Vorgespräch Diagnostik (erster Beitrag einer Verdachtsautistin)

Mein Tag fing damit an, dass ich aufstand und die Wurst und das Brot sich nicht da befanden wo sie hingehören. Nicht in der Küche an ihren eigentlichen Plätzen, sondern im Zimmer meines großen Sohnes auf der Fensterbank. Das geht nicht. Es geht auch nicht, dass meine Kinder nicht einfach sagen „sorry, ich war es, ich räum es weg“ sondern sich gegenseitig versuchen, die Schuld in die Schuhe zu schieben. Ich steh davor und kann absolut nicht sagen wer lügt und wer die Wahrheit sagt. Sehe ich nicht. Das macht mich wütend, weil ich immer alles analysiere, aber dabei sind meine Skills am Ende. Ich kriege es nicht raus. Und sie machen weiter. Ich werde laut. Ich schreie, ich werfe Dinge durchs Zimmer an den Schrank und auf den Boden, die ich gerade in der Hand habe. Eine leere Plastikflasche, das Brot und die Wurst. Die Wurst verteilt sich auf dem Fußboden. Ich schicke die Kindern ins Bad und hocke mich auf den Boden. Atmen… meine Ohren pfeifen, mein Herz rast und stolpert.  Die armen Kinder.
Das nächste was ich weiß ist, dass ich im Flur stehe und meine Jacke anziehe. Mein Großer kommt runter und sagt „Ja, ich war es, ich hatte halt noch Hunger“. Dann sag das, räum es weg und alles ist gut. Lüg mich nicht an. Mein Kleiner legt seine Handschuhe auf den Schrank im Flur… die gehören da auch nicht hin, die gehören IN den Schrank… wieder werde ich laut, es klingelt an der Tür und ich erschrecke mich, da ich genau unter der Klingel stehe. Kann nicht zur Tür gehen, kann mich nicht bewegen, bin zu wütend. Alles ist rot. Es klopft am Fenster, meine Mutter. Ich schreie sie durch das Fenster an „JA MANN!!!!!“ Wieder Ohrenpfeifen. Ich gehe einfach raus und knalle die Tür, ohne mich noch einmal umzudrehen. Steige ins Auto. Rede nicht und schließe die Augen. Nicht ansprechen. Ich spüre meinen Herzschlag im ganzen Körper und merke, wie mir schwarz vor Augen wird. Ich atme ganz bewusst und kaue auf meinen Zähnen rum, zerdrücke meine Hände. Nicht wackeln, das sieht komisch aus. Die Fahrt ist zum Glück lang genug um mich einigermaßen zu beruhigen, aber ich stehe immer noch neben mir. Ich betrete die Klinik um 09:45 und fühle mich wie Pinocchio… als wäre ich aus Holz, ganz steif.
Erst mal zum Pförtner, der schickte mich zum Aufnahmebüro. Dort habe ich geklopft und bin reingegangen und wurde prompt von der Anmeldedame angeschnauzt „Draußen warten, hier ist jemand drin!“

Oh. Okay. Da war kein Schild oder so. Also gewartet bis jemand rauskam. Nochmal geklopft. Keine Reaktion von drinnen. Nochmal geklopft. „JA!“ *urgs* das ging schon mal gut los, zu dem Zeitpunkt hatte ich schon Herzrhythmusstörungen. Nun gut, Zettel unterschrieben und versucht, mir die Wegbeschreibung zu Dr. Müller zu merken.

Flur runter, rechts, Treppe runter, rechts und dann beim Fahrstuhl ist der Eingang… da standen aber die Namen von 2 anderen Ärzten auf der Tür… also andere Richtung, auch nichts… *Herzstolpern wird immer schlimmer, Flimmern vor den Augen fängt an.* aaaatmen… nochmal genau gucken. Ich bin dann 2x in jede Richtung gelaufen, immer ein Stück weiter.

Ah okay, vielleicht meinte sie den Flur neben dem Eingang… also da runter… irgendwann kam die Tür mit dem Namen Dr. Müller. Geklopft. Keine Reaktion. Hm.

Wenn ich jetzt einfach die Tür aufmache werde ich wieder angeschnauzt, also warten. Hab mich auf einen Stuhl gesetzt gegenüber der Tür. Oder doch reingehen? Was wenn ich zu spät komme? Es ist bestimmt schon 10:00. Nee, dann werde ich wieder angeschnauzt. Oder doch rein? Woher soll ich, verdammt nochmal, wissen, was der erwartet?

Inzwischen saß ich so verkrampft auf meinem Stuhl, dass mit die Beine wehtaten und ich hatte das dringende Bedürfnis, mich in den Schneidersitz zu setzen oder die Knie ranzuziehen und rumzuschaukeln…. aber das sieht komisch aus. Aber hier sind doch alle komisch. Deswegen bist du doch hier… Ich habe mich nicht getraut. Irgendwann hab ich mich dann doch erwischt wie ich die Wand anstarrte und ganz langsam von links nach rechts hin- und herschaukelte, wurde ruhiger.

Dann ging plötzlich die Tür auf, ganz abrupt. Hab mich erschrocken… und da steht der Typ, so um die 55, graue Haare, Bart, Pullunder… zeigt auf mich „Sie sind?“ Ich starre ihn an. „Ihr Name?!“  *Ähm, Meier* Tür wieder zu. Aha… Tür wieder auf.

„Kommen Sie rein“ Ich geh rein, ein kleiner Tisch, 2 Stühle gegenüber… viel zu kleiner Tisch. Ich sitze viel zu nah an dem dran. Lehne mich nach hinten. 2 Neonröhrenlampen. Penetrantes, lautes Ticken einer Uhr, 10:20.
Er hat lauter knallgelbe Zettel mit Linien drauf. Ich lege ihm die Aufkleber, die sie mir in der Anmeldung gegeben haben auf den Tisch, er klebt die Aufkleber auf Zettel und summt „Hmmm, Hmmm, Hmmm,“ voll komisch. Warum summt der?

Guckt mich an. „Warum glauben sie Autistin zu sein?“ Ich sag gar nix. Sitz da wie doof. Irgendwann fang ich an zu reden von Verdacht bei den Kindern, wobei bei einem Sohn autistische Züge festgestellt wurden, beendeter Therapie mit ratloser Therapeutin, mehreren Diagnosen in der Vergangenheit… Er unterbricht mich „Andere Erkrankungen?“ Naja Migräne, Mitralklappenprolaps, Lebensmittelunverträglichkeiten…

Ob ich in Therapie bin. *aktuell nicht, meine Verhaltenstherapie ist jetzt nach 2 Jahren durch. Meine Therapeutin sagt sie kommt an einigen Punkten mit mir nicht weiter, darum bin ich unter anderem hier.“

Dann fragt er wovor ich Angst habe und welche Symptome ich dabei habe. Beschreibe ich ihm. Wann ich das zuletzt hatte, fragt er, ich sage „eben als ich nach ihrem Zimmer gesucht habe.“ Wovor haben Sie noch Angst. -Menschenmengen? *geht so, wenn ich am Rand stehe* -Höhen? *Nur wenn ich frei stehen muss* -Tiere? *Nein, ich liebe Tiere. Eher unbekannte Situationen oder wenn ich lange autofahren muss, wo ich mich nicht auskenne. Ich hatte mal ne Panikattacke im Kaufhaus weil die die Regale umgestellt haben und ich nicht mehr wusste, wo ich bin* Er schreibt auf seinen Zettel „Angststörung“ und liest es dabei laut vor.

„Zwangsgedanken?“ *Ja, ich zähle alles… schon immer, solange ich denken kann, das läuft als automatisches Programm in meinem Kopf ab* Ob mich das stört fragt er. *Naja irgendwann, als es mir bewusst geworden ist, hat es mich erschreckt und gestört, dann sagte mir ein Psychiater, dass das ein Programm meines Gehirns ist, um meine Umgebung nicht so chaotisch wirken zu lassen… seitdem geht es.*

Dann klingelt sein Telefon. Er nuschelt etwas von „bitten rausgehen kurz“ und ich starre ihn an. Was? Wie rausgehen, das ist mein Termin, warum soll ich rausgehen?! Er nimmt der Hörer ab, guckt zu mir und wedelt mit der Hand. Ah okay, der meint das ernst… ich nehme meine Tasche und gehe vor die Tür, lehne sie an. Er drückt sie zu. Ich lasse mich neben der Tür auf den Boden sinken und vergrabe meinen Kopf zwischen meinen Armen, ist mit scheißegal wer da vorbeigeht… denken, denken, ruhig denken, was wolltest du sagen… ich hab jetzt schon das Gefühl die Kontrolle verloren zu haben und gar nichts von dem sagen zu können was ich eigentlich sagen wollte. Tief und langsam atmen… nicht hyperventilieren… okay, auf stehen. Ich lehne mich an die Wand und wippe mit den Füssen auf und ab. Das ist nicht gut. Konzentrier dich. Sei nett. Machs wie bei deinem Hausarzt, lächeln und winken, dann gehts schon.

Die Tür geht wieder auf. Ich setze mich. Dann folgen völlig unstrukturiert und ohne erkenntliche Reihenfolge Fragen zu Ausbildung, Schule, etc. aber immer wenn ich gerade meine Gedanken dazu sortiert habe und erzählen wollte, einen Satz gesagt habe schmeißt er mir das nächste Stichwort an den Kopf. Ich kann nur Fetzen von mir geben. Das Stichwort „Waldhaus“ fällt, das ist eine psychiatrische Klinik, in der ich mit 18 für 6 Wochen war, weil einfach niemand wusste, was mit mir los ist und meine damalige Therapeutin meinte, die sollten da mal intensiver gucken. Nebenbei krame ich auf der Suche nach etwas Geordnetem, an dem ich mich festhalten kann, meine umfangreichen, mitgebrachten Unterlagen raus. Er hat bei einem vorhergehenden Telefongespräch darauf bestanden, dass ich Mutterpass und Untersuchungsheft, Zeugnisse, Therapie- und Arztberichte mitbringe. Ich habe das in den letzten Wochen zusammengesucht und sortiert.

Dabei: -Mutterpass, Untersuchungsheft vom Kinderarzt

-Zeugnisse von der 1. bis zur 9. Klasse

-2 Arztberichte vom Neurologen aus 1989 als ich 8 war, Diagnose: kindliche Migräne und zu langsame Hirnströme

-Therapiebericht Kinder- und Jugenpsychatrie von 1998, kein Gespräch möglich da ich den Raum verlassen habe, Diagnose: Adoleszenzkrise, depressive Episode, herabgesetzter Affekt und Antrieb.

-Therapiebericht Fachärztin für Psychatrie von 1999, Schlafstörungen, Depression, Antriebsschwäche, keine Besserung der Symptome unter Fluctin. Abgesetzt, verordnet Cipramil 20 mg

-Therapiebericht der stationären Einrichting von 2000: schwere Verselbstständigungskrise, mangelhafte Belastbarkeit, starke Somatisierungsneigung, narzisstisch-ängstliche Persönlichkeitsentwicklung. Schwierigkeiten altersgemäß über innere Vorgänge, Gefühle und Reaktionszusammenhänge zu reflektieren, stereotype Rückzugs- und Weglaufsymptomatik. Trennungs- und Ablösungsprobleme. Überfordert mit Eigenbewältigung. Befürchtung zunehmender Entwicklungsstagnation.

-Therapiebericht Psychiater/Neurologe von 2000: Komplexe Migräneaura, depressives Syndrom, selbstverletzendes Verhalten, Störung der Persönlichkeitsentwicklung. Verordnet: Triptane

-Arztbericht Neurologe von 2010: Migräne mit komplexer Aura, Dissoziationsstörung. Triptane helfen nicht. Topipramat 2x 50 mg (Epilepsieprophylaxe)

-Schädel- Gehirn- und Hirnvenen- MRT mit Bildern von 2011

-Arztbericht Neurologe/Psychiater aus 2011: bipolare affektive Störung mit mittelgradiger depressiver Episode, SSV. Doxepin 25 mg wirken nicht, jetzt Paroxetin 10 mg. Dringend Psychotherapie!

-Therapiebericht Psychotherapie 2011: emotional instabil PSST, schizotypisch, Bordeline, (alle zu fast gleichen Anteilen laut Fragebogen) depressive Episode, Zählzwang

-Therapiebericht von 2013: Panikstörung, depressive Episode

-Therapiebericht von 2015: das gleich wie 2013 ^^

Er sieht sich das oberste meiner Zeugnisse aus der 9. Klasse kurz an und murmelt „Versetzung gefährdet“. Die anderen sieht er sich nicht an. In ausnahmslos jedem meiner Zeugnisse steht „unkonzentriert, abgelenkt, zu langsam, passiv und zurückhaltend, kann alle Inhalte aber erfassen. Mitarbeit stark vom Interesse abhängig“.

Dann überfliegt er der Therapiebericht aus dem Waldhaus, sagt aber nichts dazu. Macht sich Notizen.

Er legt mir ein Bild vor, ein buntes Gemälde, auf dem eine Szene zu sehen ist. Ein gedeckter Tisch mit vielen Menschen, der auf einer Wiese steht, Landschaft. Ich soll ihm sagen was mir ins Auge sticht. „Da ist ein Tisch mit Menschen, die essen. Im Vordergrund stehen immer 3 Bäume zusammen, im Hintergrund immer 4.“ Er erzählt kurz von einem Urlaub in Mexico, wo er ganz herzlich und gastfreundlich von einer großen Familie zum Essen eingeladen wurde. Ich mache „Hm.“

Dann legt er mir 6 einzelne Bilder nacheinander vor und lässt sie mich jeweils kurz ansehen. Danach fordert er mich auf, mich in die Ecke zu stellen und die Geschichte zu erzählen… ich kann aber leider keinen richtigen Zusammenhang erkennen und sage nur was auf den einzelnen Bildern zu sehen war und dass ich die Geschichte nicht verstanden habe. Irgendwas mit Affen, einer Palme und einer Kokosnuss. Ach, das waren 2 verschiedene Affen… ich hab mich gewundert, wieso der Affe erst oben sitzt und dann plötzlich unten… okay. Hm. Ich darf mich wieder hinsetzen.

Gucke nach vorne und erschrecke mich tierisch, da ist ein Fenster in dem plötzlich ein Fensterputzer auftaucht und seinen Job macht. Dr. Müller fängt an zu lachen, ich atme. Zwischendurch im Gespräch klingelte noch 2x das Telefon. Da durfte ich aber drinbleiben, die Anrufer wimmelte er recht energisch ab. Ich nutze die Zeit um vor mich hin zu träumen.

Dann sagt er „Sie arbeiten ja als Erzieherin….“ Ich sage *nein, ich habe eine schulische Ausbildung zur Kinderpflegerin gemacht und schon während des Praktikums gemerkt, dass ich das nicht machen kann. Das ist mit zu viel. Ich arbeite im Sportverein mit Kindern und habe ein Kleingewerbe.* Er schreibt „Ah, sie sind also selbstständig…“

Langsam entspanne ich mich ein wenig, ich habe mich an den Raum gewöhnt, alle Schranktüren, Knöpfe und Bilder mehrfach gezählt. Jetzt kann ich langsam umschalten auf angucken, interagieren, das ist der Modus, wenn ich mein Kind von der Schule abhole, arbeiten bin.
Dann fragt er mich nach Beziehung und Freunden…Und ja, ich hab Freunde, eine beste Freundin. Seit 2007. Die wohnt aber 618 km weg, wir sehen uns selten.
Was ich an ihr mag, was eine Freundschaft ausmacht… ja das sage ich ihm… dass man ehrlich ist ist wichtiger als dass man immer nett ist, füreinander da sein, sich helfen. Ich finde sie ist ein toller Mensch und ich bewundere sie.

Warum mein Mann mein Mann ist… was meine Ehe ausmacht. Da reitet er ewig drauf rum, hakt 3x nach. Ich sage dass wir gut zusammen passen und ein gutes Team sind, dass ich nichts hinkriege wenn mein Mann nicht da ist, dass er auf mich aufpasst und für mich da ist. Mir fällt gerade ein, ich habe gar nicht gesagt, dass ich ihn liebe.

Ich denke gerade noch nach was ich über meinen Mann sagen kann, da sagt er „Wollen Sie meine ehrliche Meinung hören?“

Ich sage *ja klar, darum bin ich ja hier*

„Sie sind keine Autistin. Autismus ist eine schwere Kontakt- und Kommunikationsstörung. Sie waren am Anfang sehr kontrolliert, dann haben sie aber Mimik gezeigt und mich sogar angeguckt, ganz natürlich.“ Ich empfinde es genau gegenteilig. Am Anfang habe ich mich total chaotisch gefühlt und wäre beinahe durchgedreht, nachdem ich vor der Tür war konnte ich in meinen „Draußen-Modus“ wechseln.  Ich hole aus um zu sagen *ja, das kann ich, weil ich wenn ich Menschen angucke immer die Fixpunkte in ihrem Gesicht zähle… Ohren, Augen, Nase, Mund, Ohren, Augen, Nase, Mund… weil man mir als Kind immer gesagt hat „guck mich an, wenn ich mit dir rede“…. Ich komme aber nur bis zu *Ja, das kann ich*, dann fällt er mir ins Wort. Jetzt redet er sehr laut, sein Tonfall ist unfreundlich und harsch. „Sie haben eine Angststörung. Aber Sie haben ja eine Therapeutin, gehen Sie dahin zurück.“ Ich stammele *ja, aber die Therapie ist abgelaufen…*
„Na dann gehen Sie halt zu ihrem Neurologen.“ Ich bin etwas verwirrt und weiß nicht, was ich sagen soll. Ich sammele meine Unterlagen ein und stehe auf. Ich gehe zur Tür, stehe etwas unter Schock von diesem doch sehr abrupten Abbruch des Gespräches, denn das war es für mich.

Es gab keine einzige Frage zu meiner Kindheit und Schulzeit. Ich dachte meine Hyperlexie hätte ihn interessieren können.

Dass ich ein Schreikind mit Wutanfällen war vielleicht auch. Und dass ich schon als Säugling meine Füße aneinandergerieben habe, bis sie blutig waren. Dass meine Mutter immer versucht hat, Freunde für mich zu finden und sich deswegen mit anderen Eltern angefreundet hat, damit ich wen zum spielen habe.

Kein weiterer Blick in meine mitgebrachten Unterlagen, die er im Vorfeld am Telefon als so wichtig bezeichnet hat, er könne ja aus sowas und aus Zeugnissen ganz viel rauslesen. Hm…

Keine Fragen zu meinen alltäglichen Problemen.

Keine Fragen zu Gewohnheiten, zur Wahrnehmung oder Reizverarbeitung.

Ich hatte einen Gesprächstermin um 10:00 Uhr, Dauer sollte 60 min sein. Das Gespräch begann um 10:20, zwischendurch war ich ca. 5 Minuten auf dem Flur, um 10:58 stand ich wieder vor der Tür. Das waren also gute 30 min.

Ich habe mich am Ende sehr energisch vor die Tür gesetzt gefühlt, was ich als respektlos und unfreundlich empfunden habe. Das ganze Gespräch empfand ich als sehr unstrukturiert, konzeptlos, unorganisiert und sehr gehetzt. Ich hatte keine Gelegenheit meine Gedanken zu sortieren oder auf Dinge einzugehen, die mir als wichtig oder relevant erscheinen.

Raus vor die Tür… ich kann mich nicht daran erinnern, wie ich die Klinik verlassen habe. Ich stehe draußen, ich zittere und habe ganz wackelige Knie. Ich rufe meine Mutter an, dass sie mich abholen soll und stehe an der Straße.  Ich rauche 2 Zigaretten nacheinander und laufe hin und her. Keine klaren Gedanken. Was ist da gerade passiert?
Ich steige ins Auto ein. Sie fängt an, mich auszufragen, ich werde wieder laut und schnauze sie an. Lass mich in Ruhe. Nicht reden. Nicht jetzt. Ich bin völlig steif und starre vor mich hin. Irgendwann bringe ich ein paar Sätze raus, die Fahrt dauert 45 min. „Der ist ein Arsch.“ Ich bin wütend. Ich habe das Gefühl komplett in mir drin gefangen zu sein. Klebe in mir fest. Alles brodelt. Ich bin ganz ruhig. Steige Zuhause aus und tippe erstmal runter, was passiert ist. Beim schreiben kann ich mich etwas sortieren und begreife, was passiert ist. Ich bin müde, kann kaum die Augen aufhalten, mein Körper  fühlt sich an wie aus Blei. Meine Hände tippen wie von selbst und ich suche Kontakt übers Internet zu Menschen die mich vielleicht verstehen können. Irgendwann wird auch das zu viel. Ich lege mich ins Bett und bin froh dass ich bis 16:00 Uhr meine Ruhe habe. Ich schlafe sofort ein.
Mein Mann weckt mich um 16:20 und fragt „Na, wie wars?“ Ich fange an zu weinen und bringe ein paar Sätze raus, dann schiebe ich ihn von mir weg, kann keine Berührung ertragen, flüchte aus dem Bett und setze mich auf den Fußboden. Bilder tauchen in meinem Kopf auf wie ich meinen Kopf an die Wand schlage, meine Hände gegen meinen Kopf schlage, mir wehtue weil es innen so weh tut. Dieses Mal tue ich es aber nicht. Manchmal geht es nicht anders. Es brennt in meiner Brust und ich kann kaum atmen, schnappe laut nach Luft, klopfe mir auf die Brust. Ich gebe laute Wein- und Schluchzgeräusche von mir… was anderes geht nicht. Ich hasse das. Hasse mich. Ich fühle mich nicht wie ein Mensch. Ich kann das nicht kontrollieren. Ich liege irgendwann auf dem Boden, starre an die Wand und bin wie gelähmt. Als ich wieder etwas wahrnehme ist es 17:30. Ich habe Kopfschmerzen und fühl mich wie ein Zombie.
Den nächsten Tag verbringe ich mit schlafen und weiterem reflektieren der Situation.
Das wars. Kein Autismus.

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AUS, AUS, AUS…!!! …ZU,ZU, ZU…!!! (über Zwang)

Zwanghaft zu sein, ist einfach nur ätzend, nervig und gehört zu den Dingen, die wirklich kein Mensch braucht. Aber da der liebe Gott nen großen Zoo hat und bei der Schöpfung auch nicht mit Spezial- Effekten gegeizt hat, gibt es eben auch so was. Und zwar gar nicht so selten. Man geht davon aus, dass etwa 2% der Bevölkerung von Zwangsstörungen betroffen sind. Ich würde aber mal behaupten, es sind bestimmt mehr als 2%.
Wie alle anderen Persönlichkeitsstörungen auch sind Zwangsstörungen im Kern Störungen des Aufbaus eines stabilen Selbstbildes. Das kann nur durch regelmäßige und stabile soziale Interaktion aufgebaut werden. Somit ist es also nicht gerade ein Wunder, dass viele Menschen aus dem Autismus- Spektrum von Zwangsstörungen als Komorbidität betroffen sind.
In einer Zeit, in der sich noch niemand mit Asperger auskannte und niemand einem den Grund für das ANDERS sein erklären konnte, war es (jedenfalls für mich) nicht wirklich möglich, ein stabiles Selbstbild zu entwickeln.
Wenn ich mich selber gemacht hätte, wäre ich ganz sicher nicht zwanghaft- so viel steht fest, denn Zwangsstörungen sind nervenaufreibend und unwahrscheinlich zeitraubend. Je nachdem, wie stark der Zwang gerade ausgeprägt ist, kann es wirklich dazu führen, dass der komplette Tagesablauf zusammenbricht und dass man durch den Zwang nicht mehr in der Lage ist, ein halbwegs normales Leben zu führen.
Wenn ich so auf mein Leben zurückblicke, dann möchte ich wirklich nicht wissen, wie viel Lebenszeit ich mit dem Ausführen von mehr oder weniger sinnlosen Zwangshandlungen verbracht habe. Das Schlimme daran ist, dass einem selbst völlig klar ist, wie unsinnig die Zwangshandlungen sind, man jedoch nicht davon ablassen kann, sie auszuführen.
Meine Zwanghaftigkeit begleitet mich eigentlich schon seit der Kindheit- oder ich sage mal besser so, die Grenzen zwischen Ritual und Zwang sind bei mir schon immer fließend. Ich habe viele ritualisierte Handlungsweisen, die von außen betrachtet wahrscheinlich wie Zwangshandlungen wirken, für mich aber eben völlig normal sind und die ich auch brauche, damit es sich für mich richtig anfühlt. Das sind Handlungen, die ich nicht als belastend empfinde, und die einfach dazugehören, wie zum Beispiel das 3 malige Kontrollieren aller Zimmer, wenn ich rausgeh und das laute Aufsagen von AUS! AUS! AUS! bei allem, was ich ausmache und ZU! ZU! ZU! bei allem, was ich zumache. Für manche Menschen ist das wohl schon Zwang. Für mich ist es Ritual. Zwanghafte Phasen sehen bei mir ganz anders aus.
Schon als Kind mussten bei mir die Kuscheltiere immer wie die Soldaten in einer bestimmten Reihenfolge auf dem Bett sitzen, Handlungen mussten immer in genau der gleichen Reihenfolge erledigt werden und wenn irgendetwas meine Ordnung zerstörte, rastete ich für gewöhnlich komplett aus. Wenn ich es tatsächlich mal zuließ, dass meine Mutter mit mir spielte, dann musste sie mit mir und meinen Puppen immer genau das gleiche Szenario spielen, mit immer wieder exakt der gleichen Handlung und dem gleichen Text. Minimalste Abweichungen brachten mich derart aus der Fassung, dass ich entweder anfing zu heulen oder zu toben- meist das Letztere.
Um mich dann wieder einigermaßen zu beruhigen, ordnete ich stundenlang die Dinge in meinem Zimmer. Ich fing an, Markierungen auf die Regalböden zu machen, auf denen ganz exakt Puppen, Teddys und Co zu stehen hatten.
Irgendwann bekam ich ein Jugendzimmer und fing an, die Schränke zu kontrollieren, ob da alles „ in Ordnung ist“, bevor ich ins Bett ging. Obwohl ich genau wusste, dass da nicht irgendjemand oder irgendwas in den Schränken lauerte, musste ich immer wieder die Schranktüren in einer bestimmten Reihenfolge öffnen, um zu sehen, dass da wirklich alles „in Ordnung“ war. Das uferte derart aus, dass ich abends mindesten ne Stunde damit beschäftigt war, immer wieder die Schranktüren aufzumachen, reinzusehen und wieder zuzumachen. Immer wieder und wieder. Wenn ich im Bett lag, konnte ich oft ewig lange nicht einschlafen und hatte erst Ruhe, wenn ich noch ein paar Mal aufgestanden war und erneut alles kontrolliert hatte.
Dann kriegte ich nen Wohnungsschlüssel, weil meine Mutter wieder arbeiten ging. Mit dem Schlüssel kam die Verantwortung, dass in der Wohnung alles „in Ordnung“ war und die Katze nicht abhaute, wenn man raus ging.
Ich habe Stunden meines Lebens damit verbracht, die Wohnungstür abzuschließen, an dem Griff zu rütteln wie eine Irre um zu überprüfen, ob die Türe auch WIRKLICH zu ist, nur um sie gleich darauf wieder aufzuschließen, um zu überprüfen, ob die Katze auch WIRKLICH noch in der Wohnung ist. Erschwerend kam nach einiger Zeit hinzu, dass der Schlüssel beim Rumdrehen immer ein bestimmtes Geräusch machen musste, damit es für mich als richtig und „in Ordnung“ durchging. Irgendwie war mir zwar bereits damals klar, dass diese Kontroll- Exzesse alles andere als normal waren, was jedoch nichts an der Tatsache änderte, dass ich diese Handlungen wieder und wieder ausführen musste. Je nach Tagesverfassung unterschiedlich oft.
Damals hatte ich noch nicht die geringste Ahnung davon, wie sehr meine Zwanghaftigkeit mit meiner seelischen Stabilität zusammenhängt. Mein einziges Interesse war eigentlich, dass niemand etwas von meinen Zwängen mitbekam. Im Grunde genommen wusste ich damals noch gar nichts über den Menschen, der mich da aus dem Spiegel anschaut. Den habe ich erst viel später kennen gelernt und habe selbst heute noch viel über mich zu lernen. Damals wusste ich einfach nicht darüber Bescheid, was das zu bedeuten hatte, was ich da tat und dass es wohl besser wäre, wenn niemand was davon mitbekommen würde. Denn aufgrund der Tatsache, dass ich in meinem Elternhaus durch mein Verhalten sowieso ständig für Palaver sorgte, hatte ich von meinen Eltern auch schon oft genug Vorträge darüber gehört, wo „so was wie ich“ eigentlich hingehört, wobei besonders gerne (der Zeit entsprechend eben) die Ausdrücke „Irrenhaus, Klapsmühle, und Anstalt“ benutzt wurden.
Und da ich vor meinem geistigen Auge immer das Bild meines Cousins Klaus  hatte, das in der hintersten Wohnzimmerecke meiner Tante hing und diesen verstrubbelten Jungen zeigte, der an den Handgelenken fixiert war und von dem ich wusste, dass er in einer „Anstalt“ lebt, hatte ich irgendwie panische Angst davor, auch dorthin zu kommen, auch wenn das Irrenhaus- Gerede meiner Eltern immer nur aus der Wut über mein Verhalten resultiere und kein ernstgemeinter Plan von ihnen war.
Irgendwann gegen Ende der Pubertät ließ dann die Zwanghaftigkeit von selbst ein bisschen nach und kam über Jahre nur in Zeiten zum Vorschein, in denen in meinem Leben wirklich einschneidende Erlebnisse geschahen. Natürlich habe ich damals wie heute schon alle möglichen ritualisierten Handlungen betrieben. Aber wie gesagt- der Unterschied zwischen solchen Handlungen und Zwangshandlungen besteht darin, dass diese ritualisierten Handlungen sich „gut anfühlen“ und auch nur bestimmt oft wiederholt werden. Und das ist bei mir eben 3 mal.
Irgendwann im jungen Erwachsenenalter fing ich dann an, mit Methyphenidat (Ritalin) und Amphetamin, das damals an jeder Ecke angeboten wurde, herum zu experimentieren. Zunächst war ich davon total begeistert, weil ich unglaublich produktiv und kreativ war, ständig malte, schrieb und in jeder Arbeit völlig versinken konnte. Alle Umstände, die mich sonst zwangen, eine Arbeit zu unterbrechen (essen, schlafen usw.) waren wie ausgeschaltet und ich hatte dadurch die Möglichkeit, mich über lange Zeiträume so intensiv mit einer Sache zu  befassen wie nie zuvor. Was ich allerdings nicht so richtig merkte war, dass ich 1. beim Herunterkommen von diesen Substanzen immer in einer gereizten bis aggressiven Stimmung war und dass sich 2. meine Zwanghaftigkeit wieder einschlich. Mein Fokus war zu der Zeit einzig und allein auf die vordergründig positiven Eigenschaften der Substanzen ausgerichtet. Alles andere konnte oder wollte ich damals nicht sehen. Ich wollte nur produktiv sein und schaffen- von mir aus rund um die Uhr. Und dabei möglichst in Ruhe gelassen werden. Wurde ich angesprochen und aus meinem Film gerissen, explodierte ich förmlich. Ich habe zwar schon mein ganzes Leben die Tendenz zu aggressivem, impulsiven Verhalten, aber unter Einfluss von Amphetamin und später von Ritalin war ich so was wie eine Zeitbombe, die jeden Moment explodieren konnte. Daneben standen auch die Zwanghaftigkeiten wieder in voller Blüte und konnten nicht mehr von mir vor mir selbst weggelogen werden. Aufgrund des hohen Suchtpotenzials hat es jedoch sehr lange gedauert, bis ich diese Phase in meinem Leben hinter mir gelassen habe und dadurch auch die Zwanghaftigkeit auf ein erträgliches Maß absank.
Je mehr ich im Laufe meines Lebens Klarheit über mich selber bekommen habe und mich mit mir selbst auseinander setze, umso klarer sehe ich, dass die zwanghaften Phasen in meinem Leben immer dann vorherrschten, wenn ich den Boden unter den Füßen verloren habe und im Grund wohl nichts anderes sind, als ein Schrei nach Sicherheit in dieser Welt, in diesem Leben, in dem ganzen Chaos da draußen.
Im Laufe eines von Zwangshandlungen begleiteten Lebens hat man unterschiedliche Möglichkeiten, damit umzugehen. Man kann zum Beispiel aus dem Fenster springen, weil man es einfach nicht mehr aushält. Man kann es aber auch lassen. Man kann sich vom Zwang total beherrschen lassen…oder man lässt es bleiben. Es besteht nämlich auch die Möglichkeit, sich mit seinen Zwängen so zu arrangieren, dass sie nicht die meiste Zeit des Lebens fressen sondern in Schranken bleiben, in die man sie verweist und wo sie auch hingehören..
Das erfordert aber aktives Arbeiten an sich selbst. Und das Erkennen seiner selbst. In den Spiegel zu gucken und sich zu sagen „Ja- ich bin das- ICH BIN“, und mich so anzunehmen wie ich bin ist für mich viel leichter geworden, seit ich über mein Anders- Sein Bescheid weiß. Seit ich weiß, warum ich nicht so sein kann wie die meisten anderen und dass das okay ist, ist ein großer Druck von mir gefallen. Und im Laufe der Zeit hab ich für mich persönlich auch gute Strategien entwickelt, wie ich meinen Zwang im Keim ersticken kann- ihm sozusagen „das Maul stopfe“.
Es erfüllt mich zum Beispiel mit großer Befriedigung, wenn ich- nachdem ich das Haus verlassen habe- unten auf dem Bürgersteig stehe und mir auf der Kamera die Bilder, die ich eben zuvor von den ausgeschalteten Sicherungen, dem brandfrei deponierten Aschenbecher und der abgeschlossenen Wohnungstüre gemacht habe, ansehe. Mit so etwas zeige ich meiner Zwanghaftigkeit, wer hier heutzutage zu sagen hat.
Die zwanghaften Teile in meiner Persönlichkeit werden wohl immer irgendwie da sein und in mir schlummern. Schon alleine deshalb, weil mein großes Bedürfnis nach ritualisierten Handlungen im Grunde so was ähnliches ist wie die „kleine nette Schwester“ vom Zwang.
Aber ich habe heutzutage durch mein Wissen und meine Erfahrungen die Möglichkeit, ganz anders mit dem Thema Zwang umzugehen und es gar nicht erst dazu kommen zu lassen, dass Zwänge ausarten.
Und das fühlt sich gut an.

Das Leid mit der Depression

Am besten könnte man über Depressionen schreiben, wenn man gerade depressiv ist. Dann ist man „mittendrin und dabei“. Wer knackedepressiv ist, macht das aber nicht. Er macht gar nichts mehr, außer im Bett zu liegen und zu grübeln. Zu weinen, ohne Außenstehenden erklären zu können, warum. Oder er ist rastlos, bekommt kaum Schlaf. In dem Fall kann er sich aber bestimmt auch nicht darauf konzentrieren, seine Depressionen in Worte zu fassen, weil die Konzentration bei dieser Erkrankung in Mitleidenschaft gezogen wird.

Bei mir lag der erste Fall vor. Antriebslosigkeit, Freud- und Interessenslosigkeit, Schlafstörungen. Nichts mehr fühlen können. Suizidgedanken, konkrete Suizidpläne bis kurz vor Ausführung. In der schlimmsten Phase (schwere depressive Episode) sieht es so aus: Du wachst auf und der erste Gedanke ist, dass du sterben willst. Auch weitere Gedanken des Tages und der weiteren Tage und Wochen drehen sich hauptsächlich darum. Dann machst du dir keine Vorwürfe mehr, findest nicht mehr nur dich selbst und die Umwelt zum Kotzen. Es ist egal was ist und wird, du willst einfach nicht mehr sein. Dich berührt nichts mehr, du fühlst nichts mehr außer Apathie. Du kannst dir gar nicht mehr vorstellen, dass es mal aufhören könnte. Und du erinnerst dich nicht mehr, was für ein Mensch du vor der Depression warst. Alles wird wie durch Milchglas wahrgenommen.

Aber es hört auf. Immer. Deswegen darf man die Hoffnung niemals aufgeben. Und dann willst du, dass es nie wiederkommt und würdest alles dafür tun, dass du dich weiterhin „normal“ fühlen kannst.

Depressionen und Autismus treten sehr oft zusammen auf (sind komorbid). Würde ein Mensch ohne Autismus seit fast zwei Jahrzehnten jedes Jahr depressiv werden, käme bei ihm irgendwann die Überlegung, einen Besuch bei einem Therapeuten abzustatten. Oder zumindest, dem Hausarzt sein Leid zu klagen. Natürlich hat man in unserer Gesellschaft Angst, durch das Depressions-Label als „verrückt“ abgestempelt zu werden. Deswegen ist es für die meisten Menschen mit großer Überwindung verbunden, sich beim Arzt als depressiv zu outen (oder überhaupt in seinem näheren Umfeld über das Problem zu sprechen). Meine Phasen dauerten immer einige Monate, die letzte Phase ging allerdings über neun Monate und war schlimmer als je zuvor.

Autistische Menschen haben meistens keine gute Selbstwahrnehmung. Deswegen kann man davon ausgehen, dass sie erst merken, dass etwas nicht stimmt, wenn es fast schon zu spät ist (oder gar nichts merken). Im Glücksfall fällt nahestehenden Personen auf, dass der Autist irgendwie komisch ist, sich nicht wie sonst verhält. Ein Mensch mit Autismus kann sich in den seltensten Fällen so gut bemerkbar machen, dass beim Gegenüber auch wirklich ankommt, was für Probleme er hat.

Bezüglich der Medikation wirken Antidepressiva häufig nicht so, wie sie sollen (paradoxe Wirkung), oder sie wirken gar nicht. Im besten Fall probiert man, mit Hilfe des Arztes, verschiedene Präparate aus, bis man etwas Passendes gefunden hat. Meistens ist eine geringere Dosis notwendig, als normalerweise von Ärzten empfohlen.

Im Jahr 2020 wird Depression übrigens, laut Weltgesundheitsorganisation, weltweit die zweithäufigste Ursache von gesundheitlichen Beeinträchtigungen sein (http://www.who.int/mental_health/management/depression/definition/en/).

KlarNetAut

Auf die Idee, das Asperger-Syndrom (abgekürzt AS) zu haben, wäre ich vermutlich nie gekommen. Und das, obwohl ich ein Psychologie-Studium abgeschlossen habe. Mein Alter liegt übrigens zwischen 20 und 30 Jahren.

Vor gar nicht allzu langer Zeit habe ich zufällig einen Artikel über „weiblichen“ Autismus gelesen. Darin habe ich mich sofort wiedererkannt und hatte endlich die Erklärung dafür, warum ich mich mein ganzes Leben lang so anders als alle anderen gefühlt habe. Später sollte ich erfahren, dass Frauen mit Asperger häufig fehldiagnostiziert werden, oder überhaupt keine Autismus-Diagnose bekommen, weil wir uns im Alltag so gut tarnen können. Wir sind perfekte Schauspieler, die in der Außenwelt möglichst wenig Schaden nehmen möchten und es schaffen, ihre Besonderheiten in Wahrnehmung und Kommunikation zu verstecken. Ein weiterer Grund ist, dass sich die Diagnostikkriterien für das Asperger-Syndrom, das 1944 erstmals von Hans Asperger (http://de.wikipedia.org/wiki/Hans_Asperger) beschrieben wurde, an Männern orientieren. Über ein halbes Jahr nach der Selbsterkenntnis/-diagnose folgte die offizielle Diagnose, die in einer Spezialambulanz für Autismus gestellt wurde.

Während des Diagnostik-Prozesses wurde ich immer wieder damit konfrontiert, dass sowohl der Fachwelt, als auch Laien keine, zu wenige oder falsche Informationen über Autismus vorliegen. Dieser Blog soll zur Aufklärung über Autismus beitragen. Ich hoffe, dass Sie, lieber Leser, Folgendes werden sehen können: Dass auch wir, neben viel Herz und Hirn, Freude am Austausch haben und durchaus zur Selbstreflektion fähig sind. Ich hoffe, dass Sie den Blog mit Interesse lesen werden und auch verbreiten möchten, wenn auch Sie ein Stück weit zur Aufklärung über Autismus beitragen wollen.

Ihre KlarNetAut

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