Diagnostik die zweite…

Ich habe es tatsächlich nochmal versucht. Ein Jahr später.
Ein Jahr voller Zweifel und grübeln und ärgern und sich hin- und hergerissen fühlen. Vielleicht hatte er ja doch Recht? Nein, kann nicht sein. Es passt einfach. Er hat sich geirrt… und dann bekam ich durch Zufall die Information, dass der Herr bei dem ich das Vorgespräch hatte sich auf „Härtefälle“ spezialisiert hat, da er genetisch forscht. Ich passte nicht in sein Schema. Deshalb habe ich noch nicht einmal das Vorgespräch „bestanden“.
Mit diesem Wissen wagte ich einen zweiten Versuch.
Ich brauchte sowieso eine Einschätzung meines jüngeren Sohnes und nahm Kontakt mit einer Autismus-Beratungsstelle auf.
Die zwei Termine dort verliefen sehr angenehm, ich fühlte mich verstanden, gesehen und ernst genommen. Erkannt. Die Dame sagte mir nach zwei langen Gesprächen, dass ich ein „Paradebeispiel“ für weibliches Kompensieren sei. Das war sehr heilsam für mich. Sie empfahl mir auch gleich eine Diagnosestelle, mit der sie schon länger zusammenarbeitet und schickte gleich ihre Einschätzung von mir dort hin und ich machte einen Termin. Es handelte sich um eine Institutsambulanz eines psychatrischen Krankenhauses, die sowohl Diagnostik als auch eine ADHS-Sprechstunde für Erwachsene und eine angeschlossenen stationäre Therapie anboten. Von dem dort beschäftigten Oberarzt hatte ich sogar schon ein paar Texte gelesen, er beschäftigte sich wohl mit den Zusammenhängen von ADHS und Autismus bei Erwachsenen. „Sehr gut“, dachte ich, „dann kann ja nichts mehr schief gehen“.
Ich freute mich auf den Termin, hatte aber auch trotzdem noch Angst.
Den Verlauf der Diagnostik an sich möchte ich hier gar nicht im Einzelnen beschreiben, ich denke viel aussagekräftiger ist die Email, den ich hinterher an diese Stelle geschrieben habe. Ich habe sie aber leider nicht abgeschickt…

„Guten Tag Frau M. und Herr O.,

ich habe noch einiges an Fragen zu meinem letzten Termin und hoffe dass sie bereit sind mir diese zu beantworten.
Ich hätte diese ganzen Dinge gerne schon gestern gefragt, aber leider war ich von der ganzen Situation ziemlich überfordert und konnte mich nicht richtig artikulieren. Ich habe mich leider ziemlich mit Fragen bombardiert gefühlt und habe deshalb teilweise nicht richtig antworten können bzw. hätte gerne noch viel mehr zu den einzelnen Themen gesagt. Im Allgemeinen liegt mir die schriftliche Kommunikation besser als die mündliche, während der ich mich oft blockiert fühle und meine Gedanken nicht richtig sortieren kann. Ich brauche meist länger um über eine Frage nachzudenken.
Eigentlich hatte ich eine Liste in meinem Kalender welche ich gerne mit Ihnen beiden besprochen hätte, das habe ich aber leider durch den für mich starken Druck unter dem ich stand vergessen. Diese Liste anzusprechen bzw. durchzugehen wäre sehr wichtig für mich gewesen, da sie auch Dinge enthält die ich erst letztens mit meiner Therapeutin erarbeitet habe.
Bereits vor dem Gespräch war ich stark angespannt, was durch die unvorhergesehene Situation im Flur kam.
Dort fand der Abtransport eines Patienten durch mehrere Rettungssanitäter statt, so dass sich mein Termin um ca. 45 Minuten verzögerte. Frau M., sie selbst waren während dieser Situation anwesend, jedoch hatte sie keine Zeit für mich da sie sich intensiv um den anderen Patienten kümmerte. Das führte bei mir zu Zweifeln ob der Termin überhaupt stattfinden kann. Ein paar freundliche Worte oder andere Zuwendung ihrerseits hätten mich sicher schon beruhigt; da dies aber nicht geschah stand ich sehr stark unter Spannung.
Den Einstieg in das Gespräch hatte ich mir anders vorgestellt. Ich glaube die Möbel im Gesprächsraum wurden auch etwas umgestellt.
Zunächst folgende Verständnisfrage: Ich wurde von Frau D. aus dem ATB mit dem Verdacht auf hochfunktionalen Autismus bzw. Asperger Syndrom zu Ihnen überstellt. Warum hat Dr. O. dann im gesamten Gesprächsverlauf darüber geredet dass meine Symptome nicht auf „starken Autismus“ bzw. „schweren Autismus“ zutreffen würden? Es lag bei mir nie der Verdacht auf schwerem Autismus, sondern auf hochfunktionalen Autismus bzw. Asperger Syndrom. Wie der Begriff „hochfunktional“ schon sagt, handelt es sich doch meines Wissens nach hierbei um eine Form des Autismus der auch als „unsichtbarer Autismus“ bezeichnet wird, da man diese Neurodiversität den Betroffenen in der Regel nicht ansieht.
Ich frage mich in dem Zuge wie berühmte und bekannte hochfunktionale Autisten ganz normal in der Gesellschaft umgehen, ohne dass jeder merkt oder sehen kann dass sie „anders“ sind. Als Beispiel dazu fällt mir Vera F. Birkenbihl ein. Viele meiner Freunde sehen sich in letzter Zeit ihre Videos an. Wenn ich dann sage dass Frau Birkenbihl Asperger Autistin war schauen mich viele ungläubig an. Ebenso gibt es ja einige Schauspieler und Künstler, welche trotz ihres hochfunktionalen Autismus Karriere machen, auf dem roten Teppich stehe, in Kameras lächeln und Interviews geben. Wie sollte das funktionieren, wenn eine wechselseitige persönliche Kommunikation bei Autisten generell nicht möglich wäre wie es von Ihnen mir gegenüber dargestellt wurde?
Als weiteres Beispiel dazu möchte ich gerne noch den besten Freund meines Sohnes angeben, ein 9 Jahre alter diagnostizierter Asperger Autist. Er redet mit mir, mit meinem Sohn, mit seinen Lehrern, er lächelt zurück wenn ich ihn anlächele und er gibt mir die Hand wenn ich ihm die meine hinhalte. Diese Verhaltensweisen hat er erlernt und mittlerweile wirken sie sehr natürlich. Warum gehen Sie davon aus, dass eine 35jährige Frau diese Verhaltensweisen in ihrem ganzen bisherigen Leben nicht erlernt haben kann, wenn sie ein 9jähriger Junge bereits 3 Jahre nach seiner Diagnose beherrscht?
Zu dem von Ihnen angesprochenen Blickkontakt, den ich durchaus einige Sekunden halten kann möchte ich folgendes anmerken: mir wurde als Kind immer und immer wieder gesagt „guck mich an wenn ich mit dir rede!“ Wenn ich einem Menschen ins Gesicht gucke, zähle ich die Fixpunkte in seinem Gesicht. Ohren, Augen, Nase, Mund; immer und immer wieder, damit ich etwas habe worauf ich meinen Blick fixieren kann. Das ist sogar meiner Therapeutin nach 2 Jahren nicht aufgefallen.  Wenn ich einem Menschen direkt in die Augen sehe, fange ich an zu starren, was dem Menschen meist sehr unangenehm ist.
Nun zu meiner größten Frage, der von Ihnen diagnostizierten Zwangsstörung. Ich habe dazu folgende Kriterien in meinem Psychologiebuch gefunden: „Wesentliche Kennzeichen sind wiederkehrende Zwangsgedanken und Zwangshandlungen. Zwangsgedanken sind Ideen, Vorstellungen oder Impulse, die den Patienten immer wieder stereotyp beschäftigen. Sie sind fast immer quälend, der Patient versucht häufig erfolglos, Widerstand zu leisten. Die Gedanken werden als zur eigenen Person gehörig erlebt, selbst wenn sie als unwillkürlich und häufig abstoßend empfunden werden. Zwangshandlungen oder -Rituale sind Stereotypien, die ständig wiederholt werden. Sie werden weder als angenehm empfunden, noch dienen sie dazu, an sich nützliche Aufgaben zu erfüllen. Der Patient erlebt sie oft als Vorbeugung gegen ein objektiv unwahrscheinliches Ereignis, das ihr Schaden bringen oder bei dem sie selbst Unheil anrichten könnte. Im Allgemeinen wird dieses Verhalten als sinnlos und ineffektiv erlebt, es wird immer wieder versucht, dagegen anzugehen. Angst ist meist ständig vorhanden. Werden Zwangshandlungen unterdrückt, verstärkt sich die Angst deutlich.“
Dazu habe ich folgendes zu sagen: Ja, es sind wiederkehrende Gedanken. Aber keine Handlungen oder Vorstellungen und Impulse. Und was ich ganz besonders betonen möchte ist, dass mich diese in keinster Weise quälen, stören, ekeln oder abstoßen und dass ich auch nicht (erfolglos) versuche dagegen anzugehen; auch sind sie nicht sinnlos und ineffektiv. Ganz im Gegenteil: diese Gedanken sind für mich zweckerfüllend und hilfreich; sie beruhigen mich. Als ich mit etwa 10 Jahren herausfand dass dieses Zählen nicht jeder meiner Freunde macht war ich zunächst verunsichert und wollte es loswerden, weil ich mich mal wieder als anders empfand, aber ebenso gut hätte ich versuchen können alle Nomen aus meinem Wortschatz zu löschen. Während meines Aufenthalts in der Tagesklinik Goslar habe ich meinen Drang alles zu zählen und meine Umwelt in geometrische Formen und Muster einzuteilen mit dem Oberarzt der Tagesklinik, Dr. med. Z. (Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie) besprochen. Er erklärte mir recht anschaulich, dass dieses Verhalten ein Versuch meines Gehirns sein einer für mich chaotischen und unstrukturierten Welt eine für mich verständliche Form zu geben. Er erklärte mir auch dass das nicht schlimm oder behandlungswürdig sei, so lange mich diese Gedanken nicht belasten. Seit dem ich diese Erklärung habe, kann ich meine „Zählerei“ gut akzeptieren. Sie läuft quasi als „Programm auf meiner Festplatte“ im Hintergrund ab und meist bemerke ich gar nicht dass ich wieder zähle oder einen meiner ständigen Ohrwürmer habe (immer das letzte Lied welches ich gehört habe bis ich ein anderes höre).
Zu meinen Mittagspausen, die von Ihnen als Zwangshandlung deklariert wurden: Da muss ich Ihnen leider ganz klar widersprechen. Ich muss diese Pausen nicht machen weil ich denke dass sonst etwas Schlimmes passiert, sondern ich mache sie um mein Gehirn aufzuräumen. Ich bin meist zur Mitte des Tages (wenn ich früh aufgestanden bin) schon so reizüberflutet, dass ich einfach eine Pause brauche um das bisher erlebte zu verarbeiten. Das kann einfach ein interessantes Online-Gespräch sein oder auch ein Einkauf. Ich fühle mich meist so, als ob alle Reize einfach auf mich einströmen und ich dann später alles selbst sortieren muss. Ich denke die Geschehnisse noch einmal in Ruhe durch, überlege wie ich mich verhalten habe und ob das richtig und angemessen war (da ich oft bei Menschen anecke). Früher habe ich diese Pausen nicht gemacht. Das führte ständig zu BurnOut-ähnlichen Zuständen. Nach 2-3 Tagen folgte dann meist ein Migräneanfall (ich habe seit der Grundschulzeit chronische Migräne mit komplizierter neurologischer Aura) so dass ich mindestens einen Tag im Bett verbringen musste. Meine Therapeutin Frau W. hielt mich überhaupt erst dazu an diese Pausen zu machen; bzw. sie half mir dabei mich deswegen nicht schlecht, wertlos oder leistungsunfähig zu fühlen, sondern ermutigte mich meinen eigenen Rhythmus zu finden in dem ich Ruhe, Stille und Zeit für mich selbst bekomme. Seitdem sind die Migräneanfälle viel weniger geworden. Nur das Wetter „haut mich noch um“, ich bin sehr stark wetterfühlig und reagiere auf Veränderungen des Luftdrucks wie beispielsweise bei Gewitter oder Umschwung mit Kreislaufproblemen, Schwindel, Müdigkeit, Kopfschmerzen, Konzentrationsstörungen und Migräne. Auch wenn ich nicht aus dem Fenster sehe spüre ich die Veränderung; meine Freunde nennen mich gerne den „Wetterfrosch“.

Ich hatte wie bereits zu Anfang erwähnt auf Anraten von Frau W. eine Liste erstellt, die ich während unseres gestrigen Gespräches gerne durchgegangen wäre. Leider ist mir dieses ja auf Grund des Drucks entfallen. Das würde ich nun gerne nachholen.
Zunächst würde ich gerne das Thema Synästhesie ansprechen. Ich habe eine sehr starke Beziehung zu und ein natürliches Gespür für Farben und es stört mich ganz erheblich, wenn irgendwo Regenbogenfarben nicht in der korrekten Reihenfolge angeordnet sind. Wenn ich Musik höre, dann „sehe“ ich vor meinem inneren Auge alle Töne als eine Art farbige Treppenstufen, ähnlich einem Equalizer. Geräusche, Beats oder Stimmen erzeugen manchmal Formen, Schleier oder Figuren. Da ich sowieso eher in Bildern denke statt in Worten, habe ich auch oft ganze Geschichten im Kopf, besonders bei klassischer oder sehr atmosphärischer Musik.
Auch sehe ich oft farbige Schleier um Menschen herum. Da ich nicht an Esoterik glaube (mehrere Menschen haben schon versucht mir weiß zu machen ich könnte die „Aura“ eines Menschen sehen) habe ich mich nach anderen, logischeren Erklärungen umgehört. Auch hier stieß ich auf den Begriff Synästhesie. Emotionen von anderen Menschen kann ich zwar grundlegend wahrnehmen, aber bei komplexeren Sachverhalten oft nicht genau zuordnen. Ich habe eine innere persönliche Zuordnung von Farben zu Emotionen. Wenn mir z.B. eine Person in rötlichen Schleiern erscheint, dann ist die Person meist wütend oder aufgeregt. Auch hierbei habe ich lange (bis zu meinem 16. Lebensjahr um genau zu sein) nicht gewusst, dass die meisten anderen Menschen so etwas nicht wahrnehmen. Ich habe ein paar Bücher und Artikel über „Aura lesen“ gelesen und konnte damit nicht besonders viel anfangen. Die wissenschaftliche Erklärung der Synästhesie macht für mich insoweit Sinn, dass 2 verschiedene Sinne im Hirn miteinander verknüpft sind und beide Hirnareale gleichzeitig angesprochen werden, weswegen es zu einer Wahrnehmung mehrerer Dinge auf nur einem Reiz kommt. Ich hoffe das so richtig verstanden zu haben.

Nun zu einem weiteren Punkt auf meiner Liste: „Alles hat Muster, Kategorien und Beispiele“. Dazu gehören einige zwischenmenschliche Probleme die ich schon lange habe.
Meinen Freundinnen und auch meinem Mann ist es schon aufgefallen, dass ich sehr oft in Beispielen und Kategorien rede. Ich erkläre Dinge eigentlich immer an Hand von Beispielen und gebe auch Menschen, die mit Problemen zu mir kommen immer Beispiele aus meinem eigenen Innenleben. Das wurde mir oft schon als Egoismus, Ich-bezogenheit oder Arroganz angerechnet. Das ist meine Methode nachzuvollziehen worüber die Person redet oder wie sie sich fühlen könnte. Ich ahme auch oft Gesichtsausdrücke oder Verhaltensweisen, Gestik, Mimik, Tonfall, Dialekt etc. meines Gegenübers nach und merke es gar nicht. Das führte in meiner Jugend zu einem starken Gefühl der „Ich-verlorenheit“, ich wusste nicht wer ich eigentlich war. Auch wurde ich von Mitschülerinnen oft für dieses Verhalten aufgezogen. Meist war es wohl ein Versuch meinerseits „wie jemand anders zu sein“, da ich dachte diese andere Person sei beliebt oder habe viele Freunde und ich könnte das dann auch haben. Auch habe ich mir, als ich dann gemerkt habe dass das nicht gut ankommt, eher Figuren und Personen aus dem Fernsehen abgeschaut und imitiert. Diese „Schauspielerei“ konnte ich aber nie lange aufrechterhalten, nach wenigen Wochen bekam ich stets wieder dieselben Probleme mit meinen Mitschülerinnen und Freundinnen. Ich wurde ausgegrenzt, gehänselt und man machte Witze auf meine Kosten. Einmal bekam ich sogar Briefe von Mitschülerinnen, in denen sie mich als „eingebildeten Freak“ und „blöde Lesbe“ tituliert, da ich zu Jungs ein eher kumpelhaftes Verhältnis hatte und ein „Spätzünder“ war was alle pubertären Entwicklungen anging. Dass ich mich mit 14 Jahren erstmals in ein Mädchen verliebt habe hat nicht dazu beigetragen dass ich mich besser gefühlt habe, sondern verunsicherte mich noch mehr.
Ich hatte, geprägt durch Erfahrungen und Beobachtungen, immer bestimmte Verhaltensmuster im Kopf wie sich Menschen so benehmen. Wenn jemand da unerwartet ausbrach kam ich damit nicht zurecht, wusste nicht was ich sagen sollte und war sehr gehemmt. Das passte dann nicht in meine Kategorien über menschliches Verhalten.
Heutzutage habe ich nur wenige gute Freunde, die mich aber akzeptieren wie ich bin und die ich auch über die Zeit einschätzen gelernt habe. Mir neue Freunde oder Bekannte zu suchen fällt mir sehr schwer, da ich unglaublich schlecht in Smalltalk bin und mich dabei sehr unwohl fühle. Bei gleichen Interessen kann ich jedoch stundenlange Gespräche führen.
Des Weiteren sprach Frau W. bei mir vor kurzem eine „Gefühlsblindheit“ an. Sie meinte, ich hätte wohl Probleme mit dem Zuordnen meiner Gefühle. Im Gespräch wurde mir dann klar, dass das auch mit meinem Problem zusammenhängen könnte festzustellen warum ich mich in bestimmter Weise fühle. Versuche von früheren Therapeuten mit Gefühlstagebüchern o.Ä. sind bisher immer gescheitert. Ich fühle mich oft irgendwie, weiß aber nicht wie und warum. Ich habe Frau W. gebeten mit mir eine Liste zu erstellen an der ich ablesen kann was jetzt wahrscheinlich der Grund für ein bestimmtes Gefühl sein könnte. Da mich Empfindungen wie Schmerzen oder Unwohlsein oft irritieren und verunsichern, haben wir begonnen diese aufzuschreiben damit ich ergänzend dazuschreiben kann wenn ich herausgefunden habe woher das Gefühl stammt. Aufregung kann ich mittlerweile gut zuordnen, da ich dann anfange meine Finger zu verkneten und auch manchmal schaukele. Manchmal hüpfe ich auch umher und muss mich bewegen.

Mein Umgang mit stressigen Situationen und Reizüberflutung: Zur Beruhigung habe ich meist einen Stressball in der Tasche. Auch verlasse ich das Haus nicht ohne meine Sonnenbrille, da ich sehr lichtempfindliche Augen habe. Auch meine Migränetabletten, Kaugummis, mein Handy mit Kopfhörern und bestimmter Musik sind meine ständigen Begleiter. Dadurch gelingt es mir inzwischen sogar alleine mit dem Bus oder Zug zu fahren. Selbst Auto fahre ich gerne auf mir bekannten Strecken und nicht länger als eine Stunde; ich fahre nach Möglichkeit keine Autobahnen. Ich habe keine Angst vorm Autofahren, es erschöpft mich einfach sehr stark weil es so viele Reize gibt und Dinge auf die man achten muss. Ich fahre gut und sicher Auto, das höre ich immer wieder von Mitfahrenden.
Auf Reisen nehme ich mir immer eine Decke, Kissen und ein Stofftier von Zuhause mit, da ich in ungewohnter Umgebung sehr schlecht schlafen kann. Musik oder Hörspiele helfen auch.
Wenn ich an zwei oder drei Tagen hintereinander viele Termine habe (was ich zu vermeiden versuche), dann nehme ich mir mittlerweile danach immer einen Tag frei und bleibe Zuhause. Früher habe ich das nicht getan, was fast immer zu Migräne oder anderen „Ausrastern“ geführt hat. Diese Taktik habe ich so auch mit Frau W. erarbeitet und sie funktioniert gut.
Ich empfinde mich selbst nicht als besonders ängstlich. Ich hatte früher mit Panikattacken zu tun, die aber remittierend sind seit ich auf meinen „Reiz-Pegel“ achte. Ansonsten fahre ich sogar gerne Achterbahn und auch vor Tieren habe ich keine Angst. Ich habe keine Zukunftsängste, keine Phobien oder Krankheitsängste.
Als depressiv empfinde ich mich nicht. Im Grunde habe ich Spaß an verschiedenen Aktivitäten und Hobbies, bin in der Regel nicht antriebslos und habe gute private Aussichten. Ich bin sehr kreativ und künstlerisch. Ich frage mich deshalb, weil ich ja nicht mit Beschwerden wie Depressionen oder Ängsten zu Ihnen gekommen bin, warum mir ein Medikament verschrieben werden soll welches das beides mit behandelt.
Ich habe, wenn ich sehr stressige Zeiten hinter mir habe, manchmal starke Erschöpfungszustände während denen ich weder richtig sprechen noch mich groß bewegen kann, auch das Denken ist dann verlangsamt. Ich ziehe mich dann in mein Bett zurück und wenn man mich in Ruhe lässt ist nach ein paar Stunden alles wieder gut. Es ist allerdings auch schon vorgekommen dass kein Rückzug möglich war oder jemand versucht hat mich zu „wecken“. In meiner Jugend kam es dabei ein paar Mal sogar zu Handgreiflichkeiten mit meiner Mutter, die nicht verstehen konnte dass ich einfach nur in Ruhe gelassen werden wollte und versucht hat mich aus dem Bett zu werfen. Einmal bin ich sogar gegen meinen Mann „ausgerastet“. Es gibt keinen wirklichen Anlass oder Grund, ich bin dann auch nicht wegen irgendwas sauer. Ich kann selbst nicht mehr kontrollieren was ich tue und verletze sogar mich und andere. Das ist einmal massiv bei einem OP-Termin in der Uniklinik G. passiert. Ich bin vor dem OP-Saal zusammengebrochen nachdem ich mich von einem Pfleger losgerissen habe und habe danach meinen Arm zerkratzt. Ich habe an dieses Ereignis nur noch wenige Erinnerungen. Gehört solch eine Symptomatik eventuell auch zu dem von Ihnen angesprochenen ADHS? In der Beschreibung der Zwangsstörung kann ich so etwas nicht wiederfinden. Mein Sohn hat manchmal ähnliche Wutanfälle; laut Dr. Brummer (behandelnder Kinder- und Jugendpsychologe) ist das seinen autistischen Zügen zuzuordnen und geschieht bei akuter Überreizung. Ihnen als Autismus-Fachleute dürften solche Zustände als Overload, Shutdown und Meltdown bekannt sein.

Abschließend möchte ich noch sagen, dass ich mich im Kontext von ihnen leider missverstanden fühle.
Es ging um die Abklärung ob es bei mir autistische Züge gibt oder ob ein hochfunktionaler Autismus oder ein Asperger-Syndrom vorliegt. Ich bin nicht wegen spezieller Beschwerden zu ihnen gekommen, habe nicht um eine Therapie, Medikation oder anderweitige Abklärung gebeten. Auch stand nie der Verdacht auf „schweren Autismus“, den sie in unserem Gespräch immer wieder ansprachen, sondern auf eine generelle Neurodiversität aus dem autistischen Spektrum. Ich finde es ehrlich gesagt völlig unverständlich, dass die den ihrer Aussage nach deutlichen Hinweisen aus den von mir und meiner Mutter ausgefüllten Fragebögen nicht nachgehen und die komplette Diagnose an einem äußeren Eindruck festmachen, den sie nach 60 Minuten haben. Warum habe ich diese ganzen Fragebögen überhaupt ausgefüllt, wenn sie sämtliche Ausprägungen und Schweregrade von Autismus innerhalb von 60 min. mit ihrem Blick ausschließen können? Außerdem finde ich es seltsam, dass ihre  Asperger-Spezialambulanz  auf ihrer Homepage nicht zu finden ist. Mich würde ihre persönliche Erfahrung mit diesem Thema, insbesondere mit der speziellen Ausprägung dieses Syndroms bei Frauen, sehr interessieren.
Ich bin seit meinem 14. Lebensjahr immer wieder in Therapie gewesen, ich kenne meine Symptome, aber das Kernproblem wurde bisher nicht aufgedeckt. Im Grunde geht es mir momentan gut, ich habe durch meine Therapie gelernt mit mir und meiner Eigenart umzugehen. Ich möchte weder eine andere Therapieform, noch Medikamente oder einen Klinikaufenthalt. Es stellte sich für mich nur die Frage, wie diese Eigenart heißt.“

Wie geschrieben, ich habe diese Mail nie abgeschickt.
Und es folgte wieder ein Jahr von Zweifeln, Grübeln, hin- und hergerissen sein.
Ich bekam übrigens eine mündliche Zusage von dem Herrn, dass ich ADS und eine Hochbegabung hätte. In dem folgenden Arztbrief, auf den ich mehrere Monate warten musste stand nichts von beidem, nur eine schwere Zwangstörung, eine Medikamentenempfehlung und die dringend Notwendigkeit einer stationären Therapie, natürlich gerne in deren Klinik. Ich habe darauf nicht reagiert.
Mein Therapeutin schrieb eine Gegendarstellung dass bei mir keine Zwangsstörung vorliege und sie meine Besonderheiten in meiner Persönlichkeit begründet sieht und versuchte mehrfach jemanden zu erreichen. Zuerst wurde ihr gesagt, man hätte die ADS-Diagnose wohl vergessen in dem Brief zu erwähnen, dann hieß es wieder (nachdem wieder monatelang kein Arztbrief kam) man sein nicht bereit den Brief zu ändern.

Ich habe mittlerweile meine Asperger-Diagnose erhalten.
Ich war im November 2017 für 4 Wochen in einer psychosomatischen ReHa-Klinik wegen eines Rentenantrags. Ich hätte nie damit gerechnet, aber ich bin dort wirklich auf Verständnis, Akzeptanz und zwei kompetente Ärzte/Therapeuten gestossen.
Geht doch. 🙂

 

 

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Reblogged: Der Diagnoseprozess.

Viele Menschen mit Verdacht auf Autismus wissen nicht, wie die Autismusdiagnostik abläuft (so ging es mir auch). Bei Hobbithexe lief die Diagnostik im Großen und Ganzen ähnlich ab wie bei mir (ich war bei einer Diagnostikstelle in einem anderen Bundesland). In der Regel muss man auf den ersten Termin recht lange (ca. ein Jahr) warten.

Hobbithexe

Lange war ich mir nicht sicher, ob ich so einen Diagnoseprozess überhaupt über mich ergehen lassen will und ob ich so eine Diagnose wirklich brauche. Ich hatte viel gelesen, gegrübelt, analysiert, mich beobachtet und jede Menge gedankliche Zeitreisen in meine Vergangenheit gemacht. Ich hatte sehr viel über mich gelernt, so vieles endlich verstanden und kam dadurch so viel besser mit mir zurecht. Eigentlich war das schon alles, was ich wollte.

Irgendwann brauchte ich aber doch Gewissheit. Ich hatte Sorge, dass ich manches überbewerte, falsch einordne und nicht richtig erkenne. Ich wollte eine objektive Meinung von jemandem, der sich wirklich gut mit Autismus auskennt, denn das Thema ist sehr komplex. Also beschloss ich, mich an die psychiatrische Autismus-Ambulanz in meiner Stadt zu wenden. Und ich fing natürlich auch an zu googeln, weil ich wissen wollte, wie so ein Diagnoseprozess abläuft. Außerdem war die Wartezeit ziemlich lang und ich ziemlich nervös. Ich…

Ursprünglichen Post anzeigen 1.087 weitere Wörter

Psychotherapie-Ausbildung in progress

Ein paar Zeilen dazu, wie es mir in der Ausbildung zur Psychotherapeutin ergeht (eigentlich wusste ich gar nicht, was ich schreiben will – ein paar Zeilen sind es jetzt doch geworden, das freut mich sehr).

Die Arbeit mit den PatientInnen steht noch aus. Darauf freue ich mich einerseits, weil ich mir sicher bin, dass ich Spaß an dieser Arbeit haben werde. Andererseit bin ich ganz besonders gespannt, wie und ob diese funktionieren wird und wie sehr mich das Ganze auslaugt. Man hat mich schon darauf vorbereitet, dass die PatientInnen eher schwierig sind. Die Arbeitszeiten und das zeitliche Arbeitspensum über die klinische Arbeit hinaus werden sehr hart sein. Finanziell bleibt es, abgesehen von den Ausbildungskosten, sehr schwierig, weil (wieder mal) ein Umzug mit (natürlich) Kaution und Anschaffungen bevorsteht.                                                                                                                                                             Mein Crowdfunding dazu läuft noch neun Tage, 30% des Zielbeitrags sind erreicht (ganz großen Dank an meine bisherigen UnterstützerInnen!!!). Hier ist der Link zum Blogbeitrag über die Ausbildung mit dem noch aktiven leetchi-Crowdfundinglink http://wp.me/p5NL8S-df.

Es gibt aber auch viel Positives zum theoretischen Teil der Ausbildung zu berichten (das bezieht sich jedoch weniger auf die bisher vermittelten Inhalte). Man mag es kaum glauben, aber bisher bin ich keine Außenseiterin im Jahrgang. In weiser Voraussicht, dass ich alleine bleiben würde, wenn ich aktiv nichts unternehme, habe ich von Anfang an im Kurs Ausschau nach Menschen gehalten, mit denen ich auf einer Wellenlänge bin (das war tatsächlich bei einer Person der Fall, die auf den ersten und zweiten Blick eher dem „Außenseiter-Klischee“ entsprach). Dadurch, dass ich einer Arbeitsgruppe zugeteilt wurde, lernte ich auch andere TeilnehmerInnen etwas besser kennen und kann mich mittlerweile mit ihnen austauschen und sich gegenseitig unterstützen. Eigentlich habe ich immer jemanden zum Reden oder die Mittagspausen zu verbringen, wenn ich möchte (und werde auch von den anderen gefragt, wo ich denn meine Pause verbringen werde – eine neue Erfahrung :)).

Inhaltlich hoffe ich, dass mir noch therapeutisches Handwerkszeug vermittelt wird (das war bisher noch nicht in dem Maße der Fall, wie es für die Patientenarbeit hilfreich wäre). Im Zweifelsfall kann man sich immer noch viel anlesen (da bin ich auch schon von Anfang an fleißig dabei) und dann heißt es „ins kalte Wasser geschmissen werden“ und „learning by doing“. Sie dürfen mir gerne weiterhin die Daumen drücken, dass das alles gut klappt :).

Über Soziales, Müdes und Falsches zu Autismus

Soziales: AutistInnen wollen nicht in ihrem „stillen Kämmerlein“ hocken. Jedenfalls nicht immer. Ich bin mir ziemlich sicher, dass es viele trotzdem tun, weil sie nicht den Eindruck erwecken, dass sie gerne an einer Party/Treffen/Spieleabend teilnehmen würden. Vermutlich wirken wir im besten Fall desinteressiert und im schlimmsten Fall arrogant. Dabei ist es für die Umwelt egal, ob sie weiß, dass sie es mit AutistInnen zu tun hat oder nicht. Man wirkt desinteressiert und wird nicht eingeladen. Punkt. Oder wird nicht eingeladen, weil man sich unter Menschen entweder zu wenig sozial, zu viel oder zu wenig kommunikativ zeigt oder zu nerdy wirkt.

Müdes: Wenn ich den ganzen Tag eine stimmliche Geräuschkulisse ertragen muss und mich auch noch auf dem Heimweg unterhalten muss, bin ich erstmal fertig und möchte nichts außer Ruhe (=Tür zu und nichts mehr hören und mit niemandem reden müssen). In meinem momentanen Nebenjob ist es den ganzen Tag über laut bis sehr laut. Ab Arbeitstag zwei falle ich um acht Uhr ins Bett und bin froh, dass ich mich im Schlaf halbwegs erholen kann, um mich morgens früh wieder für die Arbeit fertigmachen zu können. Egal, wieviel ich schlafe: Ich sehe so aus, als ob ich die Nacht durchgemacht hätte  und es kommen blöde Sprüche wie „aber du hast doch gestern den ganzen Tag geschlafen!“. Ich bin permanent am Gähnen. Kaffee hilft da nicht.

Soziale Interaktion, mit vielen verschiedenen Menschen und den ganzen Tag über, strengt furchtbar an. Smalltalk ist sehr anstrengend. Wenn spontan etwas Unvorhergesehenes passiert, zerrt das an den Kraftreserven und meine Batterien sind an diesem Tag dann etwas schneller leer als wenn alles glatt läuft.

Falsches: In einer Veranstaltung, die ich besucht habe, wurde (von einem Arzt, der kein Autismus-Spezialist ist) behauptet, dass alle Autisten glücklich wären, wenn man sie in Ruhe lassen wüde. Am besten, man würde sie im Keller arbeiten lassen, wo sie keine Menschen treffen würden. Dann wären sie happy.Sie würden sich nicht für das Gegenüber interessieren, wären nicht in der Lage, Emotionen zu erkennen, ganz zu schweigen davon, dass sie etwa empathisch sein könnten.

Dieses veraltete Wissen wird in der ein oder anderen Veranstaltung weitergegeben. An Fachleute weitergegen, was überhaupt nicht passieren darf, weil genau so Fehldiagnosen entstehen oder Diagnosen gar nicht erst gestellt werden können.

Fazit: Ladet uns ein. Wenn wir uns wohlfühlen, sagen wir oft genug auch zu. Akzeptiert es, dass uns Soziales anstrengt und wir oft einfach fertig sind und es nicht heißt, dass wir nichts mit anderen zu tun haben möchten. Und gebt „richtiges“ Wissen über Autismus weiter, es ist wichtig.

Aus{beutung}bildung, oder was ich jetzt eigentlich mache und warum ich Ihre Hilfe brauche

Mein letzter Blogeintrag und  dieser Link (https://www.leetchi.com/c/soziales-von-klari-n) brauchen eine Erklärung.

Sie wissen ja gar nicht wirklich, was bei mir seit diesen Sätzen „Der „Bewerbungszirkus“ ist in meinem Fall noch nicht abgeschlossen. Sie können mir sehr gerne für noch offene Bewerbungen die Daumen drücken und auch für Bewerbungsgespräche, die hoffentlich noch kommen werden.“ aus dem Beitrag vom 24.05.16 passiert ist.

Ich befinde mich in einer Weiterbildung zur Psychotherapeutin. Diese Weiterbildung kostet 10. – 20.000 Euro und bis zur Hälfte der Weiterbildung (diese Hälfte muss ich momentan irgendwie hinter mich bringen) verdient man so gut wie nichts. Man muss selbst sehen, wie man über die Runden kommt. Viele können durch die Eltern unterstützt werden. Einige greifen auf Erspartes zurück. Beides trifft auf mich nicht zu – ich habe keine Ersparnisse und kann nicht auf eine Unterstützung durch meine Eltern hoffen, die selbst nichts haben.

Ich habe mich im Vorfeld an verschiedenen Stellen erkundigt, mir stehen keine finanziellen Hilfen (wie BAföG, Berufsausbildungsbeihilfe und was es noch alles gibt) zu. Gar. Nichts.

Auch ein Nebenjob neben der Weiterbildung und der damit verbundenen Tätigkeit in einer Klinik ist einfach nicht möglich. Vom Energielevel her verlangt mir die Ausbildung alles ab und mir als Autistin steht einfach weniger Energie zur Verfügung als anderen WeiterbildungsteilnehmerInnen, die vielleicht 60 Stunden die Woche arbeiten können und nicht zusammenklappen. Mal abgesehen davon, dass es fast unmöglich sein dürfte, so einen Nebenjob zu finden.

Diese Zeit wird vorbeigehen und dann geht es wieder bergauf. Bis dahin hoffe ich weiterhin auf die Unterstützung von lieben Menschen und bedanke mich fürs Lesen und Teilen dieses Blogbeitrags. Offene Fragen zur Weiterbildung beantworte ich sehr gerne.

Ich entschuldige mich für diesen Aufruf als Offtopic in unserem Blog. Der Aufruf hat keinen direkten Zusammenhang zum Thema „Autismus“, musste jetzt aber sein ;).