Wer ich bin und wie ich meinen Autismus empfinde

Ich wurde erst mit Mitte 20 diagnostiziert. Bis zu diesem Punkt dachte ich, dass mit mir irgendetwas „nicht stimmt“. Ich konnte aber nie greifen, was mich von anderen unterschied. Mein Wesen mochte ich und war mir sicher, dass ich die Voraussetzungen mitbringe, in der Gesellschaft zu bestehen. Ich bin ehrlich, loyal, aufrichtig, zielstrebig und gewissenhaft. Meine Fähigkeiten konnten auch nicht der Grund sein, warum mir so vieles so enorm schwer fiel: ich bin intelligent, querdenkend, mitfühlend und unkonventionell. Es gab immer Menschen in meinem Leben, die genau das an mir zu schätzen wussten, aber ich polarisierte stark. Entweder ich wurde gehasst oder geliebt. Mir selbst liegt ein schwarz-weiß Denken fern, aber genau so sahen mich andere. Keine Grauzone. Keine Aspekte, die kritisch hinterfragt wurden. Keine weiteren Perspektiven, die in Betracht gezogen wurden. Ich wirke abweisend, also muss ich demzufolge auch so sein. Ich wirke auch viel zu oft „faul“, weil meine eigentlichen Bestrebungen nicht gesehen werden.

Ich wirke „mysteriös“, bin ein stilles Wasser und dennoch tobt in mir eine raue See. Mir wurde sehr oft gesagt, dass stille Wasser tief sind, wenn mich jemand näher kennenlernte.

Das trifft mein Leben bis zur Diagnose sehr gut.

Es war mir nicht möglich, mich einem Menschen so sehr zu öffnen, dass er alle Facetten meiner Persönlichkeit kennenlernte. Nicht meine tiefsten Gedanken erfuhr und auch nicht meine Probleme. Ich verstand mich selbst nicht, wie sollte ich also erwarten, dass es jemand anderes tut?

Diese Zurückhaltung und tiefe Verunsicherung ist bei mir nicht angeboren, weil es eine starke Veränderung in meinem Verhalten gab. Mit Eintritt der Pubertät wurde aus meiner „glücklichen Realität“ allmählich traurige Gewissheit, dass ich „alleine“ bin. So sehr ich mich auch bemühte, immer wieder mein Herz zu öffnen und Menschen hereinzulassen, wurde ich dennoch erneut enttäuscht. Es wurde zu einer „Frage der Zeit“, bis jemand beginnt, mich zu hassen.

Mit zunehmenden Selbstzweifeln wurde ich stiller. Ich hatte Angst, verstoßen zu werden oder in einen Streit zu geraten, dem ich nicht gewachsen bin.

Das Gefühl, nicht in diese Welt zu gehören und unsichtbare Defizite den anderen gegenüber zu haben, ließ mich straucheln. Ich zog mich zurück, lebte mein Leben ein Stück weit nur in meinen Gedanken aus. Stellte mir meine Zukunft vor, wie ich sie für mich wünsche und gewann Kraft aus diesen Vorstellungen. Kraft, um weiterzumachen, nicht aufzugeben und zu hoffen, dass es eines Tages besser wird. Es ist fast 2 Jahrzehnte her, dass ich allmählich die Kontrolle über mein Leben verlor und nur mit kleinen Schritten voran kam. Mein „Tempo“ reichte dabei nicht aus, um neue Rückschläge zu verarbeiten. Erst mit meiner Diagnose und der Auseinandersetzung mit Autismus, konnte ich neues Vertrauen in mich gewinnen und effektiv an meinem Leben arbeiten. Meine Wunden, die über fast 20 Jahre hinweg immer zahlreicher wurden, konnte ich noch nicht alle verheilen.

Erst vor Kurzem wurde mir bewusst, dass meine Narben mir in gewisser Weise in die Wiege gelegt wurden. Sie sind nicht angeboren und dennoch schon sehr früh entstanden.

Letztes Jahr fand ich heraus, dass meine Mutter seit langer Zeit schizophren ist. Das stellte meine „Weltanschauung“ nach der Auseinandersetzung mit Autismus erneut auf den Kopf. Ich habe sie immer als meine Mutter betrachtet – so, wie sie ist. Mit ihren Ecken und Kanten. Dabei habe ich ihr auf meine Weise vertraut. In dem Sinne vertraut, dass ich davon ausging, sie sei „normal“ und hätte ihr Leben unter Kontrolle. Dass ich mein Leben nicht unter Kontrolle hatte, war für andere ab einem gewissen Punkt sichtbar. Bei meiner Mutter habe ich so etwas nie beobachten können oder wahrgenommen.

Nachdem ich zum ersten mal in psychiatrischer Behandlung war, sagte mir die Therapeutin, dass meine Schutzmechanismen so groß sind, dass ich anderen Menschen gar nicht erst die Möglichkeit gebe, mich kennenzulernen. Ich sei zu misstrauisch und stelle illusorische Ansprüche an meine Mitmenschen. So naiv und froh wie ich war, endlich Hilfe und Unterstützung zu bekommen, vertraute ich auf ihre fachliche Kompetenz.

Ich wurde offener, ließ Menschen an mich heran, vor denen mich mein Bauchgefühl warnte und wurde noch heftiger enttäuscht, als zuvor. In mir kamen Zweifel auf, was für eine schreckliche Person ich sein muss, wenn selbst diese Menschen nichts liebenswertes in mir erkennen können. Menschen, die ebenso wie ich, stark polarisieren und auf der Suche nach Freundschaft/ Beziehungen sind. Rückwirkend betrachtet, hatten alle Personen, die ich an mich heranließ, ähnliche Probleme, wie ich. Sie strauchelten durchs Leben. Anders als ich, das gebe ich zu, aber augenscheinlich sehr ähnliche Charaktere. Ich investierte viel Zeit, Energie und Herz in meine Freundschaften. Stand ihnen zur Seite, wenn es Probleme gab und versuchte mit meinem rationalen Denken neue Lösungswege aufzuzeigen. Obwohl sie mich eigentlich besser hätten kennen müssen, kam der Punkt, dass sie in mir eine „Verrückte“ sahen. Zwiegespalten zwischen Nähe und Distanz. Ich brauche menschliche Nähe und ich brauche auch Vertrauen, aber ich brauche sehr viel Zeit zum Ich-Sein. Momente der Ruhe und des Loslösens in meine Gedankenwelt.

Meine Mechanismen zur Bewältigung von Trauer mögen auf andere martialisch wirken, weil ich mit „voller Energie“ in depressive Stimmungen stürze. Das ist nicht immer ein automatischer Prozess, sondern von mir bewusst hervorgerufen. Ich verstehe oft die Tragweite menschlichen Verhaltens nicht. So sehe ich nach einer Trennung nur die Trennung als solche. WIE die Trennung mein Leben beeinflusst, kommt häppchenweise und drückt mich für lange Zeit nach unten. Wenn ich diesen Prozess bewusst hervorrufe, kann ich solche Erlebnisse besser einordnen und mir über meine eigenen Gefühle bewusst werden. In diesen Phasen höre ich traurige Balladen, sehe Fotos der entsprechenden Zeit an und schreibe über meine „verlorenen“ Hoffnungen. Ich erlebe die Trauer und Erinnerungen dann quasi im „Schnelldurchlauf“. Sobald ich sie verstanden habe, kann ich mit ihr rational umgehen und meine emotionale Seite „schützen“. Mir sagte neulich jemand dazu: „In tragedy is beauty!“

Es stimmt (leider), denn nur mit depressiver Stimmung kann ich mein Leben „ordnen“ und bin paradoxerweise produktiver, als in besseren Phasen. Produktiver auf geistiger Ebene. Um mich herum bleibt dann alles liegen, aber ich finde wieder zu mir.

Bis vor Kurzem war mir nicht bewusst, wie gestört die Bindung zu meiner Mutter ist und es auch schon sehr früh war. Erst seit letztem Jahr habe ich die Möglichkeit, das Verhalten meiner Mutter allmählich zu verstehen und nachzuvollziehen. Es gab Zeiten, da haben wir uns gehasst und es gab auch Zeiten, in denen unser Verhältnis besser war (erst nach dem Rat, ich solle anderen Menschen gegenüber nicht so misstrauisch sein). Meine Bezugsperson war mein Vater. Wenn er in der Nähe war, war meine Mutter wie Luft für mich. Es gab dann nur ihn und mich. Lange Zeit litt ich darunter, weil ich meiner Mutter deswegen viel Schmerz zugefügt habe. Heute verstehe ich, dass sie es selbst mit ausgelöst hat (bzw. die Schizophrenie). Es macht mich traurig, wie sehr meine Mutter wohl unter ihren Einschränkungen leidet. Ich weiß, dass ich ein Wunschkind war und sie lange auf mich warten musste. Als ich dann aber zur Welt kam, war ich „langweilig“. Ich schlief viel, verpasste meine Mahlzeiten und „von meiner Sorte“ hätte sie vier Kinder parallel versorgen können. Mein Wesen unterforderte sie so sehr, dass sie ihren Chef anflehte, wieder arbeiten zu dürfen. Wenn auch nur für ein paar Stunden in der Woche. Das sind Aussagen meiner Mutter – das habe ich mir nicht „zusammengedichtet“.

Wenn ich ein Kind bekommen würde, wäre ich glücklich – ganz egal welches Wesen es hat. Ich würde so viel Zeit mit ihm verbringen, wie es mir möglich ist. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es mich unzufrieden stimmen würde, wenn mein Baby auf meinem Arm schläft und ich es dabei eng an meinen Körper halte. Ich bin harmoniesüchtig und was ist harmonischer als die frühkindliche Beziehung einer Mutter zu ihrem Baby?

Meine Eltern arbeiteten vor meiner Geburt beide im Schichtdienst. Meine Mutter wechselte ihre Stelle und hatte nur noch Frühdienste, um sich um mich zu kümmern. Somit habe ich viel Zeit mit ihr verbracht, aber irgendwie auch nicht. Meine frühesten Erinnerungen zeigen mir, dass wir schon damals aneinander vorbeilebten. Sie war zwar da und auch für mich ansprechbar, aber sie hat sich nicht mit mir „befasst“. Nach außen hin wirkte sie als umsorgende Mutter, die viel mit ihrem Kind unternimmt. Für mich war sie aber immer irgendwie „fremd“. Bis heute weiß ich nicht sehr viel über sie und ihr Leben. Ich weiß nur das über sie, was ich selbst beobachtet/ erfahren habe.

Mir ist erst jetzt bewusst geworden, wie sehr diese gestörte Bindung mein Leben beeinflusst hat. Ich wäre ohne diese Erfahrungen nicht weniger Autistin, aber vermutlich eine vollkommen andere.

Darüber möchte ich hier im Blog schreiben. Zum Einen, um mich selbst besser kennenzulernen und anderen mit ähnlichen Erfahrungen dadurch vielleicht helfe und zum Anderen, um einen Austausch zum Thema zu führen. Wobei mein Austausch wohl eher passiv sein wird. Ich mache mir Gedanken über Kommentare und beziehe sie in meine Sichtweise mit ein, aber manchmal sind keine Kapazitäten im Gehirn mehr frei, um eine passende Antwort zu verfassen. Das ist keineswegs böswillig gemeint, sondern eine meiner persönlichen Einschränkungen.

Frau Anders (@Die_Frau_Anders)

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Ich bin die Frau Anders. Ich bin 35 Jahre alt und komme aus der Hamburger Ecke und möchte mich hier auch fleißig beteiligen mit Beiträgen zu den unterschiedlichsten Themen. Ich bin ein Mensch der schreibend am besten denken kann und ich schreibe den ganzen Tag so vor mich hin. Ich bin seit Jahren aktiver Blogger mit diversen Themenblogs, Twitterer, Chatter, Notizzettelfüller, Kalenderbeschrifter. Beruflich bin ich selbständig als ambulant behandelnde Ergotherapeutin, spezialisiert auf den neurologischen Bereich. Im Nebenjob Mutter einer 5jährigen Aspie-Tochter, Familienmanager und seit 13 Jahren Ehefrau eines Aspergers. Damit begann eigentlich auch mein Weg in das Thema. Mein Mann war schon immer irgendwie anders, was ja auch zu mir gut paßte weil auch ich auch schon immer etwas durchgeknallt und anders war. Ich bin vom Typ her ein kreativer Freigeist und Gruftie und treibe mich in diversen ominösen Szenen rum. Ich habe eine sehr gute Beziehung, dennoch hatten wir jahrelang ganz bitterliche Beziehungskrisen über Alltagsthemen die andere lächeln lassen (Tassen stehen falsch im Schrank, falscher Putzlappen benutzt…) und mein sehr geringes Selbstwertgefühl das aus einer traumatisierten Kindheit resultiert schmetterte mich dann auch jedesmal komplett zu Boden. Alles was er sagte oder tat, deutete ich aufgrund meiner Erziehung als herabwürdigend und mich hassend. Ich habe so vieles nicht verstanden und mich immer nur schlecht und ungeliebt gefühlt. Erst als er auch mal einer Freundin ganz schreckliche böse Dinge die „man“ nicht sagt so ohne Streit und so an den Kopf warf, und er danach völlig kindlich verstört war ob ihrer austickenden heulenden Reaktion, habe ich erstmalig angefangen so richtig über alles nachzudenken. Er ist doch kein böser Mensch, warum tut er dennoch solche verletzenden Sachen? Die Antwort kam tatsächlich in der folgenden „denkwürdigen“ Nacht: Ich kenne solche Verhaltensmuster doch von meiner Arbeit, nämlich von meinen Asperger-Patienten. Warum ist mir das noch nie aufgefallen? Immer diese Fachleute die in ihrem eigenen Leben nix erkennen, obwohl sie täglich damit umgehen. Sofort kramte ich all mein Diagnostikmaterial heraus und es fiel mir wie Schuppen von den Augen. Er ist ein Asperger! Das bestätigte sich dann auch recht schnell von fachlicher Seite. Ich war dann also eine Partnerin eines Aspergers. Das waren doch diese komischen Menschen, die so gefühlslos seien, nicht lieben und mitfühlen können, und total meschugge sind im Kopf und ständig wegen irgendwas durchdrehen. (Ja, ich habe sowas noch in meiner Berufsausbildung gelernt und es entsprach meinem damaligen Bild von Autisten. Daß sich sowas schleunigst ändert, dafür möchte ich heute auch hier kämpfen) Naja weiter im Text…Für mich brach eine Welt zusammen. Ich habe in ihm nur noch den kranken Behinderten gesehen und sah wenig Möglichkeiten noch mit ihm glücklich zu sein. Dennoch war ich es wider Erwarten seit der Diagnose mehr als vorher und je mehr ich zu ihm hinschaute, desto mehr entdeckte ich was er wirklich war. Ein sehrwohl einfühlsamer mich liebender Mensch der lediglich nicht in der Lage ist nonverbal zu kommunizieren und auf Signale passend zu reagieren. Also mußte ich doch eher an mir arbeiten, damit er mich besser versteht und auf mich eingehen kann und sollte zudem doch mal mein kaputtes Selbstwertgefühl mal gehörig aufpoliern, statt es von anderen abhängig zu machen wie es mir geht. Damit begann der Blick von ihm weg und zu mir hin. Ich kommuniziere (das dachte ich zumindest immer) extrem nonverbal, ich erkläre mich selten und hoffe immer daß andere eh schon merken und wissen was ich fühle. Kommt da dann nix von denen, ist mein Selbstwertgefühl am Boden. Das ist doch bekloppt so zu denlen. Ich dachte fortan viel darüber nach wie ich denn eigentlich so bin. Ich entdeckte plötzlich Dinge an mir, derer ich mir nie so wirklich bewußt war. Da gab es zB. all diese Übersensibilitäten und die damit verbundenen Overloads, die Unfähigkeit Gesichter und Gefühle zu lesen, diese dennoch extreme Feinfühligkeit in Bezug auf andere Menschen, daß das was ich normal finde Synästhesien sind uvm.   Ich habe all das tatsächlich vorher nie wahrgenommen. Auf diesem Weg der Selbsthilfe fand ich dann auch Selbsthilfegruppen für Aspergerpartner und lernte dadurch erstmalig viele Aspies privat kennen. Ich traf mich zudem parallel mit hochsensiblen Menschen und fand mich ja im Laufe der Zeit soooo anders als meinen starren Aspiemann und all die von denen die Frauen immer so leidvoll berichten. Ich bin innerlich schließlich kunterbunt wo er schwarz weiß erscheint. Ich bin vielseitig interessiert und wechsle ständig in meinen Interessen, er bleibt immer bei einer Sache. Ich bin ein überaus kreativer Chaot, er ist der pedantische gradlinige Ordnungshalter. Ich war dann also einfach mal ne Runde „hochsensibel“, er der Asperger. Hochsensibel klingt nach außen ja auch viel schicker und anerkannter. Das Weltbild paßte für mich ne Weile recht gut. Leider stürzte dieses Weltbild im Laufe der Zeit zunehmend ein, je mehr Asperger ich tiefer kennenlernte. Ich war sehr gerne unter ihnen und fühlte mich so wohl wie sonst nie unter Menschen. Ich las so viel in den Blogs, führte lange Gespräche, chattete. Vor allem auch mal mit weiblichen Aspergern und stellte fest: die waren ja gar nicht alle so starr wie mein Mann und die anderen Kerle, sondern eher wie ich. Ich habe festgestellt wie irre unterschiedlich all diese Asperger so sind und fand mich Stück für Stück immer mehr dem Spektrum absolut zugehörig. Sehr lange habe ich dann diese Thematik für mich zergrübelt, mich belesen, mein altes ich und mein altes Weltbild betrauert, mich neu erfunden und wieder verworfen, mich angezweifelt, täglich verzweifelt und als Endergebnis bin ich mir heute 100%ig sicher ebenso wie mein Mann ein Autist zu sein. Nur halt irgendwie anders, anders sozialisiert. Ich hatte erziehungstechnisch von klein auf an eine extrem harte NT Schule durch meine psychisch schwer erkrankte Mutter. Ich lernte aus großer Not heraus als ganz kleines Kind schon jede Regung an einem Menschen passend zu deuten um mich rechtzeitig in Schutz bringen zu können, ich wurde gezielt geschult sehr früh schon lügen zu lernen um mich und andere zu schützen, ich wurde geschult Menschen gezielt zu manipulieren, lernte wie man schauspielert und wie man Außenwirkung gezielt einsetzen und ändern kann und überhaupt wie man Menschen klarmacht daß man normal seie und wie man unter normalen nicht auffällt. Ich habe den klassischen Smalltalk für allemöglichen Situationen auswendig gelernt, beherrsche alle Redewendungen und Sprichworte und setze sie auch gerne ein und, und, und… Mein Spezialinteresse sind halt Menschen und alles was mit ihnen zusammenhängt wie Körper, Kommunikation, Psyche. Ich war schon immer sehr gut, rasendschnell und ganzheitlich zu denken, Dinge visuell in Lichtgeschwindigkeit zu erfassen und alle Dinge die ich so beobachte in Lichtgeschwindigkeit zusammenzuzählen und in Zusammenhänge zu bringen um zu einem passablen Auswertungsergebnis zu kommen. Deshalb und ob der harten Schule der Kindheit kann ich vieles was Aspies angeblich nicht können sehr gut und zweifelte daher auch sehr lange an der Diagnose. Ich falle nicht wirklich auf, bin perfekt angepaßt und wenn ich durchdrehe sieht es ja eh niemand oder es lag an irgendwas anderem. Dennoch scheiterte ich immer an mir selber, weil ich mich und meine Welt nie so richtig kapiert habe. Ich wollte diese verstörende Welt schon so oft verlassen weil ich es nicht mehr aushalten konnte. Zum Glück bin ich irgendwann aufgewacht und so langsam lichtet dich das bedrückende Dunkel dieser Welt für mich. Ich war über 30 Jahre offiziell normal, auch wenn jeder der mir nahe stand immer von mir behauptete ich seie irgendwie anders als andere, mache komische Dinge, denke und handle komisch anders. Ich habe mich immer sehr bemüht, möglichst nicht anders zu sein um dazuzugehören. Ich habe so auch viele Dinge getan, die mir sehr schadeten. Jetzt erst entdecke ich meine andere Seite. Eine die nicht lügen kann und mag, die nicht weiß was andere denken, die immer sagt was sie denkt, die komisch ist, seltsame Dinge tut und mag, die Rituale braucht, die Menschenmengen nicht mag, der alles schnell zuviel wird, eine die sogar als totaler Chaosliebhaber plötzlich Ordnung liebt. Die muß ich jetzt erstmal annehmen und lieben lernen. So langsam wird das auch was, weil es alles viel echter und daher angenehmer ist. Ich bin nicht mehr wie früher, ich bin jetzt ANDERS. Daher auch mein Nickname. Mal gucken was sich noch alles ändern wird in meinem Leben. Ich bin gespannt und lasse euch daran soweit möglich teilhaben. Wen es interessiert: ich bin mir inzwischen wirklich 100%ig sicher, Asperger zu sein, auch wenn ich in manchen Bereichen und in meiner Außenwirkung so gar nicht ins Bild passen mag. Ich bin allerdings noch nicht offiziell diagnostiziert, außer vielleicht von mir selber (ich verfüge schon beruflich über alle offiziell eingesetzten Fragebögen, Tests und so und habe sie natürlich auch alle gemacht) und ich habe passende Beurteilungen von befreundeten Psychologen. Mir ist eigentlich egal, wie sich das nennt was ich habe. Es reicht mir selber zu wissen wo ich stehe. Aber es gibt so viele Menschen die mich sonst nicht ernst nehmen. Ich habe keine Lust mit meinen Mitmenschen darüber zu reden ob es vielleicht sein kann oder nicht in ihren Augen, sondern ich möchte mit ihnen auf Basis einer Aspergerdiagnose über mich reden. Daher wird das im September mal ganz offiziell gemacht. Trotzdem möchte ich hier jetzt schon aus der Sicht eines Autisten schreiben, ich hoffe daß es für die Leser okay ist.

Lohengrin (@Anomaspe)

Mein Name tut nichts zur Sache. Ich veröffentliche unter dem Pseudonym Lohengrin. Ich bin 40 Jahre alt und von Beruf Journalist. Schon seit 6 bis 7 Jahren habe ich den Verdacht, dass ich Asperger-Autist bin. Seit diesem Jahr 2015 habe ich auch eine Verdachtsdiagnose einer Psychiatrie (Verdacht auf Autistische Spektrumsstörung). Derzeit warte ich auf meinen Diagnosetermin im Oktober.

Wie kam ich auf meinen Verdacht? Dass ich anders war, wusste ich schon immer. Nur glaubte ich, diese Andersartigkeit hätte multiple Ursachen. Ich war sportlich und handwerklich total unbegabt, bei den Schulkameraden absolut unbeliebt, hatte kaum Freunde, meine erste Freundin erst mit 23, mein erstes Date nur wenige Monate zuvor, und wenn ich unter Leuten war, musste ich meine ganze Konzentration darauf verwenden, nicht irgendwie merkwürdig zu erscheinen – was allerdings meist misslang, da ich nicht wusste, was eigentlich mein Problem war. Das Ergebnis waren starke Minderwertigkeitsgefühle, dann im Teenager-Alter der Eindruck, das Leben ginge an mir vorbei, und manchmal ging sogar der Wunsch zu sterben damit einher.

Im Studium besserte sich alles, und ich hatte den Eindruck, die Probleme meiner Jugend seien endgültig überwunden. Ich fand sogar einen Freundeskreis und fühlte mich wohl. Allerdings: Mit Frauen hatte ich immer noch meine Probleme. Während andere mühelos Partnerinnen fanden, war es bei mir jedesmal ein Kampf, der spätestens nach einem Monat beendet war.

Während meines Volontariats brachen meine Probleme wieder aus: Ich fand keinen Anschluss, schaffte es nicht, mich in die Gruppe meiner Kollegen zu integrieren – und merkte zunächst nicht einmal, dass da was nicht stimmte. Ich bekam es nicht mit, wenn sich ein Großteil der Redaktion auch abends traf. Mich lud niemand ein.

Das ganze wurde noch verschärft durch Probleme mit den Vorgesetzten. Sie betrafen weniger meine Arbeit – die wurde vom Anfang bis zum heutigen Tag immer als hervorragend eingestuft – sondern vielmehr mein Verhalten. Ich merkte, dass ich feste Routinen brauchte, die aber im Journalismus fehl am Platz waren, und dass ich manchmal ungemütlich wurde, wenn ich diese Routinen nicht einhalten konnte.

Es waren genau diese Routinen, die mich an etwas erinnerten: an den Film Rain Man. Ich wusste damals nicht viel über Autismus, und noch weniger ahnte ich, dass es etwas mit mir selbst zu tun haben könnte. Mein Autismus-Bild war vollkommen vom Kanner-Syndrom geprägt.

Aber Ähnlichkeiten mit Rain Man waren bei mir vorhanden: Große Anpassungsschwierigkeiten bei gleichzeitig bemerkenswerten geistigen Leistungen. Klar, beides war bei mir bei weitem nicht so stark ausgeprägt wie bei Raymond, aber konnte es sein, dass es eine weniger stark ausgeprägte Form des Autismus gab? Eine, bei der die Betroffenen fast normal wirkten und sogar ein vordergründig mehr oder weniger normales Leben führen konnten?

Ich recherchierte im Internet, stieß auf das Asperger-Syndrom, las und konnte gar nicht mehr aufhören zu lesen. Denn was dort geschrieben wurde, passte so gut auf mich, dass für mich damals kein Zweifel bestand. Ich war Autist – das also war der Grund meiner jahrelangen Probleme, meinen Platz in der Gesellschaft zu finden. Die Frage war nur: Wie ging ich mit dieser Erkenntnis um? Was folgte waren zwei Diagnoseversuche, viel Recherche im Internet und in Büchern und etliche Kontakte zu Autistinnen und Autisten. Aber das ist eine lange Geschichte voller Zweifel und Irrwege.

Ob ich wirklich Autist bin, weiß ich immer noch nicht. Aber irgendwas an mir ist komplett anders als an den meisten anderen Menschen. Und was das ist, das werde ich in diesem Blog schreiben.

Wer wir sind

Ich bin Melanie Alexa Thrandorf, 48 Jahre alt oder jung (wie man es sieht), Diagnose F84.5 mit 39 Jahren. So rein von außen betrachtet bin ich ein wahres Aus-bund an frischester „Unbehindertheit“ …alles normal. Normal groß, Normalgewicht, relativ jugendliches Aussehen (und das, obwohl ich „nie ein Kind von Traurigkeit war“ und mein halbes Leben lang ziemlichen Raubbau an meiner Gesundheit betrieben habe), und ne Lesebrille hab ich auch erst seit ein paar Jahren. Und dabei werde ich bald 50. Und trotzdem stand Eines seit meiner frühesten Kindheit fest: Irgendwas lief bei mir völlig anders als bei allen anderen um mich herum. Und das merkte nicht nur ich, sondern auch sämtliche Menschen, die mit mir zu tun hatten. Mein Vater, der immer ein Mann von klaren Worten war, sprach seine erste „Verdachts- Diagnose“ bereits aus, als ich noch im zarten Kindesalter war. Eines Tages sagte er schlicht und ergreifend: “Bei dir stimmt was nicht im Kopf!“ Allerdings hatte er damals noch keine Ahnung, wie Recht er damit hatte- zumindest aus neurotypischer („normaler“) Sicht. Und ich auch nicht. Denn ich bin mit „Baujahr 1966“ zu einer Zeit aufgewachsen, zu der die Autismusforschung noch in den Kinderschuhen steckte und meine Eltern wären schon allein aus Scham niemals mit mir zum Psychiater oder Psychologen gegangen. Nachdem zuhause keiner mehr mit mir klar kam, wurde ich ins Internat verfrachtet, wo dann auch kurz vor meinem 16. Geburtstag meine „Diagnose- Laufbahn“ begann. Diagnostiziert wurde im Laufe der kommenden Jahre so alles Mögliche- immer getreu des Wissensstandes der praktizierenden Experten- angefangen mit BLPS =Borderline- Persönlchkeitsstörung über bipolare Persönlichkeitsstörung (MD), anarkastische Persönlichkeitsstörung (zwanghaft) bis hin zu ADHS. Aber erst mit 39 Jahren habe ich des Rätsels Lösung bekommen- das fehlende Puzzleteil sozusagen, nach dem ich das ganze Leben gesucht habe. Die Diagnose hat mir endlich die Möglichkeit gegeben, mich selbst zu verstehen und somit eine andere Art der Bekanntschaft mit mir selbst zu machen. Der Weg dorthin war eine einzige Odyssee- eine katastrophale Achterbahnfahrt durch ein ziemlich verkorkstes Leben, in dem ich mich nahezu an jedem einzelnen Tag gefragt habe, was mit mir wohl nicht stimmt und meinen Teil dazu beigetragen habe, dass es der Pharma- Industrie gut geht. Niemals habe ich mich wirklich in einer der Diagnosen völlig wiedergefunden und habe mich von daher fast 40 Jahre lang unvollständig gefühlt. So gesehen ist die Diagnose F84.5 für mich ein Segen- obwohl es natürlich auch Tage gibt, an denen ich schon Ohrenkrebs bekomme, wenn ich nur das Wort ASPERGER höre. Ich bin biologische Mutter von 2 neurotypischen Töchtern ( 27 und 18 Jahre, die Jüngere mit ADHS), die es jeweils 14 Jahre bei mir ausgehalten und dann das Weite gesucht haben. Ich hatte 2 Ehen, heute bin ich allein lebend mit 5 Katzen und einem Hund, die für mich meine Familie sind. Von Beruf bin ich Altenpflegerin – jedoch bin ich nach einer schweren Bauch-OP seit Mai 2014 krankgeschrieben. Außerdem bin ich aufgrund von AS, diversen Persönlichkeitsstörungen als Komorbiditäten (MD, Zwangsstörungen, Alexithymie sowie Somatisierungsstörungen, motorischen und vokalen Tic- Störungen und Fibromyalgie) schwerbehindert. Zu meinen SI (Spezialinteressen) gehören Schreiben (ich schreibe unter anderem auch unter Emma Lexa- ein Pseudonym, das sich aus meinen beiden Vornamen M(elanie) und ALEXA zusammensetzt) , ferner Literatur und Dichtung (Schwerpunkt Hermann Hesse), sowie Weltgeschichte, Philosophie, Mythologie, gotische Baukunst, Psychologie, Psychiatrie und natürlich besonders alles, was mit dem Thema Asperger zu tun hat. Außerdem beschäftige ich mich noch mit kreativem Gestalten und male ein bisschen. Ich wünsche mir, dass wir mit diesem Blog viele Menschen erreichen, ein wenig zur Aufklärung beitragen und einen Einblick in die vielen unterschiedlichen Facetten, die das Autismus- Spektrum in sich trägt, geben können.

BloOsPlanet

Ich heiße BloO, ich lebe seit mehr als 25 Jahren auf diesem wunderschönen Planeten, im wunderschönen Hamburg.

Im Herbst 2012 wurde ich stark depressiv. Ich verlor 15kg. Das Leben war nur noch ein Überleben und nichts hielt mich mehr. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt alles verloren. Freunde, Familie, Studium, Lebenssinn, Partner und schlußendlich sogar fast meine Wohnung. Mit Mühe und Not konnte ich den Verlust der Wohnung abwenden. Tage später verstummte ich für drei Tage. Das war im März 2013. Ich lief zur Polizei und teilte ihnen auf einem Zettel mit, dass ich mich nicht mehr in der Lage sähe, mein eigenes Leben zu schützen. Daraufhin brachte mich ein Krankenwagen in die nächstgelegene Psychiatrie. Zwei Monate verbrachte ich dort. In meiner ersten Sitzung wurde ich gefragt, was ich mir von diesem Aufenthalt wünsche. Ich antwortete: „Ich möchte einfach nur endlich wissen, was mit mir nicht stimmt. Ich bin so anders, ich kann mir nicht helfen, ich verstehe das alles nicht.“ Ich war zu diesem Zeitpunkt am Boden zerstört. Ich hatte alles versucht, um ein gewissenhafter Teil dieser Gesellschaft zu werden, doch egal was ich unternahm, ich schaffte es nicht. Ich strengte mich immer mehr an, doch anstatt mich in ein glückliches Leben zu führen, führten mich diese Bemühungen nur immer tiefer in den Abgrund. Nun war ich am Ende angekommen.

Nach einiger Zeit sprach mich meine Therapeutin an. Sie fragte mich Dinge über die anderen Patienten und ich war hilflos, verstand nicht, was sie da von mir wollte, begriff nicht ihre Intention. Eine Woche später äußerte sie ihre Vermutung. Ich habe das Asperger-Syndrom. Es dauerte keine zwei weiteren Wochen, da fing die Diagnostik an. Getestet wurde auf alles, schließlich war das mein Wunsch. Als ich ihren Verdacht hörte, war ich fast versucht zu lachen. Ich? Asperger? Nie im Leben! Ich schaute zwar einmal kurz drüber und ich erkannte mich auch, aber ich nahm es nicht Ernst, lachte und beschäftigte mich nicht weiter damit. Ich machte mich nur darüber lustig. Doch der Verdacht erhärtete sich. Und am Schluß stand es da. Schwarz auf weiß. Im Frühjahr 2014 habe ich die Diagnose bestätigen lassen und zweifele seitdem auch nichts mehr an.

Außerdem habe ich seit meinem vierzehnten Lebensjahr eine Dysthymia. Eine chronisch verlaufende Depression, die zwar in ihrer Schwere nicht so schrecklich tief geht, aber wenn zu einem Dysthymia-Tief eine depressive Episode dazu kommt, spricht man von einer Doppeldepression. Und die ist dann wirklich schlimm. In so einer Phase befand ich mich.

Heute ist die Depression geheilt. Ich habe viele Erlebnisse aus meiner Kindheit aufgearbeitet, dank der Asperger-Diagnose. Ich habe vieles in und an mir verstanden. Ich habe mir in einem unerbittlichen Kampf eine Basis geschaffen, die mich heute stützt und die mir hilft. Aus dieser Position heraus, kann ich schon sehr gut arbeiten. Ich habe mein ganzes Leben umgekrempelt. Ich habe alles neu gemacht. Ich habe alles aus meinem Leben entsorgt, was schlecht für mich war und heute geht es mir deswegen wieder gut. Aber es war schwer. Sehr schwer.

Jetzt versuche ich meinen Traum umzusetzen. Ich habe ein Ziel, zu dem ich möchte und das werde ich auch erreichen. Viele Teilziele habe ich schon erreicht. Viele muss ich noch erreichen. Aber ich gehe mit Zuversicht in die Zukunft und ich weiß, das es gut werden wird.

Auf meinem eigenen Blog, den ich gerade umstrukturiere, berichte ich über meinen Kampf, einen neuen Weg für mich zu finden: http://www.bloosplanet.wordpress.com

KlarNetAut

Auf die Idee, das Asperger-Syndrom (abgekürzt AS) zu haben, wäre ich vermutlich nie gekommen. Und das, obwohl ich ein Psychologie-Studium abgeschlossen habe. Mein Alter liegt übrigens zwischen 20 und 30 Jahren.

Vor gar nicht allzu langer Zeit habe ich zufällig einen Artikel über „weiblichen“ Autismus gelesen. Darin habe ich mich sofort wiedererkannt und hatte endlich die Erklärung dafür, warum ich mich mein ganzes Leben lang so anders als alle anderen gefühlt habe. Später sollte ich erfahren, dass Frauen mit Asperger häufig fehldiagnostiziert werden, oder überhaupt keine Autismus-Diagnose bekommen, weil wir uns im Alltag so gut tarnen können. Wir sind perfekte Schauspieler, die in der Außenwelt möglichst wenig Schaden nehmen möchten und es schaffen, ihre Besonderheiten in Wahrnehmung und Kommunikation zu verstecken. Ein weiterer Grund ist, dass sich die Diagnostikkriterien für das Asperger-Syndrom, das 1944 erstmals von Hans Asperger (http://de.wikipedia.org/wiki/Hans_Asperger) beschrieben wurde, an Männern orientieren. Über ein halbes Jahr nach der Selbsterkenntnis/-diagnose folgte die offizielle Diagnose, die in einer Spezialambulanz für Autismus gestellt wurde.

Während des Diagnostik-Prozesses wurde ich immer wieder damit konfrontiert, dass sowohl der Fachwelt, als auch Laien keine, zu wenige oder falsche Informationen über Autismus vorliegen. Dieser Blog soll zur Aufklärung über Autismus beitragen. Ich hoffe, dass Sie, lieber Leser, Folgendes werden sehen können: Dass auch wir, neben viel Herz und Hirn, Freude am Austausch haben und durchaus zur Selbstreflektion fähig sind. Ich hoffe, dass Sie den Blog mit Interesse lesen werden und auch verbreiten möchten, wenn auch Sie ein Stück weit zur Aufklärung über Autismus beitragen wollen.

Ihre KlarNetAut

Kontakt: klarnetaut@gmx.de