Das Leid mit der Depression

Am besten könnte man über Depressionen schreiben, wenn man gerade depressiv ist. Dann ist man „mittendrin und dabei“. Wer knackedepressiv ist, macht das aber nicht. Er macht gar nichts mehr, außer im Bett zu liegen und zu grübeln. Zu weinen, ohne Außenstehenden erklären zu können, warum. Oder er ist rastlos, bekommt kaum Schlaf. In dem Fall kann er sich aber bestimmt auch nicht darauf konzentrieren, seine Depressionen in Worte zu fassen, weil die Konzentration bei dieser Erkrankung in Mitleidenschaft gezogen wird.

Bei mir lag der erste Fall vor. Antriebslosigkeit, Freud- und Interessenslosigkeit, Schlafstörungen. Nichts mehr fühlen können. Suizidgedanken, konkrete Suizidpläne bis kurz vor Ausführung. In der schlimmsten Phase (schwere depressive Episode) sieht es so aus: Du wachst auf und der erste Gedanke ist, dass du sterben willst. Auch weitere Gedanken des Tages und der weiteren Tage und Wochen drehen sich hauptsächlich darum. Dann machst du dir keine Vorwürfe mehr, findest nicht mehr nur dich selbst und die Umwelt zum Kotzen. Es ist egal was ist und wird, du willst einfach nicht mehr sein. Dich berührt nichts mehr, du fühlst nichts mehr außer Apathie. Du kannst dir gar nicht mehr vorstellen, dass es mal aufhören könnte. Und du erinnerst dich nicht mehr, was für ein Mensch du vor der Depression warst. Alles wird wie durch Milchglas wahrgenommen.

Aber es hört auf. Immer. Deswegen darf man die Hoffnung niemals aufgeben. Und dann willst du, dass es nie wiederkommt und würdest alles dafür tun, dass du dich weiterhin „normal“ fühlen kannst.

Depressionen und Autismus treten sehr oft zusammen auf (sind komorbid). Würde ein Mensch ohne Autismus seit fast zwei Jahrzehnten jedes Jahr depressiv werden, käme bei ihm irgendwann die Überlegung, einen Besuch bei einem Therapeuten abzustatten. Oder zumindest, dem Hausarzt sein Leid zu klagen. Natürlich hat man in unserer Gesellschaft Angst, durch das Depressions-Label als „verrückt“ abgestempelt zu werden. Deswegen ist es für die meisten Menschen mit großer Überwindung verbunden, sich beim Arzt als depressiv zu outen (oder überhaupt in seinem näheren Umfeld über das Problem zu sprechen). Meine Phasen dauerten immer einige Monate, die letzte Phase ging allerdings über neun Monate und war schlimmer als je zuvor.

Autistische Menschen haben meistens keine gute Selbstwahrnehmung. Deswegen kann man davon ausgehen, dass sie erst merken, dass etwas nicht stimmt, wenn es fast schon zu spät ist (oder gar nichts merken). Im Glücksfall fällt nahestehenden Personen auf, dass der Autist irgendwie komisch ist, sich nicht wie sonst verhält. Ein Mensch mit Autismus kann sich in den seltensten Fällen so gut bemerkbar machen, dass beim Gegenüber auch wirklich ankommt, was für Probleme er hat.

Bezüglich der Medikation wirken Antidepressiva häufig nicht so, wie sie sollen (paradoxe Wirkung), oder sie wirken gar nicht. Im besten Fall probiert man, mit Hilfe des Arztes, verschiedene Präparate aus, bis man etwas Passendes gefunden hat. Meistens ist eine geringere Dosis notwendig, als normalerweise von Ärzten empfohlen.

Im Jahr 2020 wird Depression übrigens, laut Weltgesundheitsorganisation, weltweit die zweithäufigste Ursache von gesundheitlichen Beeinträchtigungen sein (http://www.who.int/mental_health/management/depression/definition/en/).

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