Mach ich morgen…oder Montag ( über Prokrastination)

Der Begriff Prokrastination kommt aus dem Lateinischen und bedeutet eigentlich schlicht und ergreifend „vertagen“ und ist eine Zusammensetzung aus den Worten pro „für“ und cras „morgen“.
Hört sich jetzt eigentlich gar nicht so schlimm an- mach ich eben morgen…
Tja…ganz so einfach ist es dann halt doch nicht, denn das Problem ist, dass es jeden Tag wieder ein „morgen“ gibt, auf das man verschiebt.
Prokrastinieren ist ist eine Arbeitsstörung, die sich durch hartnäckiges Aufschieben, unnötiges Vertagen des Arbeitsbeginns oder auch durch sehr häufiges Unterbrechen des Arbeitens äussert. Und damit meine ich nicht das herkömmliche Aufschieben von ungeliebten,. aversiven Arbeiten, die aber dann doch noch rechtzeitiug erledigt werden (das eigentlich jeder kennt), sondern ein Verhalten, bei dem man Aufgaben trotz jeder Menge vorhandener Gelegenheiten und Fähigkeiten entweder gar nicht, oder erst nach sehr langer Zeit… und oft auch ZU SPÄT erledigt.pro1
Ich prokrastiniere eigentlich schon, so lange ich denken kann. Und obwohl ich mir dessen bewusst bin, ändert es nichts an der Tatsache, dass ich es doch immer wieder tue- zwar nicht mehr so extrem wie in jüngeren Jahren- wo ich die Dinge meistens so lange habe schleifen lassen, bis wichtige Termine und Chancen ein für alle Mal verpasst waren, bis bei jedem Kram horrende Mahngebühren angefallen waren oder irgendwann der Gerichtsvollzieher vor der Tür stand.
Schon in der Schule war es oft so, dass das Fertigstellen einer Aufgabe (sagen wir mal zum Beispiel ein Referat) gar nicht oder nur unter enormem Druck zustande kam, was eigentlich dann auch fast immer mit einem beträchtlichen Leidensdruck einher ging, da ich mir sehr wohl darüber im Klaren war, dass es von den Fähigkeiten her gesehen für mich überhaupt kein Problem war, die Aufgabe ordentlich zu erfüllen.
Das ging dann bis heute eigentlich in allen möglichen Bereichen meines Lebens immer so weiter.
Es war schon immer so, dass das Zeug dann erst mal da lag und lag und lag und sich irgendwie jede Zelle meines Körpers dagegen sträubte, die Sache anzufangen. So als wenn der Zünder fehlt.
Daran hat sich bis heute nix geändert.
Ich weiß ganz genau, dass das „Damoklesschwert“, das über jedem Tag, an dem ich eine wichtige zu erledigende Aufgabe habe, sie jedoch nicht endlich abhake, für mich eigentlich viel schlimmer ist, als wenn ich den „Scheiß“ jetzt mal endlich erledigen würde ( bin ja eigentlich nicht völlig blöd und im Nachhinein merkt man ja meistens auch, dass man sich viele Nachteile hätte ersparen können, wenn man die Sache rechtzeitig angegangen wäre)… ABER…irgendwie bleibt das nicht im Gehirn hängen und man macht es wieder so…und wieder… und wieder.pro2
Warum?
Schließlich hat man durch das erneute Nichterfüllen einer Aufgabe ein tatsächlich empfundenes Leiden, das sich immer mehr mehr aufbläht, einem immer mehr das Gefühl gibt, ES mal wieder nicht auf die Reihe bekommen zu haben- oder wenn, dann nur unter allergrössten Mühen.
Und hier kommt dann genau das ins „Spiel“, was Prokrastination von gewöhnlicher Aufschieberei unterscheidet.

Denn Prokrastination bezeichnet ein Verhalten, das unter anderem auch sehr stark dadurch gekennzeichnet ist, dass stattdessen (also anstatt der zu erledigenden Aufgabe) irgendwelche (eher unwichtigere) Alternativtätigkeiten ausgeführt werden, die relativ angenehmer sind und/oder unmittelbare Verstärkung ermöglichen (ganz beliebt bei mir: putzen, sortieren und sonstiger Käse).
Und die ganze Zeit über hat man im Hintergrund das Wissen über das, was man da gerade mal wieder tut…oder versäumt.
Warum tut man sich so etwas an?
Konsequenzen der Prokrastination sind schlechtere Leistung und anhaltende Unzufriedenheit. Zusätzlich kann man als Folge des Aufschiebens unter körperlichen und psychischen Beschwerden leiden (z. B. Muskelverspannungen, Schlafstörungen, Herz- und Kreislaufprobleme, Magen- und Verdauungsprobleme, innere Unruhe, Anspannung, Druckgefühl, Angst oder Hilflosigkeit).
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass man als Betroffener eigentlich nicht mehr das tut, was man will und häufig auch unter Selbstabwertung leidet.
Prokrastination beeinträchtigt nicht nur das psychische Wohlbefinden, sondern kann zudem zu ernsthaften beruflichen und persönlichen Konsequenzen führen. Man kann Prokrastination nicht mit Faulheit vergleichen.
Ich denke, hier spielt mal wieder das instabile Selbstbild eine nicht unerhebliche Rolle, das mir sagen will:“ Du hast es nicht verdient, Dinge zeitgerecht und ohne großen Palaver erledigt zu bekommen“.
Ich glaube, wenn man darüber mehr nachdenkt, könnte es einfacher werden.

Über „mal eben“ telefonieren

Ich möchte heute mal- aus aktuellem Anlass- über das Telefonieren schreiben.

Vielleicht kennt das ja auch der eine oder andere…

Mal eben irgendwo anrufen ist ne Sache, die mich jetzt mehrere Wochen beschäftigt hat.

Ich musste/ sollte mal eben irgendwo anrufen.

Ich selber rufe (abgesehen von meiner Freundin) vielleicht einmal im Jahr irgendwo an. Ich hasse telefonieren- und zwar wie die Pest.

Wenn es irgendwie möglich ist, erledige ich alles schriftlich.

Ist ja für die meisten Leute schön und praktisch, dass das Telefon erfunden wurde, aber irgendwie ist Telefonieren für mich eine Kommunikationsdisziplin, die mir eher auf den Magen schlägt, als dass ich mich an ihr erfreuen kann.

Jedes Mal aufs Neue.

Ich hab zwar auch eins, ein Handy. Uralt. Und das dient mir hervorragend als Wecker.

Aber wehe, das Ding klingelt außer zum Wecken….und es zeigt nicht die Nummer meiner Freundin an.

Wenn einfach so das Telefon klingelt, und es ist nicht meine Freundin, dann heißt das eigentlich fast immer, es ist was „Offizielles“.

Ich habe keine Angst vor „offiziellen“ Sachen, aber ich empfinde das Telefonklingeln ohne Voranmeldung wie einen Einbruch in meinen innersten Raum… wirklich wie einen Einbruch…so als stünde der am anderen Ende bereits mit einem Fuß in der Tür.

Am besten noch morgens… vor oder während meiner Routinen. Prima… dann kann es sein, dass der halbe Tag kippt.

In solchen Situationen greif ich dann auch gerne mal zu Strategien,  über die ich im Nachhinein selber den Kopf schüttele, wie zum Beispiel viele Kissen über das Handy türmen  oder es in den Kühlschrank legen und die Küchentür zu machen, bis das Klingeln endlich vorbei ist.

Man könnte ja auch einfach ran gehen… theoretisch.

Und ich denke mal, das tun auch die meisten Menschen.

Ich kann das auch…aber nur in Ausnahmesituationen. Also in Situationen, die für mich wirklich extrem wichtig sind.

Wie zum Beispiel letztes Jahr, als mein Kater plötzlich verschwand und ich die ganze Stadt mit Suchmeldungen gepflastert hatte. Da bin ich innerhalb von vier Wochen über 100 Mal ans Telefon gerannt und hab sofort und ohne zu zögern abgehoben.

Aber so im Alltag…?

Da ist es irgendwie schon ganz anders.

Da schleich ich erst mal um das Telefon herum, als wär das Ding gefährlich.

Wenn angezeigt wird, wer sich da in meinen „Film“ klingelt, dann fange ich an, darüber nachzudenken, was ich mit demjenigen sprechen werde, wenn er ein weiteres Mal anruft und „übe“ quasi für mich dieses Gespräch, damit ich mir wenigstens über die Basics keine Gedanken machen muss. So kann ich mich auf das bevorstehende Gespräch einstellen.

Wenn nur eine Nummer angezeigt wird und ich den anderen Gesprächsteilnehmer nicht kenne, wird es dann für mich schon schwieriger, mich auf das Gespräch zu konzentrieren.

Meistens vergesse ich während des Telefonats schon wieder, mit welchem Namen die Person an der anderen Seite der Leitung sich gemeldet hat sowie auch irgendwelche Einzelheiten , wenn ich es nicht sofort während des Telefonats aufschreibe.

Ich bin die meiste Zeit des Telefongesprächs so damit beschäftigt mich zu fragen, ob die Person an der anderen Seite jetzt gerade nur Luft holt oder eine Pause macht, ob ich jetzt sprechen soll und wie lange und was irgendwelche Geräusche zu bedeuten haben, die ich da noch so aus dem Telefon höre, dass das eigentliche Gespräch zur Nebensache wird.

Hinterher rege ich mich meistens über mich selber auf, weil ich dann oft das Gefühl habe, ich hätte mich total ungeschickt und gehemmt formuliert und meine Sätze mit  lauter „ ähhhm, öhhhm“ und ähnlichen Lauten gespickt oder hätte ewig gebraucht, um auf den Punkt zu kommen oder etwas zu erklären.

Und spiele das Telefonat wieder und wieder durch.

Und mir fallen plötzlich massenweise bessere, elegantere, treffendere Sätze ein, die ich hätte sagen können. Das bringt mich dann in dem Moment in totale Unruhe.

Und dann hab ich das Gefühl, ich hab mich in dem Gespräch verhalten wie der letzte Idiot.

Auf die Idee, dass das Gespräch vielleicht für den anderen völlig „normal“ und ausreichend gewesen ist, komme ich meistens erst mit ziemlicher Verzögerung und nachdem ich mich ausgiebig über mich selbst aufgeregt habe.

Jetzt ist es aber so, dass ich „mal eben“ bei jemandem anrufen musste/ wollte.

Und zwar bei einer Fachärztin für psychosomatische Medizin.

Wochenlang habe ich mir jetzt den Kopf zermürbt, wie ich der Frau erklären soll, was ich von ihr will, ohne dass sie mich gleich für eine total Irre hält.

Wochenlang hab ich dieses Telefonat jetzt vor mir hergeschoben, es immer wieder neu im Kopf vorbereitet und mir Gedanken über alles Mögliche gemacht. Ich war schon kurz davor, es ganz bleiben zu lassen.

Letzten Endes hab ich dann tatsächlich „mal eben“ da angerufen- nach 6 Wochen oder so. Und hatte nach 2 Minuten einen Termin und das Gespräch war vorbei.

Die ganzen Stunden, die ich im Vorfeld mit Gedanken über dieses Telefonat verbracht habe, hätte ich mir auch sparen können.

Das weiß ich jetzt. Jetzt im Moment.

Das heißt aber nicht, dass es beim nächsten Mal anders wird, wenn ich „mal eben“ irgendwo anrufen muss.

 

 

 

 

Autismus und Messie – geht das?

Aus eigener Erfahrung heraus: ja, das geht und ist bei dem Erscheinungsbild und den Auslösern des Messie-Syndroms auch nicht sonderlich überraschend.

Es wird oft von ordnenden und peniblen Autisten berichtet. Bei mir ist das nicht so. Im Prinzip schon, weil ich das gerne schaffen würde, aber es ist für mich überaus anstrengend, das zu erreichen. Ich stehe meinem Chaos täglich im Kampf gegenüber.

Der Begriff Messie dürfte jedem geläufig sein, jedoch habe ich selbst erfahren müssen, dass dabei weniger die Auslöser betrachtet werden, als das Ausmaß.

„Räum doch mal auf!“ – „Das ist ekelig!“ – „Du bist faul!“ – „Das ist krankhaft!“

Aber wirklich geholfen, hat mir dabei keiner (von den wenigen, die es wussten).

Ich möchte nun die grobe Charakteristik des Syndroms aufzeigen und anhand meiner Erfahrungen/ Gefühle/ Gedanken genauer darauf eingehen. Ich orientiere mich dabei am Wikipedia-Artikel, da er für den Einstieg in das Thema ziemlich gut ist: https://de.wikipedia.org/wiki/Messie-Syndrom

Der Wikipedia-Artikel beginnt, wie folgt:

„Der Begriff Messie-Syndrom bezeichnet schwerwiegende Defizite in der Fähigkeit, die eigene Wohnung ordentlich zu halten und die Alltagsaufgaben zu organisieren; es können ernsthafte seelische Störungen vorliegen. (…)

Die Störung wird auch als Desorganisationsproblematik bezeichnet. (…)“

Weiter heißt es bei der Definition:

„Das Messie-Syndrom ist eine psychische Wertbeimessungsstörung, das heißt Betroffene schätzen Wert und Nutzen verschiedener Dinge anders ein als der Durchschnitt der Bevölkerung. (…)

Einige Messies sammeln nur eine bestimmte Art von Dingen, andere sammeln alles und werfen überhaupt nichts weg, da sie sich nicht davon trennen können.

Teilweise führt dieses Verhalten zu Verwahrlosung und Vermüllung, Schwierigkeiten im sozialen Umgang oder anderen Problemen. Allerdings ist keines dieser Symptome charakteristisch für das Messie-Syndrom. Viele Messies führen nach außen ein völlig normales bürgerliches Leben.“

Symptomatik:

  • Unordentlichkeit bis zu Geruchsbelästigung und hygienischen Problemen
  • zwanghaftem Sammeln wertloser oder verbrauchter Dinge
  • chronischen Problemen mit Zeiteinteilung und Pünktlichkeit
  • „Lähmung“ der Handlungsfähigkeit auch in wichtigen Situationen
  • Versäumen bzw. Nichterledigen (Aufschieben) normaler sozialer Verpflichtungen. (Es kann beispielsweise vorkommen, dass die gesamte Post – ob Werbung, wichtige Briefe oder Mahnungen – ungeöffnet liegenbleibt.)
  • eingeschränktem sozialem Umgang, den u. a. eine oft extrem unordentliche Wohnung mit hervorruft
  • Hilflosigkeit unter dem Druck des Chaos

(…)

Die Betroffenen sind meistens unfähig, den realen Wert dieser Gegenstände einzuschätzen und zwischen wichtig und unwichtig, brauchbar und unbrauchbar zu unterscheiden. Oft sehen sie die Irrationalität ihres Hortens zwar ein, sind aber nicht in der Lage, der Einsicht entsprechend zu handeln.

(…)

Darüber hinaus haben Messies häufig Schwierigkeiten, Prioritäten zu setzen, Notwendiges zu erledigen und ihre Handlungen gemäß eigener Zielsetzungen effektiv zu steuern. Insbesondere die Umsetzung geplanter Handlungen, die nicht aktuell befriedigend sind, fällt ihnen schwer, ebenso eine aufgabengerechte Zeiteinteilung. Ähnlich wie bei einer Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) sind also die sogenannten exekutiven Funktionen gestört.

Auch haben Messies oft das Problem, dass sie sich voller Elan in neue Aufgaben stürzen, viel organisieren und letzten Endes dann feststellen, dass sie dieser Aufgabe nicht gewachsen sind. So bleiben viele angefangene Projekte liegen und tragen dazu bei, die Unordnung im Leben zu vergrößern.

Viele Messies schämen sich ihrer Unordnung und leiden darunter. Auch infolge sozialer Isolation halten es viele Betroffene nicht für möglich, dass andere unter denselben Schwierigkeiten leiden. Dies erschwert ihnen häufig, ihr Problem zu erkennen und Hilfe zu suchen. Nach außen sind Messies meistens unauffällig. Sie erscheinen oft als offene, optimistische, vielseitige und kreative Menschen. Manchmal haben sie – scheinbar paradox – eine Tendenz zum Perfektionismus.

(…)

Und zuletzt zu den Ursachen:

(…)

Die Ursachen können im „Verlassen-Werden“ von angenehmen Dingen liegen. Jemand, der sich etwas zulegt, einkauft oder von jemandem beschenkt wird, verbindet mit dem erworbenen Besitz eine nicht zu unterschätzende angenehme Erinnerung. Für den Messie, der nie oder selten in seinem Leben Zuneigung oder Bestätigung bekam, ist diese Erinnerung des angenehmen gekauften Besitzes das Einzige, woran er sich klammern kann. Eine Erinnerung, die er nicht wieder verlieren will. So hortet der Messie sie.

(…)

Das Messie-Syndrom kann auch Folge eines Traumas sein, also einer seelischen Verwundung oder eines Schicksalsschlages, die den Betreffenden aus der Bahn warfen. Psychologen sprechen in diesem Zusammenhang von fehlgelaufener Trauerarbeit oder von einer Anpassungsstörung.

(…)

Als Beispiel nun der Verlauf des Syndroms bei mir:

Mein Kinderzimmer hatte ein anderes Ordnungssystem, als es bei anderen Kindern der Fall war. Ich wusste immer, wo etwas ist und hatte die Spielsachen, mit denen ich mich viel beschäftigte immer in „Sichtweite“. Ich erinnere mich daran, dass ich oft traurig war, wenn mein Zimmer aufgeräumt wurde und ich nichts mehr so vorfand, wie ich es verlassen hatte. Manche Dinge fand ich schnell wieder – andere musste ich lange suchen. Beim Kinderarzt sortierte ich immer die Bücher und Spielsachen im Wartezimmer. Meine Mutter erwähnte oft, dass sie das nie verstand. Zuhause unordentlich und wo anders räume ich auf.

Ich selbst war aber nicht „unordentlich“, ich hatte meine „eigene Ordnung“. Quasi ein System im vermeintlichen „Chaos“.

Je älter ich wurde, desto voller wurde mein Zimmer. Es war nicht „überfüllt“. Ich konnte darin spielen, der Boden war (abgesehen unmittelbar vor Wänden) frei. Dennoch drängte meine Mutter mich, endlich Ordnung zu schaffen, was ich nicht tat, da es für mich ja schon ordentlich war.

Irgendwann kamen mir auf dem Weg nach Hause Kinder entgegen, die genau die Spielsachen hatten, die ich auch hatte. Ich realisierte es nicht, sondern freute mich darüber, dass ich genau mit diesen Dingen auch spielen kann. Ein paar Meter weiter realisierte ich dann, dass es nicht nur die gleichen, sondern tatsächlich meine Spielsachen waren! Sie standen in Müllsäcken am Straßenrand. Wie ich darauf reagierte, ob ich rebellierte oder es „schluckte“, weiß ich nicht mehr. Da endet meine Erinnerung.

Im Alter von etwa 14 Jahren bemerkte ich, dass ich meine Mutter aus meinem Zimmer heraushalten kann, wenn es noch unordentlicher wird. Leider fand bei ihr ein „Gewöhnungsprozess“ statt und die Unordnung reichte nicht mehr aus. Somit legte ich nach. Das war aber immernoch „nur“ die Unordnung einer Chaosprinzessin. Keineswegs eines Messies.

Ich schaffte es, immer wieder die Sachen zu ordnen, wenn ich Besuch bekam. Was zugegeben sehr selten war, aber nicht immer zu vermeiden. Mit 16 Jahren hatte ich die ordentlichste Phase meines Lebens. Ich lernte meine erste Liebe kennen. Nach der Trennung artete es zum ersten Mal in Vermüllung aus. Ich konnte nichts aus unserer Zeit wegwerfen. Auch Dinge, die mich während meiner Trauerphase an ihn erinnerten, wurden mit auf mein Zimmer genommen (Zeitungen mit bestimmten Daten, Flyer des Kinos, in dem wir waren etc.).

Zwei Jahre später, nach der Trennung meiner zweiten ernsteren Beziehung (in der Zwischenzeit gab es noch andere Beziehungen, die mich aber emotional nicht so sehr mitgenommen haben), verkroch ich mich auf mein Zimmer. Ich kam nicht mehr heraus, verlor meinen Tag- und Nachtrhythmus. Blieb nachts wach, weil es dann still im Haus war und fuhr morgens mit dem Auto weg, damit meine Eltern nicht merkten, dass ich nicht mehr zur Schule gehe. Ich fuhr auf einen stillen Parkplatz und schlief im Auto, bis die Schule vorbei war. Dann fuhr ich zurück – ging auf mein Zimmer und vegetierte in meinem Chaos. Nachts schlich ich mich nach unten, um neue Getränke- und Essensvorräte zu holen und ließ Geschirr/ Verpackungen etc. in meinem Zimmer, weil ich es so selten wie möglich verlassen konnte/ wollte.

Mit 21 Jahren hatte ich die dritte, sehr schmerzhafte Trennung. Von da an war mir bewusst, dass es kein „normales“ Chaos ist, weil ich gerade nicht die Kraft habe, es anzugehen, sondern tatsächlich das Messie-Syndrom.

Es ist unglaublich viel Scham damit verbunden und ich litt selbst darunter. Ich wollte/ brauchte Ordnung und Struktur, bekam sie aber selbst nicht hin.

Dadurch gab es viele familiäre Probleme, die mich stark belastet haben, weil angenommen wurde, ich mache es absichtlich und in Wahrheit doch vollkommen überfordert und um Hilfe schreiend war.

Heute habe ich es relativ gut im Griff. Ich bin nicht die Ordentlichste, aber es ist meist so, dass ich Besuch empfangen könnte. Es kostet mich immernoch sehr viel Kraft, dem täglichen „Krieg gegen das Chaos“ anzugehen. Es gibt immer wieder Phasen, in denen das Chaos wieder überhand nehmen zu droht, aber ich schaffe es dann, es wieder zu beseitigen, weil ich weiß, wie schwierig es für mich war, aus diesem Kreislauf auszubrechen. Ich habe zu große Angst, dass eines Tages wieder der Punkt erreicht sein könnte, an dem das Chaos für mich zu groß wird.

Ich möchte euch meine effektivste (und kleinste) Herangehensweise nicht vorenthalten:

ich verlasse einen Raum nicht, ohne zu sehen, ob sich etwas in diesem Raum befindet, das ich auf meinem Weg zum nächsten Raum seinem eigentlichen Platz ein Stück näher bringe. Auch habe ich mittlerweile meine „Sammelstellen“ für Gegenstände, die wieder an ihre „alten Plätze“ zurückgebracht werden müssen. Wenn ich dann an diesen Sammelstellen vorbeilaufe, nehme ich es mit. Mir war nicht bewusst, wie viel auf diese Weise aufgeräumt werden kann, ohne dass es ein sonderlicher Mehraufwand ist.

Jedem, dem es ähnlich geht, kann ich nur raten: gehe nicht mit leeren Händen durch die Wohnung/ das Haus. Nutze Wege, die du sowieso laufen musst!

Vermeidung

Also wenn ich jetzt anfangen würde zu erzählen was für Ärger, Stress und Kosten mir durch VERMEIDUNG in meinem bisherigen Leben, nicht mehr allzu jungen Leben entstanden sind,würde jemand „normales“vermutlich nur noch mit dem Kopf schütteln. Das geht in Sphären, die für einen normalen Menschen nicht nachvollziehbar sind. Es hat Jahre in meinem Leben gegeben, dahabe ich nur alle drei Monate den Briefkasten leer gemacht. Und da ich früher noch viel mehr in der „Matrix“ und mit Menschen zu tun hatte, hatte ich früher auch viel mehr Palaver. Und dadurch hatte ich auch immer irgendwelche Verurteilungen , Auflagen und hatte Geldstrafen und was- weiß ich zu zahlen. Selbst heute krieg ich es immer noch nicht hin, Briefe gleich nachdem ich sie aus dem Briefkasten geholt habe, aufzumachen. Die landen erst mal alle in einer Schublade. Und da können die unter Umständen schon mal ein paar Wochen oder sogar Monate liegen. Eigentlich hört sich das wohl verrückt an, zumal ich (zumindest heutzutage) nichts Schlimmes zu befürchten habe. Aber ich bin einfach nicht dazu in der Lage, so etwas gleich zu machen. Um mich mit so etwas zu befassen, muss ich in einer bestimmten Stimmung sein. Früher war das ganz schlimm. Da standen dann auch schön öfters mal Gerichtsvollzieher auf der Matte oder die Polizei mit ner Ladung zum Strafantritt, weil ich irgendwas monatelang hab schleifen lassen. Heute hab ich das etwas besser im Griff. Aber die einfachsten Sachen, vor allem wenn sie mit dem Ausfüllen von Formularen verbunden sind, können bei mir schon mal ein paar Monate dauern. Das hat aber nichts mit Faulheit zu tun. Für mich als Autisten ist das Ausfüllen eines Formulars in etwa so eine Aktion wie ne Reise zum Mond. Auch bei anderen Dingen im täglichen Leben läuft das bei mir so ab. Als zum Beispiel letztes Jahr meine Krankenkassenkarte abgelaufen war, musste die AOK mich 17 Mal anschreiben, bis ich es endlich geschafft habe, ein Passbild für die neue Karte machen zu lassen.

Um meinen Alltag zuhause reibungslos über die Bühne zu bekommen ist es für mich wichtig dass ich alles, was ich mache, schriftlich erfasse und nach Erledigung abhake.  So kann ich eigentlich ganz gut funktionieren und krieg eigentlich meistens das geschafft, was ich mir vornehm.