Über kongenitale Prosopagnosie- oder „Wer bist´n du, ey?“

Die kongenitale (angeborene) Prosopagnosie ist ein spannendes Thema in der Hirnforschung, das in den kommenden Jahren mit Sicherheit noch mehr und mehr ins Gespräch kommen wird, da erst seit relativ kurzer Zeit (ca. 2004) überhaupt etwas über diese Variante bekannt ist.

Bis dahin war nur die Variante der erworbenen Prosopagnosie bekannt, maßgeblich erforscht durch den deutschen Neurologen Joachim Bodamer,der 1947 ausführlich die Symptome von drei Patienten beschrieb, die nach einer Hirnverletzung ihre Angehörigen nicht mehr am Gesicht erkennen konnten. Joachim Bodamer nannte dieses Phänomen „Prosopagnosie“.

Unter Prosopagnosie (PA) versteht man die Unfähigkeit, Menschen alleine anhand des Gesichts zu erkennen. Der Begriff leitet sich aus den griechischen Wörten Prosopon = Gesicht- und Agnosia = Unfähigkeit des Erkennens ab und wird irreführenderweise auch oft als „Gesichtsblindheit“ bezeichnet.

Allgemein bekannt wurde das Thema Prosopagnosie durch das Buch von Oliver Sacks: „Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte“, in dem er schildert, wie z.B.ein Patient nach Hirnschädigung einen Hut an der Garderobe für das Gesicht seiner Frau hält und ein anderer fürsorglich Parkuhren tätschelt, weil er sie für Kinder hält und all solche Sachen.

Hier mag ja von mir aus noch der Ausdruck „Gesichtsblindheit“ einigermaßen Sinn machen.

Bei der kongenitalen (also der angeborenen) Prosopagnosie passt „Gesichtsblindheit“ meiner Meinung nach überhaupt nicht- denn man sieht ja sehr wohl Auge, Auge, Nase, Mund und so- also ist man auch nicht „gesichtsblind“.
Es ist etwas ganz anderes.
Ich kann zum Beispiel stundenlang im Wartezimmer oder sonstwo jemandem gegenüber sitzen und hab sofort wieder vergessen, wie derjenige aussieht, wenn er nicht grad auffällig ist wie Nina Hagen oder ne ausgefallen Fliege trägt, ne merkwürdige Haltung hat oder Augenbrauen wie Theo Waigel oder sonst irgendwas in der Art.
Ganz normale Leute sehen für mich alle irgendwie gleich aus und die Gesichter hinterlassen keinen bleibenden Eindruck in meinem Gehirn.

Wenn ich so jemanden nach 5 Minuten wieder über den Weg laufe, dann weiß ich meistens schon nicht mehr, dass ich ihn kurz zuvor schon mal gesehen habe.
Auf die Idee, dass ich Prosopagnostiker sein könnte, kam ich allerdings erst vor zwei Jahren, als ich in der Stadt unterwegs war, und aus dem Getümmel eine junge Frau auf mich zu kam, kurz vor mir stehen blieb, und dann kopfschüttelnd weiterging.
Erst als die junge Frau bereits wieder in der Menschenmenge verschwand, wurde mir allmählich klar, dass es meine eigene Tochter war.
Kein besonders tolles Gefühl, wenn man sein eigenes Kind in der Stadt nicht erkennt.
Genau so geht es mir auch bei anderen Personen, mit denen ich regelmäßig zu tun habe und die mir eigentlich gut bekannt sind.
Nehmen wir mal zum Beispiel die Helferinnen meines Arztes, die ich regelmäßig sehe oder die Verkäuferinnen im Laden um die Ecke, mit denen ich auch seit Jahren immer wieder zu tun habe…
Solange ich solche Menschen da antreffe, wo ich sie einordnen kann (sprich: an ihrer Arbeit) , habe ich nicht das geringste Problem. Ich weiß, wer wer ist, kenn die meisten auch beim Namen. Alles wunderbar.
Treffe ich so jemanden dann allerdings mal in der Stadt, ist es aber ganz schnell vorbei mit wunderbar, die Wiedererkennung funktioniert offenbar nur an Orten, wo ich weiß, dass ich diesen Menschen begegne.
Und dann kann es schon mal ganz schnell passieren, dass ich als unfreundlich oder arrogant empfunden werde, weil der andere vielleicht freudenstrahlend grüßt und ich selber nur ein großes Fragezeichen als Gesichtsausdruck habe…oder schlimmstenfalls überhaupt nicht reagiere, weil ich mich gar nicht angesprochen fühle und denke, der oder die meint wohl jemand anderes..

Und damit bin ich absolut kein Einzelfall! Da draußen laufen jede Menge Menschen rum, denen es genau so geht.
Ging man in 2004 noch von wenigen einzelnen Fällen der angeborenen Prosopagnosie aus, so weiß man seit 2012, dass mindestens 2% der Bevölkerung von angeborener Prospopagnosie betroffen sind.

Das ist zu einem großen Teil dem Forscherehepaar Martina und Thomas Grüter, Wissenschaftler am Institut für Humangenetik in Münster, zu verdanken, die sich über ein ganzes Jahrzehnt intensivst mit angeborener Prosopagnosie beschäftigt haben, unter anderem auch aus persönlichen Gründen, denn Dr.Thomas Grüter ist selbst auch von der angeborenen Prosopagnosie betroffen.
Er bezeichnet die angeborene Prosopagnosie als eine Teilleistungsschwäche des Gehirns, vergleichbar mit einer Schreib-Lese-Schwäche. Dr. Thomas Grüter hat in seinen Untersuchungen festgestellt, dass Menschen aus dem Autismus Spektrum öfter von kongenitaler Prosopagnosie betroffen sind als nichtautistische Menschen. Worin der Zusammenhang zwischen Autismus / AS und Prosopagnosie besteht ist jedoch nicht klar.
Die meisten Menschen mit angeborener Prosopagnosie fühlen sich jedoch dadurch nicht besonders stark beeinträchtigt, viele wissen noch nicht einmal, dass sie Prosopagnostiker sind, weil jeder, der sich schlecht oder gar nicht Gesichter merken kann, sich im Laufe des Lebens ganz von selbst Strategien aneignet, wie er Menschen wiedererkennt.
Wenn ich mit einer Person öfters zu tun habe, von der ich von vorneherein weiß, dass ich mir das Gesicht nicht merken kann, suche ich nach anderen Merkmalen.
Irgend etwas, das ich mir merken kann, finde ich eigentlich fast immer. Sei es an der Haltung,an der Stimme, am Gang ,an der Frisur, an den Händen, an den Zähnen,an der Form der Ohren, dem Augenabstand oder sonst irgendwas.

Bei wichtigen Leuten, die ich jedoch nur von Zeit zu Zeit zu irgendwelchen Terminen sehe,notiere ich mir meistens zur Telefonnummer noch Haarfarbe und was mir an Merkmalen aufgefallen ist. So kann ich dann vor dem nächsten Termin noch mal nachlesen, worauf ich achten muss, wenn ich die Person erkennen will. Das funktioniert eigentlich ganz gut.

Prosopagnosie kann man nicht behandeln. Die Unfähigkeit, Gesichter zu erkennen, bleibt ein Leben lang bestehen.

Advertisements

Über die Höhen und Tiefen nach der späten Diagnose

Traveler Digital Camera

„Manchmal wünsche ich mir, ich hätte niemals von meinem Autismus erfahren.“
(Holger K., spätdiagnostizierter Asperger Autist)

Wenn man erst im fortgeschrittenen Erwachsenenalter die Diagnose Asperger erhält, dann kann es einem schon manchmal irgendwie ein bisschen so vorkommen, als hätte das Leben sich einen Scherz erlaubt und würde einem nun – sozusagen als „beinahe- Greis“ die Auflösung präsentieren und damit die Gelegenheit geben, sein komplettes Leben noch einmal Revue passieren zu lassen und es nun aus einem völlig anderen Blickwinkel zu betrachten.
Von diesem Blickwinkel aus erklären sich nach und nach viele Situationen, die man früher einfach nicht verstehen konnte.
In meinem Leben sind ziemlich viele Dinge geschehen, die ich eigentlich nie so richtig verstanden habe und die sich erst durch das Wissen um mein Asperger Syndrom Stück für Stück erklärt haben.

So gesehen hat es mir die Diagnose ermöglicht, mit vielen Erfahrungen und Erlebnissen der Vergangenheit meinen Frieden zu schließen- zumindest so halbwegs. Und das ist ja schon mal was wert.

Aber was für mich eigentlich noch viel wichtiger ist, das ist die Tatsache, dass ich jetzt endlich die Gewissheit darüber habe, dass ich mit meiner Art der Wahrnehmung kein einzelner kranker Freak bin, sondern dass es da draußen noch jede Menge andere Erdlinge gibt, die ebenfalls ganz schlicht und ergreifend ein anderes Betriebssystem im Gehirn haben als das Heer der NT´s (neurologisch typischen) .

Nach der Gewissheit durch die Diagnose hatte ich dann auch erst mal – wie wohl die Mehrheit der Spätdiagnostizierten-eine richtig Hoch- Phase, in der ich mich vollständiger gefühlt habe als jemals zuvor und mich eigentlich nur noch mit Asperger beschäftigt habe. Dieses Hoch hielt bei mir erst mal über ein Jahr lang an. Wenn man sich nahezu jeden Tag mit Asperger beschäftigt und sich im Internet mit anderen Autisten vernetzt, dann kann man sich irgendwann nur noch ganz schwer vorstellen, dass die Mehrheit der Menschen da draußen überhaupt nix von dem Asperger Syndrom weiß. Wenn man mit dem Thema Asperger nicht in irgendeiner Form zu tun hat- sei es als „Betroffener“, Angehöriger oder sonst jemand, der in Beziehung zu diesem Menschen steht, dann ist es für gewöhnlich so, dass man sich auch nicht großartig mit diesem Thema beschäftigt.

In einer nichtautistischen Welt zählt Asperger ganz einfach nicht zu den Top- Themen und die Zahl der Menschen, die sich „einfach so“ aus Interesse mit AS beschäftigen, ist verschwindend klein.
Wenn der Durchschnitts- „Normalbürger“ tatsächlich mal etwas zum Thema Asperger bei Erwachsenen mitbekommt, dann sind es meist Filme wie Rainman oder Berichte über Savants- wie zum Beispiel Daniel Tammet, der innerhalb von fünf Stunden bei einem Gedächtniswettbewerb 22.514 Nachkommastellen der Kreiszahl Pi referierte und innerhalb einer Woche die isländische Sprache so sicher erlernte, dass er in dieser Sprache ein Interview geben konnte.

Dadurch entsteht bei der Bevölkerung so ein bisschen der verzerrte Eindruck, Asperger Autisten seien ein seltenes „Völkchen“ von Sonderlingen, die allesamt über Talente verfügen wie zum Beispiel mal eben das Telefonbuch von Berlin auswendig zu lernen oder sämtliche Zugstrecken von Deutschland aufsagen zu können, die aber ansonsten eher alltagsuntauglich sind und in ihren abgedunkelten Zimmern hocken.

Und so kann es einem schon mal passieren, dass man- wenn man sich als Asperger outet- angezweifelt wird.
„Was? DU? Ein Autist??? Das kann nicht sein…ich hab da schon mal einen Film/ Bericht gesehen… die sind ganz anders.“

Es ist anstrengend, immer wieder den Menschen da draußen erklären zu müssen, dass Asperger Syndrom nicht bedeutet, ein Savant zu sein und dass die Zahl der Savants verschwindend klein ist.

Es ist anstrengend, immer wieder zu erklären, dass ein Spezialinteresse etwas anderes ist als eine Inselbegabung und dass das enorme Wissen, dass die meisten Asperger auf dem Gebiet ihres Spezialinteresses angehäuft haben, einfach nur daher rührt, dass sie sich eben intensivst mit diesem Thema beschäftigen.

Es ist anstrengend, immer wieder zu erklären, dass Asperger keine Krankheit ist, die man irgendwie wieder „wegmachen“ kann, sondern eine andere Art der Wahrnehmung, die man das ganze Leben lang hat und gegen die es keine Pillen gibt.

Und es ist anstrengend zu sehen, wie wenig dann trotz aller Erklärerei bei den meisten „normalen“ Menschen „hängen bleibt“ und dass sie ohnehin nicht nachvollziehen können oder wollen was es bedeutet, eine andere Form der Wahrnehmung zu haben.

Vielen von diesen „normalen“ Menschen reicht schon eine Schublade aus, in die sie alles stecken können, was von ihrer Norm abweicht.

Den passendsten Begriff hat hier für mich Dr. Manfred Lütz in seinem Buch „Irre- wir behandeln die Falschen- unser Problem sind die Normalen“ aufgegriffen (oder bzw. wiederbelebt), der eigentlich bereits in den 80ér Jahren geprägt wurde: Die NORMOPATHEN.
Unter Normopathie versteht man eine Persönlichkeitsstörung , die sich in einer zwanghaften Form von Anpassung an vermeintlich vorherrschende und normgerechte Verhaltensweisen und Regelwerke innerhalb von sozialen Beziehungen und Lebensräumen ausdrückt.
Die Normopathen sind da draußen dicht gesät- und wo sie gehen und stehen,hinterlassen sie ihre Spuren und denken, sie wären das Maß aller Dinge- eben weil es so viele von ihnen gibt.
Das Leben unter all den Normopathen ist extrem anstrengend und laugt aus. Und ich muss sagen, dass ich es seit meiner Diagnose stellenweise noch sehr viel anstrengender empfinde als in all den Jahren vorher.
Das da draußen ist nicht „meine Welt“- alles ZU viel, ZU schnell, ZU laut, ZU chaotisch, ZU oberflächlich.
Neulich hatte ich ein Gespräch mit Holger- ebenfalls spätdiagnostizierter Asperger. Im ersten Moment war ich sehr schockiert von seiner Aussage „Manchmal wünsche ich mir, ich hätte niemals von meinem Autismus erfahren.“
Ich persönlich bin schon froh , dass ich endlich darüber Bescheid weiß, wodurch sich mein ANDERS- sein erklärt- aber es wird wohl immer so eine Art Hassliebe sein. Manchmal bin ich richtig glücklich mit meiner Wahrnehmung.
Aber manchmal habe ich auch Phasen, in denen mich das alltägliche Leben mit den ganzen „normalen“ Menschen um mich herum so dermaßen anstrengt, dass ich das Gefühl habe, mich aufzulösen.
Phasen, in denen ich das Gefühl habe, dass sich durch mein Wissen um mein AS die Symptome um ein Vielfaches verstärkt haben.
Phasen, in denen ich einfach nix mehr von AS hören kann.
Und auch wenn ich Holgers Meinung nicht teile, so kann ich in diesen Zeiten schon irgendwie verstehen, was er meint.

Wenn Worte meine Sprache wären…

…singt Tim Bendzko. Ich musste googeln, von wem das Songzitat stammt. Habe ich wohl in irgendeiner TV-Werbung aufgeschnappt. Da es aber eh nicht meine Musik ist, habe ich mich nicht weiter damit beschäftigt. Ich erinnere mich nur an die sich penetrant wiederholende Werbung.

Darum soll es in diesem Text aber gar nicht gehen. Weder um Herr Bendzko, noch um Musik…sondern um Worte. Nur wenige Sätze würde ich für mich unterschreiben, wie den Titelsatz des Beitrags. Der passt wie die Faust aufs Auge.

Worte sind nämlich nicht meine Sprache, jedenfalls nicht in verbaler Hinsicht. In meinem Kopf sieht es jedoch ganz anders aus. Ein Außenstehender würde es am ehesten als wortfaul, wortkarg bezeichnen. Ich gehe lieber zum Selbstbedienungs-Bäcker als zur „normalen“ Bäckerei, wenn ich die Möglichkeit habe – weil ich dort weniger kommunizieren muss. Kleine Bekleidungsgeschäfte, bei denen man sofort nach dem Betreten des Ladens angequatscht wird, meide ich wie die Pest. Genauso wie das klingelnde Telefon. Und smalltalkende Nachbarn. Man kann so viele Worte verschwenden. Um den heißen Brei herumreden. „Viel Lärm um nichts“ (nach Shakespeare) machen. Ich schweige lieber und sage nur das, was ich für wirklich wichtig halte.

Es gibt durchaus Autisten, die vor Worten nur so sprudeln. Vor allem, wenn es um ihre Spezialinteressen geht. Das kenne ich auch, jedoch nur in schriftlicher Form. Hin und wieder habe ich mir als Kind gewünscht, von Geburt an stumm zu sein. Wie schön wäre es, nicht dem gesellschaftlichen Zwang zu unterliegen, mit Menschen (verbal) zu sprechen, um nicht als verschroben zu gelten. In sozialen Situationen ist immer viel zu wenig Zeit, die richtigen Worte zu formen, die das ausdrücken, was ich wirklich sagen möchte. Und nicht nur so ungefähr. Kommunikation in schriftlicher Form -mit Familie und Freunden- ist für mich jedoch überlebensnotwendig. So wie das Lesen – ich habe schon als Kind Bücher verschlungen.

Wenn ich mir eine Sprache aussuchen könnte, wäre es Musik. Musik ist für mich ein wichtiges Kommunikationsmittel, mit dem ich Gefühle ausdrücken und transportieren kann. Mit Hilfe von Sprache ist es für mich kaum möglich.

Über „mal eben“ telefonieren

Ich möchte heute mal- aus aktuellem Anlass- über das Telefonieren schreiben.

Vielleicht kennt das ja auch der eine oder andere…

Mal eben irgendwo anrufen ist ne Sache, die mich jetzt mehrere Wochen beschäftigt hat.

Ich musste/ sollte mal eben irgendwo anrufen.

Ich selber rufe (abgesehen von meiner Freundin) vielleicht einmal im Jahr irgendwo an. Ich hasse telefonieren- und zwar wie die Pest.

Wenn es irgendwie möglich ist, erledige ich alles schriftlich.

Ist ja für die meisten Leute schön und praktisch, dass das Telefon erfunden wurde, aber irgendwie ist Telefonieren für mich eine Kommunikationsdisziplin, die mir eher auf den Magen schlägt, als dass ich mich an ihr erfreuen kann.

Jedes Mal aufs Neue.

Ich hab zwar auch eins, ein Handy. Uralt. Und das dient mir hervorragend als Wecker.

Aber wehe, das Ding klingelt außer zum Wecken….und es zeigt nicht die Nummer meiner Freundin an.

Wenn einfach so das Telefon klingelt, und es ist nicht meine Freundin, dann heißt das eigentlich fast immer, es ist was „Offizielles“.

Ich habe keine Angst vor „offiziellen“ Sachen, aber ich empfinde das Telefonklingeln ohne Voranmeldung wie einen Einbruch in meinen innersten Raum… wirklich wie einen Einbruch…so als stünde der am anderen Ende bereits mit einem Fuß in der Tür.

Am besten noch morgens… vor oder während meiner Routinen. Prima… dann kann es sein, dass der halbe Tag kippt.

In solchen Situationen greif ich dann auch gerne mal zu Strategien,  über die ich im Nachhinein selber den Kopf schüttele, wie zum Beispiel viele Kissen über das Handy türmen  oder es in den Kühlschrank legen und die Küchentür zu machen, bis das Klingeln endlich vorbei ist.

Man könnte ja auch einfach ran gehen… theoretisch.

Und ich denke mal, das tun auch die meisten Menschen.

Ich kann das auch…aber nur in Ausnahmesituationen. Also in Situationen, die für mich wirklich extrem wichtig sind.

Wie zum Beispiel letztes Jahr, als mein Kater plötzlich verschwand und ich die ganze Stadt mit Suchmeldungen gepflastert hatte. Da bin ich innerhalb von vier Wochen über 100 Mal ans Telefon gerannt und hab sofort und ohne zu zögern abgehoben.

Aber so im Alltag…?

Da ist es irgendwie schon ganz anders.

Da schleich ich erst mal um das Telefon herum, als wär das Ding gefährlich.

Wenn angezeigt wird, wer sich da in meinen „Film“ klingelt, dann fange ich an, darüber nachzudenken, was ich mit demjenigen sprechen werde, wenn er ein weiteres Mal anruft und „übe“ quasi für mich dieses Gespräch, damit ich mir wenigstens über die Basics keine Gedanken machen muss. So kann ich mich auf das bevorstehende Gespräch einstellen.

Wenn nur eine Nummer angezeigt wird und ich den anderen Gesprächsteilnehmer nicht kenne, wird es dann für mich schon schwieriger, mich auf das Gespräch zu konzentrieren.

Meistens vergesse ich während des Telefonats schon wieder, mit welchem Namen die Person an der anderen Seite der Leitung sich gemeldet hat sowie auch irgendwelche Einzelheiten , wenn ich es nicht sofort während des Telefonats aufschreibe.

Ich bin die meiste Zeit des Telefongesprächs so damit beschäftigt mich zu fragen, ob die Person an der anderen Seite jetzt gerade nur Luft holt oder eine Pause macht, ob ich jetzt sprechen soll und wie lange und was irgendwelche Geräusche zu bedeuten haben, die ich da noch so aus dem Telefon höre, dass das eigentliche Gespräch zur Nebensache wird.

Hinterher rege ich mich meistens über mich selber auf, weil ich dann oft das Gefühl habe, ich hätte mich total ungeschickt und gehemmt formuliert und meine Sätze mit  lauter „ ähhhm, öhhhm“ und ähnlichen Lauten gespickt oder hätte ewig gebraucht, um auf den Punkt zu kommen oder etwas zu erklären.

Und spiele das Telefonat wieder und wieder durch.

Und mir fallen plötzlich massenweise bessere, elegantere, treffendere Sätze ein, die ich hätte sagen können. Das bringt mich dann in dem Moment in totale Unruhe.

Und dann hab ich das Gefühl, ich hab mich in dem Gespräch verhalten wie der letzte Idiot.

Auf die Idee, dass das Gespräch vielleicht für den anderen völlig „normal“ und ausreichend gewesen ist, komme ich meistens erst mit ziemlicher Verzögerung und nachdem ich mich ausgiebig über mich selbst aufgeregt habe.

Jetzt ist es aber so, dass ich „mal eben“ bei jemandem anrufen musste/ wollte.

Und zwar bei einer Fachärztin für psychosomatische Medizin.

Wochenlang habe ich mir jetzt den Kopf zermürbt, wie ich der Frau erklären soll, was ich von ihr will, ohne dass sie mich gleich für eine total Irre hält.

Wochenlang hab ich dieses Telefonat jetzt vor mir hergeschoben, es immer wieder neu im Kopf vorbereitet und mir Gedanken über alles Mögliche gemacht. Ich war schon kurz davor, es ganz bleiben zu lassen.

Letzten Endes hab ich dann tatsächlich „mal eben“ da angerufen- nach 6 Wochen oder so. Und hatte nach 2 Minuten einen Termin und das Gespräch war vorbei.

Die ganzen Stunden, die ich im Vorfeld mit Gedanken über dieses Telefonat verbracht habe, hätte ich mir auch sparen können.

Das weiß ich jetzt. Jetzt im Moment.

Das heißt aber nicht, dass es beim nächsten Mal anders wird, wenn ich „mal eben“ irgendwo anrufen muss.

 

 

 

 

Weltenwandlerins Beziehungshandbuch

Wenn ich einen potenziellen Partner kennenlernte, machte ich von Anfang an klar, was meine Tabus und Erwartungen in einer Beziehung sind. Mit jeder neuen Erfahrung, wurde dieses „Beziehungshandbuch“ umfangreicher.

Meine Partner machten den Eindruck, dass sie es verstanden hätten und in der Lage wären, meine Bedürfnisse zu akzeptieren. Scheinbar realisierten sie aber die Tragweite nicht. Dass ich alles ernst meinte, was ich sagte. Mittlerweile weiß ich sehr gut, was mir gut tut und was nicht. Ich kenne beide Seiten: nicht funktionierende und eine funktionierende Beziehung.

Ich schreibe wieder über mich und meine Erfahrungen. Einiges davon wird bei anderen Autisten bestimmt auch zutreffen, aber eben nicht alles und auch nicht bei allen, denn jeder ist anders!

1. Mir ist Kommunikation sehr wichtig!

Wenn Probleme oder Missverständnisse aufkommen, muss ich darüber reden und erwarte, dass mein Partner auch redet/ zuhört.

Nur wenn negative Gefühle/ Erlebnisse angesprochen werden, kann ich sie erkennen, auswerten und daran arbeiten. Ich bemerke sehr schnell, wenn „etwas nicht stimmt“. Viel mehr weiß ich dann aber auch nur selten. Deswegen spreche ich es an, versuche herauszufinden, was los ist. Ich leide mit, wenn mein Partner leidet und es steigert sich, wenn ich nicht erfahre, WARUM er leidet. Nur wenn ich es weiß, kann ich daran arbeiten.

2. Mein Partner muss über den eigenen Tellerrand sehen können.

Ich mache/ sage oft Dinge, die für Außenstehende unerklärlich sind. Fragt man mich aber gezielt danach, kann ich es gut erklären und versuche meine Perspektive zu zeigen. Welches Verhalten meinerseits dahinter stand. Leider können nicht sehr viele Menschen komplett „umdenken“ und bleiben lieber bei ihrer Perspektive, die die „einzig wahre“ ist.

3. Ich brauche Nähe UND Distanz

Je mehr ein Partner „klammert“ und mir meine Freiheit „raubt“, weil ich und meine Energie als selbstverständlich angesehen werden, desto mehr ziehe ich mich zurück. Brauche Luft zum atmen.

Ich meine es nicht böse oder verletzend, wenn ich alles um mich herum „ausblende“ und meine Spezialinteressen verfolge. Ich weiß, dass es oft verletzend angesehen wird, aber ich kann darauf nicht verzichten, wenn mein inneres Gleichgewicht nicht aus den Fugen geraten soll.

Das ist meine Methode der „Erdung“ und Energieschöpfung. 24 Stunden reichen dabei oft nicht aus, wenn ich längere Zeit keine Möglichkeit hatte, für ein paar Stunden mal

meinen Hobbies nachzugehen und dabei über mich selbst/ die Welt nachzudenken.

Mindestens zwei Mal im Jahr fahre ich deswegen für ein paar Tage ganz alleine ans Meer. In schlimmeren Phasen können das auch 2 oder 3 Wochen werden. Danach bin ich aber so gestärkt, dass ich für einige Monate Energie habe.

Mein Partner muss damit umgehen können, dass ich „spontan“ für mehrere Tage aus dem gemeinsamen Leben verschwinde, aber immer wieder zurückkomme und es keineswegs ein Zeichen dafür ist, dass die Beziehung „kriselt“.

4. Ich hasse Überraschungen, die meine eigenen Pläne/ Ansichten durchkreuzen.

Ein Ex von mir hatte Konzertkarten gewonnen und hat mich damit überrascht. Schon Tage vorher merkte ich, dass er etwas „im Schilde“ führt. Er sagte mir natürlich nicht, was. Es sollte ja eine Überraschung sein! So wurde ich immer nervöser, weil ich nicht wusste, ob es mir gefallen wird, was er vorhat.

Am Tag des Konzerts sagte er mir, dass ich mich doch schick machen solle, weil wir wegfahren. Er sagte mir nicht wohin oder sonst irgendetwas. Somit stellte ich viele Fragen: „Gehen wir ins Restaurant?“ – „Gehen wir ins Kino?“ usw. Alles wurde nur mit Nein geantwortet… „Wie sind denn die Menschen gekleidet, die dorthin gehen?“ – „Rockig“ Ich freute mich, dass er mit mir in meine Lieblingsdisko ging (ein recht ruhiger und entspannter Laden mit vielen Nebenräumen und Rückzugsmöglichkeiten). Ich machte mich also so zurecht, als würde ich in die Disko fahren. „So willst du gehen?!“ – „Fahren wir nicht ins „XY“?“ – „Nein“

Enttäuschung machte sich breit, weil das wirklich ein schöner Abend geworden wäre.

Er gab mir ein paar „Tipps“ bezüglich der Garderobe. Während ich mich umzug kam er zu mir, sagte mir, dass ich aufhören kann, weil es heute nichts mehr wird. Ich stellte ihm so viele Fragen, bis er mir verriet, wo es hingehen sollte: ein Konzert! Ich war so froh, dass es abgesagt wurde, weil der Tourbus der Band im Schnee steckengeblieben war…. So hatte ich Zeit, mich auf den Ersatztermin vorzubereiten und die Band erstmal „kennenzulernen“. Die Überraschung hätte deutlich nach hinten losgehen können, weil ich extremer Lautstärke und vielen Menschen ausgesetzt wäre. Außerdem war es etwas „Neues“, weil mein bisher einziger Konzertbesuch mit 9 Jahren als Ostergeschenk meiner Eltern war.

Überraschungen sollten also gut durchdacht sein und möglichst wenig „Variablen“ erhalten, was meinen „normalen“ Tagesablauf betrifft. Da sind mir symbolische, kleine Gesten deutlich lieber… ein Brief, ein Foto, kleine Gegenstände, die ein gemeinsames Erlebnis aus der Vergangenheit charakterisieren o.ä.

  1. Ich brauche einen Mann, der romantisch sein kann

Ja, ich bin eine romantische Autistin. Romantik habe ich als frühes Spezialinteresse „inhaliert“. Disney-Filme, Märchen, später Dramen… Ich suchte dabei nicht den „Ritter auf dem weißen Pferd“, sondern einen Mann, der mich so sehr liebt, dass er solche Dinge, wie im Märchen, für mich tun würde. Ich aber ebenso bereit bin, einen hohen Preis für unsere Liebe zu bezahlen. Manche nennen es kitschig, ich nenne es Selbstwert.

In meinen Partnerschaften ging ich in gewisser Weise symbiotische Verbindungen ein. Wenn ich meine Energie dafür nutze, dass es meinem Partner bgut geht, geht es mir auch gut. Nutzt er die „übertragene Energie“ dafür, mir auch welche zu übertragen bzw. mich mit meinen Problemen zu unterstützen, kann uns so schnell nichts trennen, weil wir ausgeglichen sind.

Das wird ziemlich verworren und komplex, wenn mein Partner eben diese „Mühe“ nicht aufbringt und Energie von mir „stielt“, weil es aus seiner Sicht vollkommen normal ist, dass ich seine Aufgaben zusätzlich zu meinen Aufgaben alleine bewältige. Ist dieser Punkt in einer Beziehung erreicht und keine Bereitschaft des „mir-zuhörens“vorhanden ist, rutscht nicht nur meine Stimmung weiter ab, sondern auch die meines Partners. Ich bin zu jeder Zeit bereit, Kompromisse einzugehen und darüber zu reden.

Auch habe ich es in meiner schlimmsten Beziehung mit verschiedenen „Kleinigkeiten“ ausprobiert, ihn „wachzurütteln“ und zu zeigen, dass ich gar nicht so viel verlange. Dass meine „Forderungen“ sehr realistisch und für ihn keinen großen Mehraufwand bedeuten.

Briefe, Gesten des Entgegenkommens, das für mich im Endeffekt nur eine dauerhafte „Mehrbelastung“ bedeutete, weil Dinge, die ich „ausnahmsweise“ übernahm, zur Selbstverständlichkeit wurden.

Wenn mein Partner mir immer wieder zwischendurch zeigen kann, wie viel ich ihn bedeute, habe ich wahnsinnig viel Energie, um das gemeinsame Zusammenleben zu verbessern. An gemeinsamen Träumen und Zielen zu arbeiten… bedingungslos und langfristig.

Meine „Romantik“ zeigt sich in kleinen Gesten. Mein Freund und ich haben einen Haushaltsplan und die Aufgaben etwas verteilt (zumindest die, die ich absolut nicht gerne mache). Dafür mache ich die Dinge, mit denen er Probleme hat. Alles andere machen wir so, wie es gerade anfällt/ wem es auffällt.

Er ist z.B. für den Müll und (freiwillig) die Küche zuständig. Wenn mir von diesen Aufgaben etwas auffällt, was ich erledigen kann, dann mache ich es, um ihm zu zeigen, dass ich ihn unterstütze.

Für „besondere“ Anlässe oder einfach, weil ich gerade Lust dazu habe, überrasche ich ihn mit Dingen, die er gerne macht/ die ihn garantiert glücklich machen.

Dafür muss ich meinen Partner aber gut kennen. Muss „aktiv zuhören“ können und mir eigene Gedanken dazu machen. So zeige ich meinem Partner, dass ich während seiner Abwesenheit an ihn Gedacht habe oder wie gut mir ein besonderes Erlebnis mit ihm gefallen hat.

Je nachdem, wie viel mich gerade beschäftigt, können diese „Aufmerksamkeiten“ geringer werden, weil ich dafür keine Kraft/ Zeit habe. Sie verschwinden aber nie und einem aufmerksamen Beobachter fallen sie auch auf!

Damit mein Partner mich auf ähnliche Weise überraschen kann, muss er mir auch zuhören können und in der Lage sein, meine „komplexe Welt“ richtig auszuwerten.

6. Humor „dosieren“

Ich bin selbst sehr humorvoll. Das erkennen aber meist nur die Menschen, die mich sehr gut kennen. Ich liebe die Selbstironie und Situationskomik. So oft, wie mir schon die verrücktesten Sachen passiert sind, bleibt mir da oft auch gar nichts anderes übrig. 😉

Dabei kann ich auch sarkastisch werden, jedoch ist es bei mir sehr gut zu erkennen, da ich es so „überzogen“ mache, dass es jeder (aus meinem näheren Umfeld) erkennt.

Am besten kann ich mit trockenem sarkastischen Humor umgehen, muss dafür aber eine Person extrem gut kennen, um einzuschätzen, was ernst gemeint ist und was nicht.

Das dauert oft Jahre! Je besser ich jemanden kenne, umso humorvoller werde ich. Weil ich immer mehr Situationen besser einschätzen kann und genau weiß, ob mein Gegenüber das auch lustig finden würde – oder nicht. Erst nach einem sehr lockeren, offenen und verständnisvollen Umgang miteinander, kann ich „lustiger“ werden. Dann aber oft so, dass anwesende Personen nur schwer wieder aus dem Lachen kommen.

Mir ist es bei vielen anderen nicht möglich, Sarkasmus/ Doppeldeutigkeiten zu erkennen, weil sie für mich exakt so wirken, wie die „Wahrheit“, jedoch einen logischen „Haken“ haben. Ich bin dann erst verwirrt und nachdem es mir erklärt wurde und ich es verstanden/ nachvollzogen habe, kann ich lachen. Das ist dann die berühmte „lange Leitung“ oder Resistenz gegenüber des „Schnellmerker-Gens“.

Deswegen ist es wichtig, dass mein Partner seinen Humor auch „dosieren“ kann. Ihn entweder so anwendet, dass selbst ich heraushöre, dass es ein Scherz ist oder so deutliche Situationen wählt, dass mir nichts anderes übrig bleibt, als es so zu verstehen, wie es gemeint ist.

7. Nur konstruktive Kritik!

Ich habe oft gehört, dass irgendetwas nicht gut war, was ich gemacht habe. Dabei aber nicht erfahren, WARUM es blöd war. Aus meiner Sicht sind es logische Verhaltensweisen, die mich aus unerklärlichen Gründen immer wieder vor Probleme stellten.

„Das kannst du so nicht machen!“ bringt mir nichts, wenn ich nicht weiß, was daran „falsch“ war. „Das kannst du so nicht machen, weil die andere Person/ ich es „so und so“ verstehe/ sehe.“

Kritik mit Begründung und/ oder Verbesserungsvorschlägen mag ich sehr gerne, weil es mir hilft, mich zu „entwickeln“. In der Schule gab es damals auch oft Situationen, in denen ich keine Möglichkeit hatte, es zu erklären und die Lehrer mich mit schlechten Noten „bestraften“. Klassenarbeiten in Aufsatzform waren oft trotz nahezu perfektem Deutsch falsch. „Thema verfehlt!“

Ich verstand dabei nur, DASS es falsch war. Mir wurden aber die Aufgabenstellung und die genauen Erwartungen nicht erklärt.

8. Zärtlichkeiten können phasenweise recht spärlich auftreten.

Manchmal sind meine Gedanken so zahlreich und schwer, dass sich meine Körperwahrnehmung distanziert. Ich bin dann weniger Kontrolle über meine Motorik und bin nicht vollkommen „anwesend“. Es reicht, um alles mitzubekommen und entsprechend meiner Kraft zu reagieren, aber ich teile mir meine „Reserven“ ein. Wenn ich mehr in meinen Gedanken bin, habe ich absolut keine Lust auf Zärtlichkeiten. Ich brauche sie in solchen Phasen nicht, weil es bedeuten würde, dass ich aus meiner „Gedankenwelt“ verschwinden müsste und dabei versuche, sie „zurückzuhalten“, um meine Aufmerksamkeit nicht wieder aus sie zu lenken.

Ich bin auch schnell durch Sinneseinflüsse erschöpft. Mir steht in jeder Wachphase ein gewisses Pensum zur Verfügung, das an ruhigen Tagen schonmal 14 Stunden reicht.

Je anstrengender der Tag war und je mehr unvorhersehbare Dinge geschehen, desto schneller werde ich müde. So kommt es immer wieder vor, das ein Mittagsschlaf zu einer 6-stündigen Schlafphase wird und ich anschließend trotzdem noch die ganze Nacht bis zum Morgen durchschlafen kann.

Wenn ich nicht die Ruhezeiten bekomme, die ich haben müsste, verlängert sich die anschließende „Rehabilitationsphase“ bzw. meine Leistungen fallen bis dahin immer weiter ab.

Wenn ich Lust habe, mache ich es auch irgendwie deutlich.

Solange ich einen Partner habe, der Sex nicht als „Besonderheit“ sieht, sondern nur zur Befriedigung der Triebe, ist die Beziehung schon zum Scheitern verurteilt.

Das Pensum meiner Zärtlichkeiten besteht oft nur aus „im Arm liegen“ oder zwischendurch umarmen. Das bedeutet aber nicht, dass ich meinen Partner unattraktiv finde oder sogar einen anderen habe.

9. Mein Partner muss mit Ehrlichkeit umgehen können

Ich sage oft, was ich denke. Vollkommen ungeschönt und aus meiner Perspektive. Ich kann Verhaltensweisen von Menschen gut einschätzen, wenn ich entweder Informationen darüber gesagt bekomme, oder sie selbst entdecke.

Deswegen kannte ich einige Partner besser, als sie sich selbst. Mein Partner darf sich dadurch nicht verletzt fühlen, sondern sollte es als eine Möglichkeit sehen, GEMEINSAM daran zu arbeiten.

Die meisten meiner Partner sagen es als persönlichen Angriff, wenn ich (konstruktive!) Kritik übte. Auch kann diese Ehrlichkeit (wenn es vergangene Erlebnisse betrifft) andere Menschen sehr stark bewegen und sie depressiv machen. Das habe ich alles schon erlebt!

Ich war niedergeschlagen, weil mich etwas beschäftigte, was mir zugestoßen war, mein damaliger Partner fragte mich, was mich bewegt und ich erzählte es ihm.

Er war danach noch fertiger als ich und schlitterte geradewegs wegen MEINER Erfahrungen in eine Depression. Mein Kummer über die eigentlichen Sorgen wandelte sich um Angst, ob er die schon ausgesprochene Wahrheit verkraften kann.

Ehrlichkeit ist ein Segen, wenn Betroffene damit WIRKLICH umgehen können und in der Lage sind, fremde Sichtweisen von der eigenen Gefühlswelt auf rationaler Ebene „fernzuhalten“. Natürlich kann/ darf man trauern, gemeinsam weinen. Die Ehrlichkeit des Anderen sollte aber nicht so große Macht über die eigene Gefühlswelt haben, dass sie bei einem selbst deutlich mehr Ballast auflädt, als bei der betroffenen Person selbst.

Ich sehe in Ehrlichkeit keine Wertung. Es ist für mich eine Möglichkeit, einen anderen Menschen besser kennenzulernen und ihm auch die Möglichkeit zu geben, mich richtig und nicht nur oberflächlich zu verstehen.

10. Gemeinsame Interessen

Um langfristig eine glückliche Partnerschaft zu führen, ist es wichtig, mindestens ein gemeinsames Interesse zu finden. Ich brauche etwas, woran ich gemeinsam mit meinem Partner arbeiten kann. So habe ich die Möglichkeit, gemeinsam mit ihm ein Spezialinteresse auszuleben und zu vertiefen. Dabei bin ich wirklich begeisterungsfähig und solange mein Partner Spaß daran hat, habe ich selbst auch Spaß daran. So kamen bei mir schon vollkommen neue Interessen auf, die ich vorher überhaupt nicht verfolgt habe. Ich wurde z.B. ein riesen Fußballfan und bin regelmäßig ins Stadion gegangen.

Autismus und Messie – geht das?

Aus eigener Erfahrung heraus: ja, das geht und ist bei dem Erscheinungsbild und den Auslösern des Messie-Syndroms auch nicht sonderlich überraschend.

Es wird oft von ordnenden und peniblen Autisten berichtet. Bei mir ist das nicht so. Im Prinzip schon, weil ich das gerne schaffen würde, aber es ist für mich überaus anstrengend, das zu erreichen. Ich stehe meinem Chaos täglich im Kampf gegenüber.

Der Begriff Messie dürfte jedem geläufig sein, jedoch habe ich selbst erfahren müssen, dass dabei weniger die Auslöser betrachtet werden, als das Ausmaß.

„Räum doch mal auf!“ – „Das ist ekelig!“ – „Du bist faul!“ – „Das ist krankhaft!“

Aber wirklich geholfen, hat mir dabei keiner (von den wenigen, die es wussten).

Ich möchte nun die grobe Charakteristik des Syndroms aufzeigen und anhand meiner Erfahrungen/ Gefühle/ Gedanken genauer darauf eingehen. Ich orientiere mich dabei am Wikipedia-Artikel, da er für den Einstieg in das Thema ziemlich gut ist: https://de.wikipedia.org/wiki/Messie-Syndrom

Der Wikipedia-Artikel beginnt, wie folgt:

„Der Begriff Messie-Syndrom bezeichnet schwerwiegende Defizite in der Fähigkeit, die eigene Wohnung ordentlich zu halten und die Alltagsaufgaben zu organisieren; es können ernsthafte seelische Störungen vorliegen. (…)

Die Störung wird auch als Desorganisationsproblematik bezeichnet. (…)“

Weiter heißt es bei der Definition:

„Das Messie-Syndrom ist eine psychische Wertbeimessungsstörung, das heißt Betroffene schätzen Wert und Nutzen verschiedener Dinge anders ein als der Durchschnitt der Bevölkerung. (…)

Einige Messies sammeln nur eine bestimmte Art von Dingen, andere sammeln alles und werfen überhaupt nichts weg, da sie sich nicht davon trennen können.

Teilweise führt dieses Verhalten zu Verwahrlosung und Vermüllung, Schwierigkeiten im sozialen Umgang oder anderen Problemen. Allerdings ist keines dieser Symptome charakteristisch für das Messie-Syndrom. Viele Messies führen nach außen ein völlig normales bürgerliches Leben.“

Symptomatik:

  • Unordentlichkeit bis zu Geruchsbelästigung und hygienischen Problemen
  • zwanghaftem Sammeln wertloser oder verbrauchter Dinge
  • chronischen Problemen mit Zeiteinteilung und Pünktlichkeit
  • „Lähmung“ der Handlungsfähigkeit auch in wichtigen Situationen
  • Versäumen bzw. Nichterledigen (Aufschieben) normaler sozialer Verpflichtungen. (Es kann beispielsweise vorkommen, dass die gesamte Post – ob Werbung, wichtige Briefe oder Mahnungen – ungeöffnet liegenbleibt.)
  • eingeschränktem sozialem Umgang, den u. a. eine oft extrem unordentliche Wohnung mit hervorruft
  • Hilflosigkeit unter dem Druck des Chaos

(…)

Die Betroffenen sind meistens unfähig, den realen Wert dieser Gegenstände einzuschätzen und zwischen wichtig und unwichtig, brauchbar und unbrauchbar zu unterscheiden. Oft sehen sie die Irrationalität ihres Hortens zwar ein, sind aber nicht in der Lage, der Einsicht entsprechend zu handeln.

(…)

Darüber hinaus haben Messies häufig Schwierigkeiten, Prioritäten zu setzen, Notwendiges zu erledigen und ihre Handlungen gemäß eigener Zielsetzungen effektiv zu steuern. Insbesondere die Umsetzung geplanter Handlungen, die nicht aktuell befriedigend sind, fällt ihnen schwer, ebenso eine aufgabengerechte Zeiteinteilung. Ähnlich wie bei einer Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) sind also die sogenannten exekutiven Funktionen gestört.

Auch haben Messies oft das Problem, dass sie sich voller Elan in neue Aufgaben stürzen, viel organisieren und letzten Endes dann feststellen, dass sie dieser Aufgabe nicht gewachsen sind. So bleiben viele angefangene Projekte liegen und tragen dazu bei, die Unordnung im Leben zu vergrößern.

Viele Messies schämen sich ihrer Unordnung und leiden darunter. Auch infolge sozialer Isolation halten es viele Betroffene nicht für möglich, dass andere unter denselben Schwierigkeiten leiden. Dies erschwert ihnen häufig, ihr Problem zu erkennen und Hilfe zu suchen. Nach außen sind Messies meistens unauffällig. Sie erscheinen oft als offene, optimistische, vielseitige und kreative Menschen. Manchmal haben sie – scheinbar paradox – eine Tendenz zum Perfektionismus.

(…)

Und zuletzt zu den Ursachen:

(…)

Die Ursachen können im „Verlassen-Werden“ von angenehmen Dingen liegen. Jemand, der sich etwas zulegt, einkauft oder von jemandem beschenkt wird, verbindet mit dem erworbenen Besitz eine nicht zu unterschätzende angenehme Erinnerung. Für den Messie, der nie oder selten in seinem Leben Zuneigung oder Bestätigung bekam, ist diese Erinnerung des angenehmen gekauften Besitzes das Einzige, woran er sich klammern kann. Eine Erinnerung, die er nicht wieder verlieren will. So hortet der Messie sie.

(…)

Das Messie-Syndrom kann auch Folge eines Traumas sein, also einer seelischen Verwundung oder eines Schicksalsschlages, die den Betreffenden aus der Bahn warfen. Psychologen sprechen in diesem Zusammenhang von fehlgelaufener Trauerarbeit oder von einer Anpassungsstörung.

(…)

Als Beispiel nun der Verlauf des Syndroms bei mir:

Mein Kinderzimmer hatte ein anderes Ordnungssystem, als es bei anderen Kindern der Fall war. Ich wusste immer, wo etwas ist und hatte die Spielsachen, mit denen ich mich viel beschäftigte immer in „Sichtweite“. Ich erinnere mich daran, dass ich oft traurig war, wenn mein Zimmer aufgeräumt wurde und ich nichts mehr so vorfand, wie ich es verlassen hatte. Manche Dinge fand ich schnell wieder – andere musste ich lange suchen. Beim Kinderarzt sortierte ich immer die Bücher und Spielsachen im Wartezimmer. Meine Mutter erwähnte oft, dass sie das nie verstand. Zuhause unordentlich und wo anders räume ich auf.

Ich selbst war aber nicht „unordentlich“, ich hatte meine „eigene Ordnung“. Quasi ein System im vermeintlichen „Chaos“.

Je älter ich wurde, desto voller wurde mein Zimmer. Es war nicht „überfüllt“. Ich konnte darin spielen, der Boden war (abgesehen unmittelbar vor Wänden) frei. Dennoch drängte meine Mutter mich, endlich Ordnung zu schaffen, was ich nicht tat, da es für mich ja schon ordentlich war.

Irgendwann kamen mir auf dem Weg nach Hause Kinder entgegen, die genau die Spielsachen hatten, die ich auch hatte. Ich realisierte es nicht, sondern freute mich darüber, dass ich genau mit diesen Dingen auch spielen kann. Ein paar Meter weiter realisierte ich dann, dass es nicht nur die gleichen, sondern tatsächlich meine Spielsachen waren! Sie standen in Müllsäcken am Straßenrand. Wie ich darauf reagierte, ob ich rebellierte oder es „schluckte“, weiß ich nicht mehr. Da endet meine Erinnerung.

Im Alter von etwa 14 Jahren bemerkte ich, dass ich meine Mutter aus meinem Zimmer heraushalten kann, wenn es noch unordentlicher wird. Leider fand bei ihr ein „Gewöhnungsprozess“ statt und die Unordnung reichte nicht mehr aus. Somit legte ich nach. Das war aber immernoch „nur“ die Unordnung einer Chaosprinzessin. Keineswegs eines Messies.

Ich schaffte es, immer wieder die Sachen zu ordnen, wenn ich Besuch bekam. Was zugegeben sehr selten war, aber nicht immer zu vermeiden. Mit 16 Jahren hatte ich die ordentlichste Phase meines Lebens. Ich lernte meine erste Liebe kennen. Nach der Trennung artete es zum ersten Mal in Vermüllung aus. Ich konnte nichts aus unserer Zeit wegwerfen. Auch Dinge, die mich während meiner Trauerphase an ihn erinnerten, wurden mit auf mein Zimmer genommen (Zeitungen mit bestimmten Daten, Flyer des Kinos, in dem wir waren etc.).

Zwei Jahre später, nach der Trennung meiner zweiten ernsteren Beziehung (in der Zwischenzeit gab es noch andere Beziehungen, die mich aber emotional nicht so sehr mitgenommen haben), verkroch ich mich auf mein Zimmer. Ich kam nicht mehr heraus, verlor meinen Tag- und Nachtrhythmus. Blieb nachts wach, weil es dann still im Haus war und fuhr morgens mit dem Auto weg, damit meine Eltern nicht merkten, dass ich nicht mehr zur Schule gehe. Ich fuhr auf einen stillen Parkplatz und schlief im Auto, bis die Schule vorbei war. Dann fuhr ich zurück – ging auf mein Zimmer und vegetierte in meinem Chaos. Nachts schlich ich mich nach unten, um neue Getränke- und Essensvorräte zu holen und ließ Geschirr/ Verpackungen etc. in meinem Zimmer, weil ich es so selten wie möglich verlassen konnte/ wollte.

Mit 21 Jahren hatte ich die dritte, sehr schmerzhafte Trennung. Von da an war mir bewusst, dass es kein „normales“ Chaos ist, weil ich gerade nicht die Kraft habe, es anzugehen, sondern tatsächlich das Messie-Syndrom.

Es ist unglaublich viel Scham damit verbunden und ich litt selbst darunter. Ich wollte/ brauchte Ordnung und Struktur, bekam sie aber selbst nicht hin.

Dadurch gab es viele familiäre Probleme, die mich stark belastet haben, weil angenommen wurde, ich mache es absichtlich und in Wahrheit doch vollkommen überfordert und um Hilfe schreiend war.

Heute habe ich es relativ gut im Griff. Ich bin nicht die Ordentlichste, aber es ist meist so, dass ich Besuch empfangen könnte. Es kostet mich immernoch sehr viel Kraft, dem täglichen „Krieg gegen das Chaos“ anzugehen. Es gibt immer wieder Phasen, in denen das Chaos wieder überhand nehmen zu droht, aber ich schaffe es dann, es wieder zu beseitigen, weil ich weiß, wie schwierig es für mich war, aus diesem Kreislauf auszubrechen. Ich habe zu große Angst, dass eines Tages wieder der Punkt erreicht sein könnte, an dem das Chaos für mich zu groß wird.

Ich möchte euch meine effektivste (und kleinste) Herangehensweise nicht vorenthalten:

ich verlasse einen Raum nicht, ohne zu sehen, ob sich etwas in diesem Raum befindet, das ich auf meinem Weg zum nächsten Raum seinem eigentlichen Platz ein Stück näher bringe. Auch habe ich mittlerweile meine „Sammelstellen“ für Gegenstände, die wieder an ihre „alten Plätze“ zurückgebracht werden müssen. Wenn ich dann an diesen Sammelstellen vorbeilaufe, nehme ich es mit. Mir war nicht bewusst, wie viel auf diese Weise aufgeräumt werden kann, ohne dass es ein sonderlicher Mehraufwand ist.

Jedem, dem es ähnlich geht, kann ich nur raten: gehe nicht mit leeren Händen durch die Wohnung/ das Haus. Nutze Wege, die du sowieso laufen musst!