Treffen sich zwei Aspies…

…das Klischee eines autistischen Menschen besagt, dass er sich nur für sich selbst interessiert und nicht für andere. Er würde sich niemals nach Gesellschaft sehnen. Dieses Klischee trifft auf keinen Asperger-Autisten zu, den ich bisher kennengelernt habe. Es ist ein dummes Vorurteil.

Vor kurzem habe ich mich mit einem Asperger-Autisten getroffen, nennen wir ihn S. Es war von meiner Seite aus nicht lange geplant, dass wir uns treffen, das Treffen war recht spontan. S. hatte öfters im Internet geschrieben, dass er sich über Besuch von anderen Autisten sehr freuen würde.

Andere Menschen mit Asperger kannte ich bisher vom (intensiven) Austausch im Internet und von ein paar Treffen, die nur einige Stunden dauerten. Meine (offizielle) Diagnose habe ich erst seit relativ kurzer Zeit und bin immer noch sehr neugierig, welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede es im Verhalten von Autisten untereinander gibt.

S und ich haben es tatsächlich geschafft, einige Tage miteinander zu verbringen, ohne dass jeder stundenlang alleine in seinem Zimmer gehockt ist, weil ihn die Anwesenheit des anderen so in Stress versetzt hat. Es lag bestimmt an den gleichen Spezialinteressen, dass wir uns auf Anhieb verstanden haben und bei gleichen Themen „Feuer und Flamme“/auf gleicher Wellenlänge waren. S. ist ein aufmerksamer, liebenswürdiger, hochbegabter, humorvoller, musikalischer, emotionaler Mensch. Er hat die Einsamkeit nicht verdient, an der er offensichtlich leidet und ich hoffe, dass er in naher Zukunft einen Partner kennenlernen wird.

Kein Mensch kann die (phasenweise oder lebenslange) Einsamkeit eines autistischen Menschen besser nachvollziehen als ein anderer autistischer Mensch. Man will dazugehören, tut es aber nicht und weiß (bis zur Asperger-Diagnose) nicht, woran das liegt. Schließlich sucht man die Schuld bei sich selbst und meint, man hätte als Mensch sozial versagt.

Ich bin sehr froh, S. kennengelernt zu haben (und bin schon sehr gespannt, weitere Autisten kennenzulernen). Dieses Treffen wird sicherlich nicht das Letzte gewesen sein.

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Soziale Kontakte und Ich

Ich muss an dieser Stelle einmal etwas los werden. Eine Meinung, ein Empfinden, mit dem ich gesellschaftlich oft auch anecke. Ich möchte hier über soziale Kontakte sprechen und über deren Vor- und Nachteile. Denn es gibt definitiv beides. Und oft ist es für mich eine ganz sorgfältige Abwägung der Vor- und Nachteile. Der Grund dafür ist nicht nur meine Gesundheit…

Ich brauche soziale Kontakte!

Das muss ich an erster Stelle klar sagen. Ich brauche soziale Kontakte, ich brauche es geliebt zu werden, ich brauche es lieben zu dürfen und ich brauche genau so Zuspruch, Zuneigung und auch körperliche Nähe, wie die allermeisten Menschen eben auch. Zugegeben, letzteres musste ich erst lernen, aber seitdem ich es kann, ist es ein wichtiger Teil in meinem Leben geworden. Ich brauche das alles ganz unbedingt. Ein Leben vollkommen ohne Liebe, und ohne geliebt werden, ist für mich schier unerträglich. Da könnte ich mich auch gleich unter die Erde legen. Will ich aber nicht. Ich brauche Menschen in meinem Leben! Ich möchte mit ihnen lachen und weinen und ich möchte mich mitteilen, und das auch sie sich mir mitteilen. Ich brauche auch Sex und ich brauche es auch hier und da in einer Gruppe zusammen zu sitzen, gemütlich zu grillen und/oder ein Bierchen zu trinken. Das sind alles wichtige Dinge für mich, aber es gibt eben auch ein, zwei Probleme, die ich so mit sozialen Kontakten habe.

Ich habe da keine Energie für!

Eines meiner Probleme wird wohl fast jeder von euch kennen. Ein Abend in Gesellschaft ist körperlich so anstrengend, wie ein Marathon. Die Aufmerksamkeit, die Konzentration, die ich aufbringen muss, um deren unverständliches Gebrabbel (sry Leute, meine ich nicht böse) in klare Worte zu verwandeln, damit ich überhaupt begreife, wovon die eigentlich sprechen, ist unendlich ermüdend. Ich muss in Windeseile alles Gesagte korrekt einordnen. Dazu muss ich Vergleiche finden, Emotionen einordnen, die Bedeutung dahinter begreifen. Ich muss einfach alles ins, für mich, rechte Licht rücken. All das funktioniert über Vergleiche. So funktioniert eben Empathie und ich bin ja auch gerne empathisch. Mir macht das irgendwo ja auch Spaß, sonst würde ich es nicht immer wieder tun! Ich muss aber in der Regel an ganz anderen Stellen suchen, um das gleiche zu finden, was sie mir da erzählen und dazu muss ich dann auch noch meine eigenen Erlebnisse massiv abstrahieren, abwandeln und wieder in ein Erlebnis setzen, welches mein Gegenüber dann auch begreifen kann. Ich spreche also permanent in Gleichnissen. GOTT! Eine fünfstündige Matheklausur ist dagegen Entspannung für meinen Kopf! Ich mache diese Arbeit gerne. Alles was ich eben sagen möchte, ist, es ist anstrengend. Wirklich, wirklich, wirklich sehr, sehr anstrengend und es wird nicht leichter, je mehr Fallbeispiele ich zu Rate ziehen kann, sondern eher immer komplexer.

Dieses Problem wird oft nicht verstanden, aber an sich durchaus gesellschaftlich akzeptiert. Ich habe da selten das Problem, wenn ich das erkläre und mich mit diesen Worten verabschiede, dass die Leute da irgendwie sauer sind auf mich, oder so. Sie sagen eher so etwas wie Achso, ja sag das doch, das ist doch gar kein Problem, dann treffen wir uns das nächste Mal nur für 2h statt für 4. Ist doch alles cool! Das zweite Problem hingegen, dass ist schon viel schwieriger wertfrei an den Mann zu bringen, darum verschweige ich das in der Regel, aber auch darüber muss ich einfach einmal sprechen.

Das Gespräch entwickelt sich einseitig!

In den allermeisten Unterhaltungen bin ich inhaltlich wirklich unterfordert. Ich habe oben grob umrissen, auf welchem kognitiven Niveau ich agieren muss und meine Mitmenschen können das sehr oft einfach nicht auch leisten. Ich muss in dieser Komplexität denken, ich habe gar keine andere Wahl, denn ich hätte sonst keine Chance, meinen Mitmenschen mehr als nur ein Aha oder Ja, das kenne ich auch zu bieten. Das zieht aber eben auch den Nachteil mit sich, dass ich, sollte ich es mal wagen, einen eigenen Gedanken zu äußern, mich häufig mehrmals massiv herunterbrechen muss, mich mehrmals stark vereinfachen muss, damit ich überhaupt verstanden werde. Dadurch entwickelt sich das Gespräch schnell recht einseitig. Ich verliere enorm die Lust daran, meine eigenen Gedanken zu äußern, die gerade einfach wesentlich für mich sind, während mein Gesprächspartner jetzt so richtig aufblüht, tausend Erkenntnisse gewinnt und mir ein Problem nach dem anderen um die Ohren haut, um mich in diesen Angelegenheiten um Rat zu bitten. Versteht mich bitte nicht falsch. Ich freue mich darüber. Ich finde das schön, wenn ich helfen kann. Mein Gesprächspartner beteuert mir dann immer wieder, wie wertvoll die Gespräche mit mir sind. Ich bin ja durchaus ein gern gesehener Gesprächspartner. Nur diese Einseitigkeit, die ist einfach ermüdend. Denn wenn ich diejenige bin, zu der alle mit ihren Problemen kommen, weil ich so weise (haha) bin, wo gehe ich denn hin, wenn ich nicht weiter komme? Zu denen, die weiter hinter mir liegen? Die verstehen ja gar nicht, wovon ich spreche.

Das vermischt sich dann zusätzlich noch mit der autistischen Denkweise. Die Arbeit hängt immer an mir und das ist meinen neurotypischen Mitmenschen gar nicht so richtig klar. Ich bin dazu gezwungen, alles so aufzubereiten, damit sie es verstehen, weil sie einfach nicht in der Lage sind, sich auf mich zuzubewegen. Weder vom Intellekt, noch von der autistischen Wahrnehmung her. Und ja, ich gebe das zu, aber in diesem Moment sehe ich auch sehr häufig schlicht keinen Sinn darin, mich meinen Mitmenschen mitzuteilen. Dabei brauche ich das so sehr. Ich möchte genau so wie jeder andere ein qualitatives, gegenseitiges Gespräch führen. Doch fast immer komme ich, aufgrund der vorhandenen Fähigkeiten meiner Mitmenschen, in diese einseitige Lage.

Therapie? Ja? Nein?

Genau das war dann auch die Frage, vor die ich mich gestellt sah, als ich endlich bereit war, an mir zu arbeiten. Suche ich mir jetzt einen Therapeuten? Einen richtig guten, der auch mal versucht, die Arbeit zu leisten, die ich tagtäglich leisten muss? Mal versucht, sich in mich hinein zu versetzen? Ich habe das alles mal durchgespielt. Ich hätte jemanden finden müssen, dann einen Platz bei ihm bekommen müssen, dann hätte ich ihn erst einmal anlernen müssen und dann, erst dann hätte die Therapie angefangen. Alles in allem wäre ich dann in 6 Jahren an der Stelle gewesen, an der ich heute nach 6 Monaten bin. Ich bin daher sehr froh darüber, dass ich die Fähigkeiten besitze, dass selbst machen zu können. Das alleine zeigt ja schon, denn es handelt sich dabei ja um einen Profi, wie erschöpfend das ganze sein muss, wenn da jemand mit noch weniger Ahnung vor mir sitzt. Ich will damit das Ausmaß beschreiben, welchen Dingen ich tagtäglich ausgesetzt bin. Welche Leistung ich da eigentlich tagtäglich vollbringe. Es ist eine ganz außerordentliche Leistung! Ernsthaft!

Und unterm Strich?

Unterm Stich kommt für mich etwas heraus, was viele nicht gerne hören möchten, weil sie sich dadurch persönlich verletzt fühlen. Für mich kommt heraus, dass ich einen enormen Energieverlust zu verzeichnen habe. Mich übermannt Lustlosigkeit und Trauer. Ich werde auf ein Podest gehievt, auf dem ich vollkommen einsam bin. Ich erlebe einfach keine Gemeinsamkeit. Immer nur Einseitigkeit. Ich stecke Tonnen an Energie in die Kommunikation, damit ich alles in den für mich richtigen Kontext setzen kann und übersetze permanent auch wieder zurück. Ich stecke Tonnen an Energie in ein Unterfangen, aus dem ich nichts zurück bekomme. Im Gegenteil. Ich bin der Verlierer der Konversation. Ich verliere nicht nur Energie, Lust und Freude, ich verliere auch Selbstbewusstsein, Selbstwertgefühl, das Gefühl von Gleichwertigkeit. Mein Gesprächspartner hingegen gewinnt nur, weil er sich nicht auf mich zu bewegen kann und daher alle Arbeit an mir hängt. Ich fühle mich da auch irgendwie … benutzt …

Ja, ja, ja. Ich soll das nicht aufwiegen und ich darf nichts von einem sozialen Kontakt erwarten, ich weiß, ich weiß. Und dennoch muss ich mir ernstlich die Frage stellen, was ich davon habe, wenn ich auf diese Kontakte verzichte. Täte ich dies, ich würde lesen, lernen, schreiben, einfach kreativ sein und mich entfalten. Kurz gesagt, ich würde mich bilden und entwickeln. Ich würde mein Selbstwertgefühl steigern, mein Selbstbewusstsein, meine Selbstwirksamkeit. Ich wäre voller Freude und Lust und meine Energie würde steigen und steigen. Und daher sage ich, wie es für mich einfach ist:

Ich empfinde soziale Kontakte in den allermeisten Fällen als Klotz am Bein!

Und es macht mich traurig, dass ich so empfinden muss. Ich möchte das nicht. Ich sehne mich danach, konstruktive Freundschaften zu pflegen. Aber das sind sie meistens nicht für mich. Meine konstruktiven Freundschaften pflege ich daher eher mit Büchern. Mit meinen Blöcken und Stiften. Mit den hunderttausend Büroartikeln, die ich sammle, wie eine Irre. Mit meinem Notebook, dass mir so ein treuer Begleiter ist. Ich finde meinen Trost und meinen Fortschritt in der Musik und in der klassischen Literatur. Ich finde meinen Trost und meinen Fortschritt in der Naturwissenschaft. Die verstehen mich. Die sind immer für mich da. Die zeigen mir Perspektiven auf. Denen muss ich mich nicht erklären, die helfen mir einfach. Sie erklären mir alles, was ich wissen will. Kaum sonst einer kann das. Ich wünschte, es wäre nicht so. Ich wünschte, Menschen könnten das für mich sein. Aber sie sind es nicht. Sie sind Klötze am Bein, die mich aufhalten, in meinem Bestreben, mich zu entwickeln. Das wollte ich viel zu lange nicht wahrhaben.

Es ist eben auch gesellschaftlich nicht akzeptiert, so zu fühlen. Wenn ich das ausspreche, dann bin ich arrogant und eingebildet. Ich bin ein Narzisst. Ich halte mich ja für was besseres und bin in mich verliebt. Ich schätze mich ja sowieso vollkommen falsch ein, denn wir wissen ja alle, dass das niemand kann. Weil zu sagen, dass man intelligent ist und diese eigene Intelligenz, im Vergleich mit anderen Menschen, auch deutlich wahrnimmt, dass macht man nicht. Da ist man selbstverliebt. Ganz klar. Und diesem Urteil erlag ich lange Zeit und habe mich so selbst daran gehindert, mich zu entwickeln. Ich habe mich dazu gezwungen, sozial zu sein. Ich habe mich dafür geschämt, intelligent zu sein. Ich habe absichtlich Klausuren verhauen. Und so weiter.

Jetzt akzeptiere ich das. Ich akzeptiere, dass mir Menschen Klötze am Bein sind und sie mich aufhalten. Ich darf das nur eben nicht so sagen. Ich bin also nicht asozial, weil ich ein Arschloch bin. Ich bin asozial, weil ich durch meine Konditionen in eine Rolle gedrängt werde, in der ich nicht sein möchte und weil ich deswegen einen anderen Weg gehe, als meine Mitmenschen. Meine Mitmenschen entwickeln sich über den Kontakt zu Gleichaltrigen. Ich nicht. Das ist okay. Wenn ich euren sozialen oder religiösen Werdegang akzeptieren kann, dann akzeptiert doch bitte auch meinen, über die Naturwissenschaften und die Kunst. Danke vielmals!

Mangelndes Urvertrauen und sexuelle Verunsicherung – Gedanken einer Autistin

Ich möchte nicht erklären, was Autismus ist und was es nicht ist. Ich schreibe über mich, meine Erfahrungen und MEINEN Autismus. Ich denke, wer diesen Artikel gefunden hat, wird sich schon etwas intensiver mit dem Thema Autismus auseinandergesetzt haben.

Wie ich in meinem vorherigen Post schon angedeutet habe, bin ich als Kind einer schizophrenen Mutter aufgewachsen. Das kann der Auslöser dafür gewesen sein, dass einige meiner autistischen Verhaltensweisen in gewisser Weise verstärkt wurden. In meiner Familie konnte ich einige „Verdachtsautisten“ ausmachen. Somit ist hier eine erbliche „Vorbelastung“ gegeben.

Väterlicherseits sind es „starke Persönlichkeiten“, die trotz Hindernissen ein „normales“ Leben führen können. Mütterlicherseits hingegen kamen fast alle Familienmitglieder ins Straucheln. Haben frühe Traumata erlebt und bis ins Erwachsenenalter (teilweise bis zum Tod), nie festen Boden unter den Füßen gefunden.

Nun trafen in meinem Elternhaus zwei vollkommen verschiedene Welten aufeinander. Mein Vater ist ein unbändiger Optimist und glaubt an das Gute im Menschen. Meine Mutter hingegen kann nicht vertrauen und sieht „Gutes“ nicht, selbst wenn es sich vor ihr offenbart.

Ich fühle mich mit meinem Vater mehr verbunden, weil wir uns sehr ähnlich sind. Ebenso wie er, bin ich Optimistin. Ich versuche immer das Beste aus einer Situation zu machen. Meine Mutter hingegen wählt das geringste Übel.

Vom Prinzip her erreichen wir vielleicht das Gleiche. Ich bin dann aber mit dem erreichten zufrieden, weil ich mein Möglichstes getan habe. Meine Mutter sieht es nur als Enttäuschung, weil ja doch so viel mehr möglich gewesen wäre.

Ich habe als Kind nie angezweifelt, dass meine Mutter „funktioniert“. Sie war eben meine Mutter und aus Sicht eines Kindes muss die Mutter funktionieren.

Zu diesem Zeitpunkt war unser Verhältnis schon deutlich ungewöhnlich, wenn auch noch nicht für Außenstehende sichtbar. Meine Mutter beschäftigte sich mit mir und ich auch mit ihr. Aber es war nie so, wie mit meinem Vater. Mit ihm tobte ich gerne, nahm ihn in den Arm, gab ihm einen Kuss. Das kenne ich von meiner Mutter nicht.

Ich fühlte mich immer etwas befremdlich, wenn ich Trost bei ihr suchte, weil es trotz körperlicher zu keiner emotionalen Nähe kam.

Bis zur Pubertät empfand ich mein Leben als glücklich. Ich eckte nicht so oft an, wurde so genommen, wie ich war, weil ich die gesellschaftlichen Erwartungen an mich noch erfüllen konnte.

Mit Einsetzen der Pubertät wurde ich zunehmend ausgegrenzt und gemobbt. Auch fiel mein Vater für mich als Bezugsperson weg, weil ich nicht mehr wusste, wie ich mich altersentsprechend verhalte. Ich war zu verwirrt über die unterschiedlichen Geschlechterrollen und die Übersexualisierung unserer Gesellschaft. Ich musste früh feststellen, dass ich oft nur als Objekt wahrgenommen wurde. Männer, die meine Oberweite anstarren oder sogar ansprachen, obwohl unser Kontakt nicht so innig war, dass es nach meinem Empfinden angebracht war. Damit kann ich bis heute nicht umgehen. Ich habe für mich einen Weg gefunden, möglichst elegant aus diesen Situationen herauszukommen – was in Anbetracht meiner Ängste und Scham in diesen Momenten eine Höchstleistung bedeutet.

Mit 10 Jahren begannen wohl auch meine Depressionen. Von da an fehlte mir jegliche Nestwärme. Hinzu kam, dass meine Mutter damals einen längeren Aufenthalt in der Psychiatrie hatte, weil sie – nach damaligen Aussagen der Ärzte – eine paranoide Psychose hatte. Darüber sprach aber niemand mit mir. Mir wurde nur gesagt, dass es ihr nicht gut geht und sie in einem Krankenhaus für die Seele ist. Ich könne sie auch nicht besuchen, weil sie sich momentan nicht daran erinnert, dass ich existiere Ich solle mit niemandem darüber reden, weil die Leute das nicht verstehen würden. Mein Vater war damals überfordert und gab mich zu meiner Großmutter mütterlicherseits. Ich wurde nicht gefragt, was meine eigenen Wünsche sind. Wie die Situation für mich am erträglichsten wäre.

Ich war in dieser Situation auf mich allein gestellt.

Mein Vater handelte damals so, wie er es aus seiner Sicht am sinnvollsten war. Dabei realisierte er nicht, dass ich mir der Tragweite der Ereignisse sehr wohl bewusst war. Da ich verängstigt und zutiefst verletzt war, blieb ich still. Zum ersten Mal wurden meine Probleme so groß, dass ich mit jemandem darüber reden wollte. Es wurde mir aber verboten genau das zu tun.

Meine Mutter hatte eine recht gut Beziehung zu der Mutter meiner besten Freundin. Deswegen kam ich den ersten Tag/ die erste Nacht zu ihr. Da ihre Mutter als eine der wenigen eingeweiht war, wusste auch meine Freundin Bescheid und ich vertraute ihr meine Gefühle an.

Am nächsten Tag in der Schule erzählte sie es anderen. Nicht nur aus Unwissenheit über die Konsequenzen, sondern als pure Provokation. Zutiefst entsetzt über diesen Vertrauensbruch, sprach ich sie unter vier Augen darauf an. Sie sagte mir, dass ich sie nerve mit meiner weinerlichen Einstellung. Auch wenn ich damals noch relativ klein war, konnte ich dieses Verhalten in keinster Weise nachvollziehen! Meine Mutter kam erst einen Tag zuvor in die Klinik. Sie hatte mich – ihr eigenes Kind – vergessen und mein Vater hatte mich quasi zu Hause rausgeworfen.

Für diese ganzen Umstände fand ich meine Verfassung noch sehr positiv.

Da ich damals schon gemobbt wurde, nutzten manche die Informationen über meine Mutter aus, um mich gezielt damit zu verletzen. Ich erinnere mich noch an eine Situation vor dem Musikraum. Wir warteten, dass unser Lehrer kam, um aufzuschließen, als manche Klassenkameraden anfingen, mich wegen meiner Mutter aufzuziehen. Ich warnte sie, dass sie damit aufhören sollen. Einer verstand nicht, wie ernst ich es meine und ich wurde energischer. Da er immernoch weiter machte bin ich auf ihn zugestürmt, habe mich vor ihn gestellt (ich war deutlich größer als er) und mit ganz entschlossener Stimme gesagt, dass er damit jetzt sofort aufhört. Es gab ein Raunen und ich wurde von einigen Gesichert fassungslos angesehen. So kannten sie mich nicht. Ich konnte mich ja doch wehren!

Ich hatte Ruhe. Zumindest, was das Thema meiner Mutter betrifft.

Mit meiner ersten Partnerschaft habe ich zum ersten Mal Harmonie und Geborgenheit erlebt. Es war eine sehr intensive (hauptsächlich intellektuelle) Beziehung. Es war, als hätte ich meinen Seelenverwandten gefunden. Unsere Liebe stand unter keinem guten Stern, weil sie die gesellschaftlichen Ansichten sprengte. Ich war noch minderjährig, er deutlich älter.

Er trennte sich von mir, weil er der Meinung war, ich hätte jemanden verdient, der mir ein besseres Leben ermöglichen kann, als es bei ihm der Fall ist. Auch hier wurde ich wieder nicht nach meiner Meinung und meiner Einstellung gefragt.

Ich trauerte sehr lange und verlor den letzten Halt, den ich noch hatte: meinen schulischen Erfolg. Mein Lebensziel änderte sich. Ich wollte unbedingt wieder dieses erfüllende Gefühl spüren, dass ich bei ihm hatte. Wenn ich das nicht finden würde, könnte ich mein Leben nicht genießen.

Ich wurde immer häufiger in kürzer werdenden Abständen enttäuscht. Männer lernte ich kennen, weil sie sich von meinem Äußeren angezogen fühlten. Nicht wegen meiner komplexen Persönlichkeit. Vielleicht noch anfangs, weil ich ganz anders bin, als bisherige Frauen, aber irgendwann sahen sie mich und meine Eigenheiten so abstoßend, dass sie aus meiner Welt flohen und viele Scherben zurückließen.

Ich zweifelte an mir, ob ich liebenswert bin. Bisher hatte das niemand erkannt.

Es begann, dass ich meinen Körper bewusst dafür einsetzte, Nähe zu finden. Eine Möglichkeit zu bekommen, kennengelernt zu werden. Ich schlief sehr schnell mit Männern, weil ich darin die einzige Möglichkeit sah, jemandem näher zu kommen.

Meine Mutter sagte mir ganz deutlich, dass ich eine Schlampe bin, weil ich von einem Bett zum nächsten hüpfe.

Die Erfahrungen, die ich dabei gemacht habe, waren teilweise sehr schlimm für mich. Nach immer weiteren Enttäuschungen war ich soweit, mit Männern zu schlafen, um meine Ruhe zu bekommen. Männer, die zu viel über mich wussten, weil ich zu spät bemerkt habe, dass sie nicht die Richtigen sind. Um keinen neuen Stalker zu haben, gab ich ihnen das, was sie von mir wollten: Sex!

Auch befand ich mich das ein oder andere Mal bei Männern zu Hause, mit denen ich mich vorher schon ein paar Mal öffentlich getroffen hatte und hatte die Situation nicht mehr unter Kontrolle.

Wenn meine Bemühungen, ihn verbal von mir fernzuhalten nicht funktionierten, tat ich das, was sie wollten, weil ich Angst vor körperlicher Gewalt hatte.

Ich belog mich selbst dahingehend, dass ich One-Night-Stands hatte, die in Wahrheit keine ONS waren. Nur so konnte ich das letzte Quäntchen Selbstachtung schützen.

All diese Erfahrungen habe ich nie aus dem Aspekt heraus betrachtet, dass ich auf der Suche nach Vertrauen und Zuneigung war.

Seitdem mir das bewusst ist, betrachte ich meinen Autismus mit anderen Augen, weil sich viele Problematiken dadurch verstärkt haben. Die sexuelle Verunsicherung ist nur ein Aspekt von vielen.