MELTDOWN IST EIN ARSCHLOCH

Wenn es irgendwo im Körper- und nicht im Gehirn- eine Stelle gäbe, wo der „Schalter“ zum Meltdown liegt, würde ich mir auf der Stelle ein scharfes Messer nehmen, Kerzen anzünden und feierlich und genüsslich diesen Teil von mir rausschneiden und das würde mich mit absoluter, tiefster Befriedigung erfüllen. Ehrlich! Ich hasse Meltdown zutiefst. Wenn ich hier in diesem Blog darüber schreibe, dann kann ich eigentlich in Worten gar nicht auch nur annähernd ausdrücken, WIE SEHR ich diesen Teil in mir hasse, ablehne, verachte und wie gerne ich ihn aus mir rausreißen würde. Anzuerkennen, dass ich diesen Aspekt tief in mir beherberge und dass ich keine Gewähr dafür leisten kann, dass er nicht in irgendeiner Situation aus mir hervorbricht ist für mich eine der schwersten Aufgaben, die mir „mein“ Autismus stellt. Und ich werde mich NIEMALS IM LEBEN damit anfreunden können, einfach so zu tun, als wäre das okay .Denn SO will wirklich niemand sein. Kein Mensch. Es gibt einfach auf der Welt kein Loch im Boden, das auch nur annähernd tief genug ist um sich da hinein zu verkriechen und sich zu schämen, wenn man im Nachhinein so peu a peu realisiert, was man da schon wieder für eine Scheiße veranstaltet hat. (Ich bitte hier, die Wortwahl zu entschuldigen…normalerweise drück ich mich ja schon etwas gepflegter aus…aber das kann ich jetzt gerade nicht, während ich darüber schreibe.) Meltdown ist wirklich der treffendste Ausdruck für das, was da passiert. Es ist wirklich die „Kernschmelze im Kopf“. In dem Moment, in dem sich bei mir der Schalter umlegt, gibt es keine Melanie mehr, die halbwegs Verstand und Bildung hat. Nichts davon ist in diesen Momenten mehr übrig. Kurz bevor der Meltdown wie eine Lawine auf mich einbricht, kommt diese enorme Hitze, der riesige Kloß im Hals und das Gefühl, nicht mehr atmen zu können. Die Handinnenflächen und die Fußsohlen beginnen zu brennen wie unter tausenden von Nadelstichen und dann wird man förmlich überrollt und es gibt keine bewussten Meldungen mehr von Gehirn an Körper. Es gibt nur noch diesen wild gewordenen Leib, der agiert und von außen nicht mehr unter Kontrolle zu bekommen ist. Und von innen ebenfalls nicht, solange ich nicht endlich alleine und in Ruhe gelassen werde. Das Gehirn bleibt während der ganzen Aktion komplett „außen vor“ und kommt eigentlich erst wieder nach der Shutdown- Phase so langsam einigermaßen in Gang. Vielleicht kann man das am ehesten mit einem epileptischen Anfall vergleichen, nur dass man sich nicht krampfend auf dem Boden windet, sondern Gift und Galle spuckend tobt wie ein Orkan. Derjenige, der sich im Meltdown befindet, kann sich ebenso wenig an Dauer und Einzelheiten des Ausbruchs erinnern wie ein Epileptiker an Dauer und Einzelheiten seines Anfalls. Ich denke, für neurotypische Menschen ist es unwahrscheinlich schwer, sich so etwas überhaupt vorstellen zu können da sie ja zum Vergleich meist nicht mehr haben als einen „schweren Wutanfall“, der jedoch von einem Meltdown meist Welten entfernt ist. Ein Meltdown ist zerstörerisch, vernichtend und hört einfach nicht auf, bevor man entweder allein gelassen wird und sich langsam wieder „runterschaukeln“ kann oder aber komplett in den Shutdown fällt, weil selbst das allerletzte Akku gnadenlos leergefahren ist . Schlimmstenfalls endet es damit, dass man körperlich zusammenbricht, weil man sich während des Meltdowns so verausgabt hat, dass gar nix mehr geht. Und dann findet man sich in der Notaufnahme wieder. Das ist mir bisher glücklicherweise im Laufe von fast 50 Jahren erst 3 Mal passiert, aber auch die anderen Meltdowns, die ich in früheren Jahren hatte, waren von so massiver zerstörerischer Energie, dass ich danach immer für etliche Tage komplett ausgeschaltet war.Ich habe auch keine Ahnung, woher diese enorme Kraft, die ich während des Meltdown habe, kommt. Noch Stunden nach einem Meltdown kann ich keinen Lichtschalter anfassen, ohne dass die Glühbirne platzt oder es eine Sicherung raushaut. Zu erkennen, wie viel Aggressionspotenzial in einem steckt, ist schon erschreckend und von daher bin ich auch sehr froh darüber, dass der Mensch als Solches nur einen geringen Teil seiner Kapazitäten nutzt- und zwar in jeder Beziehung. Seit ich über meinen Autismus Bescheid weiß und dieses Monster in mir einen Namen hat, nämlich Meltdown, kann ich adäquat daran arbeiten und bin dem nicht mehr hilflos ausgeliefert. Diese Möglichkeit hatte ich in den Jahrzehnten vor der Diagnose nicht und ich habe damit deshalb schon auf meinem Lebensweg für viel Betroffenheit und Entsetzen gesorgt. So hart es sich vielleicht anhören mag- wenn man zu der Gruppe der Autisten gehört, die eine starke Tendenz zum Meltdown haben, dann ist wirklich die einzig zuverlässige Methode dies zu umgehen, wenn man sich erst gar nicht in Situationen begibt, in denen einem so etwas passieren kann. Und dazu gehört eben auch eine entsprechende Dosierung der Interaktion mit anderen Menschen und das sofortige „Sich- entziehen“ aus Situationen, die Einem verhängnisvoll werden könnten. Früher dachte ich, ich müsste solche Situationen auch durchstehen können, weil der größte Teil der Menschen das eben kann. Seit dem Wissen um meinen Autismus und allem, was dazu gehört, lebe ich bewusst sehr zurück gezogen. Seitdem- also seit mehreren Jahren- ist es auch nicht mehr zu einem Meltdown gekommen, jedenfalls nicht zu einem Spektakulären. Wenn ich hier für mich alleine bin, komme ich überhaupt nicht mehr in so eine Situation, wo mir komplett die Sicherungen durchknallen und ich für nichts mehr garantieren kann, sondern ich gehe in den Shutdown und irgendwann rappel ich mich von selbst wieder auf- egal, ob nach Stunden, Tagen oder Wochen. So kommt jedenfalls keiner zu Schaden wie beim Meltdown- denn Meltdown ist einfach ein widerliches Arschloch, das die Welt nicht braucht.

KlarNetAut

Auf die Idee, das Asperger-Syndrom (abgekürzt AS) zu haben, wäre ich vermutlich nie gekommen. Und das, obwohl ich ein Psychologie-Studium abgeschlossen habe. Mein Alter liegt übrigens zwischen 20 und 30 Jahren.

Vor gar nicht allzu langer Zeit habe ich zufällig einen Artikel über „weiblichen“ Autismus gelesen. Darin habe ich mich sofort wiedererkannt und hatte endlich die Erklärung dafür, warum ich mich mein ganzes Leben lang so anders als alle anderen gefühlt habe. Später sollte ich erfahren, dass Frauen mit Asperger häufig fehldiagnostiziert werden, oder überhaupt keine Autismus-Diagnose bekommen, weil wir uns im Alltag so gut tarnen können. Wir sind perfekte Schauspieler, die in der Außenwelt möglichst wenig Schaden nehmen möchten und es schaffen, ihre Besonderheiten in Wahrnehmung und Kommunikation zu verstecken. Ein weiterer Grund ist, dass sich die Diagnostikkriterien für das Asperger-Syndrom, das 1944 erstmals von Hans Asperger (http://de.wikipedia.org/wiki/Hans_Asperger) beschrieben wurde, an Männern orientieren. Über ein halbes Jahr nach der Selbsterkenntnis/-diagnose folgte die offizielle Diagnose, die in einer Spezialambulanz für Autismus gestellt wurde.

Während des Diagnostik-Prozesses wurde ich immer wieder damit konfrontiert, dass sowohl der Fachwelt, als auch Laien keine, zu wenige oder falsche Informationen über Autismus vorliegen. Dieser Blog soll zur Aufklärung über Autismus beitragen. Ich hoffe, dass Sie, lieber Leser, Folgendes werden sehen können: Dass auch wir, neben viel Herz und Hirn, Freude am Austausch haben und durchaus zur Selbstreflektion fähig sind. Ich hoffe, dass Sie den Blog mit Interesse lesen werden und auch verbreiten möchten, wenn auch Sie ein Stück weit zur Aufklärung über Autismus beitragen wollen.

Ihre KlarNetAut

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