Musik

Ich habe relativ spät angefangen, Klavier zu spielen. Jedenfalls viel später, als man es tun sollte, wenn man die Chance nicht verpassen möchte, es beruflich auszuüben (solche Kinder werden dann mit 3 oder 4 Jahren angehalten, mit dem Instrument anzufangen). Damals hatte ich aber noch gar nicht daran gedacht, dass es ein möglicher späterer Beruf werden könnte. Ich muss ungefähr 10 Jahre gewesen sein. Im Fernsehen sah ich gerade einen Bericht über hochbegabte Kinder. Ein Mädchen, etwa in meinem Alter, spielte eine wunderschöne Melodie auf dem Klavier. Es war mir sofort klar, dass ich diesem Instrument auch so wundervolle Klänge entlocken wollte! Glücklicherweise bekam ich ein gebrauchtes Klavier und privaten Unterricht. Es stellte sich heraus, dass ich musikalisch begabt (oder eher hochbegabt) war. Das erklärt, warum ich damals, im Musikunterricht der Grundschule, innerlich immer so empört war, wenn es meine Mitschüler nicht schafften, zu Liedern im Takt zu klatschen. Manche von ihnen waren einfach nicht mit Taktgefühl gesegnet.

Ich hatte unglaubliches Glück, einen Kanal gefunden zu haben, wie ich meinen Gefühlen nonverbal Ausdruck verleihen konnte. Verbal würde ich es niemals in dem Ausmaß können.

Nachdem ich das Klavierspiel für mich entdeckt hatte, übte ich zunächst nur eine halbe Stunde täglich. Schließlich wurde die Zeit des Übens immer länger. Meine Klavierlehrerin veranstaltete Konzerte mit ihren Schülern und an diesen Auftritten musste ich natürlich teilnehmen.

Die öffentlichen Auftritte waren schließlich das, was mich davon abgehalten hat, Berufsmusikerin zu werden. Vor und während der Auftritte hatte ich oft Todesangst. Kein gewöhnliches Lampenfieber. Das grelle Licht auf der Bühne. Die Totenstille, bevor man anfangen sollte, zu spielen. Man musste hübsche Kleidung anziehen, hohe Schuhe. Durfte sich nicht verspielen. Bloß keine Fehler machen. Es war jedes Mal der absolute HORROR und die Nächte vor einem Auftritt waren oft schlaflos und panisch. Meine größte Angst war die Angst vor der Angst. Während des Auftritts „die Noten zu vergessen“, was auch wirklich sehr peinlich geworden wäre, plötzlich nicht mehr weiterzuwissen. Das ist, während der ganzen Auftritte, zum Glück nur ein oder zwei Mal passiert.

Für die „richtigen“ Auftritte muss man als Klavierschüler beim Vorspielen sicher genug sein. Zu diesem Zweck wurden Auftritte in Kirchen oder in Altersheimen organisiert. Ich habe auch mit dem Jugendorchester gespielt und Reisen ins Ausland unternommen, wo wir Auftritte hatten. Ich bin im In- und Ausland (Österreich, Schweiz, Großbritannien, Frankreich) aufgetreten und hatte (zumindest bei Zusammenspiel mit anderen) nicht so eine Todesangst wie bei Soloauftritten.

Etwa sechs Jahre, nachdem ich mit dem Klavierspielen angefangen hatte, nahm ich am Wettbewerb „Jugend musiziert“ teil. Im Regionalwettbewerb (man trat also gegen andere Jugendliche aus der Region an) erlangte ich den 1. Preis, darauf folgte der Landeswettbewerb (Bundeslandebene), in dem mir auch der 1. Preis zuerkannt wurde. Das bedeutete, dass ich nun im Bundeswettbewerb gegen Jugendliche (aus ganz Deutschland) antreten durfte. Verständlich, dass ich mir davor ganz schön in die Buxen gemacht habe…irgendwie habe ich den Aufritt, ohne vor Angst gestorben zu sein, hinter mich gebracht. Ohne mich groß verspielt zu haben, oder aus dem Konzept gekommen zu sein. Ich habe mich mehr über diesen Umstand gefreut, als über die Tatsache, dass es ein zweiter Platz geworden ist.

Asperger-Autisten können sich Dinge sehr schnell aneignen, wenn sie für etwas „entflammen“ und können sehr schnell sehr gut darin werden. Diese Geschichte ist sicherlich nur eine von vielen Beispielen im Leben von Asperger-Autisten, die herausragende Leistungen auf vielen Gebieten erzielen können.

„Mild autism can give you a genius like Einstein. If you have severe autism, you could remain nonverbal. You don’t want people to be on the severe end of the spectrum. But if you got rid of all the autism genetics, you wouldn’t have science or art. All you would have is a bunch of social ‚yak yaks.'“ Temple Grandin

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