Warum mich meine Mutter nicht lieben konnte.

Ich kann mich so gut wie gar nicht an die Kindheit erinnern, nur an im Kopf aufblitzende, positive und negative Bilder. Ich weiß nicht, wie ich mich verhalten habe. Man erzählte, dass ich mich nie über irgendetwas beschwert hätte (so einen Persönlichkeitszug kann man natürlich wunderbar ausnutzen). Nie kam von mir, dass mir etwas wehtat.

Ich weiß nicht, wie ich mich meinen Eltern gegenüber verhalten habe. Ob ich mal gesagt habe, dass ich sie lieb haben würde. Ob, und mit wem von ihnen ich kuscheln wollte. Ich erinnere mich, dass ich mit meinem Vater „Kaufladen“ gespielt habe und am Ententeich und spazieren war.

Was meine Mutter angeht ist da eine Erinnerungslücke. Oder es gab wirklich nichts, was wir zusammen gemacht haben. Ich weiß, dass ich es unangenehm fand, als ich mit ihr für ein Foto posieren musste und sie mich in den Arm nahm. Meine Mutter (bzw. meine Eltern) hatte(n)  keine Ahnung von Autismus. Vermutlich hat sie sich gewundert und es auf meine fehlende Liebe geschoben, dass ich nicht kuscheln komme. Sie ging davon aus, dass ich sie von als Säugling gehasst habe, weil ich beim Stillen biss (das sagte sie mir nebenbei). Die Wut und der Hass darüber, dass ich sie scheinbar nicht liebte, ließ sie bis ins Erwachsenenalter an mir aus. Vermutlich war sie auch autistisch, ihr Verhalten hatte aber bestimmt auch andere psychische Ursachen. Seltsamerweise hat mein Vater nie von mir gedacht, dass ich ihn nicht lieben würde. Es lag vielleicht doch nicht alles an mir.

Spezialinteressen der Frau Anders

Oh ja, die lieben Spezialinteressen. Die wechseln bei mir irgendwie stetig. Ich arbeite mich solange in ein Thema ein bis ich fast alles weiß und dann wird es mir schrecklich langweilig damit. Um mich mal an frühere  und längst vergessene Spezialinteressen zu erinnern, versuche ich mal ein paar hier aufzuschreiben.

Ich habe schon immer gerne gelesen. Selbst als kleines Kind das noch nicht lesen konnte. Phantasiewelten waren schon immer meine. Ich las gerne Geschichten, Bücher und sog alles Geschriebene was ich in die Finger bekam förmlich auf. Ich bin als kleines Kind trotz Ostzeiten mit Mickey Mouse und Donald Duck sozialisiert worden. Mein Vater war damals Lehrer und mußte den Schülern die heimlich mitgebrachten Hefte abnehmen. Naja und die bekam dann halt ich 😉 Ich hab die Dinger geliebt. Ich weiß wirklich alles über Entenhausen und kenne jedes lustige Taschenbuch bis heute komplett auswendig.

Als kleines Mädchen liebte ich natürlich auch Tiere. Insbesondere liebte ich Hunde und Pferde. Ich lernte schon früh alles über verschiedene Pferderassen, las mich in medizinisches Fachwissen ein und was weiß ich nicht noch alles. Natürlich konnte ich damals auch perfekt Pferde zeichnen, was ich fast täglich machte. Ich machte sämtliche Reitausbildungen in sämtlichen Klassen mit und habe viele Jahre lang intensiv Springreiten betrieben weil mir das am meisten Spaß gemacht hat. Ich gewann die dollsten Turniere, hatte irgendwann ein eigenes Pflegepferd usw. Irgendwann verlor ich dann mein „eigenes“ Pferd und trat notgedrungen in einen neuen Verein ein, in dem ich mit all diesen pferdebegeisterten Mädchen die sich permanent miteinander messen mußten nicht klarkam. Das war die Hölle für mich. Also hörte ich irgendwann komplett mit allem was Pferde angeht auf und saß seither nie wieder auf einem Pferd, was ich bis heute sehr bedaure.

Autos waren auch mal mein Spezialinteresse als kleines Mädchen. Ich kannte wirklich jedes Auto und habe sogar als ganz kleiner Stöpsel mit meinem Vater unter unserem Auto gelegen und geschraubt. Ich habe Matchbox gesammelt, mein Zimmer hing voller Autoposter und ich habe geübt Autos am Geräusch identifizieren zu können. Wer mich heute kennt würde das kaum glauben, denn Autos interessieren mich jetzt nur noch zum fahren und alles was Autos angeht ist inzwischen Spezialsache meines Mannes.

Neben den genannten Sachen ist natürlich auch Fußball meine große Liebe gewesen. Ich sammelte alles von meiner Mannschaft, ging zu jedem Spiel ins Stadion, reiste zu Auswärtsspielen und fing an auch selber irgendwann begeistert Fußball zu spielen. Leider war ich nicht besonders gut und da waren ja wieder all die anderen Mädels in der Mannschaft die nicht so cool waren wie ich es erwartet hätte daß ich auch damit irgendwann frustriert aufhörte. Heute bin ich immer noch für Fußball zu begeistern, ich pflege dieses Hobby allerdings nicht mehr besonders intensiv mangels Zeit.

Was gab es denn da noch? Ich interessierte mich schon immer für Schmetterlinge, Käfer und Vögel. Ständig sah man mich mit meinem Bestimmungsbuch rumrennen. Irgendwann wurden aus den Tieren Pflanzen und auch da war ich als Kind ständig unterwegs irgendwas zu bestimmen.

In meiner Pubertät beschäftigte ich mich dann stark mit Religionen und speziell auch dem Satanismus und dem Wiccakult. Alles okkulte faszinierte mich extrem und auch da verschlang ich alles was ich darüber zu lesen bekam. Ich fühlte mich zwischen allen Weltanschauungen stehend und las wirklich alles vom Paranormalem bis hin zur hexenmäßigen Heilkunde. Ich lernte alles über Rituale, Wildkräuter, Heilkunde usw. Letzteres ging dann zusammen mit meinem bisher angehäuftem Wissen über Pflanzen soweit daß ich sogar ein möglichst schlau aufgebautes Lexikon geschrieben habe über Kräuter und deren Anwendung bei verschiedensten Erkrankungen. Auch heute hege ich noch eine große Liebe zum Thema Medizin und lerne alles was man darüber nur lernen kann. Ich bin nur inzwischen wenig „esoterisch“ drauf und deutlich bodenständiger. Ich wäre glaub ich ein toller Mediziner mit einem umfassenden Wissen geworden. Ich ärgere mich noch heute darüber daß ich mir mein Medizinstudium hab ausreden lassen und heute wär mir ein Studium zuviel unbezahlte Leerlaufzeit mit Dingen die ich eh schon weiß. Arzt wollte ich allerdings arbeitstechnisch eh nie sein. Ich wollte wirklich nur das Wissen anhäufen und für mich nutzen. Insofern geht das schon okay. Das kann man ja auch ohne Studium tun und so das Feld ist so groß, daß ich es auch heute noch fleißig tue.

Musik war eigentlich schon immer meine Leidenschaft. Hören wie auch selber machen. Ich vergötterte damals gewisse Bands, ich lernte alles über die Musik die mir gefiel auswendig und versuchte mich auch immer wieder darin die verschiedensten Instrumente zu spielen. Ich habe ein Faible für außergewöhnliche Instrumente und lernte neben Gitarre, Bass und Geige alles was auch nur ansatzweise irgendwie verrückt klang. Inzwischen kann ich etliche Instrumente grundlegend spielen aber keines so richtig. Ich war einfach zu schlecht oder verlor zu schnell das Interesse sobald ich es einigermaßen konnte. Oft fragte ich mich auch, wozu ich das eigentlich lernen sollte. Wir reden hier übrigens von weit über 20 Instrumenten.  Durch meine Liebe ganz besonders zum Irish Folk versuchte ich irgendwann Gälisch zu lernen.

Damit geht es weiter zum Thema Sprachen. Ich muß sie aufzählen um zu wissen wieviele ich mal beherrschte und mir selber angeeignet habe. Das waren neben Deutsch und als norddeutscher natürlich Plattdütsch die Fremdsprachen Englisch, Spanisch, Französisch, Russisch, Portugiesisch, Italienisch, Schwedisch, Griechisch, Arabisch, Latein und bestimmt noch welche die ich vergessen habe. Das natürlich alles inclusive den verschiedenen Dialekten und so. Inzwischen bringe ich sie durch den mangelnden Abruf im Alltag alle komplett durcheinander und habe daher aufgehört es überhaupt zu probieren außerhalb von Englisch. Aber ich könnte sie sicher schnell wieder abrufbar machen, falls es nötig sein sollte.

Ich kann einfach alles supergut und schnell auswendig lernen. Das fliegt mir förmlich zu ohne daß ich mich besonders anstrengen müßte. Gedichte, Liedtexte, Geschichten oder was auch immer. Oft lernte ich die klassischen und berühmten Balladen gleich mal in meinen ganzen Sprachen weil ich es cool fand es einfach nur zu können. Ich hab mal den kompletten Faust auswendig gelernt. Einfach nur so. Ich glaub den kann ich heute sogar noch abrufen. Aber wehe ich will mich mal an meinen vergessenen Einkaufszettel erinnern. Daran scheitere ich kläglich.

Ich habe mich dann auch schon immer sehr für Kunst und Architektur interessiert. Ich war in der Schule im Kunst Leistungskurs und war dort voll in meinem Element. Ich wollte am liebsten Kunst und Architektur studieren und hab keine Ahnung mehr warum das damals als es soweit war keine Option mehr war. Zeichnen kann ich glaub ich halbwegs gut, aber die theoretischen Dinge sind einfach mehr die meinen gewesen.

Tja, was gibts noch. Jonglage und Zirkus. Ich habe einige Jahre die Sommer in einem Behindertenfreizeitverein gearbeitet, der einen richtigen Zirkus betrieb. Ich wohnte mehrere Sommer in einem Zirkuswagen und lernte vor allem jonglieren. Speziell die Feuerjonglage ist mein geliebtes Steckenpferd. Ich liebe das Zirkusleben, ich liebe Feuer und genausosehr liebe ich Mittelaltermärkte und Co. Ich bin mal einige Jahre mit einem Slawenmarkt mitgezogen. Ich habe viele alte Handwerkstechniken gelernt und habe dort zB. Filzkram und Bändchenweberei angeboten. Ja, Handwerkstechniken sind ein weiteres Interessengebiet von mir. Ich komme ja aus einer Selbermachfamilie. Das wurde zum Glück dann auch in meiner Ausbildung als Ergotherapeutin sehr gefördert. Ich liebe spinnen, weben, töpfern und Körbe flechten und lerne alles was mir noch so in die Finger kommt. Hauptsache es ist außergewöhnlich genug. All das fällt mir einfach so zu. Ich bin unwahrscheinlich kreativ und lerne handwerkliches superschnell. Ich sauge jede noch so neue Handwerkstechnik in mich auf. Auch heute noch. Aktuell arbeite ich mich in das Thema Reetdachdecken, Fachwerk und Lehmofenbau ein. Das kann aber morgen schon wieder ganz anders sein…

Aber ein Spezialinteresse war schon immer da und wird wohl auch auf ewig bleiben: der Mensch mit seinem Innenleben, psychisch wie physisch sowie Interaktion zwischen Menschen.

Freundschaften und KlarNetAut

Vor gar nicht langer Zeit habe ich resigniert. Immer, wenn ich irgendwo neu angefangen habe (Schule, Universität, Arbeitsplatz) hatte ich eine große Hoffnung: Ich würde endlich auf Menschen treffen, die mich verstehen und so ticken wie ich. Ich würde Freunde finden. Dieses Mal würde ich mich noch mehr anstrengen, noch mehr auf die Menschen zugehen, mehr reden, mich nicht mehr verkriechen (und, und, und). Der letzte Versuch, Anschluss zu finden, sah folgendermaßen aus: Ich hatte einen Job ergattert und wurde nach der Uni eiskalt in die Berufswelt geschmissen.

Um zu Sozialkontakten zu kommen, hatte ich mir viel vorgenommen. Ich blieb am Ball und habe es nach einiger Zeit tatsächlich geschafft, mich mit ein paar anderen Kollegen auch außerhalb der Arbeit zu treffen. Jedoch habe ich schnell gemerkt, dass es seltsam war. Etwas stimmte nicht, ich passte und gehörte nicht dazu. Die Themen, über die sie beim Mittagessen sprachen, fand ich furchtbar langweilig. Sie dachten anders als ich, sie ließen sich überhaupt nicht aus der Ruhe bringen. Untereinander konnten sie aber sehr wohl etwas miteinander anfangen. Also war alles wie immer. Ich gehörte nicht dazu, OBWOHL ich mittendrin und dabei war. So habe ich innerlich die „Sozialkontaktsuche“ gekündigt, es war mir mittlerweile auch egal, ob ich an den Aktivitäten teilnahm oder nicht. Es brachte mir nichts, es war nicht meine Welt.

Einige Monate später sollte ich im Internet die Antwort finden – und zwar durch Zufall. Ich bin auf einen Artikel gestoßen, in dem „weiblicher“ Autismus beschrieben wurde. Sowie die Tatsache, dass dieser oft unerkannt bleibt, weil sich Asperger-Frauen von autistischen Männern unterscheiden und weniger auffallen. Mir wurde klar, dass es tatsächlich noch andere Menschen gab, die mir im Denken, Erleben und Verhalten ähnelten! Ich war kein Alien von einem anderen Planeten, mir fehlte kein Gehirnteil. Ich war Asperger-Autistin und ich war damit nicht alleine.

Die Kontakte, die ich mittlerweile geknüpft habe, geben mir sehr viel. Probleme, die andere Menschen gar nicht kennen, werden verstanden. Man muss sich nicht erklären. Und es ist alles andere als langweilig mit meinen Freunden, von denen ich einige auch im „realen Leben“ getroffen habe.

An meine Kleinkindzeit kann ich mich nicht erinnern. Ich soll aber still und sehr schüchtern gewesen sein. Laut der Aussage meines Vaters soll es aber zwei Freundinnen gegeben haben. Während der Grundschulzeit hatte ich eine beste Freundin, mit der ich mich fast jeden Tag getroffen habe. Später, auf dem Gymnasium, hatte ich wieder eine beste Freundin, wobei die Freundschaft ein paar Jahre hielt. Ich denke heute noch ab und zu wehmütig an diese beiden Mädchen, die jetzt, wie ich, erwachsene Frauen sind. Ich frage mich, warum sie sich über die Jahre so verändert haben, während ich „im Kern“ gleich geblieben bin. Heutzutage hätten wir uns nichts mehr zu sagen. In den weiteren Jahren auf dem Gymnasium hatte ich immer mal wieder eine beste Freundin. Auffällig war, dass sie immer nur ein paar Jahre blieben und dann weggezogen, oder auf eine andere Schule gewechselt sind. Ich habe nie einer Clique angehört, war nie Fan einer Band oder einer Stars, das ganze Fan-Getue fand ich lächerlich. Irgendwann war ich in der Oberstufe, ich war ganz allein. Ich habe auch nicht mehr versucht, mich in den Klassenverband zu integrieren. An diesem Punkt habe ich die Brücke hinter mir abgebrochen, der Schule, dem Elternhaus und der Stadt den Rücken gekehrt.

Heutzutage weiß ich immer noch nicht, wie man eine Freundschaft anbahnt und aufrecht erhält. Wann muss man sich beim anderen melden? Ist der/die andere überhaupt auf der Suche nach neuen Freunden? Bei meinen Sozialkontakten hatte ich immer Angst, zu aufdringlich oder übertrieben enthusiastisch zu wirken. Es könnte ja sein, dass der andere gar nichts von mir wissen will und zu allen so nett ist. Also habe ich mich nicht gemeldet, was vermutlich falsch war. Aber das fand ich immer noch besser, als abgelehnt zu werden.

Ich unterscheide sehr deutlich zwischen Bekannten und Freunden. Bekannte habe ich im Moment einige, die ich durch meine Beziehung kennengelernt habe. Bei Freunden (zu denen auch meine Beziehung zählt) muss ich mich nicht verstellen.

Das Klischee des Autisten, der sich nicht nach Kontakten sehnt und sich selbst genügt, trifft weder auf mich, noch auf andere Autisten, die ich kenne, zu.

Weihnachten 1970- eine Momentaufnahme

Wenn es um meine Kindheit geht, so kann ich mich an die Kindheit als solches wenig- dafür aber an bestimmte Situationen sehr genau erinnern. Es ist, als wäre in meinem Kopf eine Datei abgespeichert, die mich bestimmte Situationen immer wieder detailgenau erleben lässt inklusive aller Spezialeffekte wie Gerüche, Gesprächsfetzen, Geräusche von Außen, Lieder usw.

Es ist der 26.12.1970, der zweite Weihnachtsfeiertag in diesem Jahr…ein Samstag. Eigentlich mag ich Samstage, weil es da Suppe gibt. Und ich esse gerne Suppe. Jetzt ist aber Weihnachten und von daher ist heute nichts mit Suppe. Stattdessen sind wir bei Oma und Opa väterlicherseits. Bei Oma und Opa ist es immer ein bisschen gruselig…die wohnen in einem Riesenhaus und Opa ist „nicht ganz richtig im Kopf“. Das sagt zumindest mein Vater und die Frau, die mich besitzt – meine Mutter. Meine Tanten sagen das auch. Oma sagt nix. Oma sagt nie was…die kocht nur und ist lieb und schenkt mir neue Pollunder. Da ich vor 9 Tagen meinen 4. Geburtstag hatte, habe ich ein großes Geschenk bekommen. Nämlich eine Tafel, die man drehen kann. Auf der einen Seite ist eine normale Tafelfläche, auf der anderen Seite ist eine weiße Magnetfläche und dazu gibt es alle Buchstaben des Alphabets in bunten Farben als Magnete. Ich habe die Magnetseite aufgeklappt und da ich schon meinen Namen schreiben kann, steht in der Mitte der Tafel mein Name: MELANIE. Die anderen Buchstaben sind noch in der Tüte.
Dann muss ich mich setzen und es ist langweilig. Ich darf aber nicht mehr aufstehen, weil es gleich Essen gibt. Opa steht am Fenster. Am Linken natürlich…wo sonst?! Und natürlich mit Zigarre. Die Frau, die mich besitzt (also meine Mutter) und die Schwestern von meinem Vater reden. Sie reden mal wieder über Einalem. Einalem ist offenbar ein Problem für alle. Einalem macht dies und Einalem macht das…das Gerede über Einalem ist nichts Neues für mich. Ich betrachte aus den Augenwinkeln die Frau, die mich besitzt. Ich hasse ihre Tonlage. Sie beleidigt mein Ohr. Ich hasse dieses Gekreische. Und irgendwie hasse ich auch das Gerede über Einalem. Einalem scheint wenigstens normal zu sein…im Gegensatz zu denen jedenfalls. Und Einalem geht es wie mir…nur ist ihr Name komisch. Ich schiele zu Opa rüber…der steht am linken Fenster und guckt nach draußen, die Hände in den Hosentaschen und im Mund die Zigarre. Meine neue Tafel steht einen halben Schritt weit links neben ihm. Das Gerede und Gekreische von der Frau, die mich besitzt und meinen Tanten tritt auf einmal in den Hintergrund und ich habe plötzlich das Gefühl, als sei ich mit Opa allein im Raum. Ganz langsam dreht er sich in meine Richtung und zwinkert mir zu. Dann dreht er sich wieder zum Fenster und brennt ganz langsam und sorgfältig mit seiner Zigarre ein wunderschönes Loch in die Gardine. Oma kommt aus dem Nebenzimmer und sagt, dass das Essen jetzt fertig ist und Opa kriegt gesagt, er soll rausgehen und die Zigarre ausmachen. Ansonsten achtet keiner auf ihn. Keiner außer mir. Mein Blick hängt wie gefesselt an Opa. Opa dreht sich langsam um, nimmt die Hände aus den Hosentaschen und macht einen Schritt in Richtung Tür. Bei meiner Tafel bleibt er kurz stehen. Keiner schenkt ihm Beachtung. Ich sehe, wie er die Buchstaben meines Namens in eine andere Reihenfolge bringt und dann aus der Tür geht, um die Zigarre auszumachen. Ich starre auf die Tafel und ich lese: EINALEM. Jetzt weiß ich, wer Einalem ist.