Spezialinteressen

Spezialinteressen

Für meine Spezialinteressen verwende ich eigentlich so ziemlich die ganze mir zur Verfügung stehende freie Zeit. Also damit meine ich die Zeit, in der ich nicht arbeite oder schlafe.
Meine Spezialinteressen füllen meinen Tag so aus, dass es für mich undenkbar ist, mit anderen Menschen zusammen zu leben. Ganz schwierig war das, als ich noch als Mutter mit meinen Töchtern zusammengelebt habe und in Beziehungen war. Heutzuta-ge lebe ich schon seit Jahren bewusst alleine. Das gibt mir Raum, meinen Spezialinteressen so viel Zeit zu widmen, dass es mich ein bisschen ruhig macht. Ganz im Vordergrund steht das Sammeln von Informationen. Sobald ich mich mit einem Thema beschäftige das mich fasziniert, reicht es mir nicht aus, nur einen Teil davon zu wissen und zu besitzen. Ich muss dann ALLES haben, vorher hab ich keine Ruhe. Interessiert mich zum Beispiel ein Dichter oder Autor (bei mir ist das Hermann Hesse), so habe ich absolut keine Ruhe, solange ich nicht jedes verfügbare Buch, jedes verfügbare Hörbuch, jeden Bericht und, und, und… über das Leben und Werk dieser Person besitze. Man könnte quasi sagen, ich will in diese Person und ihre Werke „eintauchen“. So sammele ich auch jeden gedruckten Artikel und jeden Fetzen an Information und hefte das alles in Ordnern ab.
Weitere Spezialinteressen von mir sind neben Literatur die Weltgeschichte, Philosophie, Mythologie und Psychologie. Selbstverständlich habe ich in jedem dieser Gebiete noch spezielle Themen, für die ich mich besonders interessiere. Auch hier ist es so, dass ich -man könnte sagen beinahe „zwanghaft“- unbedingt alles haben muss, was mit den Themen zusammen-hängt. Wenn man- wie ich- auf die 50 zugeht, lebt man dann in so einer Art Archiv. Ich sauge die Informationen aus Büchern, Hörbüchern, Berichten etc. regelrecht auf, wobei ich allerdings nicht so ganzin der Lage bin, wichtige von unwichtigen Informationen zu unterscheiden. Da ich diese aber schnell und dauerhaft in meinem Kopf abspeichern kann, sind sie eigentlich jederzeit abrufbar…manchmal muss ich ein bisschen in meinem geistigen Archiv kramen, aber wenn ich etwas weiß, dann weiß ich´s auch.
Die Spezialinteressen wirken auf mich sehr beruhigend und lenken mich von meiner inneren Unruhe und Getriebenheit ab.
Wenn etwas Unvorhergesehenes geschieht, was mich völlig aus meinem strukturierten Alltag gerissen hat, dann benötige ich manchmal Tag und Nacht am Stück mit einer meiner Spezialinteressen, um einigermaßen wieder in Gleichklang zu kommen.
Die Dinge, die mich neben Gesundheit und finanzieller Unabhängigkeit am meisten glücklich machen, sind das Internet, die Erfindung des Hörbuchs und http://www.booklooker.de, wo man gebrauchte Bücher ab 25 Cent und gebrauchte Hörbücher zu allen Themen zu kleinen Preisen bekommt. Ich verbringe Stunden auf dieser Seite und stöbere in allen Kategorien auf der Suche nach Schnäppchen, die mich ansprechen. Für mich als Autisten ist das einfach nur genial. Für mich wäre erstens ein Besuch in einer Buchhandlung unmöglich und zweitens freue ich mich immer und fühle mich äußerst lebendig, wenn ich den Briefkasten aufmache und da ist schöne Post an mich drin. Das ist dann wie „Post vom Universum“. Das Hören von Hörbüchern zu meinen Spezialthemen zieht sich bei mir über den ganzen Tag und durch die ganze Nacht hin, wobei ich zum Einschlafen meistens auf mp3´s zurückgreife, deren Laufzeit die ganze Nacht hindurch geht. Schon allein dadurch ist das Zusammenleben mit anderen Menschen eher unmöglich, weil das auf die Dauer wohl keiner aushält. Für mich hingegen ist so etwas absolut notwendig. Das alles gibt mir eine gewisse Ruhe.
Ebenso ein Segen ist für mich das Internet. Das Internet bietet mir eine nahezu unerschöpfliche Quelle an Informationen für alles , was mich interessiert und ich verbringe viele Stunden am Tag im Internet. Die Beschäftigung mit Asperger Autismus gehört selbstverständlich auch zu meinen Spezialinteressen, ebenso der Austausch mit anderen Aspergern, womit ich auch viel Zeit verbringe. So habe ich für mich sehr wertvolle virtuelle soziale Kontakte, mit denen ich mich austauschen kann und wo jeder den anderen versteht. So etwas ist in der neurotypischen Real-Welt für uns Asperger eher schwierig.
Dann gibt es so Spezialinteressen, die ich bereits seit meiner Kind habe und die ich quasi draußen „spiele“…. Wenn ich mich in der MATRIX bewege (also mit Matrix meine ich immer „draußen, außerhalb meiner Wohnung), dann fange ich ab dem Moment, wo ich aus der Haustür gehe mit diesen Spezialinteressen an, und ich kann es absolut nicht haben, wenn mich jemand dabei stört (damit meine ich Gespräche mit Nachbarn, Passanten und so was). Ich habe schon als Kind damit angefangen, Autonummern zu sammeln. Ich habe damals immer, wenn ich draußen sein musste, Kennzeichen von Autos aufgeschrieben und geordnet. Heute (ich bin ja jetzt -zumindest biologisch- erwachsen), schreibe ich die Kennzeichen nicht mehr auf, sondern bilde assoziativ zu der Abkürzung der Stadt Namen von realen Personen. Dabei kommt es nicht darauf an, ob die noch leben oder tot sind- aber es muss sie geben. Wenn mir spontan nix einfällt (das kommt zum Glück selten vor, da ich mir zum Glück so ziemlich alles merken ), lässt mir das dann absolut keine Ruhe und ich verfalle in so eine Art „Denkstarre“, bis ich die Sache gelöst habe. Wenn ich mich dann darüber freue und mich entlade, wirkt das auf die Menschen meisten ein bisschen merkwürdig. Von daher denken auch viele Leute, ich hätte Tourette). Das Einzige, was ich gerne mit Menschen rede, wenn ich in der Matrix bin ist, wenn mich jemand nach dem Weg fragt. Denn selbstverständlich ist auch die Stadt, in die es mich verschlagen hat (ich bin hier nicht geboren, aber es wird schon einen Grund haben, warum ich hier bin) ein Spezialinteresse von mir und ich kenne mich hier bestens aus. Ich habe eine Vorliebe für sakrale Orte und da ich hier in einer Domstadt lebe, hat dieses Interesse ein breites Spektrum an Orten, die ich regelmäßig aufsuche und dort fotografiere. Ebenso sind Bunker und Lost places ein Spezialinteresse von mir. Ich verbringe Stunden damit, mir im Internet Bilder von verlassene Orten anzuschauen und zu sammeln. Etwa 4 Mal pro Jahr steige ich in irgendwelche Objekte ein, die verlassen sind und abgerissen werden sollen. Dann nehme ich immer einen Fotografen mit, der mich dort nach meinen Vorstellungen fotografiert. Ich liebe diese Endzeit- Stimmung und beschäftige mich dann anschließend mit den Fotos ( Richtung Endzeit- Kunst eben).
Dann gibt es noch so andere Spezialinteressen, die ihre Wurzeln höchstwahrscheinlich in der Erziehung haben.
Kleine Geschichte von mir: Meine Mutter hat in der früheren Schulzeit, also sagen wir jetzt mal bis zum 5. oder 6 Schuljahr (so genau weiß ich das gar nicht mehr- ist ja alles schon ein paar Tage her) immer dann, wenn sie Fehler in meinen Arbeiten entdeckt hat oder das Gesamtbild nicht schön fand, die Seite herausgerissen. Und dann musste ich das eben noch mal machen. Bei Zeichnungen war es manchmal so, dass ich die Zeichnung ausschneiden und auf das neue Blatt kleben durfte. Aber schreiben musste ich halt immer noch mal alles neu. Das ist so tief in mir verwurzelt, dass sich daraus ein Spezialinteresse entwickelt hat. Zum einen liebe ich schön Schreiben und hässliches Schreiben beleidigt mein Auge. Dann reiße ich bis heute noch handschriftliche Seiten raus, bei denen ich finde, dass ich sie nicht schön geschrieben habe. Daraus ist auch mein Spezialinteresse zur Kalligraphie und zum und ebenso mein Spezialinteresse „aufschreiben und dokumentieren“. Ich schreibe so ziemlich alles auf, was mich interessiert , …also ich habe zig Ordner, Ringbücher, Hefter usw, in denen ich täglich alles aufschreibe. Ich schreibe auf, was ich wann höre und wie oft…und ich höre immer was-Vorträge, Lesungen, Dichtungen, Erzählungen, Weltgeschichte usw, usw, usw…ich höre IMMER was. Und ich schreibe immer alles auf. Ich schreibe auf, wie meine Katzen auf unterschiedliche Räuchermischungen reagieren und wie sie sich sonst noch so verhalten, ich schreibe auf, was aus meinem Kopf raus muss und schreibe Texte und schreibe und schreibe. Wenn ich könnte wie ich wollte wurde ich schreiben, bis mir die Finger bluten. Ich lese alles, was ich schreibe, tausende mal, und wenn das gut ist und durch meine Bewertung kommt, das befriedigt mich das irgendwie.“

Alle meine Spezialinteressen erfordern so viel Zeit, dass ich mich manchmal wundere wie ich es schaffe, zwischendurch mal was zu essen. Wenn ich in diesen Interessen gestört werde, kommt bei mir alles durcheinander. In absolut außergewöhnlichen und seltenen Situationen schaffe ich es maximal einen Tag, davon Abstand zu nehmen. Das war es dann aber auch schon. Ich ziehe auf jeden Fall die Beschäftigung mit meinen Spezialinteressen der Gesellschaft von Menschen vor. PUNKT.

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