball meine große Liebe gewesen. Ich sammelte alles von meiner Mannschaft, ging zu jedem Spiel ins Stadion, reiste zu Auswärtsspielen und fing an auch selber irgendwann begeistert Fußball zu spielen. Leider war ich nicht besonders gut und da waren ja wieder all die anderen Mädels in der Mannschaft die nicht so cool waren wie ich es erwartet hätte daß ich auch damit irgendwann frustriert aufhörte. Heute bin ich immer noch für Fußball zu begeistern, ich pflege dieses Hobby allerdings nicht mehr besonders intensiv mangels Zeit.

Was gab es denn da noch? Ich interessierte mich schon immer für Schmetterlinge, Käfer und Vögel. Ständig sah man mich mit meinem Bestimmungsbuch rumrennen. Irgendwann wurden aus den Tieren Pflanzen und auch da war ich als Kind ständig unterwegs irgendwas zu bestimmen.

In meiner Pubertät beschäftigte ich mich dann stark mit Religionen und speziell auch dem Satanismus und dem Wiccakult. Alles okkulte faszinierte mich extrem und auch da verschlang ich alles was ich darüber zu lesen bekam. Ich fühlte mich zwischen allen Weltanschauungen stehend und las wirklich alles vom Paranormalem bis hin zur hexenmäßigen Heilkunde. Ich lernte alles über Rituale, Wildkräuter, Heilkunde usw. Letzteres ging dann zusammen mit meinem bisher angehäuftem Wissen über Pflanzen soweit daß ich sogar ein möglichst schlau aufgebautes Lexikon geschrieben habe über Kräuter und deren Anwendung bei verschiedensten Erkrankungen. Auch heute hege ich noch eine große Liebe zum Thema Medizin und lerne alles was man darüber nur lernen kann. Ich bin nur inzwischen wenig „esoterisch“ drauf und deutlich bodenständiger. Ich wäre glaub ich ein toller Mediziner mit einem umfassenden Wissen geworden. Ich ärgere mich noch heute darüber daß ich mir mein Medizinstudium hab ausreden lassen und heute wär mir ein Studium zuviel unbezahlte Leerlaufzeit mit Dingen die ich eh schon weiß. Arzt wollte ich allerdings arbeitstechnisch eh nie sein. Ich wollte wirklich nur das Wissen anhäufen und für mich nutzen. Insofern geht das schon okay. Das kann man ja auch ohne Studium tun und so das Feld ist so groß, daß ich es auch heute noch fleißig tue.

Musik war eigentlich schon immer meine Leidenschaft. Hören wie auch selber machen. Ich vergötterte damals gewisse Bands, ich lernte alles über die Musik die mir gefiel auswendig und versuchte mich auch immer wieder darin die verschiedensten Instrumente zu spielen. Ich habe ein Faible für außergewöhnliche Instrumente und lernte neben Gitarre, Bass und Geige alles was auch nur ansatzweise irgendwie verrückt klang. Inzwischen kann ich etliche Instrumente grundlegend spielen aber keines so richtig. Ich war einfach zu schlecht oder verlor zu schnell das Interesse sobald ich es einigermaßen konnte. Oft fragte ich mich auch, wozu ich das eigentlich lernen sollte. Wir reden hier übrigens von weit über 20 Instrumenten.  Durch meine Liebe ganz besonders zum Irish Folk versuchte ich irgendwann Gälisch zu lernen.

Damit geht es weiter zum Thema Sprachen. Ich muß sie aufzählen um zu wissen wieviele ich mal beherrschte und mir selber angeeignet habe. Das waren neben Deutsch und als norddeutscher natürlich Plattdütsch die Fremdsprachen Englisch, Spanisch, Französisch, Russisch, Portugiesisch, Italienisch, Schwedisch, Griechisch, Arabisch, Latein und bestimmt noch welche die ich vergessen habe. Das natürlich alles inclusive den verschiedenen Dialekten und so. Inzwischen bringe ich sie durch den mangelnden Abruf im Alltag alle komplett durcheinander und habe daher aufgehört es überhaupt zu probieren außerhalb von Englisch. Aber ich könnte sie sicher schnell wieder abrufbar machen, falls es nötig sein sollte.

Ich kann einfach alles supergut und schnell auswendig lernen. Das fliegt mir förmlich zu ohne daß ich mich besonders anstrengen müßte. Gedichte, Liedtexte, Geschichten oder was auch immer. Oft lernte ich die klassischen und berühmten Balladen gleich mal in meinen ganzen Sprachen weil ich es cool fand es einfach nur zu können. Ich hab mal den kompletten Faust auswendig gelernt. Einfach nur so. Ich glaub den kann ich heute sogar noch abrufen. Aber wehe ich will mich mal an meinen vergessenen Einkaufszettel erinnern. Daran scheitere ich kläglich.

Ich habe mich dann auch schon immer sehr für Kunst und Architektur interessiert. Ich war in der Schule im Kunst Leistungskurs und war dort voll in meinem Element. Ich wollte am liebsten Kunst und Architektur studieren und hab keine Ahnung mehr warum das damals als es soweit war keine Option mehr war. Zeichnen kann ich glaub ich halbwegs gut, aber die theoretischen Dinge sind einfach mehr die meinen gewesen.

Tja, was gibts noch. Jonglage und Zirkus. Ich habe einige Jahre die Sommer in einem Behindertenfreizeitverein gearbeitet, der einen richtigen Zirkus betrieb. Ich wohnte mehrere Sommer in einem Zirkuswagen und lernte vor allem jonglieren. Speziell die Feuerjonglage ist mein geliebtes Steckenpferd. Ich liebe das Zirkusleben, ich liebe Feuer und genausosehr liebe ich Mittelaltermärkte und Co. Ich bin mal einige Jahre mit einem Slawenmarkt mitgezogen. Ich habe viele alte Handwerkstechniken gelernt und habe dort zB. Filzkram und Bändchenweberei angeboten. Ja, Handwerkstechniken sind ein weiteres Interessengebiet von mir. Ich komme ja aus einer Selbermachfamilie. Das wurde zum Glück dann auch in meiner Ausbildung als Ergotherapeutin sehr gefördert. Ich liebe spinnen, weben, töpfern und Körbe flechten und lerne alles was mir noch so in die Finger kommt. Hauptsache es ist außergewöhnlich genug. All das fällt mir einfach so zu. Ich bin unwahrscheinlich kreativ und lerne handwerkliches superschnell. Ich sauge jede noch so neue Handwerkstechnik in mich auf. Auch heute noch. Aktuell arbeite ich mich in das Thema Reetdachdecken, Fachwerk und Lehmofenbau ein. Das kann aber morgen schon wieder ganz anders sein…

Aber ein Spezialinteresse war schon immer da und wird wohl auch auf ewig bleiben: der Mensch mit seinem Innenleben, psychisch wie physisch sowie Interaktion zwischen Menschen.

Reizüberflutete Frau Anders Teil V (vestibulär/propriozeptiv)

Nun kommen wir zu den weniger bekannten Sinnessystemen, mit denen einige Autisten anscheinend auch große Schwierigkeiten haben. Ich versuchs mal zu erklären. Die vestibuläre Wahnehmung betrifft vor allem das Gespür für Gleichgewichtsreize, Lage des Körpers im Raum zB. bei Bewegungen und ist wichtig, um den Körper darauf passend auszurichten. Funktioniert dieser Sinn nicht so gut, wirken Bewegungen oft tappsig und tollpatschig. Viele Dinge wie laufen, radfahren und so können nur mit hohem Aufwand erlernt werden weil der Körper einfach nicht gut genug spürt wie er sich grade im Raum befindet um schnell darauf mit der passenden Gleichgewichtsreaktion oder abgestimmt geschmeidigen Muskelaktion reagieren zu können. Dieses Sinnessystem kann normal funktionieren oder über- als auch untersensibel sein.

Meines ist eher übersensibel, läßt also alle Reize in Massen auf mich los. Oft überfordert mich das sehr. Das zeigt sich darin daß mir überaus schnell schwindelig wird, sobald mein Körper sich bewegt. Mir wird beim Autofahren schlecht, ich bin absolut nicht seetauglich, und eine einzige Drehung um meine eigene Achse reicht aus damit mir kotzspeiübel wird. Ich habe vermutlich auch wegen der Stärken in diesem Sinnessystem sehr früh laufen und radfahren gelernt, allerdings führt es auch dazu daß Bewegungen oft unangenehm sind und eher vermieden werden. Wer nun im Umkehrschluß zu einer vestibulären Untersensibilität denkt, ich bin ein elegantes, sportliches, sich wohlbewegendes Wesen der irrt absolut. Das wäre ich vielleicht sogar der Fall, wäre da nicht noch das propriozeptive System was bei mir sogut wie überhaupt nicht zu funktionieren scheint. Das propriozeptive System erkennt zB. die Stellung von Muskeln, Sehen und Gelenken zueinander und schickt Infos zum Gehirn wie es zu reagieren hat. (das ist das System was euch, wenn ihr mit geschlossenen Augen einen Arm hochstreckt daß der Arm oben ist) Es macht zum großen Teil mit dem verstibulären System das aus was man oft Körpergefühl nennt. Bei mir versagt dieses System völlig. Was ich in manchen Sinnesbereichen zuviel habe, fehlt mir dort massiv. Ich spüre mich innerlich einfach total schlecht. Ich bin daher in der Außenwirkung ein grobmotorisches Trampeltier, das nicht in der Lage ist elegant zu gehen, zu tanzen oder mich sonstwie zu bewegen. Ich stoße mich oft, mir fallen Dinge herunter und manchmal falle auch ich. Ich habe mein Leben lang versucht dies zu trainieren und bin kläglich gescheitert. Ich wäre so gerne eine elegant und schön tänzelnde Elfe und bin schwer neidisch auf Menschen die sich toll bewegen können. Zumal einige meiner liebsten Hobbys wie zB. das Firepoispielen in der Öffentlichkeit echt nicht gut ankommen, wenn man sich nicht gut bewegen kann und ich mich daher nicht nach draußen damit traue. Naja, vielleicht gibts ja irgendwann mal was elefantastisches zum darstellen, wo man Leute wie mich braucht

Reizüberflutete Frau Anders Teil IV (taktil)

Im Gegensatz zu den meisten Autisten hab ich in dem taktilen Wahrnehmungsbereich, also dem des Fühlens die wenigsten Probleme. Ich kenne das Phänomen der gehassten kratzigen Pullover in der Kindheit zwar auch, aber es war nie so massiv störend wie manch andere Dinge. Heute achte ich dennoch auf angenehme Stoffe und bequeme Kleidung, weil ich jegliche Störungen in irgendeinem Wahrnehmungsbereich vermeiden möchte. Drückendes Schuhwerk, geschweige denn das laufen auf High Heels bei schmerzenden Füßen ist ein no go für mich. Ich mag auch spontane und ungeplante Berührungen von anderen nicht, Händeschütteln ist mir ein Graus und am allerschlimmsten ist ein wohlwollendes Schultergetätschel oder anstupsen. Dennoch mag ich Berührungen von Menschen die mir nahestehen und die mich berühren dürfen sehr gerne. Das darf durchaus nicht jeder, und ohne diese Erlaubnis empfinde ich Berührungen eher als ekelig. Aber ich mag Berührungen. Nein, ich genieße sie sogar extremst. Ich könnte mich den ganzen Tag beknuddeln und bekuscheln lassen. Hier mal in der Armbeuge krabbeln, da mal den Rücken krabbeln, stundenlang den Kopf kraulen…dann fühle ich mich wohl, geliebt und angenommen.

Was das Schmerzempfinden angeht, bin ich mir nicht so ganz sicher und ich bin grade dabei für mich herauszufinden wie ich da ticke. Mal bin ich überempfindlich, mal gar nicht. Noch verstehe ich es nicht. Oberflächlich, also auf taktiler Ebene bin ich manchmal extremst sensibel und kann an einem kleinen Buchseitenschnitt im Finger förmlich sterben. Dagegen kann man mir aber andererseits ohne Probleme Spritzen geben und ich habe mir als Kind immer Nadeln völlig schmerzfrei durch die Haut gezogen. In der Tiefenwahrnehmung bin ich eher untersensibel. Da brauchts schon viel input damit ich überhaupt was spüre.

Reizüberflutete Frau Anders Teil III (gustatorisch/olfaktorisch)

Ja, auch mein Geschmacks- und Geruchssinn funktionieren offensichtlich nicht normal.

Geschmacklich wird mir manches echt schnell zuviel. Vor allem diese von vielen so sehr geliebten deftig gewürzten Speisen sind mir oft zu heftig und ich kann sie dann nur schwer essen. Ich sage immer: „selbst minimal Pfeffer irgendwo dran ist mir schon zu scharf“. Ich glaube ich wäre im Altenheim mit ungewürzter Schonkost echt total glücklich. Leider gibt es oft Menschen die einem ein Chili unterjubeln wollen mit den Worten es wäre diesmal doch wirklich nicht scharf. Nein Leute, mir ist das sogar ganz ohne Chili drin sicher schon zu scharf. Es verätzt meine Zunge und ich schmecke vom ganzen Gericht einfach gar nichts mehr. Ich verstehe nicht, was daran toll sein soll. Geschmacksverstärker und ähnliches ist auch zuviel für mich. Ich hab lieber den echten und puren Geschmack von Lebensmitteln, vielleicht noch ein paar schöne Kräuter dazu und dann reicht das. Da ich die Köchin im Hause bin, leiden meine bekochten Personen oft sehr darunter, weil denen immer alles zu fade ist was ich mache. Da ich das aber weiß, schmeiß ich einfach für die anderen extra viel Salz, Pfeffer und Gewürzkram rein. Im Restaurant esse ich oft Gerichte, wo man nicht viel überwürzen kann zB. Steak mit 0815 Salat. Da kann man den Pfeffer einfach abkratzen oder abbestellen und gut ist.

Mein Geruchssinn ist jetzt nicht überdimensional fein, da kenne ich Menschen die noch krasser sensibel sind als ich, aber auch da bin ich schon irgendwie übersensibel. Das ist übrigens seit ich die Pille nicht mehr nehme schon intensiver und seit meiner Schwangerschaft wirklich extrem viel stärker geworden. Das fasziniert mich zum Teil heute noch, weil ich auch noch weiß wie es vorher war. Ich kann seitdem zB. riechen wo Menschen (also die unparfümierten) langgegangen sind, das war vorher nicht so. Ich denke mir oft, so muß sich echt ein Hund fühlen der einer Geruchsspur folgt. Ich kann von allen Menschen zB. auf einer Konferenz zuordnen wer vor mir auf dem Klo saß und rieche im Freundeskreis wer wen vorher umarmt hat. Generell rieche ich Menschen sehr stark. Lediglich mir sehr nahestehende Menschen rieche ich irgendwann plötzlich nicht mehr. Keine Ahnung, warum das so ist. Die werden anscheinend geruchlich eingemeindet in eine Art Familiengeruch, den ich selber nicht mehr wahrnehmen kann. Mich selber rieche ich ja auch nicht. Ansonsten rieche ich sehr zur Freude meiner eher schlecht riechenden Familie alle Veränderungen an Lebensmitteln bereits 5 Tage vor dem schlechtwerden eines Lebensmittels. Das macht mich zum förmlich zum Familienspürhund. Ich kann 5 Räume entfernt riechen welche Marmelade jemand in der Küche öffnet oder ob eine Herdplatte angeschaltet ist. Ich hasse Parfüm jeglicher Art. Parfümerien in Einkaufsstraßen sind meine persönliche Geruchsfolterzone. Ich verstehe nicht, wie sich Menschen absichtlich so Zeugs draufsprühen können oder fröhlich stark riechende Weichspüler, Klodüfte oder Duftkerzen benutzen ohne davon Kopfweh zu bekommen. Wobei, früher als mein Geruchssinn noch abgestumpfter war, habe ich all das auch benutzt. Heute mache ich mein geruchsloses Waschpulver einfach selber, nutze kein Parfüm und meide alles mit künstlichen Gerüchen. Ein Strauß stark duftender Blumen hingegen stört mich gar nicht und an angenehm riechenden Menschen könnte ich den ganzen Tag schnuppern.

Reizüberflutete Frau Anders Teil II (auditiv)

Ja, auch meine Ohren (bzw. das was ich als Hörreiz wahrnehme) funktionieren genauso wie meine Augen und bereiten mir im Alltag Probleme.

(Nachzulesen hier: https://klarnetaut.wordpress.com/2015/02/28/reizuberflutete-frau-anders-teil-i-visuell/)

Ich höre alles gleich laut und gleich präsent und kann mich nur schwer auf einen einzigen Reiz konzentrieren. Ich war mir lange nicht bewußt daß das nicht normal ist was ich alles gleichzeitig hören kann. Ich dachte lange Zeit, ich wäre einfach nur schwerhörig oder so. Dabei ist eher das Gegenteil der Fall. Ich kann ganz toll hören und kann sogar Frequenzen wahrnehmen die den meisten Menschen verschlossen bleiben (kennt ihr die Ortungsgeräusche von Fledermäusen?). Ich frage öfter Menschen was sie in einer oftmals eher ruhigen Situation alles hören können. Da kommen meist 1-3 Sachen. Ich hingegen schaffe es selbst in vermeintlich ruhigen Situationen locker bis zu 50 Dinge aufzuzählen die recht präsent sind. Darunter auch so Dinge wie atmen, Herzschlag, tickende Armbanduhren, das Geräusch meiner Spucke im Mund, das Geräusch von sich bewegenden Fingern, das rascheln meiner Haare und Klamotten, Vogelgezwitscher, Lampen (ja, ich kann Lampen und manchmal auch Steckdosen hören) uns, und, und

Stellt euch jetzt mal vor, wie sich das anfühlen würde wenn jedes dieser Geräusche gleich laut und permanent auf euch einprasseln würde (gibts da nicht auch irgendwo Videos oder Tonaufnahmen die das mal verdeutlichen? Über einen Tip wäre ich dankbar) und dann stellt euch mal vor wie sich das potenziert wenn ich zB. einfach nur in einer Kneipe sitze oder unter mehreren Menschen bin. Könntet ihr dann immer noch einem ernsthaften Gespräch des Gegenübers der in dem Fall nicht lauter ist als das ticken meiner Armbanduhr und dem aller Gespräche im Raum ist folgen?  Ich kann es oft nicht. Einige Zeit schaffe ich es vielleicht mit gaaaaaanz viel Konzentration, aber relativ schnell ist die dann aufgebraucht. Oft kommen ja auch noch andere Reizüberflutungen der anderen Sinneskanäle dazu und ich brauche dann ganz dringend Ruhe um nicht durchzudrehen. Früher bin ich dann vor der Tür eine rauchen gegangen, heute flüchte ich aufs Klo und halte mir dort ne ganze Weile einfach nur die Ohren zu um kurz aufzutanken. In der Außenwirkung bin ich daher ein eher schlechter Zuhörer oder ich bekomme wichtige gesprochene Informationen oft nicht richtig mit (das ist auch eine Figur Grund Wahnehmungsstörung im auditiven Bereich). Am schlimmsten ist es, wenn mehrere Menschen anwesend sind, das Radio nebenbei dudelt oder wenn man mich nicht direkt anguckt beim reden. Es reicht schon wenn mein Mann mir im rausgehen etwas zuruft was ich unbedingt noch tun soll und ich aus Gewohnheit schon jaja rufe (hey, ich hab dann wenigstens schon mal gehört daß da ein akustischer Reiz war, das ist eigentlich schon lobenswert) aber keinen Schimmer habe was er gesagt haben könnte. Oft verstehe ich auch nur den Wortanfang und erfasse erst nach reichlichem Überlegen und Kontextabwägen was gesagt sein könnte und tue dann das richtige. Ich glaube mein am häuftigsten verwendetes Wort im Leben  ist „häh?“. Das wird manchmal nicht ernstgenommen von mir nahestehenden Menschen, weil ich viel zu oft häh sage….dann ganz intensiv nachdenke und es dann doch verstanden habe weil ich mir das Wort innerlich erarbeitet habe. Also denken alle ich sage einfach nur so häh, obwohl ich es ja wohl doch verstanden hätte. Das führt oft zu Mißstimmungen. Stimmt aber nicht. In dem Moment habe ich meist aufgrund anderer Geräusche im Raum wirklich überhaupt nicht verstanden was gesagt wurde, nur meist denke ich mir schneller eine Bedeutung zusammen als andere den Satz wiederholen können. Ich gewöhne mir grade an, konkreter zu sagen daß ich etwas nicht verstanden habe ob massiver Störgeräusche und daß man mit mir wichtige Dinge lieber besprechen soll, wenn man im selben Raum ist und mich anguckt. Dann kommt es auch an.

Da alles gleich intensiv ist, habe ich auch Schwierigkeiten mit dem räumlichen hören. Wenn das Handy klingelt kann ich es stundenlang suchen ohne nur ansatzweise herausfinden zu können in welchem Raum ich es eigentlich höre. Das wirkt auf andere immer etwas tollpatschig und unbeholfen, was nicht grade immer angenehm ist für mich.

Ich hasse es mit Geräuschen förmlich belästigt zu werden wenn ich zB. einfach nur einkaufen gehen will oder im Bus sitze. Ich höre jedes klappern, rascheln, jedes Gespräch, das Gedudel aus jedem Laden und oft denke ich mir „ich will euren akustischen Müll nicht haben“.  Für mich ist es wie eine Überschüttung mit Müll, der nichtmal mein eigener ist. Leider kann ich es nicht abstellen, daß es mich so sehr überfordert und nervt. Ohrstöpsel helfen manchmal, aber sehr zu meinem Leidwesen verstärken sie auch meine inneren Körpergeräusche was mich ebenfalls schier wahnsinnig machen kann. Am besten helfen mir im Alltag meine Kopfhörer mit mir angenehmer Musik laut auf den Ohren. Die überdeckt dann alles andere und es ist eine erholsame Wohltat nur noch eine handvoll Geräusche zu hören. Lautstärke ist mir dabei zum Glück relativ egal. Daher mag ich auch laute Konzerte oder so sehr gerne. Ebenso toll sind einsame leise Gegenden. Ich kann mich super erholen wenn ich nicht mehr als 10 Geräusche gleichzeitig zu verarbeiten habe. Das gilt übrigens für alle Sinnessysteme.

Reizüberflutete Frau Anders Teil I (visuell)

Reizüberflutung und der tägliche Umgang damit ist eigentlich das zentrale Thema in meinem Leben. Würden all die Filtersysteme vernünftig funktionieren, wäre ich glaub ich schon sogut wie normal. Viele Jahre wußte ich nur von einigen Dingen daß sie mich überfordern, andere nahm ich ursächlich gar nicht wahr und hab mich mein ganzes Leben lang immer nur gewundert was bloß mit mir los seie. So langsam komme ich mir selber auf die Schliche und erkenne plötzlich Ursachen für meine Überforderungen und ich bin froh, daß dem so ist. Denn nun hab ich konkrete Dinge an der Hand mit denen ich arbeiten kann und lernen kann damit umzugehen. Irgendwie verrückt, daß mein Job sich mit diesen Themen hauptsächlich beschäftigt und ich es dennoch nicht bemerkt habe. Aber nun hilft mir das Wissen über Wahnehmungen auch, es besser zu verstehen.

Es gibt, die den meisten Menschen oft nicht bekannt ist, mehr als nur 5 Sinnessysteme. Ich erkläre euch mal nach und nach welche es gibt, und wie das bei mir im einzelnen aussieht.

VISUELL:

Ich bin visuell extrem übersensibel. Alles was über meine Augen an mein Gehirn zum weiterverarbeiten getragen wird, wird anscheinend an keiner Stelle gebremst. Alles wird verarbeitet, alles wird wahrgenommen. Wichtiges wird nicht von unwichtigem getrennt und herausgefiltert. Das heißt, daß ich viel zu schnell viel zuviel aufnehme. Ganz konkret äußert sich das darin daß ich in Bruchteilen einer Sekunde wirklich alles was in meinem Blickfeld liegt sehen kann und mitbekomme. Mein Mann wunderte sich neulich mal, als wir im Urlaub mit dem Fahrrad recht zügig an einer Ferienwohnung mit offenener Haustür vorbeigefahren sind und ich wirklich alles widergeben konnte was da drinnen war. Lampenform, Gardinen- und Wandfarbe, Küchengeräte, Personen, Anzahl der Handtücher und, und, und… Ich habe wirklich keine halbe Sekunde zum reingucken gehabt und auch wenig gezielt geschaut. Er hat hingegen rein gar nichts gesehen. Als wir dieses Jahr in genau dieser Ferienwohnung selber Urlaub machten, war es schon irre zu sehen daß ich wirklich in allem richtig lag und das was man von der Tür aus sieht tatsächlich schon ausführlich kannte. Diese Fähigkeit ist Fluch und Segen zugleich. In meiner Arbeit hilft sie mir in kurzer Zeit viele Dinge an Menschen wahrzunehmen um ganzheitlich arbeiten zu können. Es hilft mir auch oft, meine mangelnden Fähigkeiten irgendwie zu kompensieren. Ich habe nicht intuitiv gelernt Gesichtsregungen zu erkennen, aber ich habe quasi wie in der Schule nachgelernt was was bedeuten soll und erkenne viele Dinge in recht schneller Geschwindigkeit daß ich auch oft zu einer passenden Einschätzung komme. Ich glaube das hilft mir oft mehr als ich es merke. Ich komme in einen Raum voller Fremder und weiß sofort wer sich mit wem versteht und wer nicht, wer traurig ist, wer fröhlich, wer was von wem erwartet usw. Also quasi das was mit Menschenlesen gemeint ist was wir nicht können. Ich kann es aber, aber ich fühle es nicht, ich „lese“ es aus dem was ich sehe heraus und gleiche es mit gelerntem ab. Ich sitze sehr gerne einfach nur da und gucke Menschen zu und lerne dabei mich weiter zu verbessern. Zeitgleich ist das aber auch ein Fluch, denn gibt es zuviel zu sehen ist mein Hirn schnell mit all den ungefilterten Sehreizen überfüllt und macht vor lauter Überforderung zu. Meistens sind es dann ja nicht nur die Sehreize die zuviel werden, sondern es kommen ja auch noch all die Dinge der anderen ebensowenig ungefilterten Sinnenssysteme obendrauf. Ich glaub ich ertrage schon echt viel, vielleicht sogar mehr als normale Menschen aber ich bekomme einfach auch mehr zum Verarbeiten. Ach ja, wer nun denkt ich seie ein totales Adlerauge liegt absolut falsch. Ich kann am allerbesten Dinge übersehen die direkt vor mir liegen, sie verschwinden förmlich im sie umgebenden Hintergrund.  Ich gucke in den Kühlschrank und kann die Milch einfach nicht finden, wenn sie mal woanders als gewohnt steht. Ich weiß ja schon daß ich sowas schlecht kann. Ich weiß daß das was ich suche sicher genau dort ist wo ich schon zig mal gesucht habe und scanne daher mit übermäßig viel Konzentration Fach für Fach ab und scheitere oft dennoch daran. Ich möchte mich nicht immer lächerlich machen. Häufig finde ich absolut gar nix, egal wie sehr ich mich auch anstrenge, während mein Mann mit einem charmanten lächeln die angeblich nicht vorhandene Milchpackung mit einem Griff hervorzaubert. Ich hasse es. Selbst meine Tochter macht sich schon täglich lustig über mich „Meine Mama hat immer keine Augen“ heißt es dann und ich schäme mich mal wieder weil ich die simpelsten Dinge nicht kann. Ich werde wohl mein Leben damit verbringen müssen Dinge zu suchen, weil ich so schlecht Ordnung halten kann und Dinge seltenst feste Plätze haben. Wir Ergotherapeuten nennen das übrigens Figur-Grund Störung. Wenn alles gleich stark wahrgenommen wird, kann ein Objekt nicht oder nur sehr erschwert gezielt herausgesehen werden. Ach ja, ich bin auch sehr lichtscheu. Ich mag die Sonne sehr, aber ich ertrage sie selten weil sie einfach viel zu hell ist. Ohne Sonnenbrille trifft man mich selten draußen an. Wobei blauer Himmel mit Sonne gar nicht mal zu den schlimmsten Reizen zählt solange ich nicht direkt reingucke. Weißer bedeckter Himmel, weiße Gehwege, helle Gegestände lassen mich regelmäßig heftigst weinen, weil sie so hell sind und mich blenden. Ich wähle meinen Sitzplatz am Tisch oft gezielt nach Lichtblendverhältnissen und visuell auf mich einströmenden Reizen. Alle haben übrigens immer gesagt ich müsse das nur einfach mehr trainieren damit es besser wird. Folge davon sind einzig fiese Stirnfurchen und Falten schon in jungen Jahren durch ewiges blinzeln. Besser geworden ist da nie etwas. Von mir kommt auch der Begriff Lichtfolter auf Konzerten oder in Diskotheken. Getreu dem Motto „I wear my sunglasses at night“ laufe ich jetzt einfach konsequent mit Sonnenbrille rum, zur Not auch nachts und träume weiter von sich selbst verdunkelnden Kontaktlinsen weil ich auch mal auf einem Außenfoto ohne Sonnenbrille oder Runzelstirn mit zugekniffenen Augen sein möchte. Wirke ich mit Sonnenbrille immer so schrecklich cool und unnahbar. Mehr als ich es eh schon wirke. Das bin ich eigentlich gar nicht.

Umso trauriger macht es mich, daß mein ebenso lichtscheues Kind derzeit förmlich gezwungen wird in der KITA ohne Sonnenbrille herumzulaufen. Was ist bitteschön daran so schlimm?