Über Fachärzte und Schubladen

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Ich bin jetzt erst mal wieder geheilt!
Und zwar von Fachärzten.

Es ist so:
Da ich ja schon ne verhältnismäßig „alte Schachtel“ (bald 50) bin und weder für mich noch für meine Umgebung eine Gefahr darstelle, interessiert da draußen niemanden, was ich mach und wie es mir geht. Ich tu ja keinem was.
Eigentlich bin ich auch ganz froh darum, wenn ich einfach meine Ruhe hab und leben kann, wie ich es will und brauche und so sein kann, wie ich bin. So soll es ja auch eigentlich sein, ne?
Das war aber nicht immer so.
Blöderweise komm ich aus ner Generation , in der Asperger Autismus noch gar kein THEMA war, weil es „SOWAS“ damals einfach noch nicht gab.

Man darf nämlich nicht vergessen, dass das Asperger-Syndrom erst 1991 in das medizinische Klassifikationssystem ICD der Weltgesundheitsorganisation aufgenommen wurde und im Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (DSM), dem Klassifikationssystem der American Psychiatric Association, sogar erst seit 1994 erscheint.

Das heißt aber nicht, dass es vorher noch keine Asperger gab, bzw. Menschen mit ASS (Autismus Spektrum Störungen)- wie es heute heißt.
Ich weiß nicht- ich kann mich mit der Bezeichnung ASS einfach nicht anfreunden. Die ist mir zu widersinnig. Und zu NT, denn „gestört“ ist unser Spektrum für uns ja nicht. Aber das ist wieder ein anderes Thema und hat wohl eher was mit unserem Hang dazu, alles „wortwörtlich“ zu verstehen, zu tun.

Naja, wieder zurück zum Thema…

War man damals „verhaltensauffällig“ oder „schwer erziehbar“, wurde eben nach damaligem Wissensstand an einem „herum- ge-doktort“.
Und wie die meisten anderen Spätdiagnostizierten bin ich auch irgendwann in die Diagnose- Spirale geraten , von der aus sich dann ein Diagnose- Marathon entwickelt hat, in dem es alle paar Jahre eine neue Erkenntnis seitens der „Fachwelt“ gab…und natürlich ne neue Diagnose, ne neue Persönlichkeitsstörung und lustige, bunte Pillen.
Ich denke, das kennen viele von den Älteren.
Auf die Idee, man könnte einfach ein „anderes“ Gehirn haben, kam eben damals noch KEINER.

Aufgrund meiner Erfahrungen, die ich im Alter von 16 bis etwa 30 mit Psychiatern und Psychologen hatte, hab ich mir in den letzten Jahren eher angewöhnt, einen Bogen um Fachärzte zu machen, zumal ich hier in einer ziemlich hinterweltlerischen Gegend leb, in der Fachärzte ohnehin rar gesät sind und wo man von AUTISMUS noch immer ein ziemlich beschränktes Bild hat.
Ich habe das Glück, dass ich wirklich einen Super- Hausarzt habe. Bei meinem Hausarzt bin ich schon über zehn Jahre in Behandlung und der kennt mich mittlerweile sehr gut und weiß auch ziemlich genau, wie ich ticke. Und da ich alle 2 Wochen in die Praxis gehe, hat der gute Mann mich im Laufe der ganze Jahre schon in wirklich beinahe allen möglichen Phasen und Zuständen erlebt und ist auch über sämtliche (teilweise Fehl-) Diagnosen aus der Vergangenheit im Bilde. Er versteht sich als Dienstleister am Menschen und hilft, wo er nur kann- auch bei Projekten außerhalb der Praxis. Außerdem hat er ein ganz feines Gefühl für Stimmungen und eine extrem gute Beobachtungs- Gabe.
Also kurz- ein Glückstreffer. So was begegnet einem nicht überall. Und ohne solche Menschen wären wir hier in der Prärie verloren.
Dieser Mann wird auf jeden Fall nach seinem Tod sofort im Himmel für gute Ärzte landen- sofern es den gibt- da bin ich mir vollkommen sicher.

Komm ich zu meinem Arzt in die Praxis, fragt er nicht der Höflichkeit halber „Wie geht es Ihnen?“, sondern er „scannt“ mich kurz von Kopf bis Fuß ab… und meistens erahnt er ziemlich zielsicher, wie es grade so tendenziell in mir aussieht. In 9 von 10 Fällen liegt er richtig.
Und das, obwohl ich eine extrem reduzierte Mimik und in Alltags- Situationen ziemlich monotone, tiefe Stimme habe und laut irgendwelcher „Fachleute“ wenig schwingungsfähig bin.
Neulich hatte ich zum Beispiel mal wieder eine ziemliche Depri- Phase und als ich in die Praxis kam, musterte er mich kurz und meinte:“ Na, Sie haben ja an den Haaren rumgeschnippelt- was war denn los?“

Ein anderer Arzt hätte so was wahrscheinlich gar nicht bemerkt oder vielleicht höchstens gedacht, ich wäre beim Friseur gewesen.
Nicht so mein Arzt. Der weiß eben seit Jahren, dass Haare- Schnippeln in Stresssituationen ein Stimming bei mir ist.
Auf so einen Level muss man erst mal mit einem Arzt kommen.
Aber der gute Mann ist halt „nur“ Allgemeinarzt. Und somit für gewisse Dinge einfach nicht der richtige Ansprechpartner- und das sagt er einem dann auch und gibt einem ne Überweisung für einen Facharzt. Ich hab ne halbe Schublade voll Überweisungsscheine an Fachärzte, die ich nie benutzt hab, weil es hier in der Wallachei einfach keinen geeigneten Ansprechpartner gibt (damit meine ich jemanden, der auch ein bisschen „über den Tellerrand“ blickt).

So… dann passierte neulich Folgendes…( ich bin so ein naives, altes Kind, das immer an „Winke vom Universum“ glaubt…).

Vor etwa einem Vierteljahr verstarb mein Hund (an Altersschwäche).
Gleichzeitig wurden an der riesigen, sich drehenden Uhr auf der anderen Straßenseite die Werbeflächen ausgetauscht- und zwar alle 4 mit der gleichen Werbung- nur jeweils in anderen Farben.
Seitdem sehe ich immer, wenn ich aus dem Fenster schaue, auf den Werbetafeln einen Wecker, auf dem es 5 vor 12 ist und darunter der Satz „Verschenken Sie nicht ihre Zeit“.
Jeden Tag- nonstop.

Die Sache wurde bei mir unter der Rubrik „Wink vom Universum“ verbucht, und ich beschloss, tatsächlich nicht mehr meine Zeit zu verschenken, und von nun an auch mal „neue Wege“ zu gehen- und zwar im wahrsten Sinne des Wortes, denn zu Lebzeiten meines Hundes habe ich tagtäglich zu Fuß immer nur die gleichen Wege benutzt.
Und so kam ich- man stelle sich vor- auf die andere Straßenseite. Zum ersten Mal seit ca. 6 Jahren. KEIN WITZ.
Denn da ich für meine Besorgungen in der Stadt eine andere Route habe und der „Gassi- Park“ auf meiner Seite der Straße liegt, gab es für mich einfach keine Veranlassung, mal die Straßenseite beim Spazierengehen zu wechseln.
Und siehe da, plötzlich stand ich vor einem etwas versteckt liegenden Haus, vor dem ein fettes Messingschild angebracht war.
Frau Dr. Blablabla
Fachärztin für psychosomatische Medizin, Psychotherapie, Psychoanalyse und was- weiß ich- noch alles.
Zu allem Überfluss fiel in dem Moment, als ich vor dem Schild stand, noch die Sonne darauf, die es regelrecht „erstrahlen“ ließ, und es hätte eigentlich nur noch gefehlt, dass kleine, dicke Putten-Engelchen am Himmel erschienen und auf Trompeten bliesen, um die Vorstellung von „Wink vom Universum“ zu komplettieren.

Jedenfalls hatte ich von dem Moment an die „fixe Idee“, dass ein Wink vom Universum mich zu diesem Haus geführt hatte, da aufgrund meiner Alexithymie Somatisierungsstörungen zu meinen Hauptproblemen zählen und ich mir wahrscheinlich eines Tages die Seele aus dem Leib kotze oder so was in der Art.

Es folgten Wochen, in denen mich der Gedanke an diese Ärztin nicht mehr losließ.
(siehe Blogbeitrag: Über „mal eben“ telefonieren)

Um der guten Frau mein Anliegen zu erklären, hatte ich erst mehrere Briefe verfasst und wieder gelöscht und mich dann nach tagelangem Hin und Her dazu durchgerungen, sie wegen einem Termin anzurufen.

Und endlich kam dann dieser Termin. Morgens um 8.

Die Dame hatte mich am Telefon gebeten, weder zu früh noch zu spät zu erscheinen und so stehe ich Punkt 8 Uhr auf der Matte und klingele… und warte….und klingele noch mal…und warte.
Gerade, als ich wieder gehen will, geht dann tatsächlich die Tür auf, und Frau Dr. Blablabla steht vor mir.
Eine völlig blutleere Erscheinung mit einem Händedruck wie ein toter Fisch.
Ich hasse „toter- Fisch- Händedruck“ wie die Pest. Wenn ich schon jemandem die Hand geben muss, dann bitte nicht so was…. Aber ich schlucke es runter wegen „Wink vom Universum und so“ und folge der Dame in ihr Sprechzimmer, in dem eine Liege sowie ein Couchtisch mit zwei Ledersesseln und ein Bücherregal steht.
„Bitte nehmen Sie links Platz!“
Oh Mann, ich hasse es, wenn ich links Platz nehmen soll, vor allem, wenn das Bücherregal auch links steht und ich so noch nicht mal sehen kann, was für Bücher im Regal stehen- aber auch hier erinnere ich mich wieder an „Wink vom Universum“ und tue, wie mir gesagt wird und krame meine KK- Karte und meine Überweisung heraus, was ein gewisses Maß an Leben in Frau Dr. Blablabla hervorruft.
Mit einem Blick auf die Überweisung spöttelt sie:“ Na, für einen Autisten haben Sie aber einen ziemlich festen Händedruck…“.

Ruhig bleiben…ruhig bleiben…ruhig bleiben…denk ans Universum…

Während sie gierig und ein bisschen triumphierend die Karte in ihr Lesegerät steckt, hängt mein Blick an dem Tischchen zwischen uns, auf dem eine frisch aufgerissene Packung Kosmetiktücher steht- und zwar aufgerissen wie von nem wilden Tier- und nicht schön an der Perforierung entlang- so was hasse ich wie die Pest.
Aber ruhig bleiben…ruhig bleiben…ruhig bleiben…denk ans Universum…
Dann wendet sie sich wieder an mich. „Ich muss Ihnen zunächst ein paar Fragen stellen.“
Es folgen einige Fragen zu mir (wie viele Kinder, wie oft verheiratet, blablabla)- die ich auch alle nach bestem Wissen und Gewissen beantworte.
Darauf Frau Doktor:“ Sie kommunizieren ja ganz normal. Das ist gar nicht autistisch. Und ziehen sie mal bitte ihr Armband aus- das stört mich!“
(Ich trage immer ein Armband mit Glöckchen(Schellen)- für mich ein wichtiges Stimming).
Aber na gut- ruhig bleiben…ruhig bleiben…denk ans Universum…

Nachdem ich dann endlich kurz die Gelegenheit bekomme, über die Tragweite meiner Somatisierungsstörungen zu sprechen, unterbricht sie mich mit den Worten: „Ich bin ein Fan von stationärer psychosomatischer Rehabilitation!“

„Ich aber nicht“, sag ich, denn an dem Punkt ist bei mir Feierabend mit „ruhig bleiben…ruhig bleiben… und Wink vom Universum“.
Stationär kommt für mich einfach nicht mehr in Frage. PUNKT.
Ab dem Moment ist Frau Dr. Blablabla beleidigt und auf dem Kriegszug.
„Sie kommen zu mir- einer Fachärztin- und denken, dass Sie besser Bescheid wissen als ich?!“,giftet sie mich an.
„Naja, immerhin leb ich ja schon ein halbes Jahrhundert in meinem Körper und bin sozusagen auch Fachfrau!“, geb ich zurück (mittlerweile wissend, dass es zumindest dieses Mal KEIN Wink vom Universum war, als ich zum ersten Mal vor der Türe dieser Frau stand).
Und meine innere Aufforderung an mich, ruhig zu bleiben, zielt mittlerweile eigentlich nur noch darauf ab, nicht einfach aufzustehen und zu gehen.
Plötzlich jedoch bekommt ihr farbloses Gesicht einen triumphalen Zug.
„SIND SIE EIN MISSBRAUCHSOPFER?“ fragt sie und schaut mich listig an, beugt sich vor und schiebt die Kosmetiktücher ein Stück näher zu mir herüber. Ähm? Was soll das jetzt?
So- jetzt ist der Punkt gekommen, an dem es mir einfach zu blöd wird und ich mach zu.
„Ich bin nicht erkältet, danke!“
Sie mustert mich und sagt:“ Ich glaube, wir finden keinen gemeinsamen Nenner!“
„Das glaub ich auch!“, sag ich und möchte gehen.
„Ich brauche noch eine Unterschrift von Ihnen!“, sagt sie und legt mir ein leeres Blatt vor.
„Blanko?“ frage ich, und muss lachen…“Ich unterschreibe nichts blanko!“.
Zwei Minuten später stehe ich draußen vor der Tür.
WAS WAR DAS?
Jedenfalls kein Wink vom Universum.
So, jetzt bin ich erst mal für die nächsten Jahre wieder „geheilt“.
Und zwar von Fachärzten.

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Alexithymie

Leben mit Alexithymie ist ein bisschen wie alleine Wandern im Land der Gefühle. Und zwar ohne Karte und Kompass.
Wie viele andere Menschen im Autismus- Spektrum bin ich alexithym- also gefühlsblind.
Bei der Alexithymie (Gefühlsblindheit) handelt es sich nicht um eine Krankheit im eigentlichen Sinne, sondern vielmehr um ein Persönlichkeitsmerkmal, das etwa 10% der Bevölkerung betrifft und in den letzten Jahren besonders verstärkt bei weiblichen Autisten bemerkt wurde.

Den Begriff Alexithymie prägte der amerikanische Psychiater Peter Sifneos in den 70er Jahren.
Er setzte ihn aus den griechischen Teilen a, lexis und thymos (»kein Wort für Gefühl«) zusammen.
In der Emotionsforschung wird dieses Phänomen als emotionales Analphabetentum oder Gefühlsblindheit bezeichnet. Allerdings muss man sagen, dass „Kein Wort für Gefühl“ viel treffender ist als „Gefühlsblindheit“
Vieles spricht dafür, dass in den Gehirnen von Menschen mit alexithymen Symptomen das limbische System nicht richtig mit dem präfrontalen Cortex vernetzt ist.
Betroffene empfinden zumeist weder Trauer noch Freude, was für das soziale Umfeld unter Umständen sehr schwer zu ertragen ist. Ebenso können Betroffene z.B. Gefühle von Hilflosigkeit und seelischem Schmerz nicht bei sich wahrnehmen oder beschreiben ihre Empfindungen lediglich als „schlecht drauf sein“.
Viele der Betroffenen (vor allem Frauen) verspüren überhaupt keine Gefühle sondern erleben anstelle dessen lediglich Missempfindungen oder Schmerzen im Körper.
Erschöpfung, chronische Schmerzen, Beschwerden des Herz-Kreislauf-Systems oder im Magen-Darm-Bereich werden besonders bei Frauen mit Alexithymie häufig beobachtet. Mein Körper zum Beispiel wandelt zum Beispiel seelische Probleme, die ich nicht identifizieren kann, sofort in Schmerzen um, und so sagt mir mein Schmerzmittelverbrauch oftmals mehr über meinen Gefühlszustand aus als ich zu der Frage:“ Wie geht es dir?“ sagen könnte

Als Persönlichkeitsmerkmal tritt die Alexithymie meist in der frühen Kindheit auf, bleibt über die Lebensdauer meist stabil und hat starken Einfluss auf das soziale Verhalten. Ein Mensch, der alexithyme Symptome aufweist, hat als Kind vermutlich nicht alle dafür notwendigen Entwicklungsschritte durchlaufen, was zumeist auf eine Fehlentwicklung oder Vernachlässigung der sozialen Interaktionen zwischen dem Kind und seiner Umgebung/ Primärfamilie zurück zu führen ist.
In diesem Fall spricht man von der primären Alexithymie.

Eine weiter Form ist die sekundäre Alexithymie, die häufig infolge von Traumata entsteht und im Gegensatz zur primären Alexithymie therapierbar ist.

Alexithyme Menschen sind nicht gefühllos, die Betroffenen haben lediglich weniger oder keinen Zugang zu ihren Gefühlen, grundsätzlich jedoch nicht weniger Gefühle als andere.
Körperlichen Reaktionen auf Gefühle werden von alexithymen Menschen häufig falsch verstanden beziehungsweise können nicht richtig eingeordnet werden, was zu Verwirrung führen kann. Weil Alexithyme ihre körperlichen Reaktionen auf Gefühle zwar nicht gut zuordnen, aber sehr wohl spüren können, wird von Alexithymen beispielsweise Herzrasen nicht als Signal von Angst, sondern als Symptom einer Herzerkrankung, und Grummeln im Bauch nicht als Nervosität, sondern eben als Bauchschmerz gedeutet.

In zahlreichen Studien wurden Zusammenhänge von Alexithymie mit psychischen Problemen wie Essstörungen, Drogenmissbrauch, Depressionen und Angststörungen nachweisen.

Das Leid mit der Depression

Am besten könnte man über Depressionen schreiben, wenn man gerade depressiv ist. Dann ist man „mittendrin und dabei“. Wer knackedepressiv ist, macht das aber nicht. Er macht gar nichts mehr, außer im Bett zu liegen und zu grübeln. Zu weinen, ohne Außenstehenden erklären zu können, warum. Oder er ist rastlos, bekommt kaum Schlaf. In dem Fall kann er sich aber bestimmt auch nicht darauf konzentrieren, seine Depressionen in Worte zu fassen, weil die Konzentration bei dieser Erkrankung in Mitleidenschaft gezogen wird.

Bei mir lag der erste Fall vor. Antriebslosigkeit, Freud- und Interessenslosigkeit, Schlafstörungen. Nichts mehr fühlen können. Suizidgedanken, konkrete Suizidpläne bis kurz vor Ausführung. In der schlimmsten Phase (schwere depressive Episode) sieht es so aus: Du wachst auf und der erste Gedanke ist, dass du sterben willst. Auch weitere Gedanken des Tages und der weiteren Tage und Wochen drehen sich hauptsächlich darum. Dann machst du dir keine Vorwürfe mehr, findest nicht mehr nur dich selbst und die Umwelt zum Kotzen. Es ist egal was ist und wird, du willst einfach nicht mehr sein. Dich berührt nichts mehr, du fühlst nichts mehr außer Apathie. Du kannst dir gar nicht mehr vorstellen, dass es mal aufhören könnte. Und du erinnerst dich nicht mehr, was für ein Mensch du vor der Depression warst. Alles wird wie durch Milchglas wahrgenommen.

Aber es hört auf. Immer. Deswegen darf man die Hoffnung niemals aufgeben. Und dann willst du, dass es nie wiederkommt und würdest alles dafür tun, dass du dich weiterhin „normal“ fühlen kannst.

Depressionen und Autismus treten sehr oft zusammen auf (sind komorbid). Würde ein Mensch ohne Autismus seit fast zwei Jahrzehnten jedes Jahr depressiv werden, käme bei ihm irgendwann die Überlegung, einen Besuch bei einem Therapeuten abzustatten. Oder zumindest, dem Hausarzt sein Leid zu klagen. Natürlich hat man in unserer Gesellschaft Angst, durch das Depressions-Label als „verrückt“ abgestempelt zu werden. Deswegen ist es für die meisten Menschen mit großer Überwindung verbunden, sich beim Arzt als depressiv zu outen (oder überhaupt in seinem näheren Umfeld über das Problem zu sprechen). Meine Phasen dauerten immer einige Monate, die letzte Phase ging allerdings über neun Monate und war schlimmer als je zuvor.

Autistische Menschen haben meistens keine gute Selbstwahrnehmung. Deswegen kann man davon ausgehen, dass sie erst merken, dass etwas nicht stimmt, wenn es fast schon zu spät ist (oder gar nichts merken). Im Glücksfall fällt nahestehenden Personen auf, dass der Autist irgendwie komisch ist, sich nicht wie sonst verhält. Ein Mensch mit Autismus kann sich in den seltensten Fällen so gut bemerkbar machen, dass beim Gegenüber auch wirklich ankommt, was für Probleme er hat.

Bezüglich der Medikation wirken Antidepressiva häufig nicht so, wie sie sollen (paradoxe Wirkung), oder sie wirken gar nicht. Im besten Fall probiert man, mit Hilfe des Arztes, verschiedene Präparate aus, bis man etwas Passendes gefunden hat. Meistens ist eine geringere Dosis notwendig, als normalerweise von Ärzten empfohlen.

Im Jahr 2020 wird Depression übrigens, laut Weltgesundheitsorganisation, weltweit die zweithäufigste Ursache von gesundheitlichen Beeinträchtigungen sein (http://www.who.int/mental_health/management/depression/definition/en/).

Wer wir sind

Ich bin Melanie Alexa Thrandorf, 48 Jahre alt oder jung (wie man es sieht), Diagnose F84.5 mit 39 Jahren. So rein von außen betrachtet bin ich ein wahres Aus-bund an frischester „Unbehindertheit“ …alles normal. Normal groß, Normalgewicht, relativ jugendliches Aussehen (und das, obwohl ich „nie ein Kind von Traurigkeit war“ und mein halbes Leben lang ziemlichen Raubbau an meiner Gesundheit betrieben habe), und ne Lesebrille hab ich auch erst seit ein paar Jahren. Und dabei werde ich bald 50. Und trotzdem stand Eines seit meiner frühesten Kindheit fest: Irgendwas lief bei mir völlig anders als bei allen anderen um mich herum. Und das merkte nicht nur ich, sondern auch sämtliche Menschen, die mit mir zu tun hatten. Mein Vater, der immer ein Mann von klaren Worten war, sprach seine erste „Verdachts- Diagnose“ bereits aus, als ich noch im zarten Kindesalter war. Eines Tages sagte er schlicht und ergreifend: “Bei dir stimmt was nicht im Kopf!“ Allerdings hatte er damals noch keine Ahnung, wie Recht er damit hatte- zumindest aus neurotypischer („normaler“) Sicht. Und ich auch nicht. Denn ich bin mit „Baujahr 1966“ zu einer Zeit aufgewachsen, zu der die Autismusforschung noch in den Kinderschuhen steckte und meine Eltern wären schon allein aus Scham niemals mit mir zum Psychiater oder Psychologen gegangen. Nachdem zuhause keiner mehr mit mir klar kam, wurde ich ins Internat verfrachtet, wo dann auch kurz vor meinem 16. Geburtstag meine „Diagnose- Laufbahn“ begann. Diagnostiziert wurde im Laufe der kommenden Jahre so alles Mögliche- immer getreu des Wissensstandes der praktizierenden Experten- angefangen mit BLPS =Borderline- Persönlchkeitsstörung über bipolare Persönlichkeitsstörung (MD), anarkastische Persönlichkeitsstörung (zwanghaft) bis hin zu ADHS. Aber erst mit 39 Jahren habe ich des Rätsels Lösung bekommen- das fehlende Puzzleteil sozusagen, nach dem ich das ganze Leben gesucht habe. Die Diagnose hat mir endlich die Möglichkeit gegeben, mich selbst zu verstehen und somit eine andere Art der Bekanntschaft mit mir selbst zu machen. Der Weg dorthin war eine einzige Odyssee- eine katastrophale Achterbahnfahrt durch ein ziemlich verkorkstes Leben, in dem ich mich nahezu an jedem einzelnen Tag gefragt habe, was mit mir wohl nicht stimmt und meinen Teil dazu beigetragen habe, dass es der Pharma- Industrie gut geht. Niemals habe ich mich wirklich in einer der Diagnosen völlig wiedergefunden und habe mich von daher fast 40 Jahre lang unvollständig gefühlt. So gesehen ist die Diagnose F84.5 für mich ein Segen- obwohl es natürlich auch Tage gibt, an denen ich schon Ohrenkrebs bekomme, wenn ich nur das Wort ASPERGER höre. Ich bin biologische Mutter von 2 neurotypischen Töchtern ( 27 und 18 Jahre, die Jüngere mit ADHS), die es jeweils 14 Jahre bei mir ausgehalten und dann das Weite gesucht haben. Ich hatte 2 Ehen, heute bin ich allein lebend mit 5 Katzen und einem Hund, die für mich meine Familie sind. Von Beruf bin ich Altenpflegerin – jedoch bin ich nach einer schweren Bauch-OP seit Mai 2014 krankgeschrieben. Außerdem bin ich aufgrund von AS, diversen Persönlichkeitsstörungen als Komorbiditäten (MD, Zwangsstörungen, Alexithymie sowie Somatisierungsstörungen, motorischen und vokalen Tic- Störungen und Fibromyalgie) schwerbehindert. Zu meinen SI (Spezialinteressen) gehören Schreiben (ich schreibe unter anderem auch unter Emma Lexa- ein Pseudonym, das sich aus meinen beiden Vornamen M(elanie) und ALEXA zusammensetzt) , ferner Literatur und Dichtung (Schwerpunkt Hermann Hesse), sowie Weltgeschichte, Philosophie, Mythologie, gotische Baukunst, Psychologie, Psychiatrie und natürlich besonders alles, was mit dem Thema Asperger zu tun hat. Außerdem beschäftige ich mich noch mit kreativem Gestalten und male ein bisschen. Ich wünsche mir, dass wir mit diesem Blog viele Menschen erreichen, ein wenig zur Aufklärung beitragen und einen Einblick in die vielen unterschiedlichen Facetten, die das Autismus- Spektrum in sich trägt, geben können.