Mach ich morgen…oder Montag ( über Prokrastination)

Der Begriff Prokrastination kommt aus dem Lateinischen und bedeutet eigentlich schlicht und ergreifend „vertagen“ und ist eine Zusammensetzung aus den Worten pro „für“ und cras „morgen“.
Hört sich jetzt eigentlich gar nicht so schlimm an- mach ich eben morgen…
Tja…ganz so einfach ist es dann halt doch nicht, denn das Problem ist, dass es jeden Tag wieder ein „morgen“ gibt, auf das man verschiebt.
Prokrastinieren ist ist eine Arbeitsstörung, die sich durch hartnäckiges Aufschieben, unnötiges Vertagen des Arbeitsbeginns oder auch durch sehr häufiges Unterbrechen des Arbeitens äussert. Und damit meine ich nicht das herkömmliche Aufschieben von ungeliebten,. aversiven Arbeiten, die aber dann doch noch rechtzeitiug erledigt werden (das eigentlich jeder kennt), sondern ein Verhalten, bei dem man Aufgaben trotz jeder Menge vorhandener Gelegenheiten und Fähigkeiten entweder gar nicht, oder erst nach sehr langer Zeit… und oft auch ZU SPÄT erledigt.pro1
Ich prokrastiniere eigentlich schon, so lange ich denken kann. Und obwohl ich mir dessen bewusst bin, ändert es nichts an der Tatsache, dass ich es doch immer wieder tue- zwar nicht mehr so extrem wie in jüngeren Jahren- wo ich die Dinge meistens so lange habe schleifen lassen, bis wichtige Termine und Chancen ein für alle Mal verpasst waren, bis bei jedem Kram horrende Mahngebühren angefallen waren oder irgendwann der Gerichtsvollzieher vor der Tür stand.
Schon in der Schule war es oft so, dass das Fertigstellen einer Aufgabe (sagen wir mal zum Beispiel ein Referat) gar nicht oder nur unter enormem Druck zustande kam, was eigentlich dann auch fast immer mit einem beträchtlichen Leidensdruck einher ging, da ich mir sehr wohl darüber im Klaren war, dass es von den Fähigkeiten her gesehen für mich überhaupt kein Problem war, die Aufgabe ordentlich zu erfüllen.
Das ging dann bis heute eigentlich in allen möglichen Bereichen meines Lebens immer so weiter.
Es war schon immer so, dass das Zeug dann erst mal da lag und lag und lag und sich irgendwie jede Zelle meines Körpers dagegen sträubte, die Sache anzufangen. So als wenn der Zünder fehlt.
Daran hat sich bis heute nix geändert.
Ich weiß ganz genau, dass das „Damoklesschwert“, das über jedem Tag, an dem ich eine wichtige zu erledigende Aufgabe habe, sie jedoch nicht endlich abhake, für mich eigentlich viel schlimmer ist, als wenn ich den „Scheiß“ jetzt mal endlich erledigen würde ( bin ja eigentlich nicht völlig blöd und im Nachhinein merkt man ja meistens auch, dass man sich viele Nachteile hätte ersparen können, wenn man die Sache rechtzeitig angegangen wäre)… ABER…irgendwie bleibt das nicht im Gehirn hängen und man macht es wieder so…und wieder… und wieder.pro2
Warum?
Schließlich hat man durch das erneute Nichterfüllen einer Aufgabe ein tatsächlich empfundenes Leiden, das sich immer mehr mehr aufbläht, einem immer mehr das Gefühl gibt, ES mal wieder nicht auf die Reihe bekommen zu haben- oder wenn, dann nur unter allergrössten Mühen.
Und hier kommt dann genau das ins „Spiel“, was Prokrastination von gewöhnlicher Aufschieberei unterscheidet.

Denn Prokrastination bezeichnet ein Verhalten, das unter anderem auch sehr stark dadurch gekennzeichnet ist, dass stattdessen (also anstatt der zu erledigenden Aufgabe) irgendwelche (eher unwichtigere) Alternativtätigkeiten ausgeführt werden, die relativ angenehmer sind und/oder unmittelbare Verstärkung ermöglichen (ganz beliebt bei mir: putzen, sortieren und sonstiger Käse).
Und die ganze Zeit über hat man im Hintergrund das Wissen über das, was man da gerade mal wieder tut…oder versäumt.
Warum tut man sich so etwas an?
Konsequenzen der Prokrastination sind schlechtere Leistung und anhaltende Unzufriedenheit. Zusätzlich kann man als Folge des Aufschiebens unter körperlichen und psychischen Beschwerden leiden (z. B. Muskelverspannungen, Schlafstörungen, Herz- und Kreislaufprobleme, Magen- und Verdauungsprobleme, innere Unruhe, Anspannung, Druckgefühl, Angst oder Hilflosigkeit).
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass man als Betroffener eigentlich nicht mehr das tut, was man will und häufig auch unter Selbstabwertung leidet.
Prokrastination beeinträchtigt nicht nur das psychische Wohlbefinden, sondern kann zudem zu ernsthaften beruflichen und persönlichen Konsequenzen führen. Man kann Prokrastination nicht mit Faulheit vergleichen.
Ich denke, hier spielt mal wieder das instabile Selbstbild eine nicht unerhebliche Rolle, das mir sagen will:“ Du hast es nicht verdient, Dinge zeitgerecht und ohne großen Palaver erledigt zu bekommen“.
Ich glaube, wenn man darüber mehr nachdenkt, könnte es einfacher werden.

Über Veränderungen…oder…“Warum noch ein Blog?“

 

Blogs sind ja echt eine tolle Sache.
Nicht nur für Autisten- ich meine das ganz allgemein.
Ich lese unheimlich gern Blogs von anderen Mit- Erdlingen.
Es ist jetzt nicht weiter verwunderlich, dass die meisten Blogs, die ich lese, von Autisten geschrieben sind.
Aber auch andere Blogs- zum Beispiel mit tollen Fotos und schönen Gedanken mag ich sehr.
Und ich finde es immer wieder toll zu merken…“da draußen sind noch Andere, die auch so sehen und empfinden“.
Das gibt einem ein Gefühl von „Du-bist-nicht-alleine-und-es-ist-alles-richtig-so-wie-es-ist“.
Ein Gefühl, dass gerade für Autisten „da draußen“ schwer zu finden ist.
Hier draußen auf der Straße oder an der Arbeit hab ich noch nie nen anderen Autisten kennen gelernt.

Im „draußen“ bleibt man als Autist immer derjenige, der anders ist, als die Anderen.
Durch das Internet mit allem Drum und Dran haben sich für uns unglaubliche Möglichkeiten eröffnet- plötzlich kann man sich mit Erdlingen austauschen und in den Blogs an deren Gedanken teilhaben. Und es ist immer wieder toll, wenn man sich in den Gedanken und Ansichten eines Anderen wieder findet.
Wenn ich so an meine frühe Erwachsenenzeit zurück denke, so ohne Computer, ohne Handy, mit Ritsch- Ratsch- Klick- Kamera, wo man 2 Mal im Jahr einen Film vollknipste und den dann zum „Entwickeln“ brachte- welche Möglichkeiten hatte man da schon so großartig?
Tagebuch schreiben oder eine(n) Brieffreund/in haben.
Das war es aber dann auch so ziemlich.

Mit dem Internet habe ich mich am Anfang etwas schwer getan.
Ich wär nie auf die Idee gekommen, nen Blog zu schreiben.
Wenn ich meine Gedanken aufgeschrieben habe, dann hab ich sie einfach in ein Word- Dokument geschrieben und abgespeichert.Fertig!

Ich habe mich auch sehr lange gegen facebook gesträubt.
Bin zwar seit 4 Jahren dort angemeldet, aber eigentlich erst seit 2 Jahren aktiv.
Vorher habe ich nur so sporadisch ab und zu mal WKW benutzt.
Liegt vielleicht ein wenig am Alter (ich werde im Dezember 50), aber gewiss auch ein bisschen daran, dass ich bei neuen Dingen (besonders Computerkram) immer erst mal ein bisschen auf der Leitung stehe und ne ganze Zeit lang brauche bis ich kapiert habe, wie das alles so funktioniert.

Mit facebook kamen dann so allmählich die ersten Kontakte zu anderen Autisten.
Nach und nach bin ich in immer mehr Autistengruppen eingetreten und habe mich mit immer mehr anderen Leuten mit AS, aber auch mit Angehörigen und Fachpersonal zum Austausch vernetzt und habe mich auch an verschiedenen Projekten beteiligt.

Im letzten Jahr gab es dann plötzlich die Idee, einen Autisten- Gemeinschaftblog zu gründen-
Blogger Aspekte.
Für mich der erste Blog meines Lebens.
Blogger Aspekte ist meiner Meinung nach eine tolle Sache, gerade, weil hier mehrere Autisten ihre Sicht der Dinge schildern und ich werde auf jeden Fall auch weiterhin in Blogger Aspekte schreiben.

Mit so einem Gemeinschaftsblog hat man jedoch auch eine gewisse Verantwortung… die mich manchmal ein bisschen blo(g)ckiert…..
Ich würde gerne viel mehr schreiben….quasi so „aus dem Nähkästchen“… sitze aber dann oft vor dem Rechner und denke: „Ja, kannste das überhaupt schreiben?…oder triggerste die Leute damit? …geht das, was du schreiben willst, überhaupt für nen Gemeinschaftsblog?“und lauter so´n Zeug.
Ich bin jemand, der unheimlich schnell mit der Löschtaste dabei ist.
Ich kann drei Stunden schreiben und eiskalt alles wieder löschen, weil ich denke, es passt nicht.
Im Nachhinein tut es mir dann oft leid um die Gedanken, die ich da beim Schreiben hatte.

Die sollen jetzt ein „Zuhause“ bekommen.
Da ich mich jetzt einigermaßen mit WordPress auskenne, habe ich mir für dieses Jahr einen eigenen Blog vorgenommen, in dem ich meine täglichen Gedanken niederschreiben kann.
Quasi den Blog einer spätdiagnostizierten Autistin, die Bekanntschaft mit sich selbst macht.
Einen Blog, in dem ich alles niederschreiben kann, was mich bewegt- jeden Tag.Und das ist nicht immer lustig oder schön.
Es wird hier auch viel um Komorbiditäten gehen ( wie z.B. Zwang, Sucht, Essstörungen, Alkoholismus, Schuldgefühle) als auch um den „ganz alltäglichen Wahnsinn“- aber auch über schöne Dinge, die mir im Leben begegnen.

Sozusagen „Betreten auf eigene Gefahr“.

Ich freue mich über jeden, der mir auch in meinen neuen Blog folgen will, sage Eines vorab- und zwar mit den Worten des von mir hochverehrten HERMANN HESSE:

Meine Geschichte ist nicht angenehm, sie ist nicht süß und harmonisch wie die erfundenen Geschichten, sie schmeckt nach Unsinn und Verwirrung, nach Wahnsinn und Traum wie das Leben aller Menschen, die sich nicht mehr belügen wollen.

Das Leben eines jeden Menschen ist ein Weg zu sich selber hin, der Versuch eines Weges, die Andeutung eines Pfades. Kein Mensch ist jemals ganz und gar er selbst gewesen; jeder strebt dennoch es zu werden,
einer dumpf, einer lichter, jeder wie er kann.

Jeder trägt Reste von seiner Geburt, Schleim und Eischalen einer Urwelt, bis zum Ende mit sich hin. Mancher wird niemals Mensch, bleibt Frosch, bleibt Eidechse, bleibt Ameise. Mancher ist oben Mensch und unten Fisch.
Aber jeder ist ein Wurf der Natur nach dem Menschen hin. Uns allen sind die Herkünfte gemeinsam, die Mütter, wir alle kommen aus dem selben Schlunde; aber jeder strebt, ein Versuch und Wurf aus den Tiefen, seinem eigenen Ziel zu.

Wir können einander verstehen; aber deuten kann jeder nur sich selbst.

Hermann Hesse
‚Demian‘
Neuer Blog… https://aspergergedanken.wordpress.com/

Über kongenitale Prosopagnosie- oder „Wer bist´n du, ey?“

Die kongenitale (angeborene) Prosopagnosie ist ein spannendes Thema in der Hirnforschung, das in den kommenden Jahren mit Sicherheit noch mehr und mehr ins Gespräch kommen wird, da erst seit relativ kurzer Zeit (ca. 2004) überhaupt etwas über diese Variante bekannt ist.

Bis dahin war nur die Variante der erworbenen Prosopagnosie bekannt, maßgeblich erforscht durch den deutschen Neurologen Joachim Bodamer,der 1947 ausführlich die Symptome von drei Patienten beschrieb, die nach einer Hirnverletzung ihre Angehörigen nicht mehr am Gesicht erkennen konnten. Joachim Bodamer nannte dieses Phänomen „Prosopagnosie“.

Unter Prosopagnosie (PA) versteht man die Unfähigkeit, Menschen alleine anhand des Gesichts zu erkennen. Der Begriff leitet sich aus den griechischen Wörten Prosopon = Gesicht- und Agnosia = Unfähigkeit des Erkennens ab und wird irreführenderweise auch oft als „Gesichtsblindheit“ bezeichnet.

Allgemein bekannt wurde das Thema Prosopagnosie durch das Buch von Oliver Sacks: „Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte“, in dem er schildert, wie z.B.ein Patient nach Hirnschädigung einen Hut an der Garderobe für das Gesicht seiner Frau hält und ein anderer fürsorglich Parkuhren tätschelt, weil er sie für Kinder hält und all solche Sachen.

Hier mag ja von mir aus noch der Ausdruck „Gesichtsblindheit“ einigermaßen Sinn machen.

Bei der kongenitalen (also der angeborenen) Prosopagnosie passt „Gesichtsblindheit“ meiner Meinung nach überhaupt nicht- denn man sieht ja sehr wohl Auge, Auge, Nase, Mund und so- also ist man auch nicht „gesichtsblind“.
Es ist etwas ganz anderes.
Ich kann zum Beispiel stundenlang im Wartezimmer oder sonstwo jemandem gegenüber sitzen und hab sofort wieder vergessen, wie derjenige aussieht, wenn er nicht grad auffällig ist wie Nina Hagen oder ne ausgefallen Fliege trägt, ne merkwürdige Haltung hat oder Augenbrauen wie Theo Waigel oder sonst irgendwas in der Art.
Ganz normale Leute sehen für mich alle irgendwie gleich aus und die Gesichter hinterlassen keinen bleibenden Eindruck in meinem Gehirn.

Wenn ich so jemanden nach 5 Minuten wieder über den Weg laufe, dann weiß ich meistens schon nicht mehr, dass ich ihn kurz zuvor schon mal gesehen habe.
Auf die Idee, dass ich Prosopagnostiker sein könnte, kam ich allerdings erst vor zwei Jahren, als ich in der Stadt unterwegs war, und aus dem Getümmel eine junge Frau auf mich zu kam, kurz vor mir stehen blieb, und dann kopfschüttelnd weiterging.
Erst als die junge Frau bereits wieder in der Menschenmenge verschwand, wurde mir allmählich klar, dass es meine eigene Tochter war.
Kein besonders tolles Gefühl, wenn man sein eigenes Kind in der Stadt nicht erkennt.
Genau so geht es mir auch bei anderen Personen, mit denen ich regelmäßig zu tun habe und die mir eigentlich gut bekannt sind.
Nehmen wir mal zum Beispiel die Helferinnen meines Arztes, die ich regelmäßig sehe oder die Verkäuferinnen im Laden um die Ecke, mit denen ich auch seit Jahren immer wieder zu tun habe…
Solange ich solche Menschen da antreffe, wo ich sie einordnen kann (sprich: an ihrer Arbeit) , habe ich nicht das geringste Problem. Ich weiß, wer wer ist, kenn die meisten auch beim Namen. Alles wunderbar.
Treffe ich so jemanden dann allerdings mal in der Stadt, ist es aber ganz schnell vorbei mit wunderbar, die Wiedererkennung funktioniert offenbar nur an Orten, wo ich weiß, dass ich diesen Menschen begegne.
Und dann kann es schon mal ganz schnell passieren, dass ich als unfreundlich oder arrogant empfunden werde, weil der andere vielleicht freudenstrahlend grüßt und ich selber nur ein großes Fragezeichen als Gesichtsausdruck habe…oder schlimmstenfalls überhaupt nicht reagiere, weil ich mich gar nicht angesprochen fühle und denke, der oder die meint wohl jemand anderes..

Und damit bin ich absolut kein Einzelfall! Da draußen laufen jede Menge Menschen rum, denen es genau so geht.
Ging man in 2004 noch von wenigen einzelnen Fällen der angeborenen Prosopagnosie aus, so weiß man seit 2012, dass mindestens 2% der Bevölkerung von angeborener Prospopagnosie betroffen sind.

Das ist zu einem großen Teil dem Forscherehepaar Martina und Thomas Grüter, Wissenschaftler am Institut für Humangenetik in Münster, zu verdanken, die sich über ein ganzes Jahrzehnt intensivst mit angeborener Prosopagnosie beschäftigt haben, unter anderem auch aus persönlichen Gründen, denn Dr.Thomas Grüter ist selbst auch von der angeborenen Prosopagnosie betroffen.
Er bezeichnet die angeborene Prosopagnosie als eine Teilleistungsschwäche des Gehirns, vergleichbar mit einer Schreib-Lese-Schwäche. Dr. Thomas Grüter hat in seinen Untersuchungen festgestellt, dass Menschen aus dem Autismus Spektrum öfter von kongenitaler Prosopagnosie betroffen sind als nichtautistische Menschen. Worin der Zusammenhang zwischen Autismus / AS und Prosopagnosie besteht ist jedoch nicht klar.
Die meisten Menschen mit angeborener Prosopagnosie fühlen sich jedoch dadurch nicht besonders stark beeinträchtigt, viele wissen noch nicht einmal, dass sie Prosopagnostiker sind, weil jeder, der sich schlecht oder gar nicht Gesichter merken kann, sich im Laufe des Lebens ganz von selbst Strategien aneignet, wie er Menschen wiedererkennt.
Wenn ich mit einer Person öfters zu tun habe, von der ich von vorneherein weiß, dass ich mir das Gesicht nicht merken kann, suche ich nach anderen Merkmalen.
Irgend etwas, das ich mir merken kann, finde ich eigentlich fast immer. Sei es an der Haltung,an der Stimme, am Gang ,an der Frisur, an den Händen, an den Zähnen,an der Form der Ohren, dem Augenabstand oder sonst irgendwas.

Bei wichtigen Leuten, die ich jedoch nur von Zeit zu Zeit zu irgendwelchen Terminen sehe,notiere ich mir meistens zur Telefonnummer noch Haarfarbe und was mir an Merkmalen aufgefallen ist. So kann ich dann vor dem nächsten Termin noch mal nachlesen, worauf ich achten muss, wenn ich die Person erkennen will. Das funktioniert eigentlich ganz gut.

Prosopagnosie kann man nicht behandeln. Die Unfähigkeit, Gesichter zu erkennen, bleibt ein Leben lang bestehen.

Über die Höhen und Tiefen nach der späten Diagnose

Traveler Digital Camera

„Manchmal wünsche ich mir, ich hätte niemals von meinem Autismus erfahren.“
(Holger K., spätdiagnostizierter Asperger Autist)

Wenn man erst im fortgeschrittenen Erwachsenenalter die Diagnose Asperger erhält, dann kann es einem schon manchmal irgendwie ein bisschen so vorkommen, als hätte das Leben sich einen Scherz erlaubt und würde einem nun – sozusagen als „beinahe- Greis“ die Auflösung präsentieren und damit die Gelegenheit geben, sein komplettes Leben noch einmal Revue passieren zu lassen und es nun aus einem völlig anderen Blickwinkel zu betrachten.
Von diesem Blickwinkel aus erklären sich nach und nach viele Situationen, die man früher einfach nicht verstehen konnte.
In meinem Leben sind ziemlich viele Dinge geschehen, die ich eigentlich nie so richtig verstanden habe und die sich erst durch das Wissen um mein Asperger Syndrom Stück für Stück erklärt haben.

So gesehen hat es mir die Diagnose ermöglicht, mit vielen Erfahrungen und Erlebnissen der Vergangenheit meinen Frieden zu schließen- zumindest so halbwegs. Und das ist ja schon mal was wert.

Aber was für mich eigentlich noch viel wichtiger ist, das ist die Tatsache, dass ich jetzt endlich die Gewissheit darüber habe, dass ich mit meiner Art der Wahrnehmung kein einzelner kranker Freak bin, sondern dass es da draußen noch jede Menge andere Erdlinge gibt, die ebenfalls ganz schlicht und ergreifend ein anderes Betriebssystem im Gehirn haben als das Heer der NT´s (neurologisch typischen) .

Nach der Gewissheit durch die Diagnose hatte ich dann auch erst mal – wie wohl die Mehrheit der Spätdiagnostizierten-eine richtig Hoch- Phase, in der ich mich vollständiger gefühlt habe als jemals zuvor und mich eigentlich nur noch mit Asperger beschäftigt habe. Dieses Hoch hielt bei mir erst mal über ein Jahr lang an. Wenn man sich nahezu jeden Tag mit Asperger beschäftigt und sich im Internet mit anderen Autisten vernetzt, dann kann man sich irgendwann nur noch ganz schwer vorstellen, dass die Mehrheit der Menschen da draußen überhaupt nix von dem Asperger Syndrom weiß. Wenn man mit dem Thema Asperger nicht in irgendeiner Form zu tun hat- sei es als „Betroffener“, Angehöriger oder sonst jemand, der in Beziehung zu diesem Menschen steht, dann ist es für gewöhnlich so, dass man sich auch nicht großartig mit diesem Thema beschäftigt.

In einer nichtautistischen Welt zählt Asperger ganz einfach nicht zu den Top- Themen und die Zahl der Menschen, die sich „einfach so“ aus Interesse mit AS beschäftigen, ist verschwindend klein.
Wenn der Durchschnitts- „Normalbürger“ tatsächlich mal etwas zum Thema Asperger bei Erwachsenen mitbekommt, dann sind es meist Filme wie Rainman oder Berichte über Savants- wie zum Beispiel Daniel Tammet, der innerhalb von fünf Stunden bei einem Gedächtniswettbewerb 22.514 Nachkommastellen der Kreiszahl Pi referierte und innerhalb einer Woche die isländische Sprache so sicher erlernte, dass er in dieser Sprache ein Interview geben konnte.

Dadurch entsteht bei der Bevölkerung so ein bisschen der verzerrte Eindruck, Asperger Autisten seien ein seltenes „Völkchen“ von Sonderlingen, die allesamt über Talente verfügen wie zum Beispiel mal eben das Telefonbuch von Berlin auswendig zu lernen oder sämtliche Zugstrecken von Deutschland aufsagen zu können, die aber ansonsten eher alltagsuntauglich sind und in ihren abgedunkelten Zimmern hocken.

Und so kann es einem schon mal passieren, dass man- wenn man sich als Asperger outet- angezweifelt wird.
„Was? DU? Ein Autist??? Das kann nicht sein…ich hab da schon mal einen Film/ Bericht gesehen… die sind ganz anders.“

Es ist anstrengend, immer wieder den Menschen da draußen erklären zu müssen, dass Asperger Syndrom nicht bedeutet, ein Savant zu sein und dass die Zahl der Savants verschwindend klein ist.

Es ist anstrengend, immer wieder zu erklären, dass ein Spezialinteresse etwas anderes ist als eine Inselbegabung und dass das enorme Wissen, dass die meisten Asperger auf dem Gebiet ihres Spezialinteresses angehäuft haben, einfach nur daher rührt, dass sie sich eben intensivst mit diesem Thema beschäftigen.

Es ist anstrengend, immer wieder zu erklären, dass Asperger keine Krankheit ist, die man irgendwie wieder „wegmachen“ kann, sondern eine andere Art der Wahrnehmung, die man das ganze Leben lang hat und gegen die es keine Pillen gibt.

Und es ist anstrengend zu sehen, wie wenig dann trotz aller Erklärerei bei den meisten „normalen“ Menschen „hängen bleibt“ und dass sie ohnehin nicht nachvollziehen können oder wollen was es bedeutet, eine andere Form der Wahrnehmung zu haben.

Vielen von diesen „normalen“ Menschen reicht schon eine Schublade aus, in die sie alles stecken können, was von ihrer Norm abweicht.

Den passendsten Begriff hat hier für mich Dr. Manfred Lütz in seinem Buch „Irre- wir behandeln die Falschen- unser Problem sind die Normalen“ aufgegriffen (oder bzw. wiederbelebt), der eigentlich bereits in den 80ér Jahren geprägt wurde: Die NORMOPATHEN.
Unter Normopathie versteht man eine Persönlichkeitsstörung , die sich in einer zwanghaften Form von Anpassung an vermeintlich vorherrschende und normgerechte Verhaltensweisen und Regelwerke innerhalb von sozialen Beziehungen und Lebensräumen ausdrückt.
Die Normopathen sind da draußen dicht gesät- und wo sie gehen und stehen,hinterlassen sie ihre Spuren und denken, sie wären das Maß aller Dinge- eben weil es so viele von ihnen gibt.
Das Leben unter all den Normopathen ist extrem anstrengend und laugt aus. Und ich muss sagen, dass ich es seit meiner Diagnose stellenweise noch sehr viel anstrengender empfinde als in all den Jahren vorher.
Das da draußen ist nicht „meine Welt“- alles ZU viel, ZU schnell, ZU laut, ZU chaotisch, ZU oberflächlich.
Neulich hatte ich ein Gespräch mit Holger- ebenfalls spätdiagnostizierter Asperger. Im ersten Moment war ich sehr schockiert von seiner Aussage „Manchmal wünsche ich mir, ich hätte niemals von meinem Autismus erfahren.“
Ich persönlich bin schon froh , dass ich endlich darüber Bescheid weiß, wodurch sich mein ANDERS- sein erklärt- aber es wird wohl immer so eine Art Hassliebe sein. Manchmal bin ich richtig glücklich mit meiner Wahrnehmung.
Aber manchmal habe ich auch Phasen, in denen mich das alltägliche Leben mit den ganzen „normalen“ Menschen um mich herum so dermaßen anstrengt, dass ich das Gefühl habe, mich aufzulösen.
Phasen, in denen ich das Gefühl habe, dass sich durch mein Wissen um mein AS die Symptome um ein Vielfaches verstärkt haben.
Phasen, in denen ich einfach nix mehr von AS hören kann.
Und auch wenn ich Holgers Meinung nicht teile, so kann ich in diesen Zeiten schon irgendwie verstehen, was er meint.

Über Fachärzte und Schubladen

Traveler Digital Camera

Ich bin jetzt erst mal wieder geheilt!
Und zwar von Fachärzten.

Es ist so:
Da ich ja schon ne verhältnismäßig „alte Schachtel“ (bald 50) bin und weder für mich noch für meine Umgebung eine Gefahr darstelle, interessiert da draußen niemanden, was ich mach und wie es mir geht. Ich tu ja keinem was.
Eigentlich bin ich auch ganz froh darum, wenn ich einfach meine Ruhe hab und leben kann, wie ich es will und brauche und so sein kann, wie ich bin. So soll es ja auch eigentlich sein, ne?
Das war aber nicht immer so.
Blöderweise komm ich aus ner Generation , in der Asperger Autismus noch gar kein THEMA war, weil es „SOWAS“ damals einfach noch nicht gab.

Man darf nämlich nicht vergessen, dass das Asperger-Syndrom erst 1991 in das medizinische Klassifikationssystem ICD der Weltgesundheitsorganisation aufgenommen wurde und im Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (DSM), dem Klassifikationssystem der American Psychiatric Association, sogar erst seit 1994 erscheint.

Das heißt aber nicht, dass es vorher noch keine Asperger gab, bzw. Menschen mit ASS (Autismus Spektrum Störungen)- wie es heute heißt.
Ich weiß nicht- ich kann mich mit der Bezeichnung ASS einfach nicht anfreunden. Die ist mir zu widersinnig. Und zu NT, denn „gestört“ ist unser Spektrum für uns ja nicht. Aber das ist wieder ein anderes Thema und hat wohl eher was mit unserem Hang dazu, alles „wortwörtlich“ zu verstehen, zu tun.

Naja, wieder zurück zum Thema…

War man damals „verhaltensauffällig“ oder „schwer erziehbar“, wurde eben nach damaligem Wissensstand an einem „herum- ge-doktort“.
Und wie die meisten anderen Spätdiagnostizierten bin ich auch irgendwann in die Diagnose- Spirale geraten , von der aus sich dann ein Diagnose- Marathon entwickelt hat, in dem es alle paar Jahre eine neue Erkenntnis seitens der „Fachwelt“ gab…und natürlich ne neue Diagnose, ne neue Persönlichkeitsstörung und lustige, bunte Pillen.
Ich denke, das kennen viele von den Älteren.
Auf die Idee, man könnte einfach ein „anderes“ Gehirn haben, kam eben damals noch KEINER.

Aufgrund meiner Erfahrungen, die ich im Alter von 16 bis etwa 30 mit Psychiatern und Psychologen hatte, hab ich mir in den letzten Jahren eher angewöhnt, einen Bogen um Fachärzte zu machen, zumal ich hier in einer ziemlich hinterweltlerischen Gegend leb, in der Fachärzte ohnehin rar gesät sind und wo man von AUTISMUS noch immer ein ziemlich beschränktes Bild hat.
Ich habe das Glück, dass ich wirklich einen Super- Hausarzt habe. Bei meinem Hausarzt bin ich schon über zehn Jahre in Behandlung und der kennt mich mittlerweile sehr gut und weiß auch ziemlich genau, wie ich ticke. Und da ich alle 2 Wochen in die Praxis gehe, hat der gute Mann mich im Laufe der ganze Jahre schon in wirklich beinahe allen möglichen Phasen und Zuständen erlebt und ist auch über sämtliche (teilweise Fehl-) Diagnosen aus der Vergangenheit im Bilde. Er versteht sich als Dienstleister am Menschen und hilft, wo er nur kann- auch bei Projekten außerhalb der Praxis. Außerdem hat er ein ganz feines Gefühl für Stimmungen und eine extrem gute Beobachtungs- Gabe.
Also kurz- ein Glückstreffer. So was begegnet einem nicht überall. Und ohne solche Menschen wären wir hier in der Prärie verloren.
Dieser Mann wird auf jeden Fall nach seinem Tod sofort im Himmel für gute Ärzte landen- sofern es den gibt- da bin ich mir vollkommen sicher.

Komm ich zu meinem Arzt in die Praxis, fragt er nicht der Höflichkeit halber „Wie geht es Ihnen?“, sondern er „scannt“ mich kurz von Kopf bis Fuß ab… und meistens erahnt er ziemlich zielsicher, wie es grade so tendenziell in mir aussieht. In 9 von 10 Fällen liegt er richtig.
Und das, obwohl ich eine extrem reduzierte Mimik und in Alltags- Situationen ziemlich monotone, tiefe Stimme habe und laut irgendwelcher „Fachleute“ wenig schwingungsfähig bin.
Neulich hatte ich zum Beispiel mal wieder eine ziemliche Depri- Phase und als ich in die Praxis kam, musterte er mich kurz und meinte:“ Na, Sie haben ja an den Haaren rumgeschnippelt- was war denn los?“

Ein anderer Arzt hätte so was wahrscheinlich gar nicht bemerkt oder vielleicht höchstens gedacht, ich wäre beim Friseur gewesen.
Nicht so mein Arzt. Der weiß eben seit Jahren, dass Haare- Schnippeln in Stresssituationen ein Stimming bei mir ist.
Auf so einen Level muss man erst mal mit einem Arzt kommen.
Aber der gute Mann ist halt „nur“ Allgemeinarzt. Und somit für gewisse Dinge einfach nicht der richtige Ansprechpartner- und das sagt er einem dann auch und gibt einem ne Überweisung für einen Facharzt. Ich hab ne halbe Schublade voll Überweisungsscheine an Fachärzte, die ich nie benutzt hab, weil es hier in der Wallachei einfach keinen geeigneten Ansprechpartner gibt (damit meine ich jemanden, der auch ein bisschen „über den Tellerrand“ blickt).

So… dann passierte neulich Folgendes…( ich bin so ein naives, altes Kind, das immer an „Winke vom Universum“ glaubt…).

Vor etwa einem Vierteljahr verstarb mein Hund (an Altersschwäche).
Gleichzeitig wurden an der riesigen, sich drehenden Uhr auf der anderen Straßenseite die Werbeflächen ausgetauscht- und zwar alle 4 mit der gleichen Werbung- nur jeweils in anderen Farben.
Seitdem sehe ich immer, wenn ich aus dem Fenster schaue, auf den Werbetafeln einen Wecker, auf dem es 5 vor 12 ist und darunter der Satz „Verschenken Sie nicht ihre Zeit“.
Jeden Tag- nonstop.

Die Sache wurde bei mir unter der Rubrik „Wink vom Universum“ verbucht, und ich beschloss, tatsächlich nicht mehr meine Zeit zu verschenken, und von nun an auch mal „neue Wege“ zu gehen- und zwar im wahrsten Sinne des Wortes, denn zu Lebzeiten meines Hundes habe ich tagtäglich zu Fuß immer nur die gleichen Wege benutzt.
Und so kam ich- man stelle sich vor- auf die andere Straßenseite. Zum ersten Mal seit ca. 6 Jahren. KEIN WITZ.
Denn da ich für meine Besorgungen in der Stadt eine andere Route habe und der „Gassi- Park“ auf meiner Seite der Straße liegt, gab es für mich einfach keine Veranlassung, mal die Straßenseite beim Spazierengehen zu wechseln.
Und siehe da, plötzlich stand ich vor einem etwas versteckt liegenden Haus, vor dem ein fettes Messingschild angebracht war.
Frau Dr. Blablabla
Fachärztin für psychosomatische Medizin, Psychotherapie, Psychoanalyse und was- weiß ich- noch alles.
Zu allem Überfluss fiel in dem Moment, als ich vor dem Schild stand, noch die Sonne darauf, die es regelrecht „erstrahlen“ ließ, und es hätte eigentlich nur noch gefehlt, dass kleine, dicke Putten-Engelchen am Himmel erschienen und auf Trompeten bliesen, um die Vorstellung von „Wink vom Universum“ zu komplettieren.

Jedenfalls hatte ich von dem Moment an die „fixe Idee“, dass ein Wink vom Universum mich zu diesem Haus geführt hatte, da aufgrund meiner Alexithymie Somatisierungsstörungen zu meinen Hauptproblemen zählen und ich mir wahrscheinlich eines Tages die Seele aus dem Leib kotze oder so was in der Art.

Es folgten Wochen, in denen mich der Gedanke an diese Ärztin nicht mehr losließ.
(siehe Blogbeitrag: Über „mal eben“ telefonieren)

Um der guten Frau mein Anliegen zu erklären, hatte ich erst mehrere Briefe verfasst und wieder gelöscht und mich dann nach tagelangem Hin und Her dazu durchgerungen, sie wegen einem Termin anzurufen.

Und endlich kam dann dieser Termin. Morgens um 8.

Die Dame hatte mich am Telefon gebeten, weder zu früh noch zu spät zu erscheinen und so stehe ich Punkt 8 Uhr auf der Matte und klingele… und warte….und klingele noch mal…und warte.
Gerade, als ich wieder gehen will, geht dann tatsächlich die Tür auf, und Frau Dr. Blablabla steht vor mir.
Eine völlig blutleere Erscheinung mit einem Händedruck wie ein toter Fisch.
Ich hasse „toter- Fisch- Händedruck“ wie die Pest. Wenn ich schon jemandem die Hand geben muss, dann bitte nicht so was…. Aber ich schlucke es runter wegen „Wink vom Universum und so“ und folge der Dame in ihr Sprechzimmer, in dem eine Liege sowie ein Couchtisch mit zwei Ledersesseln und ein Bücherregal steht.
„Bitte nehmen Sie links Platz!“
Oh Mann, ich hasse es, wenn ich links Platz nehmen soll, vor allem, wenn das Bücherregal auch links steht und ich so noch nicht mal sehen kann, was für Bücher im Regal stehen- aber auch hier erinnere ich mich wieder an „Wink vom Universum“ und tue, wie mir gesagt wird und krame meine KK- Karte und meine Überweisung heraus, was ein gewisses Maß an Leben in Frau Dr. Blablabla hervorruft.
Mit einem Blick auf die Überweisung spöttelt sie:“ Na, für einen Autisten haben Sie aber einen ziemlich festen Händedruck…“.

Ruhig bleiben…ruhig bleiben…ruhig bleiben…denk ans Universum…

Während sie gierig und ein bisschen triumphierend die Karte in ihr Lesegerät steckt, hängt mein Blick an dem Tischchen zwischen uns, auf dem eine frisch aufgerissene Packung Kosmetiktücher steht- und zwar aufgerissen wie von nem wilden Tier- und nicht schön an der Perforierung entlang- so was hasse ich wie die Pest.
Aber ruhig bleiben…ruhig bleiben…ruhig bleiben…denk ans Universum…
Dann wendet sie sich wieder an mich. „Ich muss Ihnen zunächst ein paar Fragen stellen.“
Es folgen einige Fragen zu mir (wie viele Kinder, wie oft verheiratet, blablabla)- die ich auch alle nach bestem Wissen und Gewissen beantworte.
Darauf Frau Doktor:“ Sie kommunizieren ja ganz normal. Das ist gar nicht autistisch. Und ziehen sie mal bitte ihr Armband aus- das stört mich!“
(Ich trage immer ein Armband mit Glöckchen(Schellen)- für mich ein wichtiges Stimming).
Aber na gut- ruhig bleiben…ruhig bleiben…denk ans Universum…

Nachdem ich dann endlich kurz die Gelegenheit bekomme, über die Tragweite meiner Somatisierungsstörungen zu sprechen, unterbricht sie mich mit den Worten: „Ich bin ein Fan von stationärer psychosomatischer Rehabilitation!“

„Ich aber nicht“, sag ich, denn an dem Punkt ist bei mir Feierabend mit „ruhig bleiben…ruhig bleiben… und Wink vom Universum“.
Stationär kommt für mich einfach nicht mehr in Frage. PUNKT.
Ab dem Moment ist Frau Dr. Blablabla beleidigt und auf dem Kriegszug.
„Sie kommen zu mir- einer Fachärztin- und denken, dass Sie besser Bescheid wissen als ich?!“,giftet sie mich an.
„Naja, immerhin leb ich ja schon ein halbes Jahrhundert in meinem Körper und bin sozusagen auch Fachfrau!“, geb ich zurück (mittlerweile wissend, dass es zumindest dieses Mal KEIN Wink vom Universum war, als ich zum ersten Mal vor der Türe dieser Frau stand).
Und meine innere Aufforderung an mich, ruhig zu bleiben, zielt mittlerweile eigentlich nur noch darauf ab, nicht einfach aufzustehen und zu gehen.
Plötzlich jedoch bekommt ihr farbloses Gesicht einen triumphalen Zug.
„SIND SIE EIN MISSBRAUCHSOPFER?“ fragt sie und schaut mich listig an, beugt sich vor und schiebt die Kosmetiktücher ein Stück näher zu mir herüber. Ähm? Was soll das jetzt?
So- jetzt ist der Punkt gekommen, an dem es mir einfach zu blöd wird und ich mach zu.
„Ich bin nicht erkältet, danke!“
Sie mustert mich und sagt:“ Ich glaube, wir finden keinen gemeinsamen Nenner!“
„Das glaub ich auch!“, sag ich und möchte gehen.
„Ich brauche noch eine Unterschrift von Ihnen!“, sagt sie und legt mir ein leeres Blatt vor.
„Blanko?“ frage ich, und muss lachen…“Ich unterschreibe nichts blanko!“.
Zwei Minuten später stehe ich draußen vor der Tür.
WAS WAR DAS?
Jedenfalls kein Wink vom Universum.
So, jetzt bin ich erst mal für die nächsten Jahre wieder „geheilt“.
Und zwar von Fachärzten.

Über „mal eben“ telefonieren

Ich möchte heute mal- aus aktuellem Anlass- über das Telefonieren schreiben.

Vielleicht kennt das ja auch der eine oder andere…

Mal eben irgendwo anrufen ist ne Sache, die mich jetzt mehrere Wochen beschäftigt hat.

Ich musste/ sollte mal eben irgendwo anrufen.

Ich selber rufe (abgesehen von meiner Freundin) vielleicht einmal im Jahr irgendwo an. Ich hasse telefonieren- und zwar wie die Pest.

Wenn es irgendwie möglich ist, erledige ich alles schriftlich.

Ist ja für die meisten Leute schön und praktisch, dass das Telefon erfunden wurde, aber irgendwie ist Telefonieren für mich eine Kommunikationsdisziplin, die mir eher auf den Magen schlägt, als dass ich mich an ihr erfreuen kann.

Jedes Mal aufs Neue.

Ich hab zwar auch eins, ein Handy. Uralt. Und das dient mir hervorragend als Wecker.

Aber wehe, das Ding klingelt außer zum Wecken….und es zeigt nicht die Nummer meiner Freundin an.

Wenn einfach so das Telefon klingelt, und es ist nicht meine Freundin, dann heißt das eigentlich fast immer, es ist was „Offizielles“.

Ich habe keine Angst vor „offiziellen“ Sachen, aber ich empfinde das Telefonklingeln ohne Voranmeldung wie einen Einbruch in meinen innersten Raum… wirklich wie einen Einbruch…so als stünde der am anderen Ende bereits mit einem Fuß in der Tür.

Am besten noch morgens… vor oder während meiner Routinen. Prima… dann kann es sein, dass der halbe Tag kippt.

In solchen Situationen greif ich dann auch gerne mal zu Strategien,  über die ich im Nachhinein selber den Kopf schüttele, wie zum Beispiel viele Kissen über das Handy türmen  oder es in den Kühlschrank legen und die Küchentür zu machen, bis das Klingeln endlich vorbei ist.

Man könnte ja auch einfach ran gehen… theoretisch.

Und ich denke mal, das tun auch die meisten Menschen.

Ich kann das auch…aber nur in Ausnahmesituationen. Also in Situationen, die für mich wirklich extrem wichtig sind.

Wie zum Beispiel letztes Jahr, als mein Kater plötzlich verschwand und ich die ganze Stadt mit Suchmeldungen gepflastert hatte. Da bin ich innerhalb von vier Wochen über 100 Mal ans Telefon gerannt und hab sofort und ohne zu zögern abgehoben.

Aber so im Alltag…?

Da ist es irgendwie schon ganz anders.

Da schleich ich erst mal um das Telefon herum, als wär das Ding gefährlich.

Wenn angezeigt wird, wer sich da in meinen „Film“ klingelt, dann fange ich an, darüber nachzudenken, was ich mit demjenigen sprechen werde, wenn er ein weiteres Mal anruft und „übe“ quasi für mich dieses Gespräch, damit ich mir wenigstens über die Basics keine Gedanken machen muss. So kann ich mich auf das bevorstehende Gespräch einstellen.

Wenn nur eine Nummer angezeigt wird und ich den anderen Gesprächsteilnehmer nicht kenne, wird es dann für mich schon schwieriger, mich auf das Gespräch zu konzentrieren.

Meistens vergesse ich während des Telefonats schon wieder, mit welchem Namen die Person an der anderen Seite der Leitung sich gemeldet hat sowie auch irgendwelche Einzelheiten , wenn ich es nicht sofort während des Telefonats aufschreibe.

Ich bin die meiste Zeit des Telefongesprächs so damit beschäftigt mich zu fragen, ob die Person an der anderen Seite jetzt gerade nur Luft holt oder eine Pause macht, ob ich jetzt sprechen soll und wie lange und was irgendwelche Geräusche zu bedeuten haben, die ich da noch so aus dem Telefon höre, dass das eigentliche Gespräch zur Nebensache wird.

Hinterher rege ich mich meistens über mich selber auf, weil ich dann oft das Gefühl habe, ich hätte mich total ungeschickt und gehemmt formuliert und meine Sätze mit  lauter „ ähhhm, öhhhm“ und ähnlichen Lauten gespickt oder hätte ewig gebraucht, um auf den Punkt zu kommen oder etwas zu erklären.

Und spiele das Telefonat wieder und wieder durch.

Und mir fallen plötzlich massenweise bessere, elegantere, treffendere Sätze ein, die ich hätte sagen können. Das bringt mich dann in dem Moment in totale Unruhe.

Und dann hab ich das Gefühl, ich hab mich in dem Gespräch verhalten wie der letzte Idiot.

Auf die Idee, dass das Gespräch vielleicht für den anderen völlig „normal“ und ausreichend gewesen ist, komme ich meistens erst mit ziemlicher Verzögerung und nachdem ich mich ausgiebig über mich selbst aufgeregt habe.

Jetzt ist es aber so, dass ich „mal eben“ bei jemandem anrufen musste/ wollte.

Und zwar bei einer Fachärztin für psychosomatische Medizin.

Wochenlang habe ich mir jetzt den Kopf zermürbt, wie ich der Frau erklären soll, was ich von ihr will, ohne dass sie mich gleich für eine total Irre hält.

Wochenlang hab ich dieses Telefonat jetzt vor mir hergeschoben, es immer wieder neu im Kopf vorbereitet und mir Gedanken über alles Mögliche gemacht. Ich war schon kurz davor, es ganz bleiben zu lassen.

Letzten Endes hab ich dann tatsächlich „mal eben“ da angerufen- nach 6 Wochen oder so. Und hatte nach 2 Minuten einen Termin und das Gespräch war vorbei.

Die ganzen Stunden, die ich im Vorfeld mit Gedanken über dieses Telefonat verbracht habe, hätte ich mir auch sparen können.

Das weiß ich jetzt. Jetzt im Moment.

Das heißt aber nicht, dass es beim nächsten Mal anders wird, wenn ich „mal eben“ irgendwo anrufen muss.

 

 

 

 

Über das Bedürfnis nach Rückzug

Seit meiner Diagnose- und vor allem, seit ich mich endlich mit den sozialen Netzwerken angefreundet habe (das hat bei mir wirklich sehr lange gedauert)- habe ich viele verschiedene Menschen aus dem Autismus Spektrum kennen gelernt und immer wieder festgestellt, wie facettenreich das Autismusspektrum ist und wieviel Wahrheit in dem Satz „Kennt man einen Autisten, dann kennt man genau EINEN Autisten“ liegt.

Ich kenne viele erwachsene Asperger Autisten, die Familie oder Partnerschaften haben, aber ich kenne  auch sehr viele, die alleine leben und wenig bis gar keine sozialen Realkontakte haben.

Zu denen gehöre ich auch.

Und ich schätze auch mal, dass sich daran nicht mehr viel ändern wird in meinem Leben.

Und es stört mich eigentlich auch nicht weiter- jedenfalls meistens.

Mein einziger regelmäßiger Sozialkontakt in der Realwelt ist meine langjährige Freundin Klaudi, die mich einmal in der Woche besucht. Und damit liegen wir bei einem ganz guten Schnitt, denn es hat auch Jahre gegeben, in denen ich unsere Treffen wochenlang herumgeschoben habe, weil ich einfach nicht die Kraft zu einem Treffen hatte.

Mit dem wöchentlichen Treffen habe ich für mich persönlich schon einen großen Schritt nach vorne gemacht.

In den vierzig Jahren vor meiner Diagnose habe ich eigentlich immer mit (zumeist NT) Menschen zusammengelebt.

 

In den Jahren von 20 bis 40 habe das Modell Beziehung und/ oder Ehe zu Genüge ausprobiert, weil ich irgendwie immer dachte, das muss so sein.

Und es hat auch das eine oder andere Mal geklappt, einmal sogar 10 Jahre. Das lag aber vermutlich wohl auch ein bisschen daran, dass ich zu der Zeit junge Mutter war und von daher mit ganz anderen Dingen beschäftigt als in den Beziehungen, die danach noch so kamen.

Kann auch sein, es lag daran, dass ich zu der Zeit noch gar nichts von meinem Autismus wusste und irgendwie das Bild im Kopf hatte, das ne Beziehung oder ne Ehe einfach zum „Erwachsen- Sein“ dazugehört und dass ich das gefälligst auch auf die Reihe zu kriegen habe, wenn ich keine kranke Versagerin sein will.

Also kann ich zumindest sagen, ich habs versucht.

 

Heutzutage könnte ich mir das ehrlichgesagt nicht mehr so wirklich vorstellen.

Oder vielmehr- ich wüßte nicht, wie es funktionieren soll. Alleine schon der Gedanke, jeden Tag mit einem Menschen zu reden, sich mit ihm auseinander zu setzen, dauerhaft physische Nähe zu haben mit allem, was sie mit sich bringt… Bewegungen, Geräusche, Wörter, Farben, Eindrücke… das kann ich in Ausnahmefällen vielleicht mal einen oder zwei Tage….aber dann ist bei mir wirklich Feierabend und ich brauche mindestens doppelt so lange, um wieder davon „runter zu kommen“, auch wenn ich denjenigen mag.

 

Dann brauch ich erst mal ganz intensiv meine Rituale, meine Routinen und die Beschäftigung mit meinen 5 Katzen und die Stimme von Hermann Hesse oder von Gerd Westphal im Hintergrund um meinen Kopf zu ordnen und ruhig zu werden.

Je älter ich werde, umso mehr strengen Menschen mich an. Also ich meine „die da draußen“.

 

Ich hab irgendwie manchmal das Gefühl, es hat bei mir sehr stark mit der späten Diagnose zu tun, dass ich heutzutage so ein enormes Bedürfnis an Rückzug habe. Fast so, als müsste ich Jahre des Rückzugs, den ich nie wirklich hatte, nachholen, damit mal irgendwann Ruhe in meinem Kopf ist.

Wenn man 40 Jahre im Leben herumgestolpert ist, ohne zu wissen, was mit einem los ist, hat man eine Menge Erlebnisse / Erfahrungen angehäuft, über die man mit seinem neuen Wissen über sich selbst noch mal nachdenken will/kann/soll/ muss.

Oder vielmehr ist es so: die Gedanken und die Bilder im Kopf tauchen einfach auf und wollen neu beleuchtet werden…manchmal um Frieden mit mir selbst zu machen, manchmal, um andere zu verstehen…oder um überhaupt zu verstehen, was da so alles passiert ist im Leben.

Beinahe ein bisschen so, als müsste man einige Kapitel im Buch des Lebens noch mal neu schreiben und all das Geschehene erst mal abarbeiten, bevor wieder genug Kapazitäten für neues Erleben in der Realwelt im Kopf frei werden. Die zur Verfügung stehenden Reserven reichen zwar aus, um den Alltag einigermaßen hinzubekommen, aber alles, was darüber hinaus geht, ist pure Anstrengung.

Anfang des Jahres habe ich im Zuge der guten Vorsätze, die man sich so zum neuen Jahr macht einen Anlauf gestartet, “mehr unter Menschen“ zu gehen und bin in ein ganz nettes Cafe´ gegangen, wo ich auch jedesmal ins Gespräch mit anderen Menschen (vermutlich alle NT) kam. Das war mir aber ganz einfach zu viel. Zu viel Menschen, zu viel Worte, zu viel (Neben-) Geräusche, zu viel Bilder im Kopf…und der dringende Wunsch, lieber zuhause bei meinen Katzen zu sein.

Warum soll ich mir sowas heutzutage noch antun, wenn es überhaupt nicht meinem Wesen entspricht. Ich sitze eben lieber zuhause am Computer und tausche mich mit anderen Autisten im Internet aus, als in der Realwelt unter irgendwelche Menschen zu gehen, mit denen ich eigentlich überhaupt nichts anfangen kann.

Dieses Jahr werde ich genau 1 Mal auf eine Abendveranstaltung gehen, weil ich das Anfang des Jahres mit meiner Freundin abgemacht habe. Ich denke, ich krieg das hin…morgen ist ja erst der 1. Juli.

 

 

Über Reizüberflutung und übersteuerte visuelle Wahrnehmung

Das Thema Reizüberflutung steht wohl bei jedem Autisten sehr weit im Vordergrund und jeder hat auf seine Weise damit zu kämpfen.
Allerdings kann man auch hier nicht pauschal alle Autisten in eine Schublade stecken.
Je nach Lebenssituation und Persönlichkeit ist der Punkt, an dem die Reizüberflutung eintritt oder wie weit das Maß des Erträglichen geht, wohl bei jedem individuell verschieden gelagert.
Ich kann mir gut vorstellen, dass man als Autist auf dem Lande ein Leben führen kann, das halbwegs frei von Reizüberflutung ist. Und würde man so jemanden in eine Stadtwohnung stecken, würde derjenige dann wohl wahrscheinlich die nächste Zeit im Dauer- Overload verbringen.
Und im Gegensatz dazu wäre die Stille auf dem Land möglicherweise unerträglich laut für einen Stadt- Autisten, der dort von ganz neuen Reizen überflutet werden würde.
Als Stadt- Autist wird man im Laufe des Lebens gegen bestimmte Reize ziemlich abgehärtet und hat sich im Laufe der Jahre Strategien entwickelt, damit umzugehen.
Nehmen wir mal meine Wohnung- die liegt mitten in einer Stadt, direkt an der Kreuzung einer stark befahrenen Straße, außerdem in Nähe des Bahnhofs auf der Höhe, auf der die Züge abbremsen. Außerdem ist um die Ecke ein Krankenhaus, weshalb hier mehrmaliges Sirenengeheule am Tag völlig normal ist. Und als Dauer- Geruchskulisse gibt es Hopfengeruch aus der Brauerei gegenüber und eine Metzgerei im Nachbarhaus.
Ich denke mal, jeder Autist, der ländlich lebt, würde meine Wohnung dankend ablehnen. Wogegen Autisten in Städten oft in ähnlichen Verhältnissen leben und sich deshalb daran gewöhnt haben.
Hier oben in meiner Wohnung (natürlich bei geschlossenem Fenster) macht mir der Verkehrslärm, das Bremsgeräusch der Züge , die Sirenen und der Anblick der unendlichen Blechlawine, die an meinen Fenstern vorüberrollt, nicht viel aus. Wenn man Tag und Nacht von dieser Geräuschkulisse begleitet wird, nimmt man es irgendwann überhaupt nicht mehr so wahr.
Die Reizüberflutung fängt an, sobald ich das Haus verlasse und dabei ist es auch nicht unbedingt der Verkehr, mit dem ich draußen die größten Probleme habe, sondern es sind eher die ganzen Menschen, die da unkoordiniert kreuz und quer durcheinander laufen, Farben von grellen Kleidungsstücken, die einen förmlich anspringen, Gerüche von Parfüms, Jogger, die plötzlich wie aus dem nichts angeschossen kommen und dicht an einem vorbeirennen, die ganzen Gesprächsfetzen von Passanten und Teenagern, die überlaut in ihre Handys kreischen und die auch mit Ohrstöpseln nicht zu überhören sind. Und vor allem die ganzen Dinge, die da draußen rumliegen und nicht da hin gehören. Auf jedem Schritt fallen mir Dinge ins Auge, die weggeworfen wurden und nun irgendwo liegen, wo sie nicht hingehören. Und die „verfolgen“ mich dann Tag für Tag. Manchmal so sehr, dass ich keine Ruhe habe, bevor ich sie nicht aufgehoben und entsorgt habe. Ich zoome alles heran, was flattert, blitzt und blinkt und eigentlich nicht ins Bild gehört.
Manche Dinge können richtig Besitz von mir ergreifen. Zum Beispiel hatte letztes Jahr irgendjemand einen Buggy einfach auf dem Bürgersteig entsorgt und dieser Buggy stand dann ständig irgendwo anders in der Straße, bis jemand ihn dann schließlich entsorgt hat.
Dieser Buggy hatte ab dem ersten Tag einen Stammplatz in meinem Kopfkarussell und das Bild schoss mir wochenlang immer wieder vor Augen.
Ich weiß nicht, wie nichtautistische Menschen es schaffen, durch diese Kulisse zu laufen und all diese Dinge nicht wahrzunehmen. Diese Filtermechanismen der nichtautistischen Menschen stelle ich mir vor wie Scheuklappen. Eingebaute Scheuklappen.
Und dann frage ich mich, ob ich eingebaute Scheuklappen haben möchte. Und ob das ein Fluch oder ein Segen ist. Vielleicht würden Nicht- Autisten es überhaupt nicht ertragen können, alles mit gleicher Intensität wahrzunehmen und deshalb sind bei ihnen eben Scheuklappen eingebaut.
Meine Wahrnehmung hat auch durchaus schöne Seiten. Ich finde draußen sehr oft irgendwelche Dinge. Ich hab schon alles Mögliche bei meinen Spaziergängen gefunden- besondere Steine, Federn und sonstiges ausgefallenes Naturzeug,Ohrringe, Armbändchen, Geld, Handy usw.). Dinge, die nicht ins Bild gehören, stechen mir von weitem ins Auge während andere Menschen einfach daran vorbeilaufen und sie nicht sehen. Vielleicht sehen sie auch nicht den ganzen Müll, von dem wir umgeben sind.
Meine wichtigsten Filter draußen sind Sonnenbrille, Hut und Ohrenstöpsel. Ich führe draußen quasi ein Leben hinter der Sonnenbrille.

Mir ist sehr stark aufgefallen dass die Intensität, mit der die visuellen Reize auf mich einströmen in den letzten Jahren sehr viel heftiger geworden ist, als es früher der Fall war. Früher konnte ich zeitweise ohne Sonnenbrille draußen herumlaufen. Das ist heute für mich nicht mehr möglich. Ohne Sonnenbrille sehe ich alles so dermaßen überscharf und übersteuert, dass es weh tut und nach kürzester Zeit die Augen tränen.
Ich kann mich noch sehr gut an Zeiten erinnern, in denen die visuelle Übersteuerung noch nicht so massiv war.
Man könnte es jetzt so betrachten, als hätte sich dieses Symptom bei mir eben im Laufe der Jahre verstärkt.
Man kann es aber auch ganz anders sehen.
Sehr interessant finde ich hierzu die Forschungen des Biophysikers Dieter Broers und seiner Kollegen, die sich unter anderem intensiv mit den Auswirkungen der Erhöhung der Schumann- Frequenz auf das menschliche Bewusstsein und die Wahrnehmung beschäftigt.
Die Schumann – Frequenz ist sozusagen der Herzschlag der Erde und jeder Mensch funktioniert nur im Einklang mit dieser Schwingung (bei den frühen Weltraumflügen hatten die Astronauten körperliche und mentale Probleme, bis man entdeckte das ihnen die Schumann-Frequenz fehlte, heute wird diese mittels eines künstlichen schwingenden Magnetfeldes bei jeder Weltraummission den Astronauten mitgegeben). Während die Haupt – Schumann Frequenz noch in den 1970er Jahren bei etwa 7,83 Hz lag, treten heutzutage Frequenzstärken von über 14 Hz auf. Das menschliche Gehirn mit seinem Taktgeber EEG geht grundsätzlich in Resonanz zur Schumann-Frequenz. Da diese neue Grundfrequenz (neben der 7,83Hz) immer stärker und häufiger auftritt, verstärkt sich dadurch die neuronale Aktivität im Gehirn des Menschen. Dieser Zustand liegt deutlich im Bereich einer erhöhten Wachheit und Erregung, (am Schnittpunkt der Alpha/Beta EEG-Welle), innerhalb der schnelleren Beta-Wellen, also dem absoluten Wachzustand des Gehirns.
In den Untersuchungsreihen wurden Tests sowohl an Probanden aus dem Autismus- Spektrum als auch an Nicht- Autisten durchgeführt und es zeigte sich, dass Nicht- Autisten größere Probleme mit der veränderten neuronalen Aktivität des Gehirns hatten als Probanden aus der Autisten- Gruppe.

Klingt für mich schon irgendwie ziemlich logisch. Schließlich sind wir Autisten es ja bereits das ganze Leben lang gewöhnt, mit einer völlig übersteuerten Wahrnehmung zu leben und haben in harter Arbeit Strategien entwickelt, damit umzugehen, was für Nicht-Autisten ja eher Neuland ist. Vielleicht ist das auch mit ein Grund dafür, warum die Zahl der nichtautistischen Menschen, die psychisch zusammenbrechen, immer mehr ansteigt.
Vielleicht stellt sich ja eines Tages heraus, dass unsere besondere Wahrnehmung keine Behinderung, sondern ein Segen ist.
Warten wir es ab…

MELTDOWN IST EIN ARSCHLOCH

Wenn es irgendwo im Körper- und nicht im Gehirn- eine Stelle gäbe, wo der „Schalter“ zum Meltdown liegt, würde ich mir auf der Stelle ein scharfes Messer nehmen, Kerzen anzünden und feierlich und genüsslich diesen Teil von mir rausschneiden und das würde mich mit absoluter, tiefster Befriedigung erfüllen. Ehrlich! Ich hasse Meltdown zutiefst. Wenn ich hier in diesem Blog darüber schreibe, dann kann ich eigentlich in Worten gar nicht auch nur annähernd ausdrücken, WIE SEHR ich diesen Teil in mir hasse, ablehne, verachte und wie gerne ich ihn aus mir rausreißen würde. Anzuerkennen, dass ich diesen Aspekt tief in mir beherberge und dass ich keine Gewähr dafür leisten kann, dass er nicht in irgendeiner Situation aus mir hervorbricht ist für mich eine der schwersten Aufgaben, die mir „mein“ Autismus stellt. Und ich werde mich NIEMALS IM LEBEN damit anfreunden können, einfach so zu tun, als wäre das okay .Denn SO will wirklich niemand sein. Kein Mensch. Es gibt einfach auf der Welt kein Loch im Boden, das auch nur annähernd tief genug ist um sich da hinein zu verkriechen und sich zu schämen, wenn man im Nachhinein so peu a peu realisiert, was man da schon wieder für eine Scheiße veranstaltet hat. (Ich bitte hier, die Wortwahl zu entschuldigen…normalerweise drück ich mich ja schon etwas gepflegter aus…aber das kann ich jetzt gerade nicht, während ich darüber schreibe.) Meltdown ist wirklich der treffendste Ausdruck für das, was da passiert. Es ist wirklich die „Kernschmelze im Kopf“. In dem Moment, in dem sich bei mir der Schalter umlegt, gibt es keine Melanie mehr, die halbwegs Verstand und Bildung hat. Nichts davon ist in diesen Momenten mehr übrig. Kurz bevor der Meltdown wie eine Lawine auf mich einbricht, kommt diese enorme Hitze, der riesige Kloß im Hals und das Gefühl, nicht mehr atmen zu können. Die Handinnenflächen und die Fußsohlen beginnen zu brennen wie unter tausenden von Nadelstichen und dann wird man förmlich überrollt und es gibt keine bewussten Meldungen mehr von Gehirn an Körper. Es gibt nur noch diesen wild gewordenen Leib, der agiert und von außen nicht mehr unter Kontrolle zu bekommen ist. Und von innen ebenfalls nicht, solange ich nicht endlich alleine und in Ruhe gelassen werde. Das Gehirn bleibt während der ganzen Aktion komplett „außen vor“ und kommt eigentlich erst wieder nach der Shutdown- Phase so langsam einigermaßen in Gang. Vielleicht kann man das am ehesten mit einem epileptischen Anfall vergleichen, nur dass man sich nicht krampfend auf dem Boden windet, sondern Gift und Galle spuckend tobt wie ein Orkan. Derjenige, der sich im Meltdown befindet, kann sich ebenso wenig an Dauer und Einzelheiten des Ausbruchs erinnern wie ein Epileptiker an Dauer und Einzelheiten seines Anfalls. Ich denke, für neurotypische Menschen ist es unwahrscheinlich schwer, sich so etwas überhaupt vorstellen zu können da sie ja zum Vergleich meist nicht mehr haben als einen „schweren Wutanfall“, der jedoch von einem Meltdown meist Welten entfernt ist. Ein Meltdown ist zerstörerisch, vernichtend und hört einfach nicht auf, bevor man entweder allein gelassen wird und sich langsam wieder „runterschaukeln“ kann oder aber komplett in den Shutdown fällt, weil selbst das allerletzte Akku gnadenlos leergefahren ist . Schlimmstenfalls endet es damit, dass man körperlich zusammenbricht, weil man sich während des Meltdowns so verausgabt hat, dass gar nix mehr geht. Und dann findet man sich in der Notaufnahme wieder. Das ist mir bisher glücklicherweise im Laufe von fast 50 Jahren erst 3 Mal passiert, aber auch die anderen Meltdowns, die ich in früheren Jahren hatte, waren von so massiver zerstörerischer Energie, dass ich danach immer für etliche Tage komplett ausgeschaltet war.Ich habe auch keine Ahnung, woher diese enorme Kraft, die ich während des Meltdown habe, kommt. Noch Stunden nach einem Meltdown kann ich keinen Lichtschalter anfassen, ohne dass die Glühbirne platzt oder es eine Sicherung raushaut. Zu erkennen, wie viel Aggressionspotenzial in einem steckt, ist schon erschreckend und von daher bin ich auch sehr froh darüber, dass der Mensch als Solches nur einen geringen Teil seiner Kapazitäten nutzt- und zwar in jeder Beziehung. Seit ich über meinen Autismus Bescheid weiß und dieses Monster in mir einen Namen hat, nämlich Meltdown, kann ich adäquat daran arbeiten und bin dem nicht mehr hilflos ausgeliefert. Diese Möglichkeit hatte ich in den Jahrzehnten vor der Diagnose nicht und ich habe damit deshalb schon auf meinem Lebensweg für viel Betroffenheit und Entsetzen gesorgt. So hart es sich vielleicht anhören mag- wenn man zu der Gruppe der Autisten gehört, die eine starke Tendenz zum Meltdown haben, dann ist wirklich die einzig zuverlässige Methode dies zu umgehen, wenn man sich erst gar nicht in Situationen begibt, in denen einem so etwas passieren kann. Und dazu gehört eben auch eine entsprechende Dosierung der Interaktion mit anderen Menschen und das sofortige „Sich- entziehen“ aus Situationen, die Einem verhängnisvoll werden könnten. Früher dachte ich, ich müsste solche Situationen auch durchstehen können, weil der größte Teil der Menschen das eben kann. Seit dem Wissen um meinen Autismus und allem, was dazu gehört, lebe ich bewusst sehr zurück gezogen. Seitdem- also seit mehreren Jahren- ist es auch nicht mehr zu einem Meltdown gekommen, jedenfalls nicht zu einem Spektakulären. Wenn ich hier für mich alleine bin, komme ich überhaupt nicht mehr in so eine Situation, wo mir komplett die Sicherungen durchknallen und ich für nichts mehr garantieren kann, sondern ich gehe in den Shutdown und irgendwann rappel ich mich von selbst wieder auf- egal, ob nach Stunden, Tagen oder Wochen. So kommt jedenfalls keiner zu Schaden wie beim Meltdown- denn Meltdown ist einfach ein widerliches Arschloch, das die Welt nicht braucht.

Warum guckst du so böse?

Ich glaube, eine der Fragen, die ich bisher in meinem Leben am Meisten bezüglich meiner Mimik gehört habe sobald ich in Interaktion mit anderen Menschen trete ist: „Warum guckst du so böse?“ Zur Familie dieser Frage gehören noch weiterhin Sätze wie- „Hab ich dir was getan?!“ „Bist du sauer?“ „Hast du irgendwas?!“ „Lach doch mal!“ -und Ähnliches. Jeder, der nur über eine reduzierte Mimik verfügt, kennt so etwas wahrscheinlich auch aus eigener Erfahrung. Nein- ich habe nichts. Ich bin weder böse, noch sauer oder sonst irgendwas. Ich gucke ganz einfach so. Das ist quasi „mein Gesicht“. Eigentlich bin ich höflich und habe gute Umgangsformen. Ich sage „Bitte“ und „Danke“, „Guten Appetit“ und „Gesundheit“ , halte für andere Leute mit die Türe auf und trage auch gerne mal den Omis aus der Nachbarschaft die Tasche nach Hause. Aber in der Interaktion mit Menschen passiert es mir auch sehr oft, dass ich aufgrund meines Gesichtsausdrucks für böse, arrogant, abweisend, überheblich, desinteressiert oder sonst irgendwas gehalten werde. Gut- ich gebe zu, ich bin nicht gerade ein Hedonist, der freudenstrahlend durchs Leben läuft und ständig jedermann mit guter Laune überschüttet, aber selbst dann, wenn ich innerlich völlig ausgeglichen bin und in Gedanken über meine mentale Blumenwiese hüpfe, wird diese Meldung offenbar nicht an meine Gesichtsmuskulatur weitergegeben und so kommt es immer wieder dazu, dass mein Gesichtsausdruck von meinen Mitmenschen vollkommen verkehrt eingeordnet wird. Meine Worte und Taten reichen in solchen Momenten offenbar für meine neurotypischen Mitmenschen als Nachweis für einen zufriedenen Gefühlszustand nicht aus- es fehlt wohl als wichtige Information das passende Gesicht. Ich für meinen Teil wäre echt froh, wenn die Menschen ein paar weniger Gesichtsausdrücke hätten. Das Deuten von Gesichtsausdrücken und Blicken ist für mich- wie für viele andere Autisten auch- ein Buch mit sieben Siegeln. Gut- ein paar besonders wichtige Gesichtsausdrücke und Blicke habe ich im Laufe der Jahre zu deuten gelernt. Zu erkennen, ob jemand sich freut, ist relativ einfach und ob jemand traurig ist oder Schmerzen hat auch. Ebenso Angst und ob jemand angestrengt nachdenkt (denn dann ist er meistens still). Vielleicht hab ich jetzt gerade noch einen oder zwei von den existenziellen Gesichtsausdrücken vergessen. Aber das war´s aber dann auch so ziemlich. Wenn es um irgendwelche Feinheiten im Blick geht, bin ich ziemlich schnell aus dem Rennen. Ob jemand nun neckisch, irritiert, gelangweilt oder sonst wie guckt, kann ich höchstens raten. So war bei mir auch der Augenpartietest jedes Mal eine absolute Katastrophe. Ab dem 3. oder 4. Bild konnte ich mich zwischen den ganzen Möglichkeiten überhaupt nicht mehr entscheiden, irgendwann sah alles gleich bekloppt aus, ich wusste gar nichts mehr und hab nur noch A genommen. Für mich funktioniert Kommunikation am besten mit klaren Ansagen. Dann weiß ich, worum es geht. Und möglichst ohne irgendwelches verwirrendes Drumherum wie Blicke, Mimiken und Bewegungen, die man noch deuten soll um zu verstehen, worum es geht. Das macht die Interaktion und Kommunikation mit den meisten Mitmenschen unheimlich kompliziert für mich. Ich denke, wenn einfach mehr Klartext gesprochen würde, gäbe es viel weniger Missverständnisse unter den Menschen . Und das wäre echt eine Erleichterung für all die Menschen, die es mit dem Deuten von Blicken und Erfassen von zwischen den Zeilen Gesprochenem nicht so drauf haben. Darauf braucht man aber vermutlich nicht hoffen, weil da draußen die neurotypischen Menschen ganz klar in der Überzahl sind, die diese verwirrende Art der Kommunikation beherrschen und für das Normalste der Welt halten. Und deshalb wie selbstverständlich davon ausgehen, dass alle anderen das auch tun. Am besten finde ich Schreiben. Wenn ich etwas lese, dann habe ich die größten Chancen, es auch richtig zu verstehen. Und kann so lange darüber nachdenken, wie ich will, bevor ich mich äußere. Aber im Alltag kommt man halt auch immer wieder zu persönlichem Kontakt mit Menschen und da ist man halt ganz klar im Nachteil, wenn man die „Sprache jenseits der Sprache“, die von den meisten anderen benutzt wird, nicht versteht und deshalb auch nicht benutzen kann. Ich habe immer wieder im Leben die Erfahrung gemacht, dass es bei der neurotypischen Welt als barsch, hart oder unfreundlich ankommt, wenn man diese Sprache und die ganzen Blicke und Mimiken nicht beherrscht, sondern einfach sagt, was man meint- ohne irgendein spezielles Gesicht dazu zu machen. Ich hatte zum Beispiel an der Arbeit (Altenpflege) das undankbare Amt der Hygienebeauftragten des Wohnbereichs. Und wir bekamen eine Praktikantin, die unter den Armen stank. In den kommenden Tagen kamen nach und nach alle möglichen Kollegen inklusive Stationsleitung auf mich zu und nervten, dass ich etwas unternehmen soll, weil ich ja Hygienebeauftrage war. Und jeder betonte, dass die Frau unter den Armen stank. Also bin ich zu der Frau gegangen, hab ihr Duschzeug, Deo, frische Arbeitsklamotten und meinen Schlüssel zum Umkleide- und Duschraum gegeben und hab gesagt:“ Hör mal zu, du stinkst unter den Armen. Geh dich mal bitte duschen!“ Ich dachte, das wäre der Auftrag gewesen. Am Ende vom Dienst musste ich zu einem „Gespräch“ zur Pflegedienstleitung, weil man „so was nicht sagen darf“ und „das anders verpacken muss“. Sowas habe ich einfach nicht drauf. Irgendwie sind das Diplomaten- Gen, das „nette Gesicht“ und die geheime Sprache, in der man Dinge sagt, ohne sie beim Namen zu nennen bei mir nicht angelegt. Das macht die Kommunikation und Interaktion mit anderen oft sehr schwer und sorgt immer wieder für Mißverständnisse und Probleme im Umgang mit den Mitmenschen. Wir bedienen uns der gleichen Worte- aber wir sprechen nicht wirklich die gleiche Sprache. Also- es bleibt schwierig …