Warum man Menschen aus dem Autismus-Spektrum einstellen sollte

Arbeitgeber wissen nur selten viel über das Autismus-Spektrum (und das ist ihnen auch nicht zu verübeln, weil Autismus ein Nischenthema ist). Im besten Fall lesen sie sich Wissen an, bevor sie (wenn sich Bewerber schon geoutet haben) die Kandidaten zum Vorstellungsgespräch einladen. So ist es bei der Asperger-Autistin und Bloggerin Hobbithexe passiert und es hat, erfreulicherweise, zu einem Ausbildungsplatz geführt https://hobbithexe.wordpress.com/2016/06/10/der-bewerbungsprozess/.

Stärken von Menschen aus dem Autismus-Spektrum

Es heißt zwar „Kennst du einen Autisten, kennst du einen Autisten“, jedoch kann man folgende Stärken autistischer Menschen unter einem gemeinsamen Nenner zusammenfassen (siehe „Asperger – Leben in zwei Welten“ von Christine Preißmann (2012, S.68):

-Detailgenauigkeit

-Verlässlichkeit

-Innovatives Denken

-Gute fachliche Qualifikation

-Loyalität

-Sorgfalt

-Motivation und Interesse

-Verantwortungsbewusstsein

-Ausdauer

-Ordnungsliebe

-Wahrheitsliebe/Ehrlichkeit

-Gute Merkfähigkeit

Nach Rudy Simone („Asperger`s on the Job: Must-have advice for people with Asperger`s“ (2010, S.3)) haben Autisten eine höhere fluide Intelligenz (Lösen neuer Probleme unabhängig von erworbenem Wissen) als Nichtautisten und sind hoch intuitiv.

Viele autistische Menschen besitzen eine Begabung im visuellen Denken. Das vielleicht berühmteste Beispiel ist Temple Grandin, die Testläufe ihrer Projekte vor ihrem geistigen Auge durchführt, bevor sie gebaut werden.

Einige Unternehmen (Auticon, Microsoft, SAP), haben angefangen, autistische Stärken wie z.B. Mustererkennung für sich zu nutzen und Autisten im IT-Bereich einzustellen. Das ist eine sehr positive Entwicklung. Jedoch können unsere Stärken in ALLEN Bereichen eine Bereicherung für Unternehmen sein. Es gibt erfolgreiche, autistische Lehrer, Verkäufer, Maschinenbauer, Erzieher, Professoren, Musiker etc. und ihre Arbeitgeber wissen oft nichts von ihrem Autismus. Was eventuell auffällt ist vermutlich, dass sie „irgendwie anders“ sind. Denn Autismus ist oft unsichtbar.

„Mein Autismus“ aus Arbeitnehmersicht (vorweg: Ich bin noch arbeitssuchend)

Was für mich persönlich im beruflichen Kontext wichtig (oder einer der Hauptfaktoren) ist, ist die Atmosphäre. Eine feindselige Atmosphäre hindert mich am Denken und Handeln. Während meines letzten Jobs habe ich mich mit den Kollegen wunderbar verstanden und sie waren eine große Unterstützung für mich, weil ich mich immer an sie wenden konnte. Leider wurde die Arbeitsatmosphäre von Chefseite vergiftet. Regelmäßig verließen meine Ex-Kollegen, in Tränen aufgelöst, sein Büro. Das ist wahrlich keine schöne Umgebung, in der man sich gerne aufhält oder gar arbeitet.

Was merkt man mir persönlich im Berufsalltag an – welche Verhaltensweisen sind „komisch“?

Man merkt es mir nicht an. Ich habe Ahnung von meinem Fach und komme gut mit den Menschen gut zurecht, mit denen ich (als Psychologin) Kontakt habe. Sitzungen mit mehr als fünf Menschen (viele Reize)  im Raum sind insofern problematisch, dass ich wenig sage. Hilfreich wäre ein Plan mit „Tagesordnungspunkten“, so dass ich vorher schon weiß, worum es gehen wird. Vorbereitung ist das A und O. Wenn ich weiß, was ich tun muss, ist alles kein Problem.

Der Punkt Mittagspausen und Smalltalk: Smalltalk mit Kollegen, die ich nur flüchtig kenne, ist keine Entspannung für mich. Ich habe es gemacht, weil man es eben so macht und die anderen einen nicht komisch finden…deutlich entspannender ist dagegen das Schreiben (SMS etc.).

Problematisch sind viele Geräusche auf der Arbeit (das Problem hatte ich aber noch nie in einem Job).

Wenn ich im „normalen“ Alltag ansonsten desinteressiert oder arrogant wirke, ist genau das Gegenteil der Fall. Ich will nicht zu interessiert wirken oder aufdringlich sein und schütze mich so.

Aber auch hier gilt: Kennt man einen Autisten, kennt man eben nur einen. Andere autistische Menschen haben z.B. andere Schwierigkeiten, wie mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu fahren oder Probleme mit Gerüchen.

Ausblick

Wenn man den Begriff „Autismus“ hört (ohne sich näher damit auseinandergesetzt zu haben), denkt man sofort an „Defizite“. In den nächsten Jahren wäre eine Abkehr vom rein defizitorientierten Denken bezüglich des Autismus-Spektrums  sehr wünschenswert. Stattdessen sollte man überlegen, wie man die Fähigkeiten autistischer Menschen in allen Berufsbereichen realisieren und nutzen könnte. Das geht nur mit Neugierde, Information, Austausch zwischen Autisten und Nichtautisten (Arbeitgebern, potenziellen und tatsächlichen Arbeitnehmern) und einer offenen Kommunikation, was die jeweilige Seite braucht und wie es realisierbar wäre.

 

 

Bewerbungszirkus oder: Vierundfünfzig Bewerbungen

Vierundfünfzig Bewerbungen habe ich in den letzten zehn Monaten verschickt. Das ist weniger, als es sich angefühlt hat (es können durchaus einige mehr gewesen sein, die beim Durchzählen abhanden gekommen sind). Ich habe nur diejenigen Stellen angeschrieben, bei denen ich -aufgrund meiner Qualifikationen- eine Chance zu haben schien. Und die muss(te) man erstmal finden.

Herausgekommen sind 11 Bewerbungsgespräche. Das ist gar kein so schlechter Schnitt. Also kam mit etwa jeder fünften Bewerbung ein Gespräch zustande.

Bewerbungsgespräche sind -jedenfalls für mich- der Horror. Dort merkt der Arbeitgeber, dass die in der Bewerbung aufgeführten, sehr guten Qualifikationen, nicht mit dem Gesamtpaket übereinstimmen. Ich könnte mich nicht verkaufen, würde „mein Licht unter den Scheffel stellen“ (Redewendung), und hätte doch etwas über mich erzählen sollen. Was soll das denn bitte sein, wenn es doch angeblich auf das Fachliche ankommen sollte? Über die persönlichen Verhältnisse wird man eh ausgefragt. Ob ich pinke Socken mag? Oder Rosinen? Ich habe es dann doch lieber sein gelassen, etwas über mich zu erzählen.

Nachdem man mir bei einer Rückmeldung nach einem Gespräch sagte, „es hätte so keinen Sinn“ und „Sie sollten ein Coaching machen oder sich fachlich weiterbilden“ (Nummer zwei nehme ich jetzt übrigens in Angriff…), habe ich mir etliche Bücher über Körpersprache besorgt, sie durchgearbeitet und vor dem Spiegel geübt. Gebracht hat es -vermutlich- nicht so viel. Jedenfalls wurde ich genauso oft eingestellt wie vor diesem Training-nämlich gar nicht.

Ich muss dazusagen, dass ich mich weder in den Bewerbungen, noch in den Gesprächen als Autistin „geoutet“ habe. Im sozialen Bereich ist eine Diagnose nicht so gern gesehen. Das muss aber jede/r individuell für sich entscheiden, ob ein „Outing“ im Bewerbungsprozess vermutlich Vor- oder Nachteile bringt. Vermutlich fällt es im Arbeitsalltag früher oder später eh auf, dass „etwas nicht stimmt“. Es bleibt aber immer die Gefahr, dass man mit Diagnose gar nicht eingestellt wird.

Dadurch, dass ich keinen Kontakt zu ehemaligen Kommiliton/innen habe („Brücken abbrechen“ ist unter Autisten verbreitet), hatte ich keine Ahnung, ob mein Bewerbungsvorgehen überhaupt sinnvoll ist, oder ob man so -ohne Weiterbildung- eh nichts bekommt. Ich habe einfach „gemacht“ und bin immer wieder „auf die Schnauze gefallen“. Auch seitens der Ämter kann man nicht auf Unterstützung von Asperger-Autisten hoffen – sie haben einfach viel zu wenig Ahnung, wie man helfen könnte. Und jeder Autist hat ganz individuelle Stärken und Schwächen.

Die letzten zehn Monate haben mich viele Nerven gekostet. Die schlaflosen Nächte vor den Gesprächen. Das -teilweise- wochenlange Warten auf die Rückmeldungen bzw. Absagen und die Niedergeschlagenheit und Zweifel, die nach ihnen kamen. Es gab Wochen, da hat allein das Öffnen der Jobbörsen Brechreiz und Panik verursacht, so dass ich den PC sofort runterfahren musste. Und ganz viel Hoffnungslosigkeit, warum einen denn niemand einstellen möchte.

Unter Asperger-Autisten ist es ein weit verbreitetes Problem, dass man im Bewerbungsprozedere auf dem ersten Arbeitsmarkt, trotz sehr guter Qualifikationen, sehr große Schwierigkeiten hat (zu diesem Thema gibt es das sehr hilfreiche Buch „Hochfunktionale Autisten im Beruf: Navigationshilfen durch die Arbeitswelt“ von Ina Blodig, das ich auch gelesen habe).

Der „Bewerbungszirkus“ ist in meinem Fall noch nicht abgeschlossen. Sie können mir sehr gerne für noch offene Bewerbungen die Daumen drücken und auch für Bewerbungsgespräche, die hoffentlich noch kommen werden.

Vorgespräch Diagnostik (erster Beitrag einer Verdachtsautistin)

Mein Tag fing damit an, dass ich aufstand und die Wurst und das Brot sich nicht da befanden wo sie hingehören. Nicht in der Küche an ihren eigentlichen Plätzen, sondern im Zimmer meines großen Sohnes auf der Fensterbank. Das geht nicht. Es geht auch nicht, dass meine Kinder nicht einfach sagen „sorry, ich war es, ich räum es weg“ sondern sich gegenseitig versuchen, die Schuld in die Schuhe zu schieben. Ich steh davor und kann absolut nicht sagen wer lügt und wer die Wahrheit sagt. Sehe ich nicht. Das macht mich wütend, weil ich immer alles analysiere, aber dabei sind meine Skills am Ende. Ich kriege es nicht raus. Und sie machen weiter. Ich werde laut. Ich schreie, ich werfe Dinge durchs Zimmer an den Schrank und auf den Boden, die ich gerade in der Hand habe. Eine leere Plastikflasche, das Brot und die Wurst. Die Wurst verteilt sich auf dem Fußboden. Ich schicke die Kindern ins Bad und hocke mich auf den Boden. Atmen… meine Ohren pfeifen, mein Herz rast und stolpert.  Die armen Kinder.
Das nächste was ich weiß ist, dass ich im Flur stehe und meine Jacke anziehe. Mein Großer kommt runter und sagt „Ja, ich war es, ich hatte halt noch Hunger“. Dann sag das, räum es weg und alles ist gut. Lüg mich nicht an. Mein Kleiner legt seine Handschuhe auf den Schrank im Flur… die gehören da auch nicht hin, die gehören IN den Schrank… wieder werde ich laut, es klingelt an der Tür und ich erschrecke mich, da ich genau unter der Klingel stehe. Kann nicht zur Tür gehen, kann mich nicht bewegen, bin zu wütend. Alles ist rot. Es klopft am Fenster, meine Mutter. Ich schreie sie durch das Fenster an „JA MANN!!!!!“ Wieder Ohrenpfeifen. Ich gehe einfach raus und knalle die Tür, ohne mich noch einmal umzudrehen. Steige ins Auto. Rede nicht und schließe die Augen. Nicht ansprechen. Ich spüre meinen Herzschlag im ganzen Körper und merke, wie mir schwarz vor Augen wird. Ich atme ganz bewusst und kaue auf meinen Zähnen rum, zerdrücke meine Hände. Nicht wackeln, das sieht komisch aus. Die Fahrt ist zum Glück lang genug um mich einigermaßen zu beruhigen, aber ich stehe immer noch neben mir. Ich betrete die Klinik um 09:45 und fühle mich wie Pinocchio… als wäre ich aus Holz, ganz steif.
Erst mal zum Pförtner, der schickte mich zum Aufnahmebüro. Dort habe ich geklopft und bin reingegangen und wurde prompt von der Anmeldedame angeschnauzt „Draußen warten, hier ist jemand drin!“

Oh. Okay. Da war kein Schild oder so. Also gewartet bis jemand rauskam. Nochmal geklopft. Keine Reaktion von drinnen. Nochmal geklopft. „JA!“ *urgs* das ging schon mal gut los, zu dem Zeitpunkt hatte ich schon Herzrhythmusstörungen. Nun gut, Zettel unterschrieben und versucht, mir die Wegbeschreibung zu Dr. Müller zu merken.

Flur runter, rechts, Treppe runter, rechts und dann beim Fahrstuhl ist der Eingang… da standen aber die Namen von 2 anderen Ärzten auf der Tür… also andere Richtung, auch nichts… *Herzstolpern wird immer schlimmer, Flimmern vor den Augen fängt an.* aaaatmen… nochmal genau gucken. Ich bin dann 2x in jede Richtung gelaufen, immer ein Stück weiter.

Ah okay, vielleicht meinte sie den Flur neben dem Eingang… also da runter… irgendwann kam die Tür mit dem Namen Dr. Müller. Geklopft. Keine Reaktion. Hm.

Wenn ich jetzt einfach die Tür aufmache werde ich wieder angeschnauzt, also warten. Hab mich auf einen Stuhl gesetzt gegenüber der Tür. Oder doch reingehen? Was wenn ich zu spät komme? Es ist bestimmt schon 10:00. Nee, dann werde ich wieder angeschnauzt. Oder doch rein? Woher soll ich, verdammt nochmal, wissen, was der erwartet?

Inzwischen saß ich so verkrampft auf meinem Stuhl, dass mit die Beine wehtaten und ich hatte das dringende Bedürfnis, mich in den Schneidersitz zu setzen oder die Knie ranzuziehen und rumzuschaukeln…. aber das sieht komisch aus. Aber hier sind doch alle komisch. Deswegen bist du doch hier… Ich habe mich nicht getraut. Irgendwann hab ich mich dann doch erwischt wie ich die Wand anstarrte und ganz langsam von links nach rechts hin- und herschaukelte, wurde ruhiger.

Dann ging plötzlich die Tür auf, ganz abrupt. Hab mich erschrocken… und da steht der Typ, so um die 55, graue Haare, Bart, Pullunder… zeigt auf mich „Sie sind?“ Ich starre ihn an. „Ihr Name?!“  *Ähm, Meier* Tür wieder zu. Aha… Tür wieder auf.

„Kommen Sie rein“ Ich geh rein, ein kleiner Tisch, 2 Stühle gegenüber… viel zu kleiner Tisch. Ich sitze viel zu nah an dem dran. Lehne mich nach hinten. 2 Neonröhrenlampen. Penetrantes, lautes Ticken einer Uhr, 10:20.
Er hat lauter knallgelbe Zettel mit Linien drauf. Ich lege ihm die Aufkleber, die sie mir in der Anmeldung gegeben haben auf den Tisch, er klebt die Aufkleber auf Zettel und summt „Hmmm, Hmmm, Hmmm,“ voll komisch. Warum summt der?

Guckt mich an. „Warum glauben sie Autistin zu sein?“ Ich sag gar nix. Sitz da wie doof. Irgendwann fang ich an zu reden von Verdacht bei den Kindern, wobei bei einem Sohn autistische Züge festgestellt wurden, beendeter Therapie mit ratloser Therapeutin, mehreren Diagnosen in der Vergangenheit… Er unterbricht mich „Andere Erkrankungen?“ Naja Migräne, Mitralklappenprolaps, Lebensmittelunverträglichkeiten…

Ob ich in Therapie bin. *aktuell nicht, meine Verhaltenstherapie ist jetzt nach 2 Jahren durch. Meine Therapeutin sagt sie kommt an einigen Punkten mit mir nicht weiter, darum bin ich unter anderem hier.“

Dann fragt er wovor ich Angst habe und welche Symptome ich dabei habe. Beschreibe ich ihm. Wann ich das zuletzt hatte, fragt er, ich sage „eben als ich nach ihrem Zimmer gesucht habe.“ Wovor haben Sie noch Angst. -Menschenmengen? *geht so, wenn ich am Rand stehe* -Höhen? *Nur wenn ich frei stehen muss* -Tiere? *Nein, ich liebe Tiere. Eher unbekannte Situationen oder wenn ich lange autofahren muss, wo ich mich nicht auskenne. Ich hatte mal ne Panikattacke im Kaufhaus weil die die Regale umgestellt haben und ich nicht mehr wusste, wo ich bin* Er schreibt auf seinen Zettel „Angststörung“ und liest es dabei laut vor.

„Zwangsgedanken?“ *Ja, ich zähle alles… schon immer, solange ich denken kann, das läuft als automatisches Programm in meinem Kopf ab* Ob mich das stört fragt er. *Naja irgendwann, als es mir bewusst geworden ist, hat es mich erschreckt und gestört, dann sagte mir ein Psychiater, dass das ein Programm meines Gehirns ist, um meine Umgebung nicht so chaotisch wirken zu lassen… seitdem geht es.*

Dann klingelt sein Telefon. Er nuschelt etwas von „bitten rausgehen kurz“ und ich starre ihn an. Was? Wie rausgehen, das ist mein Termin, warum soll ich rausgehen?! Er nimmt der Hörer ab, guckt zu mir und wedelt mit der Hand. Ah okay, der meint das ernst… ich nehme meine Tasche und gehe vor die Tür, lehne sie an. Er drückt sie zu. Ich lasse mich neben der Tür auf den Boden sinken und vergrabe meinen Kopf zwischen meinen Armen, ist mit scheißegal wer da vorbeigeht… denken, denken, ruhig denken, was wolltest du sagen… ich hab jetzt schon das Gefühl die Kontrolle verloren zu haben und gar nichts von dem sagen zu können was ich eigentlich sagen wollte. Tief und langsam atmen… nicht hyperventilieren… okay, auf stehen. Ich lehne mich an die Wand und wippe mit den Füssen auf und ab. Das ist nicht gut. Konzentrier dich. Sei nett. Machs wie bei deinem Hausarzt, lächeln und winken, dann gehts schon.

Die Tür geht wieder auf. Ich setze mich. Dann folgen völlig unstrukturiert und ohne erkenntliche Reihenfolge Fragen zu Ausbildung, Schule, etc. aber immer wenn ich gerade meine Gedanken dazu sortiert habe und erzählen wollte, einen Satz gesagt habe schmeißt er mir das nächste Stichwort an den Kopf. Ich kann nur Fetzen von mir geben. Das Stichwort „Waldhaus“ fällt, das ist eine psychiatrische Klinik, in der ich mit 18 für 6 Wochen war, weil einfach niemand wusste, was mit mir los ist und meine damalige Therapeutin meinte, die sollten da mal intensiver gucken. Nebenbei krame ich auf der Suche nach etwas Geordnetem, an dem ich mich festhalten kann, meine umfangreichen, mitgebrachten Unterlagen raus. Er hat bei einem vorhergehenden Telefongespräch darauf bestanden, dass ich Mutterpass und Untersuchungsheft, Zeugnisse, Therapie- und Arztberichte mitbringe. Ich habe das in den letzten Wochen zusammengesucht und sortiert.

Dabei: -Mutterpass, Untersuchungsheft vom Kinderarzt

-Zeugnisse von der 1. bis zur 9. Klasse

-2 Arztberichte vom Neurologen aus 1989 als ich 8 war, Diagnose: kindliche Migräne und zu langsame Hirnströme

-Therapiebericht Kinder- und Jugenpsychatrie von 1998, kein Gespräch möglich da ich den Raum verlassen habe, Diagnose: Adoleszenzkrise, depressive Episode, herabgesetzter Affekt und Antrieb.

-Therapiebericht Fachärztin für Psychatrie von 1999, Schlafstörungen, Depression, Antriebsschwäche, keine Besserung der Symptome unter Fluctin. Abgesetzt, verordnet Cipramil 20 mg

-Therapiebericht der stationären Einrichting von 2000: schwere Verselbstständigungskrise, mangelhafte Belastbarkeit, starke Somatisierungsneigung, narzisstisch-ängstliche Persönlichkeitsentwicklung. Schwierigkeiten altersgemäß über innere Vorgänge, Gefühle und Reaktionszusammenhänge zu reflektieren, stereotype Rückzugs- und Weglaufsymptomatik. Trennungs- und Ablösungsprobleme. Überfordert mit Eigenbewältigung. Befürchtung zunehmender Entwicklungsstagnation.

-Therapiebericht Psychiater/Neurologe von 2000: Komplexe Migräneaura, depressives Syndrom, selbstverletzendes Verhalten, Störung der Persönlichkeitsentwicklung. Verordnet: Triptane

-Arztbericht Neurologe von 2010: Migräne mit komplexer Aura, Dissoziationsstörung. Triptane helfen nicht. Topipramat 2x 50 mg (Epilepsieprophylaxe)

-Schädel- Gehirn- und Hirnvenen- MRT mit Bildern von 2011

-Arztbericht Neurologe/Psychiater aus 2011: bipolare affektive Störung mit mittelgradiger depressiver Episode, SSV. Doxepin 25 mg wirken nicht, jetzt Paroxetin 10 mg. Dringend Psychotherapie!

-Therapiebericht Psychotherapie 2011: emotional instabil PSST, schizotypisch, Bordeline, (alle zu fast gleichen Anteilen laut Fragebogen) depressive Episode, Zählzwang

-Therapiebericht von 2013: Panikstörung, depressive Episode

-Therapiebericht von 2015: das gleich wie 2013 ^^

Er sieht sich das oberste meiner Zeugnisse aus der 9. Klasse kurz an und murmelt „Versetzung gefährdet“. Die anderen sieht er sich nicht an. In ausnahmslos jedem meiner Zeugnisse steht „unkonzentriert, abgelenkt, zu langsam, passiv und zurückhaltend, kann alle Inhalte aber erfassen. Mitarbeit stark vom Interesse abhängig“.

Dann überfliegt er der Therapiebericht aus dem Waldhaus, sagt aber nichts dazu. Macht sich Notizen.

Er legt mir ein Bild vor, ein buntes Gemälde, auf dem eine Szene zu sehen ist. Ein gedeckter Tisch mit vielen Menschen, der auf einer Wiese steht, Landschaft. Ich soll ihm sagen was mir ins Auge sticht. „Da ist ein Tisch mit Menschen, die essen. Im Vordergrund stehen immer 3 Bäume zusammen, im Hintergrund immer 4.“ Er erzählt kurz von einem Urlaub in Mexico, wo er ganz herzlich und gastfreundlich von einer großen Familie zum Essen eingeladen wurde. Ich mache „Hm.“

Dann legt er mir 6 einzelne Bilder nacheinander vor und lässt sie mich jeweils kurz ansehen. Danach fordert er mich auf, mich in die Ecke zu stellen und die Geschichte zu erzählen… ich kann aber leider keinen richtigen Zusammenhang erkennen und sage nur was auf den einzelnen Bildern zu sehen war und dass ich die Geschichte nicht verstanden habe. Irgendwas mit Affen, einer Palme und einer Kokosnuss. Ach, das waren 2 verschiedene Affen… ich hab mich gewundert, wieso der Affe erst oben sitzt und dann plötzlich unten… okay. Hm. Ich darf mich wieder hinsetzen.

Gucke nach vorne und erschrecke mich tierisch, da ist ein Fenster in dem plötzlich ein Fensterputzer auftaucht und seinen Job macht. Dr. Müller fängt an zu lachen, ich atme. Zwischendurch im Gespräch klingelte noch 2x das Telefon. Da durfte ich aber drinbleiben, die Anrufer wimmelte er recht energisch ab. Ich nutze die Zeit um vor mich hin zu träumen.

Dann sagt er „Sie arbeiten ja als Erzieherin….“ Ich sage *nein, ich habe eine schulische Ausbildung zur Kinderpflegerin gemacht und schon während des Praktikums gemerkt, dass ich das nicht machen kann. Das ist mit zu viel. Ich arbeite im Sportverein mit Kindern und habe ein Kleingewerbe.* Er schreibt „Ah, sie sind also selbstständig…“

Langsam entspanne ich mich ein wenig, ich habe mich an den Raum gewöhnt, alle Schranktüren, Knöpfe und Bilder mehrfach gezählt. Jetzt kann ich langsam umschalten auf angucken, interagieren, das ist der Modus, wenn ich mein Kind von der Schule abhole, arbeiten bin.
Dann fragt er mich nach Beziehung und Freunden…Und ja, ich hab Freunde, eine beste Freundin. Seit 2007. Die wohnt aber 618 km weg, wir sehen uns selten.
Was ich an ihr mag, was eine Freundschaft ausmacht… ja das sage ich ihm… dass man ehrlich ist ist wichtiger als dass man immer nett ist, füreinander da sein, sich helfen. Ich finde sie ist ein toller Mensch und ich bewundere sie.

Warum mein Mann mein Mann ist… was meine Ehe ausmacht. Da reitet er ewig drauf rum, hakt 3x nach. Ich sage dass wir gut zusammen passen und ein gutes Team sind, dass ich nichts hinkriege wenn mein Mann nicht da ist, dass er auf mich aufpasst und für mich da ist. Mir fällt gerade ein, ich habe gar nicht gesagt, dass ich ihn liebe.

Ich denke gerade noch nach was ich über meinen Mann sagen kann, da sagt er „Wollen Sie meine ehrliche Meinung hören?“

Ich sage *ja klar, darum bin ich ja hier*

„Sie sind keine Autistin. Autismus ist eine schwere Kontakt- und Kommunikationsstörung. Sie waren am Anfang sehr kontrolliert, dann haben sie aber Mimik gezeigt und mich sogar angeguckt, ganz natürlich.“ Ich empfinde es genau gegenteilig. Am Anfang habe ich mich total chaotisch gefühlt und wäre beinahe durchgedreht, nachdem ich vor der Tür war konnte ich in meinen „Draußen-Modus“ wechseln.  Ich hole aus um zu sagen *ja, das kann ich, weil ich wenn ich Menschen angucke immer die Fixpunkte in ihrem Gesicht zähle… Ohren, Augen, Nase, Mund, Ohren, Augen, Nase, Mund… weil man mir als Kind immer gesagt hat „guck mich an, wenn ich mit dir rede“…. Ich komme aber nur bis zu *Ja, das kann ich*, dann fällt er mir ins Wort. Jetzt redet er sehr laut, sein Tonfall ist unfreundlich und harsch. „Sie haben eine Angststörung. Aber Sie haben ja eine Therapeutin, gehen Sie dahin zurück.“ Ich stammele *ja, aber die Therapie ist abgelaufen…*
„Na dann gehen Sie halt zu ihrem Neurologen.“ Ich bin etwas verwirrt und weiß nicht, was ich sagen soll. Ich sammele meine Unterlagen ein und stehe auf. Ich gehe zur Tür, stehe etwas unter Schock von diesem doch sehr abrupten Abbruch des Gespräches, denn das war es für mich.

Es gab keine einzige Frage zu meiner Kindheit und Schulzeit. Ich dachte meine Hyperlexie hätte ihn interessieren können.

Dass ich ein Schreikind mit Wutanfällen war vielleicht auch. Und dass ich schon als Säugling meine Füße aneinandergerieben habe, bis sie blutig waren. Dass meine Mutter immer versucht hat, Freunde für mich zu finden und sich deswegen mit anderen Eltern angefreundet hat, damit ich wen zum spielen habe.

Kein weiterer Blick in meine mitgebrachten Unterlagen, die er im Vorfeld am Telefon als so wichtig bezeichnet hat, er könne ja aus sowas und aus Zeugnissen ganz viel rauslesen. Hm…

Keine Fragen zu meinen alltäglichen Problemen.

Keine Fragen zu Gewohnheiten, zur Wahrnehmung oder Reizverarbeitung.

Ich hatte einen Gesprächstermin um 10:00 Uhr, Dauer sollte 60 min sein. Das Gespräch begann um 10:20, zwischendurch war ich ca. 5 Minuten auf dem Flur, um 10:58 stand ich wieder vor der Tür. Das waren also gute 30 min.

Ich habe mich am Ende sehr energisch vor die Tür gesetzt gefühlt, was ich als respektlos und unfreundlich empfunden habe. Das ganze Gespräch empfand ich als sehr unstrukturiert, konzeptlos, unorganisiert und sehr gehetzt. Ich hatte keine Gelegenheit meine Gedanken zu sortieren oder auf Dinge einzugehen, die mir als wichtig oder relevant erscheinen.

Raus vor die Tür… ich kann mich nicht daran erinnern, wie ich die Klinik verlassen habe. Ich stehe draußen, ich zittere und habe ganz wackelige Knie. Ich rufe meine Mutter an, dass sie mich abholen soll und stehe an der Straße.  Ich rauche 2 Zigaretten nacheinander und laufe hin und her. Keine klaren Gedanken. Was ist da gerade passiert?
Ich steige ins Auto ein. Sie fängt an, mich auszufragen, ich werde wieder laut und schnauze sie an. Lass mich in Ruhe. Nicht reden. Nicht jetzt. Ich bin völlig steif und starre vor mich hin. Irgendwann bringe ich ein paar Sätze raus, die Fahrt dauert 45 min. „Der ist ein Arsch.“ Ich bin wütend. Ich habe das Gefühl komplett in mir drin gefangen zu sein. Klebe in mir fest. Alles brodelt. Ich bin ganz ruhig. Steige Zuhause aus und tippe erstmal runter, was passiert ist. Beim schreiben kann ich mich etwas sortieren und begreife, was passiert ist. Ich bin müde, kann kaum die Augen aufhalten, mein Körper  fühlt sich an wie aus Blei. Meine Hände tippen wie von selbst und ich suche Kontakt übers Internet zu Menschen die mich vielleicht verstehen können. Irgendwann wird auch das zu viel. Ich lege mich ins Bett und bin froh dass ich bis 16:00 Uhr meine Ruhe habe. Ich schlafe sofort ein.
Mein Mann weckt mich um 16:20 und fragt „Na, wie wars?“ Ich fange an zu weinen und bringe ein paar Sätze raus, dann schiebe ich ihn von mir weg, kann keine Berührung ertragen, flüchte aus dem Bett und setze mich auf den Fußboden. Bilder tauchen in meinem Kopf auf wie ich meinen Kopf an die Wand schlage, meine Hände gegen meinen Kopf schlage, mir wehtue weil es innen so weh tut. Dieses Mal tue ich es aber nicht. Manchmal geht es nicht anders. Es brennt in meiner Brust und ich kann kaum atmen, schnappe laut nach Luft, klopfe mir auf die Brust. Ich gebe laute Wein- und Schluchzgeräusche von mir… was anderes geht nicht. Ich hasse das. Hasse mich. Ich fühle mich nicht wie ein Mensch. Ich kann das nicht kontrollieren. Ich liege irgendwann auf dem Boden, starre an die Wand und bin wie gelähmt. Als ich wieder etwas wahrnehme ist es 17:30. Ich habe Kopfschmerzen und fühl mich wie ein Zombie.
Den nächsten Tag verbringe ich mit schlafen und weiterem reflektieren der Situation.
Das wars. Kein Autismus.

Über die Höhen und Tiefen nach der späten Diagnose

Traveler Digital Camera

„Manchmal wünsche ich mir, ich hätte niemals von meinem Autismus erfahren.“
(Holger K., spätdiagnostizierter Asperger Autist)

Wenn man erst im fortgeschrittenen Erwachsenenalter die Diagnose Asperger erhält, dann kann es einem schon manchmal irgendwie ein bisschen so vorkommen, als hätte das Leben sich einen Scherz erlaubt und würde einem nun – sozusagen als „beinahe- Greis“ die Auflösung präsentieren und damit die Gelegenheit geben, sein komplettes Leben noch einmal Revue passieren zu lassen und es nun aus einem völlig anderen Blickwinkel zu betrachten.
Von diesem Blickwinkel aus erklären sich nach und nach viele Situationen, die man früher einfach nicht verstehen konnte.
In meinem Leben sind ziemlich viele Dinge geschehen, die ich eigentlich nie so richtig verstanden habe und die sich erst durch das Wissen um mein Asperger Syndrom Stück für Stück erklärt haben.

So gesehen hat es mir die Diagnose ermöglicht, mit vielen Erfahrungen und Erlebnissen der Vergangenheit meinen Frieden zu schließen- zumindest so halbwegs. Und das ist ja schon mal was wert.

Aber was für mich eigentlich noch viel wichtiger ist, das ist die Tatsache, dass ich jetzt endlich die Gewissheit darüber habe, dass ich mit meiner Art der Wahrnehmung kein einzelner kranker Freak bin, sondern dass es da draußen noch jede Menge andere Erdlinge gibt, die ebenfalls ganz schlicht und ergreifend ein anderes Betriebssystem im Gehirn haben als das Heer der NT´s (neurologisch typischen) .

Nach der Gewissheit durch die Diagnose hatte ich dann auch erst mal – wie wohl die Mehrheit der Spätdiagnostizierten-eine richtig Hoch- Phase, in der ich mich vollständiger gefühlt habe als jemals zuvor und mich eigentlich nur noch mit Asperger beschäftigt habe. Dieses Hoch hielt bei mir erst mal über ein Jahr lang an. Wenn man sich nahezu jeden Tag mit Asperger beschäftigt und sich im Internet mit anderen Autisten vernetzt, dann kann man sich irgendwann nur noch ganz schwer vorstellen, dass die Mehrheit der Menschen da draußen überhaupt nix von dem Asperger Syndrom weiß. Wenn man mit dem Thema Asperger nicht in irgendeiner Form zu tun hat- sei es als „Betroffener“, Angehöriger oder sonst jemand, der in Beziehung zu diesem Menschen steht, dann ist es für gewöhnlich so, dass man sich auch nicht großartig mit diesem Thema beschäftigt.

In einer nichtautistischen Welt zählt Asperger ganz einfach nicht zu den Top- Themen und die Zahl der Menschen, die sich „einfach so“ aus Interesse mit AS beschäftigen, ist verschwindend klein.
Wenn der Durchschnitts- „Normalbürger“ tatsächlich mal etwas zum Thema Asperger bei Erwachsenen mitbekommt, dann sind es meist Filme wie Rainman oder Berichte über Savants- wie zum Beispiel Daniel Tammet, der innerhalb von fünf Stunden bei einem Gedächtniswettbewerb 22.514 Nachkommastellen der Kreiszahl Pi referierte und innerhalb einer Woche die isländische Sprache so sicher erlernte, dass er in dieser Sprache ein Interview geben konnte.

Dadurch entsteht bei der Bevölkerung so ein bisschen der verzerrte Eindruck, Asperger Autisten seien ein seltenes „Völkchen“ von Sonderlingen, die allesamt über Talente verfügen wie zum Beispiel mal eben das Telefonbuch von Berlin auswendig zu lernen oder sämtliche Zugstrecken von Deutschland aufsagen zu können, die aber ansonsten eher alltagsuntauglich sind und in ihren abgedunkelten Zimmern hocken.

Und so kann es einem schon mal passieren, dass man- wenn man sich als Asperger outet- angezweifelt wird.
„Was? DU? Ein Autist??? Das kann nicht sein…ich hab da schon mal einen Film/ Bericht gesehen… die sind ganz anders.“

Es ist anstrengend, immer wieder den Menschen da draußen erklären zu müssen, dass Asperger Syndrom nicht bedeutet, ein Savant zu sein und dass die Zahl der Savants verschwindend klein ist.

Es ist anstrengend, immer wieder zu erklären, dass ein Spezialinteresse etwas anderes ist als eine Inselbegabung und dass das enorme Wissen, dass die meisten Asperger auf dem Gebiet ihres Spezialinteresses angehäuft haben, einfach nur daher rührt, dass sie sich eben intensivst mit diesem Thema beschäftigen.

Es ist anstrengend, immer wieder zu erklären, dass Asperger keine Krankheit ist, die man irgendwie wieder „wegmachen“ kann, sondern eine andere Art der Wahrnehmung, die man das ganze Leben lang hat und gegen die es keine Pillen gibt.

Und es ist anstrengend zu sehen, wie wenig dann trotz aller Erklärerei bei den meisten „normalen“ Menschen „hängen bleibt“ und dass sie ohnehin nicht nachvollziehen können oder wollen was es bedeutet, eine andere Form der Wahrnehmung zu haben.

Vielen von diesen „normalen“ Menschen reicht schon eine Schublade aus, in die sie alles stecken können, was von ihrer Norm abweicht.

Den passendsten Begriff hat hier für mich Dr. Manfred Lütz in seinem Buch „Irre- wir behandeln die Falschen- unser Problem sind die Normalen“ aufgegriffen (oder bzw. wiederbelebt), der eigentlich bereits in den 80ér Jahren geprägt wurde: Die NORMOPATHEN.
Unter Normopathie versteht man eine Persönlichkeitsstörung , die sich in einer zwanghaften Form von Anpassung an vermeintlich vorherrschende und normgerechte Verhaltensweisen und Regelwerke innerhalb von sozialen Beziehungen und Lebensräumen ausdrückt.
Die Normopathen sind da draußen dicht gesät- und wo sie gehen und stehen,hinterlassen sie ihre Spuren und denken, sie wären das Maß aller Dinge- eben weil es so viele von ihnen gibt.
Das Leben unter all den Normopathen ist extrem anstrengend und laugt aus. Und ich muss sagen, dass ich es seit meiner Diagnose stellenweise noch sehr viel anstrengender empfinde als in all den Jahren vorher.
Das da draußen ist nicht „meine Welt“- alles ZU viel, ZU schnell, ZU laut, ZU chaotisch, ZU oberflächlich.
Neulich hatte ich ein Gespräch mit Holger- ebenfalls spätdiagnostizierter Asperger. Im ersten Moment war ich sehr schockiert von seiner Aussage „Manchmal wünsche ich mir, ich hätte niemals von meinem Autismus erfahren.“
Ich persönlich bin schon froh , dass ich endlich darüber Bescheid weiß, wodurch sich mein ANDERS- sein erklärt- aber es wird wohl immer so eine Art Hassliebe sein. Manchmal bin ich richtig glücklich mit meiner Wahrnehmung.
Aber manchmal habe ich auch Phasen, in denen mich das alltägliche Leben mit den ganzen „normalen“ Menschen um mich herum so dermaßen anstrengt, dass ich das Gefühl habe, mich aufzulösen.
Phasen, in denen ich das Gefühl habe, dass sich durch mein Wissen um mein AS die Symptome um ein Vielfaches verstärkt haben.
Phasen, in denen ich einfach nix mehr von AS hören kann.
Und auch wenn ich Holgers Meinung nicht teile, so kann ich in diesen Zeiten schon irgendwie verstehen, was er meint.

Erfolgsgeschichten aus der Zeitung

Mir liegt da was auf dem Herzen. Mal wieder. Das wird sicher noch häufiger vorkommen. Heute geht es mir um Zeitungsartikel. Zeitungsartikel, die Erfolgsgeschichten über behinderte Menschen präsentieren wollen. Da macht ein Carry Jung eine Ausbildung. Kurz zusammengefasst, steht in dem Artikel, dass alle total verwundert waren, weil sie nicht wussten, was Autismus ist. Und erst recht nicht dachten, dass das gar nicht so schlimm ist, dass Carry auf ganzer Linie überzeugen konnte. Er war vor der Ausbildung ziemlich unselbstständig. Doch mit ganz viel Liebe und Unterstützung hat er dann doch noch die Ausbildung geschafft. Und der Betrieb war begeistert. Alle haben ja so viel von ihm gelernt. Das Ende ist allerdings genau das Gleiche, wie in jedem dieser Artikel, die über diese angeblichen Erfolgsgeschichten behinderter Menschen berichten. Am Ende will die nämlich keiner. Ach ich vergaß, Carry ist hochbegabt und machte eine Ausbildung zum Metallwerker. Klingt in meinen Ohren nach genau der richtigen Ausbildung für einen hochbegabten Menschen, aber was hab ich da schon zu sagen. Das ganze wurde organisiert von der Agentur für Arbeit (ach was, das erklärt so einiges). Wir kennen dieses Spiel fast alle, glaube ich. Alles in allem wird dann diese Erfolgsgeschichte als Paradebeispiel für Inklusion angeführt.

Erst einmal zu der Situation selbst: Carry ist jetzt 21, hochbegabt und hat eine Ausbildung zum Metallwerker. Ihn will niemand übernehmen. Welche Glanzleistung der Inklusion soll denn das bitte darstellen? Sein Ausbildungsbetrieb kommentiert das ganze folgendermaßen: Wir können uns den Aufwand nicht leisten, den Carry braucht. Okay. Wo bitte ist hier gleich noch Inklusion zu finden? Weil Carry nun mit, statt ohne Ausbildung arbeitslos ist? Nennen wir das als Gesellschaft erfolgreiche Inklusion? Nennen wir das Kind doch beim Namen: Diese Erfolgsgeschichte ist einfach keine. Sie ist eine weitere Geschichte des Scheiterns, in einer endlosen Debatte um Inklusion und dem Widerwillen der Arbeitgeber (oder wahlweise auch Schulleiter). Es ist die traurige Realität der meisten von uns. Halten wir den Mund, werden wir gemobbt und verbiegen uns, bis wir zusammen brechen. Machen wir den Mund auf, will uns keiner, weil wir wertlos sind. Nein, nicht wertlos, nur übersteigen die tatsächlichen Kosten den reellen Wert, den wir darstellen. Heißt, wir kosten mehr, als wir einbringen und damit sind wir wirtschaftlich nicht rentabel. Das wir dabei permanent unter Wert verkauft werden, ist nochmal eine andere Geschichte.

Das ist ein Missstand unserer Gesellschaft, gegen den viele von uns kämpfen. Um fehlende Anerkennung, um ein Recht darauf, zu bekommen, was wir benötigen, damit wir wertvolle Arbeit leisten können. Niemand verlangt vergoldete Toiletten (und wer dies tut, wird gleich bezichtigt, Autist zu sein. Buh!), alles was wir verlangen, ist Menschenwürde. Würde, ein Recht das angeblich jeder Mensch mit seiner Geburt erhält. Manchmal halte ich das aber für ein Gerücht. Wir kämpfen um Würde und bekommen einen Arschtritt. Aber das ist ja noch nicht alles!

Denn jetzt kommt der Punkt, der mich wirklich massiv stört.

Was verkauft uns eine Erfolgsgeschichte dieser Art denn eigentlich wirklich? Was vermittelt sie uns emotional? Was geschieht mit der Psyche, wenn man von Artikeln dieser Art bombardiert wird? Und das gilt nicht nur für Autisten, sondern auch für jeden anderen, der im nächsten Umfeld zu einem Autisten lebt, insbesondere dem Vormund! Ich kann natürlich nur beschreiben, was es mit mir macht. Es wird sicher andere geben, die anderer Meinung sind und das ist auch vollkommen okay. Aber ich bin auch mit Sicherheit nicht die einzige, die von diesen Artikeln massiv getroffen wird.

Ein wichtiger psychologischer Effekt ist, dass wir glauben, was wir immer wieder hören. Je öfter wir es hören, umso fester glauben wir daran. Oder in diesem Fall eben lesen. Selbst wenn wir wissen, dass das, was wir da immer und immer wieder lesen, falsch ist, glauben wir irgendwann daran. Dazu gibt es tausende psychologische Studien, dass ist empirisch bewiesen. Das dieser Effekt existiert, ist auch kein Geheimnis. Wenn ich nun immer wieder Erfolgsgeschichten lese, die keine sind und an deren Ende alles beschissen ausgeht, dann glaube ich das irgendwann. Irgendwann überschreite ich den Punkt, an dem ich die gelesenen Artikel zu meiner eigenen Realität mache. Und das was der Artikel sagt, indem er eine Geschichte des Scheiterns als Erfolgsgeschichte verkauft, ist eigentlich:

Das ist das Beste, was du schaffen kannst! Das ist das Maximum.

Das ist Erfolg! Deine Zukunft wird die Arbeitslosigkeit sein.

Und das brennt sich ein. Darauf folgt ein weiterer schöner psychologischer Effekt. Die self-fullfilling prophecy. Wer die Geschichte zu Troja kennt und ein bisschen mit dem Kassandra-Effekt vertraut ist, der wird schnell verstehen, was ich sagen will. Indem ich diese Geschichte zu meiner eigenen mache, weil ich sie immer und immer und immer wieder lese und irgendwann einfach daran glaube, bestimme ich mein Schicksal damit. Diese Artikel werden meine Realität. Denn ich handle nun so, dass sich die Zukunft so erfüllt, wie ich sie erwarte. Und was erwarte ich? Die Arbeitslosigkeit, genau. Wie soll ich also aus dem Loch heraus kommen? Wie soll ich selbstbewusst in eine Ausbildung gehen, wenn ich glaube, dass das alles sowieso nichts wird? Wie soll ich selbstbewusst in ein Bewerbungsgespräch gehen, wenn ich permanent Angst davor habe, wieder abgewiesen zu werden? Wenn ich damit rechne, abgewisen zu werden und dann auch abgewiesen werde, aktiviere ich mein Belohnungszentrum und dann wird alles verstärkt. Die Haltung brennt sich ein, mein Schicksal scheint nun fest zu stehen. Denn ich sehe ja, was die Erfolgsgeschichten meiner Leute sind. Wie viele Autisten sind auf dem ersten Arbeitsmarkt? 5%? 10%? Und wieso kenne ich niemanden? Wo sind diese Leute?

Ganz ehrlich, ich will nicht mehr. Ich will richtige Erfolgsgeschichten lesen, oder Geschichten des Scheiterns auch als solche deklariert sehen. Ich will keine Euphemismen mehr, die Scheiße schön reden und mich dann doch nur in die Arbeitslosigkeit drängen. Ich will raus aus dieser Hilflosigkeit und selbstständig sein. Immer und Überall. Ich möchte nicht länger eingeschüchteter Bittsteller sein, der auf Gnade hoffen muss. Ich will es nicht trotz meiner Behinderung schaffen, ich will es wegen meiner Behinderung schaffen, sie macht mich nämlich auch innovativ! Ich bin nicht minderwertig! Ich bin ein vollwertiges Mitglied der Gesellschaft, das wertvolle Arbeit zum Gemeinwohl beiträgt. Ich bin kein Kostenfaktor, ich bin ein Mensch mit Gefühlen und mit Stärken und Schwächen, so wie jeder andere verdammte Mensch auf diesem Planeten auch!

Wo sind die echten Erfolgsgeschichten? Wo sind die Geschichten über behinderte Menschen, die es wirklich geschafft haben? Die dem Kreislauf entkommen konnten? Die ein glückliches Leben führen und sich einrichten konnten? Wo sind diese Geschichten über diese Menschen, die einfach nur zufrieden ihrer Arbeit nachgehen, ein gutes Privatleben haben, so wie sie es sich wünschen und denen es finanziell gut geht? Menschen ohne Existenzängste? Die ihrer Qualifikation entsprechend arbeiten?

Und wenn dann doch mal eine Geschichte über einen solchen Menschen auftaucht, dann sehe ich, was all die anderen angeblichen Erfolgsgeschichten angerichtet haben. Ein glücklicher Autist ist unvorstellbar geworden und es hagelt Bedrohungen, die Diagnose wird aus Fernsicht, ohne persönlichen Kontakt, abgesprochen, es wird beschimpft und beleidigt und die Diskussion um die Modediagnose flammt wieder auf. Dann startet er wieder, der Kontest des Leidens und es wird wütend und polternd ausgelotet, wer der Gewinner sein soll. Alle überschlagen sich in ihren Leidensgeschichten.

Ich habe es so satt!

Vielleicht gehe ich endgültig aus allen Gruppen raus, ich will das nämlich nicht mehr glauben. Ich hab genug.

Soziale Kontakte und Ich

Ich muss an dieser Stelle einmal etwas los werden. Eine Meinung, ein Empfinden, mit dem ich gesellschaftlich oft auch anecke. Ich möchte hier über soziale Kontakte sprechen und über deren Vor- und Nachteile. Denn es gibt definitiv beides. Und oft ist es für mich eine ganz sorgfältige Abwägung der Vor- und Nachteile. Der Grund dafür ist nicht nur meine Gesundheit…

Ich brauche soziale Kontakte!

Das muss ich an erster Stelle klar sagen. Ich brauche soziale Kontakte, ich brauche es geliebt zu werden, ich brauche es lieben zu dürfen und ich brauche genau so Zuspruch, Zuneigung und auch körperliche Nähe, wie die allermeisten Menschen eben auch. Zugegeben, letzteres musste ich erst lernen, aber seitdem ich es kann, ist es ein wichtiger Teil in meinem Leben geworden. Ich brauche das alles ganz unbedingt. Ein Leben vollkommen ohne Liebe, und ohne geliebt werden, ist für mich schier unerträglich. Da könnte ich mich auch gleich unter die Erde legen. Will ich aber nicht. Ich brauche Menschen in meinem Leben! Ich möchte mit ihnen lachen und weinen und ich möchte mich mitteilen, und das auch sie sich mir mitteilen. Ich brauche auch Sex und ich brauche es auch hier und da in einer Gruppe zusammen zu sitzen, gemütlich zu grillen und/oder ein Bierchen zu trinken. Das sind alles wichtige Dinge für mich, aber es gibt eben auch ein, zwei Probleme, die ich so mit sozialen Kontakten habe.

Ich habe da keine Energie für!

Eines meiner Probleme wird wohl fast jeder von euch kennen. Ein Abend in Gesellschaft ist körperlich so anstrengend, wie ein Marathon. Die Aufmerksamkeit, die Konzentration, die ich aufbringen muss, um deren unverständliches Gebrabbel (sry Leute, meine ich nicht böse) in klare Worte zu verwandeln, damit ich überhaupt begreife, wovon die eigentlich sprechen, ist unendlich ermüdend. Ich muss in Windeseile alles Gesagte korrekt einordnen. Dazu muss ich Vergleiche finden, Emotionen einordnen, die Bedeutung dahinter begreifen. Ich muss einfach alles ins, für mich, rechte Licht rücken. All das funktioniert über Vergleiche. So funktioniert eben Empathie und ich bin ja auch gerne empathisch. Mir macht das irgendwo ja auch Spaß, sonst würde ich es nicht immer wieder tun! Ich muss aber in der Regel an ganz anderen Stellen suchen, um das gleiche zu finden, was sie mir da erzählen und dazu muss ich dann auch noch meine eigenen Erlebnisse massiv abstrahieren, abwandeln und wieder in ein Erlebnis setzen, welches mein Gegenüber dann auch begreifen kann. Ich spreche also permanent in Gleichnissen. GOTT! Eine fünfstündige Matheklausur ist dagegen Entspannung für meinen Kopf! Ich mache diese Arbeit gerne. Alles was ich eben sagen möchte, ist, es ist anstrengend. Wirklich, wirklich, wirklich sehr, sehr anstrengend und es wird nicht leichter, je mehr Fallbeispiele ich zu Rate ziehen kann, sondern eher immer komplexer.

Dieses Problem wird oft nicht verstanden, aber an sich durchaus gesellschaftlich akzeptiert. Ich habe da selten das Problem, wenn ich das erkläre und mich mit diesen Worten verabschiede, dass die Leute da irgendwie sauer sind auf mich, oder so. Sie sagen eher so etwas wie Achso, ja sag das doch, das ist doch gar kein Problem, dann treffen wir uns das nächste Mal nur für 2h statt für 4. Ist doch alles cool! Das zweite Problem hingegen, dass ist schon viel schwieriger wertfrei an den Mann zu bringen, darum verschweige ich das in der Regel, aber auch darüber muss ich einfach einmal sprechen.

Das Gespräch entwickelt sich einseitig!

In den allermeisten Unterhaltungen bin ich inhaltlich wirklich unterfordert. Ich habe oben grob umrissen, auf welchem kognitiven Niveau ich agieren muss und meine Mitmenschen können das sehr oft einfach nicht auch leisten. Ich muss in dieser Komplexität denken, ich habe gar keine andere Wahl, denn ich hätte sonst keine Chance, meinen Mitmenschen mehr als nur ein Aha oder Ja, das kenne ich auch zu bieten. Das zieht aber eben auch den Nachteil mit sich, dass ich, sollte ich es mal wagen, einen eigenen Gedanken zu äußern, mich häufig mehrmals massiv herunterbrechen muss, mich mehrmals stark vereinfachen muss, damit ich überhaupt verstanden werde. Dadurch entwickelt sich das Gespräch schnell recht einseitig. Ich verliere enorm die Lust daran, meine eigenen Gedanken zu äußern, die gerade einfach wesentlich für mich sind, während mein Gesprächspartner jetzt so richtig aufblüht, tausend Erkenntnisse gewinnt und mir ein Problem nach dem anderen um die Ohren haut, um mich in diesen Angelegenheiten um Rat zu bitten. Versteht mich bitte nicht falsch. Ich freue mich darüber. Ich finde das schön, wenn ich helfen kann. Mein Gesprächspartner beteuert mir dann immer wieder, wie wertvoll die Gespräche mit mir sind. Ich bin ja durchaus ein gern gesehener Gesprächspartner. Nur diese Einseitigkeit, die ist einfach ermüdend. Denn wenn ich diejenige bin, zu der alle mit ihren Problemen kommen, weil ich so weise (haha) bin, wo gehe ich denn hin, wenn ich nicht weiter komme? Zu denen, die weiter hinter mir liegen? Die verstehen ja gar nicht, wovon ich spreche.

Das vermischt sich dann zusätzlich noch mit der autistischen Denkweise. Die Arbeit hängt immer an mir und das ist meinen neurotypischen Mitmenschen gar nicht so richtig klar. Ich bin dazu gezwungen, alles so aufzubereiten, damit sie es verstehen, weil sie einfach nicht in der Lage sind, sich auf mich zuzubewegen. Weder vom Intellekt, noch von der autistischen Wahrnehmung her. Und ja, ich gebe das zu, aber in diesem Moment sehe ich auch sehr häufig schlicht keinen Sinn darin, mich meinen Mitmenschen mitzuteilen. Dabei brauche ich das so sehr. Ich möchte genau so wie jeder andere ein qualitatives, gegenseitiges Gespräch führen. Doch fast immer komme ich, aufgrund der vorhandenen Fähigkeiten meiner Mitmenschen, in diese einseitige Lage.

Therapie? Ja? Nein?

Genau das war dann auch die Frage, vor die ich mich gestellt sah, als ich endlich bereit war, an mir zu arbeiten. Suche ich mir jetzt einen Therapeuten? Einen richtig guten, der auch mal versucht, die Arbeit zu leisten, die ich tagtäglich leisten muss? Mal versucht, sich in mich hinein zu versetzen? Ich habe das alles mal durchgespielt. Ich hätte jemanden finden müssen, dann einen Platz bei ihm bekommen müssen, dann hätte ich ihn erst einmal anlernen müssen und dann, erst dann hätte die Therapie angefangen. Alles in allem wäre ich dann in 6 Jahren an der Stelle gewesen, an der ich heute nach 6 Monaten bin. Ich bin daher sehr froh darüber, dass ich die Fähigkeiten besitze, dass selbst machen zu können. Das alleine zeigt ja schon, denn es handelt sich dabei ja um einen Profi, wie erschöpfend das ganze sein muss, wenn da jemand mit noch weniger Ahnung vor mir sitzt. Ich will damit das Ausmaß beschreiben, welchen Dingen ich tagtäglich ausgesetzt bin. Welche Leistung ich da eigentlich tagtäglich vollbringe. Es ist eine ganz außerordentliche Leistung! Ernsthaft!

Und unterm Strich?

Unterm Stich kommt für mich etwas heraus, was viele nicht gerne hören möchten, weil sie sich dadurch persönlich verletzt fühlen. Für mich kommt heraus, dass ich einen enormen Energieverlust zu verzeichnen habe. Mich übermannt Lustlosigkeit und Trauer. Ich werde auf ein Podest gehievt, auf dem ich vollkommen einsam bin. Ich erlebe einfach keine Gemeinsamkeit. Immer nur Einseitigkeit. Ich stecke Tonnen an Energie in die Kommunikation, damit ich alles in den für mich richtigen Kontext setzen kann und übersetze permanent auch wieder zurück. Ich stecke Tonnen an Energie in ein Unterfangen, aus dem ich nichts zurück bekomme. Im Gegenteil. Ich bin der Verlierer der Konversation. Ich verliere nicht nur Energie, Lust und Freude, ich verliere auch Selbstbewusstsein, Selbstwertgefühl, das Gefühl von Gleichwertigkeit. Mein Gesprächspartner hingegen gewinnt nur, weil er sich nicht auf mich zu bewegen kann und daher alle Arbeit an mir hängt. Ich fühle mich da auch irgendwie … benutzt …

Ja, ja, ja. Ich soll das nicht aufwiegen und ich darf nichts von einem sozialen Kontakt erwarten, ich weiß, ich weiß. Und dennoch muss ich mir ernstlich die Frage stellen, was ich davon habe, wenn ich auf diese Kontakte verzichte. Täte ich dies, ich würde lesen, lernen, schreiben, einfach kreativ sein und mich entfalten. Kurz gesagt, ich würde mich bilden und entwickeln. Ich würde mein Selbstwertgefühl steigern, mein Selbstbewusstsein, meine Selbstwirksamkeit. Ich wäre voller Freude und Lust und meine Energie würde steigen und steigen. Und daher sage ich, wie es für mich einfach ist:

Ich empfinde soziale Kontakte in den allermeisten Fällen als Klotz am Bein!

Und es macht mich traurig, dass ich so empfinden muss. Ich möchte das nicht. Ich sehne mich danach, konstruktive Freundschaften zu pflegen. Aber das sind sie meistens nicht für mich. Meine konstruktiven Freundschaften pflege ich daher eher mit Büchern. Mit meinen Blöcken und Stiften. Mit den hunderttausend Büroartikeln, die ich sammle, wie eine Irre. Mit meinem Notebook, dass mir so ein treuer Begleiter ist. Ich finde meinen Trost und meinen Fortschritt in der Musik und in der klassischen Literatur. Ich finde meinen Trost und meinen Fortschritt in der Naturwissenschaft. Die verstehen mich. Die sind immer für mich da. Die zeigen mir Perspektiven auf. Denen muss ich mich nicht erklären, die helfen mir einfach. Sie erklären mir alles, was ich wissen will. Kaum sonst einer kann das. Ich wünschte, es wäre nicht so. Ich wünschte, Menschen könnten das für mich sein. Aber sie sind es nicht. Sie sind Klötze am Bein, die mich aufhalten, in meinem Bestreben, mich zu entwickeln. Das wollte ich viel zu lange nicht wahrhaben.

Es ist eben auch gesellschaftlich nicht akzeptiert, so zu fühlen. Wenn ich das ausspreche, dann bin ich arrogant und eingebildet. Ich bin ein Narzisst. Ich halte mich ja für was besseres und bin in mich verliebt. Ich schätze mich ja sowieso vollkommen falsch ein, denn wir wissen ja alle, dass das niemand kann. Weil zu sagen, dass man intelligent ist und diese eigene Intelligenz, im Vergleich mit anderen Menschen, auch deutlich wahrnimmt, dass macht man nicht. Da ist man selbstverliebt. Ganz klar. Und diesem Urteil erlag ich lange Zeit und habe mich so selbst daran gehindert, mich zu entwickeln. Ich habe mich dazu gezwungen, sozial zu sein. Ich habe mich dafür geschämt, intelligent zu sein. Ich habe absichtlich Klausuren verhauen. Und so weiter.

Jetzt akzeptiere ich das. Ich akzeptiere, dass mir Menschen Klötze am Bein sind und sie mich aufhalten. Ich darf das nur eben nicht so sagen. Ich bin also nicht asozial, weil ich ein Arschloch bin. Ich bin asozial, weil ich durch meine Konditionen in eine Rolle gedrängt werde, in der ich nicht sein möchte und weil ich deswegen einen anderen Weg gehe, als meine Mitmenschen. Meine Mitmenschen entwickeln sich über den Kontakt zu Gleichaltrigen. Ich nicht. Das ist okay. Wenn ich euren sozialen oder religiösen Werdegang akzeptieren kann, dann akzeptiert doch bitte auch meinen, über die Naturwissenschaften und die Kunst. Danke vielmals!

Autismus und Messie – geht das?

Aus eigener Erfahrung heraus: ja, das geht und ist bei dem Erscheinungsbild und den Auslösern des Messie-Syndroms auch nicht sonderlich überraschend.

Es wird oft von ordnenden und peniblen Autisten berichtet. Bei mir ist das nicht so. Im Prinzip schon, weil ich das gerne schaffen würde, aber es ist für mich überaus anstrengend, das zu erreichen. Ich stehe meinem Chaos täglich im Kampf gegenüber.

Der Begriff Messie dürfte jedem geläufig sein, jedoch habe ich selbst erfahren müssen, dass dabei weniger die Auslöser betrachtet werden, als das Ausmaß.

„Räum doch mal auf!“ – „Das ist ekelig!“ – „Du bist faul!“ – „Das ist krankhaft!“

Aber wirklich geholfen, hat mir dabei keiner (von den wenigen, die es wussten).

Ich möchte nun die grobe Charakteristik des Syndroms aufzeigen und anhand meiner Erfahrungen/ Gefühle/ Gedanken genauer darauf eingehen. Ich orientiere mich dabei am Wikipedia-Artikel, da er für den Einstieg in das Thema ziemlich gut ist: https://de.wikipedia.org/wiki/Messie-Syndrom

Der Wikipedia-Artikel beginnt, wie folgt:

„Der Begriff Messie-Syndrom bezeichnet schwerwiegende Defizite in der Fähigkeit, die eigene Wohnung ordentlich zu halten und die Alltagsaufgaben zu organisieren; es können ernsthafte seelische Störungen vorliegen. (…)

Die Störung wird auch als Desorganisationsproblematik bezeichnet. (…)“

Weiter heißt es bei der Definition:

„Das Messie-Syndrom ist eine psychische Wertbeimessungsstörung, das heißt Betroffene schätzen Wert und Nutzen verschiedener Dinge anders ein als der Durchschnitt der Bevölkerung. (…)

Einige Messies sammeln nur eine bestimmte Art von Dingen, andere sammeln alles und werfen überhaupt nichts weg, da sie sich nicht davon trennen können.

Teilweise führt dieses Verhalten zu Verwahrlosung und Vermüllung, Schwierigkeiten im sozialen Umgang oder anderen Problemen. Allerdings ist keines dieser Symptome charakteristisch für das Messie-Syndrom. Viele Messies führen nach außen ein völlig normales bürgerliches Leben.“

Symptomatik:

  • Unordentlichkeit bis zu Geruchsbelästigung und hygienischen Problemen
  • zwanghaftem Sammeln wertloser oder verbrauchter Dinge
  • chronischen Problemen mit Zeiteinteilung und Pünktlichkeit
  • „Lähmung“ der Handlungsfähigkeit auch in wichtigen Situationen
  • Versäumen bzw. Nichterledigen (Aufschieben) normaler sozialer Verpflichtungen. (Es kann beispielsweise vorkommen, dass die gesamte Post – ob Werbung, wichtige Briefe oder Mahnungen – ungeöffnet liegenbleibt.)
  • eingeschränktem sozialem Umgang, den u. a. eine oft extrem unordentliche Wohnung mit hervorruft
  • Hilflosigkeit unter dem Druck des Chaos

(…)

Die Betroffenen sind meistens unfähig, den realen Wert dieser Gegenstände einzuschätzen und zwischen wichtig und unwichtig, brauchbar und unbrauchbar zu unterscheiden. Oft sehen sie die Irrationalität ihres Hortens zwar ein, sind aber nicht in der Lage, der Einsicht entsprechend zu handeln.

(…)

Darüber hinaus haben Messies häufig Schwierigkeiten, Prioritäten zu setzen, Notwendiges zu erledigen und ihre Handlungen gemäß eigener Zielsetzungen effektiv zu steuern. Insbesondere die Umsetzung geplanter Handlungen, die nicht aktuell befriedigend sind, fällt ihnen schwer, ebenso eine aufgabengerechte Zeiteinteilung. Ähnlich wie bei einer Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) sind also die sogenannten exekutiven Funktionen gestört.

Auch haben Messies oft das Problem, dass sie sich voller Elan in neue Aufgaben stürzen, viel organisieren und letzten Endes dann feststellen, dass sie dieser Aufgabe nicht gewachsen sind. So bleiben viele angefangene Projekte liegen und tragen dazu bei, die Unordnung im Leben zu vergrößern.

Viele Messies schämen sich ihrer Unordnung und leiden darunter. Auch infolge sozialer Isolation halten es viele Betroffene nicht für möglich, dass andere unter denselben Schwierigkeiten leiden. Dies erschwert ihnen häufig, ihr Problem zu erkennen und Hilfe zu suchen. Nach außen sind Messies meistens unauffällig. Sie erscheinen oft als offene, optimistische, vielseitige und kreative Menschen. Manchmal haben sie – scheinbar paradox – eine Tendenz zum Perfektionismus.

(…)

Und zuletzt zu den Ursachen:

(…)

Die Ursachen können im „Verlassen-Werden“ von angenehmen Dingen liegen. Jemand, der sich etwas zulegt, einkauft oder von jemandem beschenkt wird, verbindet mit dem erworbenen Besitz eine nicht zu unterschätzende angenehme Erinnerung. Für den Messie, der nie oder selten in seinem Leben Zuneigung oder Bestätigung bekam, ist diese Erinnerung des angenehmen gekauften Besitzes das Einzige, woran er sich klammern kann. Eine Erinnerung, die er nicht wieder verlieren will. So hortet der Messie sie.

(…)

Das Messie-Syndrom kann auch Folge eines Traumas sein, also einer seelischen Verwundung oder eines Schicksalsschlages, die den Betreffenden aus der Bahn warfen. Psychologen sprechen in diesem Zusammenhang von fehlgelaufener Trauerarbeit oder von einer Anpassungsstörung.

(…)

Als Beispiel nun der Verlauf des Syndroms bei mir:

Mein Kinderzimmer hatte ein anderes Ordnungssystem, als es bei anderen Kindern der Fall war. Ich wusste immer, wo etwas ist und hatte die Spielsachen, mit denen ich mich viel beschäftigte immer in „Sichtweite“. Ich erinnere mich daran, dass ich oft traurig war, wenn mein Zimmer aufgeräumt wurde und ich nichts mehr so vorfand, wie ich es verlassen hatte. Manche Dinge fand ich schnell wieder – andere musste ich lange suchen. Beim Kinderarzt sortierte ich immer die Bücher und Spielsachen im Wartezimmer. Meine Mutter erwähnte oft, dass sie das nie verstand. Zuhause unordentlich und wo anders räume ich auf.

Ich selbst war aber nicht „unordentlich“, ich hatte meine „eigene Ordnung“. Quasi ein System im vermeintlichen „Chaos“.

Je älter ich wurde, desto voller wurde mein Zimmer. Es war nicht „überfüllt“. Ich konnte darin spielen, der Boden war (abgesehen unmittelbar vor Wänden) frei. Dennoch drängte meine Mutter mich, endlich Ordnung zu schaffen, was ich nicht tat, da es für mich ja schon ordentlich war.

Irgendwann kamen mir auf dem Weg nach Hause Kinder entgegen, die genau die Spielsachen hatten, die ich auch hatte. Ich realisierte es nicht, sondern freute mich darüber, dass ich genau mit diesen Dingen auch spielen kann. Ein paar Meter weiter realisierte ich dann, dass es nicht nur die gleichen, sondern tatsächlich meine Spielsachen waren! Sie standen in Müllsäcken am Straßenrand. Wie ich darauf reagierte, ob ich rebellierte oder es „schluckte“, weiß ich nicht mehr. Da endet meine Erinnerung.

Im Alter von etwa 14 Jahren bemerkte ich, dass ich meine Mutter aus meinem Zimmer heraushalten kann, wenn es noch unordentlicher wird. Leider fand bei ihr ein „Gewöhnungsprozess“ statt und die Unordnung reichte nicht mehr aus. Somit legte ich nach. Das war aber immernoch „nur“ die Unordnung einer Chaosprinzessin. Keineswegs eines Messies.

Ich schaffte es, immer wieder die Sachen zu ordnen, wenn ich Besuch bekam. Was zugegeben sehr selten war, aber nicht immer zu vermeiden. Mit 16 Jahren hatte ich die ordentlichste Phase meines Lebens. Ich lernte meine erste Liebe kennen. Nach der Trennung artete es zum ersten Mal in Vermüllung aus. Ich konnte nichts aus unserer Zeit wegwerfen. Auch Dinge, die mich während meiner Trauerphase an ihn erinnerten, wurden mit auf mein Zimmer genommen (Zeitungen mit bestimmten Daten, Flyer des Kinos, in dem wir waren etc.).

Zwei Jahre später, nach der Trennung meiner zweiten ernsteren Beziehung (in der Zwischenzeit gab es noch andere Beziehungen, die mich aber emotional nicht so sehr mitgenommen haben), verkroch ich mich auf mein Zimmer. Ich kam nicht mehr heraus, verlor meinen Tag- und Nachtrhythmus. Blieb nachts wach, weil es dann still im Haus war und fuhr morgens mit dem Auto weg, damit meine Eltern nicht merkten, dass ich nicht mehr zur Schule gehe. Ich fuhr auf einen stillen Parkplatz und schlief im Auto, bis die Schule vorbei war. Dann fuhr ich zurück – ging auf mein Zimmer und vegetierte in meinem Chaos. Nachts schlich ich mich nach unten, um neue Getränke- und Essensvorräte zu holen und ließ Geschirr/ Verpackungen etc. in meinem Zimmer, weil ich es so selten wie möglich verlassen konnte/ wollte.

Mit 21 Jahren hatte ich die dritte, sehr schmerzhafte Trennung. Von da an war mir bewusst, dass es kein „normales“ Chaos ist, weil ich gerade nicht die Kraft habe, es anzugehen, sondern tatsächlich das Messie-Syndrom.

Es ist unglaublich viel Scham damit verbunden und ich litt selbst darunter. Ich wollte/ brauchte Ordnung und Struktur, bekam sie aber selbst nicht hin.

Dadurch gab es viele familiäre Probleme, die mich stark belastet haben, weil angenommen wurde, ich mache es absichtlich und in Wahrheit doch vollkommen überfordert und um Hilfe schreiend war.

Heute habe ich es relativ gut im Griff. Ich bin nicht die Ordentlichste, aber es ist meist so, dass ich Besuch empfangen könnte. Es kostet mich immernoch sehr viel Kraft, dem täglichen „Krieg gegen das Chaos“ anzugehen. Es gibt immer wieder Phasen, in denen das Chaos wieder überhand nehmen zu droht, aber ich schaffe es dann, es wieder zu beseitigen, weil ich weiß, wie schwierig es für mich war, aus diesem Kreislauf auszubrechen. Ich habe zu große Angst, dass eines Tages wieder der Punkt erreicht sein könnte, an dem das Chaos für mich zu groß wird.

Ich möchte euch meine effektivste (und kleinste) Herangehensweise nicht vorenthalten:

ich verlasse einen Raum nicht, ohne zu sehen, ob sich etwas in diesem Raum befindet, das ich auf meinem Weg zum nächsten Raum seinem eigentlichen Platz ein Stück näher bringe. Auch habe ich mittlerweile meine „Sammelstellen“ für Gegenstände, die wieder an ihre „alten Plätze“ zurückgebracht werden müssen. Wenn ich dann an diesen Sammelstellen vorbeilaufe, nehme ich es mit. Mir war nicht bewusst, wie viel auf diese Weise aufgeräumt werden kann, ohne dass es ein sonderlicher Mehraufwand ist.

Jedem, dem es ähnlich geht, kann ich nur raten: gehe nicht mit leeren Händen durch die Wohnung/ das Haus. Nutze Wege, die du sowieso laufen musst!

Wer ich bin und wie ich meinen Autismus empfinde

Ich wurde erst mit Mitte 20 diagnostiziert. Bis zu diesem Punkt dachte ich, dass mit mir irgendetwas „nicht stimmt“. Ich konnte aber nie greifen, was mich von anderen unterschied. Mein Wesen mochte ich und war mir sicher, dass ich die Voraussetzungen mitbringe, in der Gesellschaft zu bestehen. Ich bin ehrlich, loyal, aufrichtig, zielstrebig und gewissenhaft. Meine Fähigkeiten konnten auch nicht der Grund sein, warum mir so vieles so enorm schwer fiel: ich bin intelligent, querdenkend, mitfühlend und unkonventionell. Es gab immer Menschen in meinem Leben, die genau das an mir zu schätzen wussten, aber ich polarisierte stark. Entweder ich wurde gehasst oder geliebt. Mir selbst liegt ein schwarz-weiß Denken fern, aber genau so sahen mich andere. Keine Grauzone. Keine Aspekte, die kritisch hinterfragt wurden. Keine weiteren Perspektiven, die in Betracht gezogen wurden. Ich wirke abweisend, also muss ich demzufolge auch so sein. Ich wirke auch viel zu oft „faul“, weil meine eigentlichen Bestrebungen nicht gesehen werden.

Ich wirke „mysteriös“, bin ein stilles Wasser und dennoch tobt in mir eine raue See. Mir wurde sehr oft gesagt, dass stille Wasser tief sind, wenn mich jemand näher kennenlernte.

Das trifft mein Leben bis zur Diagnose sehr gut.

Es war mir nicht möglich, mich einem Menschen so sehr zu öffnen, dass er alle Facetten meiner Persönlichkeit kennenlernte. Nicht meine tiefsten Gedanken erfuhr und auch nicht meine Probleme. Ich verstand mich selbst nicht, wie sollte ich also erwarten, dass es jemand anderes tut?

Diese Zurückhaltung und tiefe Verunsicherung ist bei mir nicht angeboren, weil es eine starke Veränderung in meinem Verhalten gab. Mit Eintritt der Pubertät wurde aus meiner „glücklichen Realität“ allmählich traurige Gewissheit, dass ich „alleine“ bin. So sehr ich mich auch bemühte, immer wieder mein Herz zu öffnen und Menschen hereinzulassen, wurde ich dennoch erneut enttäuscht. Es wurde zu einer „Frage der Zeit“, bis jemand beginnt, mich zu hassen.

Mit zunehmenden Selbstzweifeln wurde ich stiller. Ich hatte Angst, verstoßen zu werden oder in einen Streit zu geraten, dem ich nicht gewachsen bin.

Das Gefühl, nicht in diese Welt zu gehören und unsichtbare Defizite den anderen gegenüber zu haben, ließ mich straucheln. Ich zog mich zurück, lebte mein Leben ein Stück weit nur in meinen Gedanken aus. Stellte mir meine Zukunft vor, wie ich sie für mich wünsche und gewann Kraft aus diesen Vorstellungen. Kraft, um weiterzumachen, nicht aufzugeben und zu hoffen, dass es eines Tages besser wird. Es ist fast 2 Jahrzehnte her, dass ich allmählich die Kontrolle über mein Leben verlor und nur mit kleinen Schritten voran kam. Mein „Tempo“ reichte dabei nicht aus, um neue Rückschläge zu verarbeiten. Erst mit meiner Diagnose und der Auseinandersetzung mit Autismus, konnte ich neues Vertrauen in mich gewinnen und effektiv an meinem Leben arbeiten. Meine Wunden, die über fast 20 Jahre hinweg immer zahlreicher wurden, konnte ich noch nicht alle verheilen.

Erst vor Kurzem wurde mir bewusst, dass meine Narben mir in gewisser Weise in die Wiege gelegt wurden. Sie sind nicht angeboren und dennoch schon sehr früh entstanden.

Letztes Jahr fand ich heraus, dass meine Mutter seit langer Zeit schizophren ist. Das stellte meine „Weltanschauung“ nach der Auseinandersetzung mit Autismus erneut auf den Kopf. Ich habe sie immer als meine Mutter betrachtet – so, wie sie ist. Mit ihren Ecken und Kanten. Dabei habe ich ihr auf meine Weise vertraut. In dem Sinne vertraut, dass ich davon ausging, sie sei „normal“ und hätte ihr Leben unter Kontrolle. Dass ich mein Leben nicht unter Kontrolle hatte, war für andere ab einem gewissen Punkt sichtbar. Bei meiner Mutter habe ich so etwas nie beobachten können oder wahrgenommen.

Nachdem ich zum ersten mal in psychiatrischer Behandlung war, sagte mir die Therapeutin, dass meine Schutzmechanismen so groß sind, dass ich anderen Menschen gar nicht erst die Möglichkeit gebe, mich kennenzulernen. Ich sei zu misstrauisch und stelle illusorische Ansprüche an meine Mitmenschen. So naiv und froh wie ich war, endlich Hilfe und Unterstützung zu bekommen, vertraute ich auf ihre fachliche Kompetenz.

Ich wurde offener, ließ Menschen an mich heran, vor denen mich mein Bauchgefühl warnte und wurde noch heftiger enttäuscht, als zuvor. In mir kamen Zweifel auf, was für eine schreckliche Person ich sein muss, wenn selbst diese Menschen nichts liebenswertes in mir erkennen können. Menschen, die ebenso wie ich, stark polarisieren und auf der Suche nach Freundschaft/ Beziehungen sind. Rückwirkend betrachtet, hatten alle Personen, die ich an mich heranließ, ähnliche Probleme, wie ich. Sie strauchelten durchs Leben. Anders als ich, das gebe ich zu, aber augenscheinlich sehr ähnliche Charaktere. Ich investierte viel Zeit, Energie und Herz in meine Freundschaften. Stand ihnen zur Seite, wenn es Probleme gab und versuchte mit meinem rationalen Denken neue Lösungswege aufzuzeigen. Obwohl sie mich eigentlich besser hätten kennen müssen, kam der Punkt, dass sie in mir eine „Verrückte“ sahen. Zwiegespalten zwischen Nähe und Distanz. Ich brauche menschliche Nähe und ich brauche auch Vertrauen, aber ich brauche sehr viel Zeit zum Ich-Sein. Momente der Ruhe und des Loslösens in meine Gedankenwelt.

Meine Mechanismen zur Bewältigung von Trauer mögen auf andere martialisch wirken, weil ich mit „voller Energie“ in depressive Stimmungen stürze. Das ist nicht immer ein automatischer Prozess, sondern von mir bewusst hervorgerufen. Ich verstehe oft die Tragweite menschlichen Verhaltens nicht. So sehe ich nach einer Trennung nur die Trennung als solche. WIE die Trennung mein Leben beeinflusst, kommt häppchenweise und drückt mich für lange Zeit nach unten. Wenn ich diesen Prozess bewusst hervorrufe, kann ich solche Erlebnisse besser einordnen und mir über meine eigenen Gefühle bewusst werden. In diesen Phasen höre ich traurige Balladen, sehe Fotos der entsprechenden Zeit an und schreibe über meine „verlorenen“ Hoffnungen. Ich erlebe die Trauer und Erinnerungen dann quasi im „Schnelldurchlauf“. Sobald ich sie verstanden habe, kann ich mit ihr rational umgehen und meine emotionale Seite „schützen“. Mir sagte neulich jemand dazu: „In tragedy is beauty!“

Es stimmt (leider), denn nur mit depressiver Stimmung kann ich mein Leben „ordnen“ und bin paradoxerweise produktiver, als in besseren Phasen. Produktiver auf geistiger Ebene. Um mich herum bleibt dann alles liegen, aber ich finde wieder zu mir.

Bis vor Kurzem war mir nicht bewusst, wie gestört die Bindung zu meiner Mutter ist und es auch schon sehr früh war. Erst seit letztem Jahr habe ich die Möglichkeit, das Verhalten meiner Mutter allmählich zu verstehen und nachzuvollziehen. Es gab Zeiten, da haben wir uns gehasst und es gab auch Zeiten, in denen unser Verhältnis besser war (erst nach dem Rat, ich solle anderen Menschen gegenüber nicht so misstrauisch sein). Meine Bezugsperson war mein Vater. Wenn er in der Nähe war, war meine Mutter wie Luft für mich. Es gab dann nur ihn und mich. Lange Zeit litt ich darunter, weil ich meiner Mutter deswegen viel Schmerz zugefügt habe. Heute verstehe ich, dass sie es selbst mit ausgelöst hat (bzw. die Schizophrenie). Es macht mich traurig, wie sehr meine Mutter wohl unter ihren Einschränkungen leidet. Ich weiß, dass ich ein Wunschkind war und sie lange auf mich warten musste. Als ich dann aber zur Welt kam, war ich „langweilig“. Ich schlief viel, verpasste meine Mahlzeiten und „von meiner Sorte“ hätte sie vier Kinder parallel versorgen können. Mein Wesen unterforderte sie so sehr, dass sie ihren Chef anflehte, wieder arbeiten zu dürfen. Wenn auch nur für ein paar Stunden in der Woche. Das sind Aussagen meiner Mutter – das habe ich mir nicht „zusammengedichtet“.

Wenn ich ein Kind bekommen würde, wäre ich glücklich – ganz egal welches Wesen es hat. Ich würde so viel Zeit mit ihm verbringen, wie es mir möglich ist. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es mich unzufrieden stimmen würde, wenn mein Baby auf meinem Arm schläft und ich es dabei eng an meinen Körper halte. Ich bin harmoniesüchtig und was ist harmonischer als die frühkindliche Beziehung einer Mutter zu ihrem Baby?

Meine Eltern arbeiteten vor meiner Geburt beide im Schichtdienst. Meine Mutter wechselte ihre Stelle und hatte nur noch Frühdienste, um sich um mich zu kümmern. Somit habe ich viel Zeit mit ihr verbracht, aber irgendwie auch nicht. Meine frühesten Erinnerungen zeigen mir, dass wir schon damals aneinander vorbeilebten. Sie war zwar da und auch für mich ansprechbar, aber sie hat sich nicht mit mir „befasst“. Nach außen hin wirkte sie als umsorgende Mutter, die viel mit ihrem Kind unternimmt. Für mich war sie aber immer irgendwie „fremd“. Bis heute weiß ich nicht sehr viel über sie und ihr Leben. Ich weiß nur das über sie, was ich selbst beobachtet/ erfahren habe.

Mir ist erst jetzt bewusst geworden, wie sehr diese gestörte Bindung mein Leben beeinflusst hat. Ich wäre ohne diese Erfahrungen nicht weniger Autistin, aber vermutlich eine vollkommen andere.

Darüber möchte ich hier im Blog schreiben. Zum Einen, um mich selbst besser kennenzulernen und anderen mit ähnlichen Erfahrungen dadurch vielleicht helfe und zum Anderen, um einen Austausch zum Thema zu führen. Wobei mein Austausch wohl eher passiv sein wird. Ich mache mir Gedanken über Kommentare und beziehe sie in meine Sichtweise mit ein, aber manchmal sind keine Kapazitäten im Gehirn mehr frei, um eine passende Antwort zu verfassen. Das ist keineswegs böswillig gemeint, sondern eine meiner persönlichen Einschränkungen.

Warum guckst du so böse?

Ich glaube, eine der Fragen, die ich bisher in meinem Leben am Meisten bezüglich meiner Mimik gehört habe sobald ich in Interaktion mit anderen Menschen trete ist: „Warum guckst du so böse?“ Zur Familie dieser Frage gehören noch weiterhin Sätze wie- „Hab ich dir was getan?!“ „Bist du sauer?“ „Hast du irgendwas?!“ „Lach doch mal!“ -und Ähnliches. Jeder, der nur über eine reduzierte Mimik verfügt, kennt so etwas wahrscheinlich auch aus eigener Erfahrung. Nein- ich habe nichts. Ich bin weder böse, noch sauer oder sonst irgendwas. Ich gucke ganz einfach so. Das ist quasi „mein Gesicht“. Eigentlich bin ich höflich und habe gute Umgangsformen. Ich sage „Bitte“ und „Danke“, „Guten Appetit“ und „Gesundheit“ , halte für andere Leute mit die Türe auf und trage auch gerne mal den Omis aus der Nachbarschaft die Tasche nach Hause. Aber in der Interaktion mit Menschen passiert es mir auch sehr oft, dass ich aufgrund meines Gesichtsausdrucks für böse, arrogant, abweisend, überheblich, desinteressiert oder sonst irgendwas gehalten werde. Gut- ich gebe zu, ich bin nicht gerade ein Hedonist, der freudenstrahlend durchs Leben läuft und ständig jedermann mit guter Laune überschüttet, aber selbst dann, wenn ich innerlich völlig ausgeglichen bin und in Gedanken über meine mentale Blumenwiese hüpfe, wird diese Meldung offenbar nicht an meine Gesichtsmuskulatur weitergegeben und so kommt es immer wieder dazu, dass mein Gesichtsausdruck von meinen Mitmenschen vollkommen verkehrt eingeordnet wird. Meine Worte und Taten reichen in solchen Momenten offenbar für meine neurotypischen Mitmenschen als Nachweis für einen zufriedenen Gefühlszustand nicht aus- es fehlt wohl als wichtige Information das passende Gesicht. Ich für meinen Teil wäre echt froh, wenn die Menschen ein paar weniger Gesichtsausdrücke hätten. Das Deuten von Gesichtsausdrücken und Blicken ist für mich- wie für viele andere Autisten auch- ein Buch mit sieben Siegeln. Gut- ein paar besonders wichtige Gesichtsausdrücke und Blicke habe ich im Laufe der Jahre zu deuten gelernt. Zu erkennen, ob jemand sich freut, ist relativ einfach und ob jemand traurig ist oder Schmerzen hat auch. Ebenso Angst und ob jemand angestrengt nachdenkt (denn dann ist er meistens still). Vielleicht hab ich jetzt gerade noch einen oder zwei von den existenziellen Gesichtsausdrücken vergessen. Aber das war´s aber dann auch so ziemlich. Wenn es um irgendwelche Feinheiten im Blick geht, bin ich ziemlich schnell aus dem Rennen. Ob jemand nun neckisch, irritiert, gelangweilt oder sonst wie guckt, kann ich höchstens raten. So war bei mir auch der Augenpartietest jedes Mal eine absolute Katastrophe. Ab dem 3. oder 4. Bild konnte ich mich zwischen den ganzen Möglichkeiten überhaupt nicht mehr entscheiden, irgendwann sah alles gleich bekloppt aus, ich wusste gar nichts mehr und hab nur noch A genommen. Für mich funktioniert Kommunikation am besten mit klaren Ansagen. Dann weiß ich, worum es geht. Und möglichst ohne irgendwelches verwirrendes Drumherum wie Blicke, Mimiken und Bewegungen, die man noch deuten soll um zu verstehen, worum es geht. Das macht die Interaktion und Kommunikation mit den meisten Mitmenschen unheimlich kompliziert für mich. Ich denke, wenn einfach mehr Klartext gesprochen würde, gäbe es viel weniger Missverständnisse unter den Menschen . Und das wäre echt eine Erleichterung für all die Menschen, die es mit dem Deuten von Blicken und Erfassen von zwischen den Zeilen Gesprochenem nicht so drauf haben. Darauf braucht man aber vermutlich nicht hoffen, weil da draußen die neurotypischen Menschen ganz klar in der Überzahl sind, die diese verwirrende Art der Kommunikation beherrschen und für das Normalste der Welt halten. Und deshalb wie selbstverständlich davon ausgehen, dass alle anderen das auch tun. Am besten finde ich Schreiben. Wenn ich etwas lese, dann habe ich die größten Chancen, es auch richtig zu verstehen. Und kann so lange darüber nachdenken, wie ich will, bevor ich mich äußere. Aber im Alltag kommt man halt auch immer wieder zu persönlichem Kontakt mit Menschen und da ist man halt ganz klar im Nachteil, wenn man die „Sprache jenseits der Sprache“, die von den meisten anderen benutzt wird, nicht versteht und deshalb auch nicht benutzen kann. Ich habe immer wieder im Leben die Erfahrung gemacht, dass es bei der neurotypischen Welt als barsch, hart oder unfreundlich ankommt, wenn man diese Sprache und die ganzen Blicke und Mimiken nicht beherrscht, sondern einfach sagt, was man meint- ohne irgendein spezielles Gesicht dazu zu machen. Ich hatte zum Beispiel an der Arbeit (Altenpflege) das undankbare Amt der Hygienebeauftragten des Wohnbereichs. Und wir bekamen eine Praktikantin, die unter den Armen stank. In den kommenden Tagen kamen nach und nach alle möglichen Kollegen inklusive Stationsleitung auf mich zu und nervten, dass ich etwas unternehmen soll, weil ich ja Hygienebeauftrage war. Und jeder betonte, dass die Frau unter den Armen stank. Also bin ich zu der Frau gegangen, hab ihr Duschzeug, Deo, frische Arbeitsklamotten und meinen Schlüssel zum Umkleide- und Duschraum gegeben und hab gesagt:“ Hör mal zu, du stinkst unter den Armen. Geh dich mal bitte duschen!“ Ich dachte, das wäre der Auftrag gewesen. Am Ende vom Dienst musste ich zu einem „Gespräch“ zur Pflegedienstleitung, weil man „so was nicht sagen darf“ und „das anders verpacken muss“. Sowas habe ich einfach nicht drauf. Irgendwie sind das Diplomaten- Gen, das „nette Gesicht“ und die geheime Sprache, in der man Dinge sagt, ohne sie beim Namen zu nennen bei mir nicht angelegt. Das macht die Kommunikation und Interaktion mit anderen oft sehr schwer und sorgt immer wieder für Mißverständnisse und Probleme im Umgang mit den Mitmenschen. Wir bedienen uns der gleichen Worte- aber wir sprechen nicht wirklich die gleiche Sprache. Also- es bleibt schwierig …