Über Soziales, Müdes und Falsches zu Autismus

Soziales: AutistInnen wollen nicht in ihrem „stillen Kämmerlein“ hocken. Jedenfalls nicht immer. Ich bin mir ziemlich sicher, dass es viele trotzdem tun, weil sie nicht den Eindruck erwecken, dass sie gerne an einer Party/Treffen/Spieleabend teilnehmen würden. Vermutlich wirken wir im besten Fall desinteressiert und im schlimmsten Fall arrogant. Dabei ist es für die Umwelt egal, ob sie weiß, dass sie es mit AutistInnen zu tun hat oder nicht. Man wirkt desinteressiert und wird nicht eingeladen. Punkt. Oder wird nicht eingeladen, weil man sich unter Menschen entweder zu wenig sozial, zu viel oder zu wenig kommunikativ zeigt oder zu nerdy wirkt.

Müdes: Wenn ich den ganzen Tag eine stimmliche Geräuschkulisse ertragen muss und mich auch noch auf dem Heimweg unterhalten muss, bin ich erstmal fertig und möchte nichts außer Ruhe (=Tür zu und nichts mehr hören und mit niemandem reden müssen). In meinem momentanen Nebenjob ist es den ganzen Tag über laut bis sehr laut. Ab Arbeitstag zwei falle ich um acht Uhr ins Bett und bin froh, dass ich mich im Schlaf halbwegs erholen kann, um mich morgens früh wieder für die Arbeit fertigmachen zu können. Egal, wieviel ich schlafe: Ich sehe so aus, als ob ich die Nacht durchgemacht hätte  und es kommen blöde Sprüche wie „aber du hast doch gestern den ganzen Tag geschlafen!“. Ich bin permanent am Gähnen. Kaffee hilft da nicht.

Soziale Interaktion, mit vielen verschiedenen Menschen und den ganzen Tag über, strengt furchtbar an. Smalltalk ist sehr anstrengend. Wenn spontan etwas Unvorhergesehenes passiert, zerrt das an den Kraftreserven und meine Batterien sind an diesem Tag dann etwas schneller leer als wenn alles glatt läuft.

Falsches: In einer Veranstaltung, die ich besucht habe, wurde (von einem Arzt, der kein Autismus-Spezialist ist) behauptet, dass alle Autisten glücklich wären, wenn man sie in Ruhe lassen wüde. Am besten, man würde sie im Keller arbeiten lassen, wo sie keine Menschen treffen würden. Dann wären sie happy.Sie würden sich nicht für das Gegenüber interessieren, wären nicht in der Lage, Emotionen zu erkennen, ganz zu schweigen davon, dass sie etwa empathisch sein könnten.

Dieses veraltete Wissen wird in der ein oder anderen Veranstaltung weitergegeben. An Fachleute weitergegen, was überhaupt nicht passieren darf, weil genau so Fehldiagnosen entstehen oder Diagnosen gar nicht erst gestellt werden können.

Fazit: Ladet uns ein. Wenn wir uns wohlfühlen, sagen wir oft genug auch zu. Akzeptiert es, dass uns Soziales anstrengt und wir oft einfach fertig sind und es nicht heißt, dass wir nichts mit anderen zu tun haben möchten. Und gebt „richtiges“ Wissen über Autismus weiter, es ist wichtig.

Bewerbungszirkus oder: Vierundfünfzig Bewerbungen

Vierundfünfzig Bewerbungen habe ich in den letzten zehn Monaten verschickt. Das ist weniger, als es sich angefühlt hat (es können durchaus einige mehr gewesen sein, die beim Durchzählen abhanden gekommen sind). Ich habe nur diejenigen Stellen angeschrieben, bei denen ich -aufgrund meiner Qualifikationen- eine Chance zu haben schien. Und die muss(te) man erstmal finden.

Herausgekommen sind 11 Bewerbungsgespräche. Das ist gar kein so schlechter Schnitt. Also kam mit etwa jeder fünften Bewerbung ein Gespräch zustande.

Bewerbungsgespräche sind -jedenfalls für mich- der Horror. Dort merkt der Arbeitgeber, dass die in der Bewerbung aufgeführten, sehr guten Qualifikationen, nicht mit dem Gesamtpaket übereinstimmen. Ich könnte mich nicht verkaufen, würde „mein Licht unter den Scheffel stellen“ (Redewendung), und hätte doch etwas über mich erzählen sollen. Was soll das denn bitte sein, wenn es doch angeblich auf das Fachliche ankommen sollte? Über die persönlichen Verhältnisse wird man eh ausgefragt. Ob ich pinke Socken mag? Oder Rosinen? Ich habe es dann doch lieber sein gelassen, etwas über mich zu erzählen.

Nachdem man mir bei einer Rückmeldung nach einem Gespräch sagte, „es hätte so keinen Sinn“ und „Sie sollten ein Coaching machen oder sich fachlich weiterbilden“ (Nummer zwei nehme ich jetzt übrigens in Angriff…), habe ich mir etliche Bücher über Körpersprache besorgt, sie durchgearbeitet und vor dem Spiegel geübt. Gebracht hat es -vermutlich- nicht so viel. Jedenfalls wurde ich genauso oft eingestellt wie vor diesem Training-nämlich gar nicht.

Ich muss dazusagen, dass ich mich weder in den Bewerbungen, noch in den Gesprächen als Autistin „geoutet“ habe. Im sozialen Bereich ist eine Diagnose nicht so gern gesehen. Das muss aber jede/r individuell für sich entscheiden, ob ein „Outing“ im Bewerbungsprozess vermutlich Vor- oder Nachteile bringt. Vermutlich fällt es im Arbeitsalltag früher oder später eh auf, dass „etwas nicht stimmt“. Es bleibt aber immer die Gefahr, dass man mit Diagnose gar nicht eingestellt wird.

Dadurch, dass ich keinen Kontakt zu ehemaligen Kommiliton/innen habe („Brücken abbrechen“ ist unter Autisten verbreitet), hatte ich keine Ahnung, ob mein Bewerbungsvorgehen überhaupt sinnvoll ist, oder ob man so -ohne Weiterbildung- eh nichts bekommt. Ich habe einfach „gemacht“ und bin immer wieder „auf die Schnauze gefallen“. Auch seitens der Ämter kann man nicht auf Unterstützung von Asperger-Autisten hoffen – sie haben einfach viel zu wenig Ahnung, wie man helfen könnte. Und jeder Autist hat ganz individuelle Stärken und Schwächen.

Die letzten zehn Monate haben mich viele Nerven gekostet. Die schlaflosen Nächte vor den Gesprächen. Das -teilweise- wochenlange Warten auf die Rückmeldungen bzw. Absagen und die Niedergeschlagenheit und Zweifel, die nach ihnen kamen. Es gab Wochen, da hat allein das Öffnen der Jobbörsen Brechreiz und Panik verursacht, so dass ich den PC sofort runterfahren musste. Und ganz viel Hoffnungslosigkeit, warum einen denn niemand einstellen möchte.

Unter Asperger-Autisten ist es ein weit verbreitetes Problem, dass man im Bewerbungsprozedere auf dem ersten Arbeitsmarkt, trotz sehr guter Qualifikationen, sehr große Schwierigkeiten hat (zu diesem Thema gibt es das sehr hilfreiche Buch „Hochfunktionale Autisten im Beruf: Navigationshilfen durch die Arbeitswelt“ von Ina Blodig, das ich auch gelesen habe).

Der „Bewerbungszirkus“ ist in meinem Fall noch nicht abgeschlossen. Sie können mir sehr gerne für noch offene Bewerbungen die Daumen drücken und auch für Bewerbungsgespräche, die hoffentlich noch kommen werden.

Wenn Worte meine Sprache wären…

…singt Tim Bendzko. Ich musste googeln, von wem das Songzitat stammt. Habe ich wohl in irgendeiner TV-Werbung aufgeschnappt. Da es aber eh nicht meine Musik ist, habe ich mich nicht weiter damit beschäftigt. Ich erinnere mich nur an die sich penetrant wiederholende Werbung.

Darum soll es in diesem Text aber gar nicht gehen. Weder um Herr Bendzko, noch um Musik…sondern um Worte. Nur wenige Sätze würde ich für mich unterschreiben, wie den Titelsatz des Beitrags. Der passt wie die Faust aufs Auge.

Worte sind nämlich nicht meine Sprache, jedenfalls nicht in verbaler Hinsicht. In meinem Kopf sieht es jedoch ganz anders aus. Ein Außenstehender würde es am ehesten als wortfaul, wortkarg bezeichnen. Ich gehe lieber zum Selbstbedienungs-Bäcker als zur „normalen“ Bäckerei, wenn ich die Möglichkeit habe – weil ich dort weniger kommunizieren muss. Kleine Bekleidungsgeschäfte, bei denen man sofort nach dem Betreten des Ladens angequatscht wird, meide ich wie die Pest. Genauso wie das klingelnde Telefon. Und smalltalkende Nachbarn. Man kann so viele Worte verschwenden. Um den heißen Brei herumreden. „Viel Lärm um nichts“ (nach Shakespeare) machen. Ich schweige lieber und sage nur das, was ich für wirklich wichtig halte.

Es gibt durchaus Autisten, die vor Worten nur so sprudeln. Vor allem, wenn es um ihre Spezialinteressen geht. Das kenne ich auch, jedoch nur in schriftlicher Form. Hin und wieder habe ich mir als Kind gewünscht, von Geburt an stumm zu sein. Wie schön wäre es, nicht dem gesellschaftlichen Zwang zu unterliegen, mit Menschen (verbal) zu sprechen, um nicht als verschroben zu gelten. In sozialen Situationen ist immer viel zu wenig Zeit, die richtigen Worte zu formen, die das ausdrücken, was ich wirklich sagen möchte. Und nicht nur so ungefähr. Kommunikation in schriftlicher Form -mit Familie und Freunden- ist für mich jedoch überlebensnotwendig. So wie das Lesen – ich habe schon als Kind Bücher verschlungen.

Wenn ich mir eine Sprache aussuchen könnte, wäre es Musik. Musik ist für mich ein wichtiges Kommunikationsmittel, mit dem ich Gefühle ausdrücken und transportieren kann. Mit Hilfe von Sprache ist es für mich kaum möglich.

Soziale Kontakte und Ich

Ich muss an dieser Stelle einmal etwas los werden. Eine Meinung, ein Empfinden, mit dem ich gesellschaftlich oft auch anecke. Ich möchte hier über soziale Kontakte sprechen und über deren Vor- und Nachteile. Denn es gibt definitiv beides. Und oft ist es für mich eine ganz sorgfältige Abwägung der Vor- und Nachteile. Der Grund dafür ist nicht nur meine Gesundheit…

Ich brauche soziale Kontakte!

Das muss ich an erster Stelle klar sagen. Ich brauche soziale Kontakte, ich brauche es geliebt zu werden, ich brauche es lieben zu dürfen und ich brauche genau so Zuspruch, Zuneigung und auch körperliche Nähe, wie die allermeisten Menschen eben auch. Zugegeben, letzteres musste ich erst lernen, aber seitdem ich es kann, ist es ein wichtiger Teil in meinem Leben geworden. Ich brauche das alles ganz unbedingt. Ein Leben vollkommen ohne Liebe, und ohne geliebt werden, ist für mich schier unerträglich. Da könnte ich mich auch gleich unter die Erde legen. Will ich aber nicht. Ich brauche Menschen in meinem Leben! Ich möchte mit ihnen lachen und weinen und ich möchte mich mitteilen, und das auch sie sich mir mitteilen. Ich brauche auch Sex und ich brauche es auch hier und da in einer Gruppe zusammen zu sitzen, gemütlich zu grillen und/oder ein Bierchen zu trinken. Das sind alles wichtige Dinge für mich, aber es gibt eben auch ein, zwei Probleme, die ich so mit sozialen Kontakten habe.

Ich habe da keine Energie für!

Eines meiner Probleme wird wohl fast jeder von euch kennen. Ein Abend in Gesellschaft ist körperlich so anstrengend, wie ein Marathon. Die Aufmerksamkeit, die Konzentration, die ich aufbringen muss, um deren unverständliches Gebrabbel (sry Leute, meine ich nicht böse) in klare Worte zu verwandeln, damit ich überhaupt begreife, wovon die eigentlich sprechen, ist unendlich ermüdend. Ich muss in Windeseile alles Gesagte korrekt einordnen. Dazu muss ich Vergleiche finden, Emotionen einordnen, die Bedeutung dahinter begreifen. Ich muss einfach alles ins, für mich, rechte Licht rücken. All das funktioniert über Vergleiche. So funktioniert eben Empathie und ich bin ja auch gerne empathisch. Mir macht das irgendwo ja auch Spaß, sonst würde ich es nicht immer wieder tun! Ich muss aber in der Regel an ganz anderen Stellen suchen, um das gleiche zu finden, was sie mir da erzählen und dazu muss ich dann auch noch meine eigenen Erlebnisse massiv abstrahieren, abwandeln und wieder in ein Erlebnis setzen, welches mein Gegenüber dann auch begreifen kann. Ich spreche also permanent in Gleichnissen. GOTT! Eine fünfstündige Matheklausur ist dagegen Entspannung für meinen Kopf! Ich mache diese Arbeit gerne. Alles was ich eben sagen möchte, ist, es ist anstrengend. Wirklich, wirklich, wirklich sehr, sehr anstrengend und es wird nicht leichter, je mehr Fallbeispiele ich zu Rate ziehen kann, sondern eher immer komplexer.

Dieses Problem wird oft nicht verstanden, aber an sich durchaus gesellschaftlich akzeptiert. Ich habe da selten das Problem, wenn ich das erkläre und mich mit diesen Worten verabschiede, dass die Leute da irgendwie sauer sind auf mich, oder so. Sie sagen eher so etwas wie Achso, ja sag das doch, das ist doch gar kein Problem, dann treffen wir uns das nächste Mal nur für 2h statt für 4. Ist doch alles cool! Das zweite Problem hingegen, dass ist schon viel schwieriger wertfrei an den Mann zu bringen, darum verschweige ich das in der Regel, aber auch darüber muss ich einfach einmal sprechen.

Das Gespräch entwickelt sich einseitig!

In den allermeisten Unterhaltungen bin ich inhaltlich wirklich unterfordert. Ich habe oben grob umrissen, auf welchem kognitiven Niveau ich agieren muss und meine Mitmenschen können das sehr oft einfach nicht auch leisten. Ich muss in dieser Komplexität denken, ich habe gar keine andere Wahl, denn ich hätte sonst keine Chance, meinen Mitmenschen mehr als nur ein Aha oder Ja, das kenne ich auch zu bieten. Das zieht aber eben auch den Nachteil mit sich, dass ich, sollte ich es mal wagen, einen eigenen Gedanken zu äußern, mich häufig mehrmals massiv herunterbrechen muss, mich mehrmals stark vereinfachen muss, damit ich überhaupt verstanden werde. Dadurch entwickelt sich das Gespräch schnell recht einseitig. Ich verliere enorm die Lust daran, meine eigenen Gedanken zu äußern, die gerade einfach wesentlich für mich sind, während mein Gesprächspartner jetzt so richtig aufblüht, tausend Erkenntnisse gewinnt und mir ein Problem nach dem anderen um die Ohren haut, um mich in diesen Angelegenheiten um Rat zu bitten. Versteht mich bitte nicht falsch. Ich freue mich darüber. Ich finde das schön, wenn ich helfen kann. Mein Gesprächspartner beteuert mir dann immer wieder, wie wertvoll die Gespräche mit mir sind. Ich bin ja durchaus ein gern gesehener Gesprächspartner. Nur diese Einseitigkeit, die ist einfach ermüdend. Denn wenn ich diejenige bin, zu der alle mit ihren Problemen kommen, weil ich so weise (haha) bin, wo gehe ich denn hin, wenn ich nicht weiter komme? Zu denen, die weiter hinter mir liegen? Die verstehen ja gar nicht, wovon ich spreche.

Das vermischt sich dann zusätzlich noch mit der autistischen Denkweise. Die Arbeit hängt immer an mir und das ist meinen neurotypischen Mitmenschen gar nicht so richtig klar. Ich bin dazu gezwungen, alles so aufzubereiten, damit sie es verstehen, weil sie einfach nicht in der Lage sind, sich auf mich zuzubewegen. Weder vom Intellekt, noch von der autistischen Wahrnehmung her. Und ja, ich gebe das zu, aber in diesem Moment sehe ich auch sehr häufig schlicht keinen Sinn darin, mich meinen Mitmenschen mitzuteilen. Dabei brauche ich das so sehr. Ich möchte genau so wie jeder andere ein qualitatives, gegenseitiges Gespräch führen. Doch fast immer komme ich, aufgrund der vorhandenen Fähigkeiten meiner Mitmenschen, in diese einseitige Lage.

Therapie? Ja? Nein?

Genau das war dann auch die Frage, vor die ich mich gestellt sah, als ich endlich bereit war, an mir zu arbeiten. Suche ich mir jetzt einen Therapeuten? Einen richtig guten, der auch mal versucht, die Arbeit zu leisten, die ich tagtäglich leisten muss? Mal versucht, sich in mich hinein zu versetzen? Ich habe das alles mal durchgespielt. Ich hätte jemanden finden müssen, dann einen Platz bei ihm bekommen müssen, dann hätte ich ihn erst einmal anlernen müssen und dann, erst dann hätte die Therapie angefangen. Alles in allem wäre ich dann in 6 Jahren an der Stelle gewesen, an der ich heute nach 6 Monaten bin. Ich bin daher sehr froh darüber, dass ich die Fähigkeiten besitze, dass selbst machen zu können. Das alleine zeigt ja schon, denn es handelt sich dabei ja um einen Profi, wie erschöpfend das ganze sein muss, wenn da jemand mit noch weniger Ahnung vor mir sitzt. Ich will damit das Ausmaß beschreiben, welchen Dingen ich tagtäglich ausgesetzt bin. Welche Leistung ich da eigentlich tagtäglich vollbringe. Es ist eine ganz außerordentliche Leistung! Ernsthaft!

Und unterm Strich?

Unterm Stich kommt für mich etwas heraus, was viele nicht gerne hören möchten, weil sie sich dadurch persönlich verletzt fühlen. Für mich kommt heraus, dass ich einen enormen Energieverlust zu verzeichnen habe. Mich übermannt Lustlosigkeit und Trauer. Ich werde auf ein Podest gehievt, auf dem ich vollkommen einsam bin. Ich erlebe einfach keine Gemeinsamkeit. Immer nur Einseitigkeit. Ich stecke Tonnen an Energie in die Kommunikation, damit ich alles in den für mich richtigen Kontext setzen kann und übersetze permanent auch wieder zurück. Ich stecke Tonnen an Energie in ein Unterfangen, aus dem ich nichts zurück bekomme. Im Gegenteil. Ich bin der Verlierer der Konversation. Ich verliere nicht nur Energie, Lust und Freude, ich verliere auch Selbstbewusstsein, Selbstwertgefühl, das Gefühl von Gleichwertigkeit. Mein Gesprächspartner hingegen gewinnt nur, weil er sich nicht auf mich zu bewegen kann und daher alle Arbeit an mir hängt. Ich fühle mich da auch irgendwie … benutzt …

Ja, ja, ja. Ich soll das nicht aufwiegen und ich darf nichts von einem sozialen Kontakt erwarten, ich weiß, ich weiß. Und dennoch muss ich mir ernstlich die Frage stellen, was ich davon habe, wenn ich auf diese Kontakte verzichte. Täte ich dies, ich würde lesen, lernen, schreiben, einfach kreativ sein und mich entfalten. Kurz gesagt, ich würde mich bilden und entwickeln. Ich würde mein Selbstwertgefühl steigern, mein Selbstbewusstsein, meine Selbstwirksamkeit. Ich wäre voller Freude und Lust und meine Energie würde steigen und steigen. Und daher sage ich, wie es für mich einfach ist:

Ich empfinde soziale Kontakte in den allermeisten Fällen als Klotz am Bein!

Und es macht mich traurig, dass ich so empfinden muss. Ich möchte das nicht. Ich sehne mich danach, konstruktive Freundschaften zu pflegen. Aber das sind sie meistens nicht für mich. Meine konstruktiven Freundschaften pflege ich daher eher mit Büchern. Mit meinen Blöcken und Stiften. Mit den hunderttausend Büroartikeln, die ich sammle, wie eine Irre. Mit meinem Notebook, dass mir so ein treuer Begleiter ist. Ich finde meinen Trost und meinen Fortschritt in der Musik und in der klassischen Literatur. Ich finde meinen Trost und meinen Fortschritt in der Naturwissenschaft. Die verstehen mich. Die sind immer für mich da. Die zeigen mir Perspektiven auf. Denen muss ich mich nicht erklären, die helfen mir einfach. Sie erklären mir alles, was ich wissen will. Kaum sonst einer kann das. Ich wünschte, es wäre nicht so. Ich wünschte, Menschen könnten das für mich sein. Aber sie sind es nicht. Sie sind Klötze am Bein, die mich aufhalten, in meinem Bestreben, mich zu entwickeln. Das wollte ich viel zu lange nicht wahrhaben.

Es ist eben auch gesellschaftlich nicht akzeptiert, so zu fühlen. Wenn ich das ausspreche, dann bin ich arrogant und eingebildet. Ich bin ein Narzisst. Ich halte mich ja für was besseres und bin in mich verliebt. Ich schätze mich ja sowieso vollkommen falsch ein, denn wir wissen ja alle, dass das niemand kann. Weil zu sagen, dass man intelligent ist und diese eigene Intelligenz, im Vergleich mit anderen Menschen, auch deutlich wahrnimmt, dass macht man nicht. Da ist man selbstverliebt. Ganz klar. Und diesem Urteil erlag ich lange Zeit und habe mich so selbst daran gehindert, mich zu entwickeln. Ich habe mich dazu gezwungen, sozial zu sein. Ich habe mich dafür geschämt, intelligent zu sein. Ich habe absichtlich Klausuren verhauen. Und so weiter.

Jetzt akzeptiere ich das. Ich akzeptiere, dass mir Menschen Klötze am Bein sind und sie mich aufhalten. Ich darf das nur eben nicht so sagen. Ich bin also nicht asozial, weil ich ein Arschloch bin. Ich bin asozial, weil ich durch meine Konditionen in eine Rolle gedrängt werde, in der ich nicht sein möchte und weil ich deswegen einen anderen Weg gehe, als meine Mitmenschen. Meine Mitmenschen entwickeln sich über den Kontakt zu Gleichaltrigen. Ich nicht. Das ist okay. Wenn ich euren sozialen oder religiösen Werdegang akzeptieren kann, dann akzeptiert doch bitte auch meinen, über die Naturwissenschaften und die Kunst. Danke vielmals!

Warum guckst du so böse?

Ich glaube, eine der Fragen, die ich bisher in meinem Leben am Meisten bezüglich meiner Mimik gehört habe sobald ich in Interaktion mit anderen Menschen trete ist: „Warum guckst du so böse?“ Zur Familie dieser Frage gehören noch weiterhin Sätze wie- „Hab ich dir was getan?!“ „Bist du sauer?“ „Hast du irgendwas?!“ „Lach doch mal!“ -und Ähnliches. Jeder, der nur über eine reduzierte Mimik verfügt, kennt so etwas wahrscheinlich auch aus eigener Erfahrung. Nein- ich habe nichts. Ich bin weder böse, noch sauer oder sonst irgendwas. Ich gucke ganz einfach so. Das ist quasi „mein Gesicht“. Eigentlich bin ich höflich und habe gute Umgangsformen. Ich sage „Bitte“ und „Danke“, „Guten Appetit“ und „Gesundheit“ , halte für andere Leute mit die Türe auf und trage auch gerne mal den Omis aus der Nachbarschaft die Tasche nach Hause. Aber in der Interaktion mit Menschen passiert es mir auch sehr oft, dass ich aufgrund meines Gesichtsausdrucks für böse, arrogant, abweisend, überheblich, desinteressiert oder sonst irgendwas gehalten werde. Gut- ich gebe zu, ich bin nicht gerade ein Hedonist, der freudenstrahlend durchs Leben läuft und ständig jedermann mit guter Laune überschüttet, aber selbst dann, wenn ich innerlich völlig ausgeglichen bin und in Gedanken über meine mentale Blumenwiese hüpfe, wird diese Meldung offenbar nicht an meine Gesichtsmuskulatur weitergegeben und so kommt es immer wieder dazu, dass mein Gesichtsausdruck von meinen Mitmenschen vollkommen verkehrt eingeordnet wird. Meine Worte und Taten reichen in solchen Momenten offenbar für meine neurotypischen Mitmenschen als Nachweis für einen zufriedenen Gefühlszustand nicht aus- es fehlt wohl als wichtige Information das passende Gesicht. Ich für meinen Teil wäre echt froh, wenn die Menschen ein paar weniger Gesichtsausdrücke hätten. Das Deuten von Gesichtsausdrücken und Blicken ist für mich- wie für viele andere Autisten auch- ein Buch mit sieben Siegeln. Gut- ein paar besonders wichtige Gesichtsausdrücke und Blicke habe ich im Laufe der Jahre zu deuten gelernt. Zu erkennen, ob jemand sich freut, ist relativ einfach und ob jemand traurig ist oder Schmerzen hat auch. Ebenso Angst und ob jemand angestrengt nachdenkt (denn dann ist er meistens still). Vielleicht hab ich jetzt gerade noch einen oder zwei von den existenziellen Gesichtsausdrücken vergessen. Aber das war´s aber dann auch so ziemlich. Wenn es um irgendwelche Feinheiten im Blick geht, bin ich ziemlich schnell aus dem Rennen. Ob jemand nun neckisch, irritiert, gelangweilt oder sonst wie guckt, kann ich höchstens raten. So war bei mir auch der Augenpartietest jedes Mal eine absolute Katastrophe. Ab dem 3. oder 4. Bild konnte ich mich zwischen den ganzen Möglichkeiten überhaupt nicht mehr entscheiden, irgendwann sah alles gleich bekloppt aus, ich wusste gar nichts mehr und hab nur noch A genommen. Für mich funktioniert Kommunikation am besten mit klaren Ansagen. Dann weiß ich, worum es geht. Und möglichst ohne irgendwelches verwirrendes Drumherum wie Blicke, Mimiken und Bewegungen, die man noch deuten soll um zu verstehen, worum es geht. Das macht die Interaktion und Kommunikation mit den meisten Mitmenschen unheimlich kompliziert für mich. Ich denke, wenn einfach mehr Klartext gesprochen würde, gäbe es viel weniger Missverständnisse unter den Menschen . Und das wäre echt eine Erleichterung für all die Menschen, die es mit dem Deuten von Blicken und Erfassen von zwischen den Zeilen Gesprochenem nicht so drauf haben. Darauf braucht man aber vermutlich nicht hoffen, weil da draußen die neurotypischen Menschen ganz klar in der Überzahl sind, die diese verwirrende Art der Kommunikation beherrschen und für das Normalste der Welt halten. Und deshalb wie selbstverständlich davon ausgehen, dass alle anderen das auch tun. Am besten finde ich Schreiben. Wenn ich etwas lese, dann habe ich die größten Chancen, es auch richtig zu verstehen. Und kann so lange darüber nachdenken, wie ich will, bevor ich mich äußere. Aber im Alltag kommt man halt auch immer wieder zu persönlichem Kontakt mit Menschen und da ist man halt ganz klar im Nachteil, wenn man die „Sprache jenseits der Sprache“, die von den meisten anderen benutzt wird, nicht versteht und deshalb auch nicht benutzen kann. Ich habe immer wieder im Leben die Erfahrung gemacht, dass es bei der neurotypischen Welt als barsch, hart oder unfreundlich ankommt, wenn man diese Sprache und die ganzen Blicke und Mimiken nicht beherrscht, sondern einfach sagt, was man meint- ohne irgendein spezielles Gesicht dazu zu machen. Ich hatte zum Beispiel an der Arbeit (Altenpflege) das undankbare Amt der Hygienebeauftragten des Wohnbereichs. Und wir bekamen eine Praktikantin, die unter den Armen stank. In den kommenden Tagen kamen nach und nach alle möglichen Kollegen inklusive Stationsleitung auf mich zu und nervten, dass ich etwas unternehmen soll, weil ich ja Hygienebeauftrage war. Und jeder betonte, dass die Frau unter den Armen stank. Also bin ich zu der Frau gegangen, hab ihr Duschzeug, Deo, frische Arbeitsklamotten und meinen Schlüssel zum Umkleide- und Duschraum gegeben und hab gesagt:“ Hör mal zu, du stinkst unter den Armen. Geh dich mal bitte duschen!“ Ich dachte, das wäre der Auftrag gewesen. Am Ende vom Dienst musste ich zu einem „Gespräch“ zur Pflegedienstleitung, weil man „so was nicht sagen darf“ und „das anders verpacken muss“. Sowas habe ich einfach nicht drauf. Irgendwie sind das Diplomaten- Gen, das „nette Gesicht“ und die geheime Sprache, in der man Dinge sagt, ohne sie beim Namen zu nennen bei mir nicht angelegt. Das macht die Kommunikation und Interaktion mit anderen oft sehr schwer und sorgt immer wieder für Mißverständnisse und Probleme im Umgang mit den Mitmenschen. Wir bedienen uns der gleichen Worte- aber wir sprechen nicht wirklich die gleiche Sprache. Also- es bleibt schwierig …

Die Sache mit der Kommunikation

Der Mensch ist ein soziales Wesen. Diesen Satz habe ich noch nie gemocht. Ich konnte mich auch sehr gut allein beschäftigen – ja für mich war es schon immer wichtig gewesen, einen Rückzugsraum zu haben – einen Bereich, in dem ich alle Masken fallen lassen und einfach nur ich selbst sein konnte. In dem ich innehalten und das Erlebte reflektieren und verarbeiten konnte.

Ich will jetzt nicht auf die klassischen Muster eingehen, die Autisten zugeschrieben werden. Zum Beispiel, dass sie keine Ironie verstehen sollen. Ja, meine Kollegen ziehen mich damit auf, und eine Kollegin hat für mich auch schon ein Ironie-Schild gebastelt, das sie immer dann hochhält, wenn sie etwas ironisch meint.

Aber über die ganzen Klassiker, die man immer wieder liest wie z. B. Sprichwörter und alles andere nur wortwörtlich verstehen, nicht zwischen den Zeilen lesen können, nicht wissen, dass jemand auch etwas durch die Blume sagen kann, auf die Frage, ob ich weiß, wo es zum Bahnhof geht mit „ja“ antworten und einfach weiter gehen, über diese Dinge bin ich längst hinaus.

Als Sprach- und Literaturwissenschaftler habe ich gelernt zu interpretieren. Mein Problem ist ein ganz anderes: die Fehlinterpretation. Wenn mir jemand etwas sagt, das über die reine Fakten-Übermittlung hinausgeht, dann versuche ich, es zu interpretieren – aber eben intellektuell, nicht intuitiv. Nur: Bis meine Interpretation endlich fertig ist, ist das Gespräch schon wesentlich weiter fortgeschritten, und ich verpasse meinen Einsatz. Schlagfertig ist anders.

Oft entstehen Missverständnisse. Ich fühle mich angesprochen und bin es nicht. Oder mir fällt etwas ein, aber ich weiß nicht genau, wann ich dran bin. Wenn ich zum Beispiel in einer Gruppe von mehreren Menschen unterwegs bin, und ein Mensch seinen Satz geendet hat, fängt Sekundenbruchteile später der nächste zu reden an. Und ich frage mich: Wie hat er so schnell mitbekommen, dass er dran ist? Jetzt gibt es nur drei Möglichkeiten: Entweder unterbrechen (absolutes No-Go!) oder später mit meinem Einfall kommen, wenn sich das Gespräch längst zu einem anderen Thema hin entwickelt hat (und dabei Unverständnis ernten) oder eben meinen Einfall für mich behalten. Am Ende des Abends gelte ich dann als schüchterner, ruhiger Typ, aber damit kann ich am ehesten leben.

Missverständnisse, das ist für mich ein großes Thema. Ich fühle mich manchmal, als spräche ich eine komplett andere Sprache als andere Menschen. Was ich schreibe, kommt manchmal vollkommen anders an als beabsichtigt, und was ich lese, interpretiere ich vollkommen anders, als der Schreiber es gemeint hat.

Jetzt wird sich so mancher fragen: Wie kann jemand, der so große Kommunikationsprobleme hat, journalistisch arbeiten? Nun, im Journalismus – jedenfalls in der Spielart, die ich vertrete – geht es um harte Fakten. Auch da gibt es Interpretationsspielraum, aber der macht mir nie so große Probleme wie die Kommunikation über Zwischenmenschliches.

Andere werden sich fragen: Wie funktioniert die Kommunikation mit meiner Freundin? Erstaunlich gut und ohne große Worte. Weil wir auf einer Wellenlänge liegen. Genau wie ich mit meinem besten Freund auf einer Wellenlänge liege – und mit vielen, aber längst nicht mit allen Autisten.

Diese gemeinsame Wellenlänge entscheidet meist, ob die Kommunikation, ob die Beziehung (sei sie nun sozial, romantisch oder sexuell) funktioniert oder nicht – ob ich mich auf einen Menschen näher einlassen kann (und er sich auf mich) oder nicht. Leider sind Menschen, zu denen ich so etwas wie eine Beziehung aufbauen kann, rar gesät. Und so bleibt gegenüber allen anderen eine große Unsicherheit.

Unsicherheit heißt in diesem Fall: In meinem Kopf kreist das Gedankenkarussell: Wie soll ich mich verhalten? Was wird der oder die von mir denken? Was verlangt in diesem Fall die gesellschaftliche Konvention von mir? Was das jetzt eben richtig und gut? Was will derjenige mir jetzt damit sagen? Wie soll ich darauf reagieren? Achtung, Fettnäpfchenalarm! Zu spät!

Vor allem gesellschaftliche Anlässe – Partys, Neujahrsempfänge, Festakte – geraten zum Spießrutenlauf. Ist der offizielle Teil vorbei und hat der letzte Redner „gute Gespräche“ gewünscht – eine Wortkombination, bei der es mir eiskalt den Rücken herunter läuft – suche ich das Weite. Mein Kopf ist dann meist schon so voll, dass ich unbedingt vermeiden möchte, angesprochen zu werden. Sinnvolles werde ich dann zu einer Kommunikation sicherlich nichts mehr beizutragen haben.

Der Mensch ist ein soziales Wesen, heißt es. Er liebt Partys, gesellschaftliche Anlässe, Bälle. Er liebt es, seinen Status, seine sozialen Beziehungen im Subtext belangloser Konversation zu pflegen, Netzwerke aufzubauen, Kontakte zu knüpfen. Ich würde es auch mögen, wenn ich es könnte. Ich wäre so gerne wie alle anderen auch. Immerhin treffe ich mich gerne mit meinen Freunden oder gehe mit meiner Freundin aus oder knüpfe im Internet Kontakte zu Gleichgesinnten. Vielleicht bin ich ja auch sozial. Vielleicht.