Über Exekutive Dysfunktion beim Asperger Syndrom

Es geht um die Schwierigkeit, Dinge anzufangen, und/oder aufrechtzuerhalten, und/oder zu beenden. Bei mir ist es hauptsächlich das Anfangen. Und wenn ich etwas mache (z.B. Staubsaugen) habe ich das Gefühl, viel länger dafür zu brauchen als andere und danach viel erschöpfter zu sein.

Das tägliche nicht-mit-dem-Weiterschreiben-der-Abschlussarbeit-anfangen-Können endete in einer Depression. Ich habe es trotzdem geschafft, zu schreiben und die Arbeit abzugeben,indem ich mir gesagt habe, dass Bestehen das Wichtigste wäre und die Note zweitrangig. Außerdem habe ich mir zugestanden, allein schon das Schreiben von ein paar Sätzen als einen großen Fortschritt anzusehen (siehe Video: kleine Schritte). Wenn ich früher endlich mit dem Lernen für eine Prüfung -viel zu spät- angefangen habe, konnte ich allerdings nicht mehr aufhören und habe 2-3 Tage durchgelernt, ohne Hunger/Durst zu spüren. Einen Alarm, um das Anfangen einer Tätigkeit zu initiieren, wie im Video vorgeschlagen, finde ich sehr sinnvoll und werde es ausprobieren.

https://neuroqueer.wordpress.com/2015/12/16/exekutive-dysfunktion-oder-warum-kriege-ich-nichts-hin/

Gesichtsblind? Aber ich ich doch nicht

Tja, so dachte ich 35 Jahre lang von mir. Ich kann ja schließlich Gesichter sehen, erkennen und auch durchaus unterscheiden. Ich habe keine verschwommene Fläche vor mir wenn mich einer anguckt. Außerdem habe ich mich mein Leben lang sehr detailliert und fast fanatisch mit dem Thema Gesichter befaßt. Ich bestehe sämtliche Gesichtstests mit Bravour, ich bin ein Meister der Antlitzdiagnostik, ich erkenne jede Regung und kann sie deuten, ich kann durchaus meine Nachbarn auf der Straße erkennen und grüßen. Ich bin doch nicht gesichtsblind. Das kann ja gar nicht sein. Heute weiß ich daß ich doch Prosopagnostiker bin. Also ein Gesichtsblinder. War die Erkenntnis anfangs eher unglaublich für mich, kann ich heute sehen daß das sehrwohl stimmt. Ich habe mich damals auf die Suche gemacht wie ich so funktioniere und wie das sein kann. Ich erkenne doch Menschen und manchmal sogar zuverlässiger als andere. Wie kann das sein?

Ganz einfach, ich habe meinen Mangel schon von Kindesbeinen an zum Spezialinteresse gemacht. Menschen! Dazu gehört auch das lesen und erkennen von Körpersprache und Gesichtern. Ich habe es geübt und geübt wie nix gutes. Das war für mich auch überlebensnotwendig, denn meine psychisch schwerkranken Eltern waren oft auch sehr sehr böshafte Eltern und es war für mich sehr wichtig so schnell wie möglich zu erkennen wer oder was mir da grade wie gegenüberstand um angemessen reagieren zu können. Jedesmal wenn ich mich vertan hatte, hatte es sehr böse Konsequenzen für mich. So hab ich es durchaus sehr schnell gelernt Gesichter bewußt zu lesen und zu deuten. Also das gesehene mit dem Gelernten abzugleichen um zu interpretieren. Bewußt, das ist der Schlüssel und Unterschied zu anderen. Ich erkenne nichts einfach mal so, ich habe keinen Autopiloten für Gesichter. Ich muß sie mir durch denken mühsam erschließen. Das kostet enorm Kraft und Energie. Daher lese ich Gesichter nur, wenn genug Kraftreserven vorhanden sind oder wenn es wirklich wichtig ist.

Nun würde man denken das würde man doch merken, aber dem ist nicht so. Ich erkenne ja Menschen durchaus auch sehr zuverlässig. Ich grüße Nachbarn die mir im Auto entgegenkommen, ich kann Kollegen, Patienten, Freunde und gute Bekannte jederzeit auseinanderhalten, ich erkenne sogar jahrelang nicht gesehene Bekannte auf einem Konzert 20m vor mir von hinten.

Tja, wie mach ich das bloß? Ganz einfach. Ich kann zu meinem Glück unwahrscheinlich schnell denken und Zusammenhänge bewußt knüpfen. Da ich das aber mein Leben lang arg trainiert habe, spüre ich den Aufwand gar nicht mehr. Vor allem Gesehenes wird bei mir viel schneller verarbeitet und zu einem Ganzen verwurstet als bei anderen Menschen. Ich erkenne jedes Auto und jedes Nummernschild in Buchteilen von Sekunden und kann dann Aktion grüßen starten. Ich erkenne Menschen die ich bereits gut kenne zuverlässig an der Art wie sie sich bewegen. Sie könnten sich auch komplett verkleiden und ich würde sie jederzeit erkennen. Neulich gab es ein Konzert einer neuen verrückten Band deren Mitglieder geheim bleiben wollten, man wußte nur daß sie Mitglieder aus bekannten anderen Bands sind. Sie standen alle Kopfvermummt auf der Bühne und ratet mal, wer als Einziger sofort wußte wer da stand. Manchmal ist das ja durchaus praktisch 😉 Ich gleiche anscheinend Bewegung und gewohnte Optik wie Klamotten/Haare gerne miteinander ab. Je mehr Infos ich bekomme, desto zuverlässiger bin ich. Allerdings strauchel ich auch oft, wenn ich Menschen eben nicht so gut kenne oder nicht weiß wie sie sich bewegen, sie plötzlich neue Haarfarben haben, andere Klamotten tragen oder ich sie in einem nicht passenden Kontext treffe wo sie eigentlich nicht hingehören.

Da kann es sein, daß ich meinen Besuch den ich nur aus dem Internet kenne trotz massenweiser aktueller Fotos nicht am Treffpunkt erkenne oder maximal die Klamotten der rumstehenden Leute durchscanne um ihn zu erkennen. Ich erkenne den Postboten nicht beim einkaufen, der seit vielen Jahren ganz zuverlässig und freundlich täglich meine vielen Pakete ohne murren bringt, ich vertue mich ständig in Menschenmengen und grüße wildfremde Personen, weil so viele Bewegungszwillinge rumrennen und wenn dann auch noch die Haare annähernd gleich sind, läuft halt Reaktion grüßen wieder automatisch ab. Menschen an denen ich wenig Interesse habe, lose Bekannte, Freunde von irgendwem etc. die erkenne ich manchmal auch nach Jahren nicht immer zuverlässig. Gerne führe ich auch seltsame Smalltalkunterhaltungen (ja, hey…ich beherrsche Smalltalk mit Bravour und das als Autist!) mit Menschen von denen ich keinen Schimmer habe wer sie sind. Ich versuche dann im Gespräch immer irgendwelche Informationsbrocken herauszubbekommen ohne aufzufliegen. Selten bekomme ich die und so grübel ich oft tagelang mit wem ich die ganze Zeit wohl so nett geredet haben könnte und wie ich bloß reagiere wenn ich diesen Menschen wiedertreffe oder er mich auf unser Gespräch anquatscht.

Tja, was mach ich nun damit?

Weitermachen, denn es läuft ja eigentlich ganz gut. Gibt schließlich schlimmeres im Leben und manchmal ist es auch durchaus hilfreich so zu sein. Ich erzähle es möglichst oft und offen daß ich Schwierigkeiten habe, Gesichter zu erkennen und daß man mich doch bitte ansprechen soll und ansonsten lebe ich damit. Ich versuche Menschen beim einkaufen und ähnlichem nicht anzugucken, dann kann niemand sagen ich hätte ihn ja erkennen müssen. Ich kann mich jederzeit auf, huch…ich hab sie gar nicht gesehen berufen. Ich werd ja oft eh als Schussel und Tüddeltante von außen angesehen, da verzeiht man mir recht schnell so ein paar kleinere Fehltritte. Ansonsten versuche ich bei fachlichen Treffen vorab so viele Fotos der Personen als möglich anzuschauen die ich im Internet finden kann um sie mir einzuprägen.

Also wenn wir uns mal treffen sollten, einfach anquatschen oder vorab Fotos von den Klamotten die man aktuell trägt schicken.

Mir fällt zum Schluß noch was ein zur Gesichtsblindheit. Ich erkenne oft mein eigenes Kind nicht wenn ich es in der Kita suche. Da laufen zig kleine quirlige blonde Mädels rum und egal wie sehr ich mich konzentriere, wenn ich nicht weiß was sie anhat weil der Herr Papa sie morgens hingebracht hat, habe ich keine Chance.

Ich habe auch große Schwierigkeiten Filmen zu folgen. Grade so Sachen wie Tatort oder so sind sehr schwer für mich zum folgen. Die Schauspieler sehen echt alle gleich aus für mich, tragen oft alle 0815 Klamotten und keiner sticht optisch sehr heraus. Ich erkenne einfach oft die Kommissare nicht und grübel ständig wer das nun ist, ob gut oder böse und wie das nun im Kontext zur Handlung richtig sein könnte. Ich verballer viel Energie, gleich am Anfang krampfhaft genau zu schauen wie das Gesicht und die Haare der Hauptpersonen aussehen. Wenn dann andere auch noch ansatzweise ähnlich aussehen ist es für mich vorbei. Ich bekomme keinen Handlungsstrang mehr klar und breche oft die Filme ab. Ähnlich auch, wenn ich mittendrin reinschalte. Ich kann das nicht!  In den meisten Filmen sieht man den “bösen” ja durchaus an daß sie die bösen sind oder die Helden haben einfach eine ganz bestimmte Optik. Dann ist es einfach für mich. Aber so klassische Kriminalfilme zB. sind fast immer ganz schwierig. Daher gucke ich gerne Animationsfilme, optisch total überzogene Filme oder Fantasykram. Das kostet mich weniger Energie.

Autismus und Messie – geht das?

Aus eigener Erfahrung heraus: ja, das geht und ist bei dem Erscheinungsbild und den Auslösern des Messie-Syndroms auch nicht sonderlich überraschend.

Es wird oft von ordnenden und peniblen Autisten berichtet. Bei mir ist das nicht so. Im Prinzip schon, weil ich das gerne schaffen würde, aber es ist für mich überaus anstrengend, das zu erreichen. Ich stehe meinem Chaos täglich im Kampf gegenüber.

Der Begriff Messie dürfte jedem geläufig sein, jedoch habe ich selbst erfahren müssen, dass dabei weniger die Auslöser betrachtet werden, als das Ausmaß.

„Räum doch mal auf!“ – „Das ist ekelig!“ – „Du bist faul!“ – „Das ist krankhaft!“

Aber wirklich geholfen, hat mir dabei keiner (von den wenigen, die es wussten).

Ich möchte nun die grobe Charakteristik des Syndroms aufzeigen und anhand meiner Erfahrungen/ Gefühle/ Gedanken genauer darauf eingehen. Ich orientiere mich dabei am Wikipedia-Artikel, da er für den Einstieg in das Thema ziemlich gut ist: https://de.wikipedia.org/wiki/Messie-Syndrom

Der Wikipedia-Artikel beginnt, wie folgt:

„Der Begriff Messie-Syndrom bezeichnet schwerwiegende Defizite in der Fähigkeit, die eigene Wohnung ordentlich zu halten und die Alltagsaufgaben zu organisieren; es können ernsthafte seelische Störungen vorliegen. (…)

Die Störung wird auch als Desorganisationsproblematik bezeichnet. (…)“

Weiter heißt es bei der Definition:

„Das Messie-Syndrom ist eine psychische Wertbeimessungsstörung, das heißt Betroffene schätzen Wert und Nutzen verschiedener Dinge anders ein als der Durchschnitt der Bevölkerung. (…)

Einige Messies sammeln nur eine bestimmte Art von Dingen, andere sammeln alles und werfen überhaupt nichts weg, da sie sich nicht davon trennen können.

Teilweise führt dieses Verhalten zu Verwahrlosung und Vermüllung, Schwierigkeiten im sozialen Umgang oder anderen Problemen. Allerdings ist keines dieser Symptome charakteristisch für das Messie-Syndrom. Viele Messies führen nach außen ein völlig normales bürgerliches Leben.“

Symptomatik:

  • Unordentlichkeit bis zu Geruchsbelästigung und hygienischen Problemen
  • zwanghaftem Sammeln wertloser oder verbrauchter Dinge
  • chronischen Problemen mit Zeiteinteilung und Pünktlichkeit
  • „Lähmung“ der Handlungsfähigkeit auch in wichtigen Situationen
  • Versäumen bzw. Nichterledigen (Aufschieben) normaler sozialer Verpflichtungen. (Es kann beispielsweise vorkommen, dass die gesamte Post – ob Werbung, wichtige Briefe oder Mahnungen – ungeöffnet liegenbleibt.)
  • eingeschränktem sozialem Umgang, den u. a. eine oft extrem unordentliche Wohnung mit hervorruft
  • Hilflosigkeit unter dem Druck des Chaos

(…)

Die Betroffenen sind meistens unfähig, den realen Wert dieser Gegenstände einzuschätzen und zwischen wichtig und unwichtig, brauchbar und unbrauchbar zu unterscheiden. Oft sehen sie die Irrationalität ihres Hortens zwar ein, sind aber nicht in der Lage, der Einsicht entsprechend zu handeln.

(…)

Darüber hinaus haben Messies häufig Schwierigkeiten, Prioritäten zu setzen, Notwendiges zu erledigen und ihre Handlungen gemäß eigener Zielsetzungen effektiv zu steuern. Insbesondere die Umsetzung geplanter Handlungen, die nicht aktuell befriedigend sind, fällt ihnen schwer, ebenso eine aufgabengerechte Zeiteinteilung. Ähnlich wie bei einer Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) sind also die sogenannten exekutiven Funktionen gestört.

Auch haben Messies oft das Problem, dass sie sich voller Elan in neue Aufgaben stürzen, viel organisieren und letzten Endes dann feststellen, dass sie dieser Aufgabe nicht gewachsen sind. So bleiben viele angefangene Projekte liegen und tragen dazu bei, die Unordnung im Leben zu vergrößern.

Viele Messies schämen sich ihrer Unordnung und leiden darunter. Auch infolge sozialer Isolation halten es viele Betroffene nicht für möglich, dass andere unter denselben Schwierigkeiten leiden. Dies erschwert ihnen häufig, ihr Problem zu erkennen und Hilfe zu suchen. Nach außen sind Messies meistens unauffällig. Sie erscheinen oft als offene, optimistische, vielseitige und kreative Menschen. Manchmal haben sie – scheinbar paradox – eine Tendenz zum Perfektionismus.

(…)

Und zuletzt zu den Ursachen:

(…)

Die Ursachen können im „Verlassen-Werden“ von angenehmen Dingen liegen. Jemand, der sich etwas zulegt, einkauft oder von jemandem beschenkt wird, verbindet mit dem erworbenen Besitz eine nicht zu unterschätzende angenehme Erinnerung. Für den Messie, der nie oder selten in seinem Leben Zuneigung oder Bestätigung bekam, ist diese Erinnerung des angenehmen gekauften Besitzes das Einzige, woran er sich klammern kann. Eine Erinnerung, die er nicht wieder verlieren will. So hortet der Messie sie.

(…)

Das Messie-Syndrom kann auch Folge eines Traumas sein, also einer seelischen Verwundung oder eines Schicksalsschlages, die den Betreffenden aus der Bahn warfen. Psychologen sprechen in diesem Zusammenhang von fehlgelaufener Trauerarbeit oder von einer Anpassungsstörung.

(…)

Als Beispiel nun der Verlauf des Syndroms bei mir:

Mein Kinderzimmer hatte ein anderes Ordnungssystem, als es bei anderen Kindern der Fall war. Ich wusste immer, wo etwas ist und hatte die Spielsachen, mit denen ich mich viel beschäftigte immer in „Sichtweite“. Ich erinnere mich daran, dass ich oft traurig war, wenn mein Zimmer aufgeräumt wurde und ich nichts mehr so vorfand, wie ich es verlassen hatte. Manche Dinge fand ich schnell wieder – andere musste ich lange suchen. Beim Kinderarzt sortierte ich immer die Bücher und Spielsachen im Wartezimmer. Meine Mutter erwähnte oft, dass sie das nie verstand. Zuhause unordentlich und wo anders räume ich auf.

Ich selbst war aber nicht „unordentlich“, ich hatte meine „eigene Ordnung“. Quasi ein System im vermeintlichen „Chaos“.

Je älter ich wurde, desto voller wurde mein Zimmer. Es war nicht „überfüllt“. Ich konnte darin spielen, der Boden war (abgesehen unmittelbar vor Wänden) frei. Dennoch drängte meine Mutter mich, endlich Ordnung zu schaffen, was ich nicht tat, da es für mich ja schon ordentlich war.

Irgendwann kamen mir auf dem Weg nach Hause Kinder entgegen, die genau die Spielsachen hatten, die ich auch hatte. Ich realisierte es nicht, sondern freute mich darüber, dass ich genau mit diesen Dingen auch spielen kann. Ein paar Meter weiter realisierte ich dann, dass es nicht nur die gleichen, sondern tatsächlich meine Spielsachen waren! Sie standen in Müllsäcken am Straßenrand. Wie ich darauf reagierte, ob ich rebellierte oder es „schluckte“, weiß ich nicht mehr. Da endet meine Erinnerung.

Im Alter von etwa 14 Jahren bemerkte ich, dass ich meine Mutter aus meinem Zimmer heraushalten kann, wenn es noch unordentlicher wird. Leider fand bei ihr ein „Gewöhnungsprozess“ statt und die Unordnung reichte nicht mehr aus. Somit legte ich nach. Das war aber immernoch „nur“ die Unordnung einer Chaosprinzessin. Keineswegs eines Messies.

Ich schaffte es, immer wieder die Sachen zu ordnen, wenn ich Besuch bekam. Was zugegeben sehr selten war, aber nicht immer zu vermeiden. Mit 16 Jahren hatte ich die ordentlichste Phase meines Lebens. Ich lernte meine erste Liebe kennen. Nach der Trennung artete es zum ersten Mal in Vermüllung aus. Ich konnte nichts aus unserer Zeit wegwerfen. Auch Dinge, die mich während meiner Trauerphase an ihn erinnerten, wurden mit auf mein Zimmer genommen (Zeitungen mit bestimmten Daten, Flyer des Kinos, in dem wir waren etc.).

Zwei Jahre später, nach der Trennung meiner zweiten ernsteren Beziehung (in der Zwischenzeit gab es noch andere Beziehungen, die mich aber emotional nicht so sehr mitgenommen haben), verkroch ich mich auf mein Zimmer. Ich kam nicht mehr heraus, verlor meinen Tag- und Nachtrhythmus. Blieb nachts wach, weil es dann still im Haus war und fuhr morgens mit dem Auto weg, damit meine Eltern nicht merkten, dass ich nicht mehr zur Schule gehe. Ich fuhr auf einen stillen Parkplatz und schlief im Auto, bis die Schule vorbei war. Dann fuhr ich zurück – ging auf mein Zimmer und vegetierte in meinem Chaos. Nachts schlich ich mich nach unten, um neue Getränke- und Essensvorräte zu holen und ließ Geschirr/ Verpackungen etc. in meinem Zimmer, weil ich es so selten wie möglich verlassen konnte/ wollte.

Mit 21 Jahren hatte ich die dritte, sehr schmerzhafte Trennung. Von da an war mir bewusst, dass es kein „normales“ Chaos ist, weil ich gerade nicht die Kraft habe, es anzugehen, sondern tatsächlich das Messie-Syndrom.

Es ist unglaublich viel Scham damit verbunden und ich litt selbst darunter. Ich wollte/ brauchte Ordnung und Struktur, bekam sie aber selbst nicht hin.

Dadurch gab es viele familiäre Probleme, die mich stark belastet haben, weil angenommen wurde, ich mache es absichtlich und in Wahrheit doch vollkommen überfordert und um Hilfe schreiend war.

Heute habe ich es relativ gut im Griff. Ich bin nicht die Ordentlichste, aber es ist meist so, dass ich Besuch empfangen könnte. Es kostet mich immernoch sehr viel Kraft, dem täglichen „Krieg gegen das Chaos“ anzugehen. Es gibt immer wieder Phasen, in denen das Chaos wieder überhand nehmen zu droht, aber ich schaffe es dann, es wieder zu beseitigen, weil ich weiß, wie schwierig es für mich war, aus diesem Kreislauf auszubrechen. Ich habe zu große Angst, dass eines Tages wieder der Punkt erreicht sein könnte, an dem das Chaos für mich zu groß wird.

Ich möchte euch meine effektivste (und kleinste) Herangehensweise nicht vorenthalten:

ich verlasse einen Raum nicht, ohne zu sehen, ob sich etwas in diesem Raum befindet, das ich auf meinem Weg zum nächsten Raum seinem eigentlichen Platz ein Stück näher bringe. Auch habe ich mittlerweile meine „Sammelstellen“ für Gegenstände, die wieder an ihre „alten Plätze“ zurückgebracht werden müssen. Wenn ich dann an diesen Sammelstellen vorbeilaufe, nehme ich es mit. Mir war nicht bewusst, wie viel auf diese Weise aufgeräumt werden kann, ohne dass es ein sonderlicher Mehraufwand ist.

Jedem, dem es ähnlich geht, kann ich nur raten: gehe nicht mit leeren Händen durch die Wohnung/ das Haus. Nutze Wege, die du sowieso laufen musst!

Mangelndes Urvertrauen und sexuelle Verunsicherung – Gedanken einer Autistin

Ich möchte nicht erklären, was Autismus ist und was es nicht ist. Ich schreibe über mich, meine Erfahrungen und MEINEN Autismus. Ich denke, wer diesen Artikel gefunden hat, wird sich schon etwas intensiver mit dem Thema Autismus auseinandergesetzt haben.

Wie ich in meinem vorherigen Post schon angedeutet habe, bin ich als Kind einer schizophrenen Mutter aufgewachsen. Das kann der Auslöser dafür gewesen sein, dass einige meiner autistischen Verhaltensweisen in gewisser Weise verstärkt wurden. In meiner Familie konnte ich einige „Verdachtsautisten“ ausmachen. Somit ist hier eine erbliche „Vorbelastung“ gegeben.

Väterlicherseits sind es „starke Persönlichkeiten“, die trotz Hindernissen ein „normales“ Leben führen können. Mütterlicherseits hingegen kamen fast alle Familienmitglieder ins Straucheln. Haben frühe Traumata erlebt und bis ins Erwachsenenalter (teilweise bis zum Tod), nie festen Boden unter den Füßen gefunden.

Nun trafen in meinem Elternhaus zwei vollkommen verschiedene Welten aufeinander. Mein Vater ist ein unbändiger Optimist und glaubt an das Gute im Menschen. Meine Mutter hingegen kann nicht vertrauen und sieht „Gutes“ nicht, selbst wenn es sich vor ihr offenbart.

Ich fühle mich mit meinem Vater mehr verbunden, weil wir uns sehr ähnlich sind. Ebenso wie er, bin ich Optimistin. Ich versuche immer das Beste aus einer Situation zu machen. Meine Mutter hingegen wählt das geringste Übel.

Vom Prinzip her erreichen wir vielleicht das Gleiche. Ich bin dann aber mit dem erreichten zufrieden, weil ich mein Möglichstes getan habe. Meine Mutter sieht es nur als Enttäuschung, weil ja doch so viel mehr möglich gewesen wäre.

Ich habe als Kind nie angezweifelt, dass meine Mutter „funktioniert“. Sie war eben meine Mutter und aus Sicht eines Kindes muss die Mutter funktionieren.

Zu diesem Zeitpunkt war unser Verhältnis schon deutlich ungewöhnlich, wenn auch noch nicht für Außenstehende sichtbar. Meine Mutter beschäftigte sich mit mir und ich auch mit ihr. Aber es war nie so, wie mit meinem Vater. Mit ihm tobte ich gerne, nahm ihn in den Arm, gab ihm einen Kuss. Das kenne ich von meiner Mutter nicht.

Ich fühlte mich immer etwas befremdlich, wenn ich Trost bei ihr suchte, weil es trotz körperlicher zu keiner emotionalen Nähe kam.

Bis zur Pubertät empfand ich mein Leben als glücklich. Ich eckte nicht so oft an, wurde so genommen, wie ich war, weil ich die gesellschaftlichen Erwartungen an mich noch erfüllen konnte.

Mit Einsetzen der Pubertät wurde ich zunehmend ausgegrenzt und gemobbt. Auch fiel mein Vater für mich als Bezugsperson weg, weil ich nicht mehr wusste, wie ich mich altersentsprechend verhalte. Ich war zu verwirrt über die unterschiedlichen Geschlechterrollen und die Übersexualisierung unserer Gesellschaft. Ich musste früh feststellen, dass ich oft nur als Objekt wahrgenommen wurde. Männer, die meine Oberweite anstarren oder sogar ansprachen, obwohl unser Kontakt nicht so innig war, dass es nach meinem Empfinden angebracht war. Damit kann ich bis heute nicht umgehen. Ich habe für mich einen Weg gefunden, möglichst elegant aus diesen Situationen herauszukommen – was in Anbetracht meiner Ängste und Scham in diesen Momenten eine Höchstleistung bedeutet.

Mit 10 Jahren begannen wohl auch meine Depressionen. Von da an fehlte mir jegliche Nestwärme. Hinzu kam, dass meine Mutter damals einen längeren Aufenthalt in der Psychiatrie hatte, weil sie – nach damaligen Aussagen der Ärzte – eine paranoide Psychose hatte. Darüber sprach aber niemand mit mir. Mir wurde nur gesagt, dass es ihr nicht gut geht und sie in einem Krankenhaus für die Seele ist. Ich könne sie auch nicht besuchen, weil sie sich momentan nicht daran erinnert, dass ich existiere Ich solle mit niemandem darüber reden, weil die Leute das nicht verstehen würden. Mein Vater war damals überfordert und gab mich zu meiner Großmutter mütterlicherseits. Ich wurde nicht gefragt, was meine eigenen Wünsche sind. Wie die Situation für mich am erträglichsten wäre.

Ich war in dieser Situation auf mich allein gestellt.

Mein Vater handelte damals so, wie er es aus seiner Sicht am sinnvollsten war. Dabei realisierte er nicht, dass ich mir der Tragweite der Ereignisse sehr wohl bewusst war. Da ich verängstigt und zutiefst verletzt war, blieb ich still. Zum ersten Mal wurden meine Probleme so groß, dass ich mit jemandem darüber reden wollte. Es wurde mir aber verboten genau das zu tun.

Meine Mutter hatte eine recht gut Beziehung zu der Mutter meiner besten Freundin. Deswegen kam ich den ersten Tag/ die erste Nacht zu ihr. Da ihre Mutter als eine der wenigen eingeweiht war, wusste auch meine Freundin Bescheid und ich vertraute ihr meine Gefühle an.

Am nächsten Tag in der Schule erzählte sie es anderen. Nicht nur aus Unwissenheit über die Konsequenzen, sondern als pure Provokation. Zutiefst entsetzt über diesen Vertrauensbruch, sprach ich sie unter vier Augen darauf an. Sie sagte mir, dass ich sie nerve mit meiner weinerlichen Einstellung. Auch wenn ich damals noch relativ klein war, konnte ich dieses Verhalten in keinster Weise nachvollziehen! Meine Mutter kam erst einen Tag zuvor in die Klinik. Sie hatte mich – ihr eigenes Kind – vergessen und mein Vater hatte mich quasi zu Hause rausgeworfen.

Für diese ganzen Umstände fand ich meine Verfassung noch sehr positiv.

Da ich damals schon gemobbt wurde, nutzten manche die Informationen über meine Mutter aus, um mich gezielt damit zu verletzen. Ich erinnere mich noch an eine Situation vor dem Musikraum. Wir warteten, dass unser Lehrer kam, um aufzuschließen, als manche Klassenkameraden anfingen, mich wegen meiner Mutter aufzuziehen. Ich warnte sie, dass sie damit aufhören sollen. Einer verstand nicht, wie ernst ich es meine und ich wurde energischer. Da er immernoch weiter machte bin ich auf ihn zugestürmt, habe mich vor ihn gestellt (ich war deutlich größer als er) und mit ganz entschlossener Stimme gesagt, dass er damit jetzt sofort aufhört. Es gab ein Raunen und ich wurde von einigen Gesichert fassungslos angesehen. So kannten sie mich nicht. Ich konnte mich ja doch wehren!

Ich hatte Ruhe. Zumindest, was das Thema meiner Mutter betrifft.

Mit meiner ersten Partnerschaft habe ich zum ersten Mal Harmonie und Geborgenheit erlebt. Es war eine sehr intensive (hauptsächlich intellektuelle) Beziehung. Es war, als hätte ich meinen Seelenverwandten gefunden. Unsere Liebe stand unter keinem guten Stern, weil sie die gesellschaftlichen Ansichten sprengte. Ich war noch minderjährig, er deutlich älter.

Er trennte sich von mir, weil er der Meinung war, ich hätte jemanden verdient, der mir ein besseres Leben ermöglichen kann, als es bei ihm der Fall ist. Auch hier wurde ich wieder nicht nach meiner Meinung und meiner Einstellung gefragt.

Ich trauerte sehr lange und verlor den letzten Halt, den ich noch hatte: meinen schulischen Erfolg. Mein Lebensziel änderte sich. Ich wollte unbedingt wieder dieses erfüllende Gefühl spüren, dass ich bei ihm hatte. Wenn ich das nicht finden würde, könnte ich mein Leben nicht genießen.

Ich wurde immer häufiger in kürzer werdenden Abständen enttäuscht. Männer lernte ich kennen, weil sie sich von meinem Äußeren angezogen fühlten. Nicht wegen meiner komplexen Persönlichkeit. Vielleicht noch anfangs, weil ich ganz anders bin, als bisherige Frauen, aber irgendwann sahen sie mich und meine Eigenheiten so abstoßend, dass sie aus meiner Welt flohen und viele Scherben zurückließen.

Ich zweifelte an mir, ob ich liebenswert bin. Bisher hatte das niemand erkannt.

Es begann, dass ich meinen Körper bewusst dafür einsetzte, Nähe zu finden. Eine Möglichkeit zu bekommen, kennengelernt zu werden. Ich schlief sehr schnell mit Männern, weil ich darin die einzige Möglichkeit sah, jemandem näher zu kommen.

Meine Mutter sagte mir ganz deutlich, dass ich eine Schlampe bin, weil ich von einem Bett zum nächsten hüpfe.

Die Erfahrungen, die ich dabei gemacht habe, waren teilweise sehr schlimm für mich. Nach immer weiteren Enttäuschungen war ich soweit, mit Männern zu schlafen, um meine Ruhe zu bekommen. Männer, die zu viel über mich wussten, weil ich zu spät bemerkt habe, dass sie nicht die Richtigen sind. Um keinen neuen Stalker zu haben, gab ich ihnen das, was sie von mir wollten: Sex!

Auch befand ich mich das ein oder andere Mal bei Männern zu Hause, mit denen ich mich vorher schon ein paar Mal öffentlich getroffen hatte und hatte die Situation nicht mehr unter Kontrolle.

Wenn meine Bemühungen, ihn verbal von mir fernzuhalten nicht funktionierten, tat ich das, was sie wollten, weil ich Angst vor körperlicher Gewalt hatte.

Ich belog mich selbst dahingehend, dass ich One-Night-Stands hatte, die in Wahrheit keine ONS waren. Nur so konnte ich das letzte Quäntchen Selbstachtung schützen.

All diese Erfahrungen habe ich nie aus dem Aspekt heraus betrachtet, dass ich auf der Suche nach Vertrauen und Zuneigung war.

Seitdem mir das bewusst ist, betrachte ich meinen Autismus mit anderen Augen, weil sich viele Problematiken dadurch verstärkt haben. Die sexuelle Verunsicherung ist nur ein Aspekt von vielen.

AUS, AUS, AUS…!!! …ZU,ZU, ZU…!!! (über Zwang)

Zwanghaft zu sein, ist einfach nur ätzend, nervig und gehört zu den Dingen, die wirklich kein Mensch braucht. Aber da der liebe Gott nen großen Zoo hat und bei der Schöpfung auch nicht mit Spezial- Effekten gegeizt hat, gibt es eben auch so was. Und zwar gar nicht so selten. Man geht davon aus, dass etwa 2% der Bevölkerung von Zwangsstörungen betroffen sind. Ich würde aber mal behaupten, es sind bestimmt mehr als 2%.
Wie alle anderen Persönlichkeitsstörungen auch sind Zwangsstörungen im Kern Störungen des Aufbaus eines stabilen Selbstbildes. Das kann nur durch regelmäßige und stabile soziale Interaktion aufgebaut werden. Somit ist es also nicht gerade ein Wunder, dass viele Menschen aus dem Autismus- Spektrum von Zwangsstörungen als Komorbidität betroffen sind.
In einer Zeit, in der sich noch niemand mit Asperger auskannte und niemand einem den Grund für das ANDERS sein erklären konnte, war es (jedenfalls für mich) nicht wirklich möglich, ein stabiles Selbstbild zu entwickeln.
Wenn ich mich selber gemacht hätte, wäre ich ganz sicher nicht zwanghaft- so viel steht fest, denn Zwangsstörungen sind nervenaufreibend und unwahrscheinlich zeitraubend. Je nachdem, wie stark der Zwang gerade ausgeprägt ist, kann es wirklich dazu führen, dass der komplette Tagesablauf zusammenbricht und dass man durch den Zwang nicht mehr in der Lage ist, ein halbwegs normales Leben zu führen.
Wenn ich so auf mein Leben zurückblicke, dann möchte ich wirklich nicht wissen, wie viel Lebenszeit ich mit dem Ausführen von mehr oder weniger sinnlosen Zwangshandlungen verbracht habe. Das Schlimme daran ist, dass einem selbst völlig klar ist, wie unsinnig die Zwangshandlungen sind, man jedoch nicht davon ablassen kann, sie auszuführen.
Meine Zwanghaftigkeit begleitet mich eigentlich schon seit der Kindheit- oder ich sage mal besser so, die Grenzen zwischen Ritual und Zwang sind bei mir schon immer fließend. Ich habe viele ritualisierte Handlungsweisen, die von außen betrachtet wahrscheinlich wie Zwangshandlungen wirken, für mich aber eben völlig normal sind und die ich auch brauche, damit es sich für mich richtig anfühlt. Das sind Handlungen, die ich nicht als belastend empfinde, und die einfach dazugehören, wie zum Beispiel das 3 malige Kontrollieren aller Zimmer, wenn ich rausgeh und das laute Aufsagen von AUS! AUS! AUS! bei allem, was ich ausmache und ZU! ZU! ZU! bei allem, was ich zumache. Für manche Menschen ist das wohl schon Zwang. Für mich ist es Ritual. Zwanghafte Phasen sehen bei mir ganz anders aus.
Schon als Kind mussten bei mir die Kuscheltiere immer wie die Soldaten in einer bestimmten Reihenfolge auf dem Bett sitzen, Handlungen mussten immer in genau der gleichen Reihenfolge erledigt werden und wenn irgendetwas meine Ordnung zerstörte, rastete ich für gewöhnlich komplett aus. Wenn ich es tatsächlich mal zuließ, dass meine Mutter mit mir spielte, dann musste sie mit mir und meinen Puppen immer genau das gleiche Szenario spielen, mit immer wieder exakt der gleichen Handlung und dem gleichen Text. Minimalste Abweichungen brachten mich derart aus der Fassung, dass ich entweder anfing zu heulen oder zu toben- meist das Letztere.
Um mich dann wieder einigermaßen zu beruhigen, ordnete ich stundenlang die Dinge in meinem Zimmer. Ich fing an, Markierungen auf die Regalböden zu machen, auf denen ganz exakt Puppen, Teddys und Co zu stehen hatten.
Irgendwann bekam ich ein Jugendzimmer und fing an, die Schränke zu kontrollieren, ob da alles „ in Ordnung ist“, bevor ich ins Bett ging. Obwohl ich genau wusste, dass da nicht irgendjemand oder irgendwas in den Schränken lauerte, musste ich immer wieder die Schranktüren in einer bestimmten Reihenfolge öffnen, um zu sehen, dass da wirklich alles „in Ordnung“ war. Das uferte derart aus, dass ich abends mindesten ne Stunde damit beschäftigt war, immer wieder die Schranktüren aufzumachen, reinzusehen und wieder zuzumachen. Immer wieder und wieder. Wenn ich im Bett lag, konnte ich oft ewig lange nicht einschlafen und hatte erst Ruhe, wenn ich noch ein paar Mal aufgestanden war und erneut alles kontrolliert hatte.
Dann kriegte ich nen Wohnungsschlüssel, weil meine Mutter wieder arbeiten ging. Mit dem Schlüssel kam die Verantwortung, dass in der Wohnung alles „in Ordnung“ war und die Katze nicht abhaute, wenn man raus ging.
Ich habe Stunden meines Lebens damit verbracht, die Wohnungstür abzuschließen, an dem Griff zu rütteln wie eine Irre um zu überprüfen, ob die Türe auch WIRKLICH zu ist, nur um sie gleich darauf wieder aufzuschließen, um zu überprüfen, ob die Katze auch WIRKLICH noch in der Wohnung ist. Erschwerend kam nach einiger Zeit hinzu, dass der Schlüssel beim Rumdrehen immer ein bestimmtes Geräusch machen musste, damit es für mich als richtig und „in Ordnung“ durchging. Irgendwie war mir zwar bereits damals klar, dass diese Kontroll- Exzesse alles andere als normal waren, was jedoch nichts an der Tatsache änderte, dass ich diese Handlungen wieder und wieder ausführen musste. Je nach Tagesverfassung unterschiedlich oft.
Damals hatte ich noch nicht die geringste Ahnung davon, wie sehr meine Zwanghaftigkeit mit meiner seelischen Stabilität zusammenhängt. Mein einziges Interesse war eigentlich, dass niemand etwas von meinen Zwängen mitbekam. Im Grunde genommen wusste ich damals noch gar nichts über den Menschen, der mich da aus dem Spiegel anschaut. Den habe ich erst viel später kennen gelernt und habe selbst heute noch viel über mich zu lernen. Damals wusste ich einfach nicht darüber Bescheid, was das zu bedeuten hatte, was ich da tat und dass es wohl besser wäre, wenn niemand was davon mitbekommen würde. Denn aufgrund der Tatsache, dass ich in meinem Elternhaus durch mein Verhalten sowieso ständig für Palaver sorgte, hatte ich von meinen Eltern auch schon oft genug Vorträge darüber gehört, wo „so was wie ich“ eigentlich hingehört, wobei besonders gerne (der Zeit entsprechend eben) die Ausdrücke „Irrenhaus, Klapsmühle, und Anstalt“ benutzt wurden.
Und da ich vor meinem geistigen Auge immer das Bild meines Cousins Klaus  hatte, das in der hintersten Wohnzimmerecke meiner Tante hing und diesen verstrubbelten Jungen zeigte, der an den Handgelenken fixiert war und von dem ich wusste, dass er in einer „Anstalt“ lebt, hatte ich irgendwie panische Angst davor, auch dorthin zu kommen, auch wenn das Irrenhaus- Gerede meiner Eltern immer nur aus der Wut über mein Verhalten resultiere und kein ernstgemeinter Plan von ihnen war.
Irgendwann gegen Ende der Pubertät ließ dann die Zwanghaftigkeit von selbst ein bisschen nach und kam über Jahre nur in Zeiten zum Vorschein, in denen in meinem Leben wirklich einschneidende Erlebnisse geschahen. Natürlich habe ich damals wie heute schon alle möglichen ritualisierten Handlungen betrieben. Aber wie gesagt- der Unterschied zwischen solchen Handlungen und Zwangshandlungen besteht darin, dass diese ritualisierten Handlungen sich „gut anfühlen“ und auch nur bestimmt oft wiederholt werden. Und das ist bei mir eben 3 mal.
Irgendwann im jungen Erwachsenenalter fing ich dann an, mit Methyphenidat (Ritalin) und Amphetamin, das damals an jeder Ecke angeboten wurde, herum zu experimentieren. Zunächst war ich davon total begeistert, weil ich unglaublich produktiv und kreativ war, ständig malte, schrieb und in jeder Arbeit völlig versinken konnte. Alle Umstände, die mich sonst zwangen, eine Arbeit zu unterbrechen (essen, schlafen usw.) waren wie ausgeschaltet und ich hatte dadurch die Möglichkeit, mich über lange Zeiträume so intensiv mit einer Sache zu  befassen wie nie zuvor. Was ich allerdings nicht so richtig merkte war, dass ich 1. beim Herunterkommen von diesen Substanzen immer in einer gereizten bis aggressiven Stimmung war und dass sich 2. meine Zwanghaftigkeit wieder einschlich. Mein Fokus war zu der Zeit einzig und allein auf die vordergründig positiven Eigenschaften der Substanzen ausgerichtet. Alles andere konnte oder wollte ich damals nicht sehen. Ich wollte nur produktiv sein und schaffen- von mir aus rund um die Uhr. Und dabei möglichst in Ruhe gelassen werden. Wurde ich angesprochen und aus meinem Film gerissen, explodierte ich förmlich. Ich habe zwar schon mein ganzes Leben die Tendenz zu aggressivem, impulsiven Verhalten, aber unter Einfluss von Amphetamin und später von Ritalin war ich so was wie eine Zeitbombe, die jeden Moment explodieren konnte. Daneben standen auch die Zwanghaftigkeiten wieder in voller Blüte und konnten nicht mehr von mir vor mir selbst weggelogen werden. Aufgrund des hohen Suchtpotenzials hat es jedoch sehr lange gedauert, bis ich diese Phase in meinem Leben hinter mir gelassen habe und dadurch auch die Zwanghaftigkeit auf ein erträgliches Maß absank.
Je mehr ich im Laufe meines Lebens Klarheit über mich selber bekommen habe und mich mit mir selbst auseinander setze, umso klarer sehe ich, dass die zwanghaften Phasen in meinem Leben immer dann vorherrschten, wenn ich den Boden unter den Füßen verloren habe und im Grund wohl nichts anderes sind, als ein Schrei nach Sicherheit in dieser Welt, in diesem Leben, in dem ganzen Chaos da draußen.
Im Laufe eines von Zwangshandlungen begleiteten Lebens hat man unterschiedliche Möglichkeiten, damit umzugehen. Man kann zum Beispiel aus dem Fenster springen, weil man es einfach nicht mehr aushält. Man kann es aber auch lassen. Man kann sich vom Zwang total beherrschen lassen…oder man lässt es bleiben. Es besteht nämlich auch die Möglichkeit, sich mit seinen Zwängen so zu arrangieren, dass sie nicht die meiste Zeit des Lebens fressen sondern in Schranken bleiben, in die man sie verweist und wo sie auch hingehören..
Das erfordert aber aktives Arbeiten an sich selbst. Und das Erkennen seiner selbst. In den Spiegel zu gucken und sich zu sagen „Ja- ich bin das- ICH BIN“, und mich so anzunehmen wie ich bin ist für mich viel leichter geworden, seit ich über mein Anders- Sein Bescheid weiß. Seit ich weiß, warum ich nicht so sein kann wie die meisten anderen und dass das okay ist, ist ein großer Druck von mir gefallen. Und im Laufe der Zeit hab ich für mich persönlich auch gute Strategien entwickelt, wie ich meinen Zwang im Keim ersticken kann- ihm sozusagen „das Maul stopfe“.
Es erfüllt mich zum Beispiel mit großer Befriedigung, wenn ich- nachdem ich das Haus verlassen habe- unten auf dem Bürgersteig stehe und mir auf der Kamera die Bilder, die ich eben zuvor von den ausgeschalteten Sicherungen, dem brandfrei deponierten Aschenbecher und der abgeschlossenen Wohnungstüre gemacht habe, ansehe. Mit so etwas zeige ich meiner Zwanghaftigkeit, wer hier heutzutage zu sagen hat.
Die zwanghaften Teile in meiner Persönlichkeit werden wohl immer irgendwie da sein und in mir schlummern. Schon alleine deshalb, weil mein großes Bedürfnis nach ritualisierten Handlungen im Grunde so was ähnliches ist wie die „kleine nette Schwester“ vom Zwang.
Aber ich habe heutzutage durch mein Wissen und meine Erfahrungen die Möglichkeit, ganz anders mit dem Thema Zwang umzugehen und es gar nicht erst dazu kommen zu lassen, dass Zwänge ausarten.
Und das fühlt sich gut an.

Diagnosen über Diagnosen

Traveler Digital Camera

Wenn man anders tickt als Andere, dann bekommt man es unter Umständen schon recht früh mit Diagnosen zu tun. Meine erste Diagnose habe ich kurz vor meinem 16. Geburtstag bekommen. Und zwar Borderline Persönlichkeitsstörung. Das war 1982.
Die Sache war so:
Eines Tages kam zuhause keiner mehr mit mir zurecht. Mehr dazu schreib ich in dem Beitrag: „MELTDOWN IST EIN ARSCHLOCH“. Es sei jetzt erst mal nur dazu gesagt, dass ich schon mein ganzes Leben lang extrem verhaltensauffällig, zu laut, zu schrill, zu impulsiv war und vom Typ her ganz klar eher in Richtung Meltdown tendiere als zu Shutdown. Und wenn ich früher ausgerastet bin, konnte ich wirklich für nichts garantieren. Ich hab immer erst hinterher registriert, was ich alles gemacht hab, wenn´s vorbei war. Und zu der Zeit war es noch so, dass man als Kind/ Heranwachsende nicht wirklich eine Privatsphäre hatte. Es gab für mich keine Rückzugsmöglichkeit. Und so bin ich immer komplett durchgedreht und konnte das absolut nicht steuern. Im Meltdown hab ich immer mit allem um mich geschmissen, was mir in die Finger gekommen ist. Meine Eltern ( Nachkriegsgeneration) hatten von Psychologie und Co. noch nicht die geringste Ahnung und benutzten noch Ausdrücke wie „Veitstanz“ und „Besessenheit“, wenn sie über mein „Durchdrehen“ redeten.
Irgendwann spitzte sich die Situation zuhause immer mehr zu und meine Mutter bekam Schiss vor mir.
Jedenfalls kam ich dann ins Internat. In ein 6- Bett- Zimmer ,irgendwo in Unterfranken, im Jahre des Herrn 1982.
Mit 6 Mädchen in einem Zimmer lässt der nächste Meltdown nicht lange auf sich warten.
Direkt am nächsten Tag ging die Ausraterei los und nach ein paar Tagen saß ich vor dem Schulpsychologen weil ich schon nicht mehr tragbar für die Schule war.
Um Borderline gab es damals nen Riesen- Hype. Ich weiß das noch genau, weil ich damals nach der Diagnose angefangen habe, mich mit Psychologie zu beschäftigen. Zumindest in der Form, wie man sich als Jugendliche damals informieren konnte, ohne Internet usw. (heute unvorstellbar). Ich las halt alles, was die Bücherei so hergab.
Borderline war bei mir schnell diagnostiziert und klebt irgendwie seitdem an mir wie die Pest.
Egal wie oft ich sage, dass ich mit meinem heutigen Wissen die Diagnose Borderline für eine Fehldiagnose halte- sie taucht immer wieder in meinen Unterlagen auf.

Aus heutiger Sicht betrachtet würde ich sagen, man war halt damals einfach froh, eine Schublade gefunden zu haben, in die man alle „schrägen Vögel“ stecken konnte, mit denen man ansonsten nichts anzufangen wusste.
In den folgenden Jahren gab es immer mehr Buchmaterial über Borderline und mir wurde immer klarer, dass ich mich in der Diagnose nicht wiederfinde und dass es irgendetwas anderes sein muss, dass mein „Sein, wie ich bin“ erklärt.

Irgendwann so um 1998 herum bekam ich ein Buch von Edward M. Hallowell und John Ratey in die Hände. Das Buch hieß “Zwanghaft zerstreut oder die Unfähigkeit, aufmerksam zu sein“ und war eins der ersten Bücher zum Thema ADD- die damalige Bezeichnung für das heutige ADS/ ADHS.
Dort fand ich mich jedenfalls erheblich mehr wieder als in der Diagnose Borderline. Deshalb dachte ich, ich red mal mit meinem Arzt darüber.
Und so kam es, dass ich plötzlich die Diagnose ADD hatte.
Irgendwie war das zu der Zeit auch ein bisschen so, dass die Ärzte damals sehr diagnostizierfreudig waren (so habe ich es jedenfalls empfunden) und so gab es gleich zum ADD noch Zwangsstörungen und ein „bisschen MD (heute Bipolar) obendrauf“.
Mit den Diagnosen ADD und MD war es dann bei mir genau so wie damals bei der Borderline . Je mehr sich die Regale in den Psychologieabteilungen der Bibliotheken füllten und ich die Bücher las, umso mehr bekam ich das Gefühl, dass ich mich zwar hier und da ein bisschen in den Diagnosen wiederfand, aber dass es trotzdem irgendwas anderes war.
Irgendwie hatte ich aber auch die Schnauze voll davon, kiloweise Bücher aus der Bücherei nach Hause zu schleppen und dann zuhause beim Lesen festzustellen, dass das meiste Lesematerial einem nicht wirklich weiterhilft bei der Suche.

Alles änderte sich dann durch das Internet. Plötzlich gab es ganz andere Möglichkeiten, sich zu informieren….und das alles von zuhause aus.
Als ich das erste Mal etwas über Asperger Autismus las war es auf einmal so, als wären mit einem Schlag alle Schleier gefallen, die über der Frage warum ich bin, wie ich bin, hingen.
Das Thema Asperger ließ mich nicht mehr los und ich las und las und erkannte mich immer mehr.

Und ich erkannte auch, dass es gar nicht so einfach ist jemanden zu finden der sich mit Asperger auskennt, wenn man nicht gerade in den Ballungsgebieten lebt. So stand zum Beispiel am Anfang noch „Autistische Psychopatie“ in meinen Unterlagen.
Was sich in den letzten Jahren in der Autismusforschung getan hat, ist unheimlich viel- aber noch nicht überall bei der Ärzteschaft angekommen.
Und so kann es schon mal passieren, dass man, wenn man eine späte Diagnose anstrebt, erst mal erklären muss, wie man es bis hier überhaupt durchs Leben geschafft hat.
Anzuerkennen, dass es Menschen gibt, die einfach ein anderes Betriebssystem haben als andere ist für eine neurotypische Welt noch ein ziemlich neuer Gedanke. Hier wird sich wohl noch viel tun.

Wir leben also in einer aufregenden Zeit.
Die Diagnose Asperger war für mich insofern ein Befreiungsschlag, weil sich dadurch endlich für mich bestätigt hat, dass ich kein „völlig verhaltensgestörter Normaler“ bin, sondern dass ich mit meinem Betriebssystem einfach anders ticke, auch wenn ich im Laufe der Zeit noch verschiedene Komorbiditäten angesammelt habe.
Der Weg von der ersten Diagnose (Borderline)bis dahin hat über 20 Jahre gedauert und ich identifiziere mich längst nicht mehr mit den Diagnosen aus der Anfangszeit.
Aber es gibt auch noch heute immer wieder Situationen, in denen diese Diagnosen wieder auftauchen, weil sie irgendwann einmal niedergeschrieben wurden.
Und dann heißt es: “Ja, Sie haben aber doch auch noch dies und das….?!“

Ich denke, mit meinem „bunten Strauß“ an Diagnosen bin ich bei Weitem kein Einzelfall. Ich vermute eher, dass es besonders bei den Autisten –sagen wir mal jenseits der 30- tausende von „Diagnose- Marathon- Läufern“ gibt, deren Geschichte im Prinzip genauso abgelaufen ist, wie meine.
Wenn man als Jugendlicher irgendwann in die Diagnosemühlen geschubst worden ist und über Jahrzehnte mit Diagnosen zu tun hat, muss man sehr aufpassen, dass man sich selber nicht als gestört und Bündel von Diagnosen sieht.
Deswegen habe ich mir angewöhnt, meine vielen Diagnosen als Beweis dafür zu sehen, dass ich in einer spannenden Zeit lebe, was die Erforschung des Menschen angeht. Ich glaub, das ist die beste Art, damit umzugehen.
Wenn man sich überlegt, dass die Zahl der Möglichkeiten der Verknüpfungen im menschlichen Gehirn größer ist als die Anzahl aller Atome im Universum dann sieht man, dass psychologische und psychiatrische Diagnosen nur ein kleiner Versuch sind, entsprechend dem Wissensstand einen Namen für eine Art des So- seins zu finden und keine in Stein gemeißelten Wahrheiten, die für alle Ewigkeit genau so gelten.

Ich bin sehr gespannt, wo wir in 10 Jahren stehen.

Alexithymie

Leben mit Alexithymie ist ein bisschen wie alleine Wandern im Land der Gefühle. Und zwar ohne Karte und Kompass.
Wie viele andere Menschen im Autismus- Spektrum bin ich alexithym- also gefühlsblind.
Bei der Alexithymie (Gefühlsblindheit) handelt es sich nicht um eine Krankheit im eigentlichen Sinne, sondern vielmehr um ein Persönlichkeitsmerkmal, das etwa 10% der Bevölkerung betrifft und in den letzten Jahren besonders verstärkt bei weiblichen Autisten bemerkt wurde.

Den Begriff Alexithymie prägte der amerikanische Psychiater Peter Sifneos in den 70er Jahren.
Er setzte ihn aus den griechischen Teilen a, lexis und thymos (»kein Wort für Gefühl«) zusammen.
In der Emotionsforschung wird dieses Phänomen als emotionales Analphabetentum oder Gefühlsblindheit bezeichnet. Allerdings muss man sagen, dass „Kein Wort für Gefühl“ viel treffender ist als „Gefühlsblindheit“
Vieles spricht dafür, dass in den Gehirnen von Menschen mit alexithymen Symptomen das limbische System nicht richtig mit dem präfrontalen Cortex vernetzt ist.
Betroffene empfinden zumeist weder Trauer noch Freude, was für das soziale Umfeld unter Umständen sehr schwer zu ertragen ist. Ebenso können Betroffene z.B. Gefühle von Hilflosigkeit und seelischem Schmerz nicht bei sich wahrnehmen oder beschreiben ihre Empfindungen lediglich als „schlecht drauf sein“.
Viele der Betroffenen (vor allem Frauen) verspüren überhaupt keine Gefühle sondern erleben anstelle dessen lediglich Missempfindungen oder Schmerzen im Körper.
Erschöpfung, chronische Schmerzen, Beschwerden des Herz-Kreislauf-Systems oder im Magen-Darm-Bereich werden besonders bei Frauen mit Alexithymie häufig beobachtet. Mein Körper zum Beispiel wandelt zum Beispiel seelische Probleme, die ich nicht identifizieren kann, sofort in Schmerzen um, und so sagt mir mein Schmerzmittelverbrauch oftmals mehr über meinen Gefühlszustand aus als ich zu der Frage:“ Wie geht es dir?“ sagen könnte

Als Persönlichkeitsmerkmal tritt die Alexithymie meist in der frühen Kindheit auf, bleibt über die Lebensdauer meist stabil und hat starken Einfluss auf das soziale Verhalten. Ein Mensch, der alexithyme Symptome aufweist, hat als Kind vermutlich nicht alle dafür notwendigen Entwicklungsschritte durchlaufen, was zumeist auf eine Fehlentwicklung oder Vernachlässigung der sozialen Interaktionen zwischen dem Kind und seiner Umgebung/ Primärfamilie zurück zu führen ist.
In diesem Fall spricht man von der primären Alexithymie.

Eine weiter Form ist die sekundäre Alexithymie, die häufig infolge von Traumata entsteht und im Gegensatz zur primären Alexithymie therapierbar ist.

Alexithyme Menschen sind nicht gefühllos, die Betroffenen haben lediglich weniger oder keinen Zugang zu ihren Gefühlen, grundsätzlich jedoch nicht weniger Gefühle als andere.
Körperlichen Reaktionen auf Gefühle werden von alexithymen Menschen häufig falsch verstanden beziehungsweise können nicht richtig eingeordnet werden, was zu Verwirrung führen kann. Weil Alexithyme ihre körperlichen Reaktionen auf Gefühle zwar nicht gut zuordnen, aber sehr wohl spüren können, wird von Alexithymen beispielsweise Herzrasen nicht als Signal von Angst, sondern als Symptom einer Herzerkrankung, und Grummeln im Bauch nicht als Nervosität, sondern eben als Bauchschmerz gedeutet.

In zahlreichen Studien wurden Zusammenhänge von Alexithymie mit psychischen Problemen wie Essstörungen, Drogenmissbrauch, Depressionen und Angststörungen nachweisen.