Über Soziales, Müdes und Falsches zu Autismus

Soziales: AutistInnen wollen nicht in ihrem „stillen Kämmerlein“ hocken. Jedenfalls nicht immer. Ich bin mir ziemlich sicher, dass es viele trotzdem tun, weil sie nicht den Eindruck erwecken, dass sie gerne an einer Party/Treffen/Spieleabend teilnehmen würden. Vermutlich wirken wir im besten Fall desinteressiert und im schlimmsten Fall arrogant. Dabei ist es für die Umwelt egal, ob sie weiß, dass sie es mit AutistInnen zu tun hat oder nicht. Man wirkt desinteressiert und wird nicht eingeladen. Punkt. Oder wird nicht eingeladen, weil man sich unter Menschen entweder zu wenig sozial, zu viel oder zu wenig kommunikativ zeigt oder zu nerdy wirkt.

Müdes: Wenn ich den ganzen Tag eine stimmliche Geräuschkulisse ertragen muss und mich auch noch auf dem Heimweg unterhalten muss, bin ich erstmal fertig und möchte nichts außer Ruhe (=Tür zu und nichts mehr hören und mit niemandem reden müssen). In meinem momentanen Nebenjob ist es den ganzen Tag über laut bis sehr laut. Ab Arbeitstag zwei falle ich um acht Uhr ins Bett und bin froh, dass ich mich im Schlaf halbwegs erholen kann, um mich morgens früh wieder für die Arbeit fertigmachen zu können. Egal, wieviel ich schlafe: Ich sehe so aus, als ob ich die Nacht durchgemacht hätte  und es kommen blöde Sprüche wie „aber du hast doch gestern den ganzen Tag geschlafen!“. Ich bin permanent am Gähnen. Kaffee hilft da nicht.

Soziale Interaktion, mit vielen verschiedenen Menschen und den ganzen Tag über, strengt furchtbar an. Smalltalk ist sehr anstrengend. Wenn spontan etwas Unvorhergesehenes passiert, zerrt das an den Kraftreserven und meine Batterien sind an diesem Tag dann etwas schneller leer als wenn alles glatt läuft.

Falsches: In einer Veranstaltung, die ich besucht habe, wurde (von einem Arzt, der kein Autismus-Spezialist ist) behauptet, dass alle Autisten glücklich wären, wenn man sie in Ruhe lassen wüde. Am besten, man würde sie im Keller arbeiten lassen, wo sie keine Menschen treffen würden. Dann wären sie happy.Sie würden sich nicht für das Gegenüber interessieren, wären nicht in der Lage, Emotionen zu erkennen, ganz zu schweigen davon, dass sie etwa empathisch sein könnten.

Dieses veraltete Wissen wird in der ein oder anderen Veranstaltung weitergegeben. An Fachleute weitergegen, was überhaupt nicht passieren darf, weil genau so Fehldiagnosen entstehen oder Diagnosen gar nicht erst gestellt werden können.

Fazit: Ladet uns ein. Wenn wir uns wohlfühlen, sagen wir oft genug auch zu. Akzeptiert es, dass uns Soziales anstrengt und wir oft einfach fertig sind und es nicht heißt, dass wir nichts mit anderen zu tun haben möchten. Und gebt „richtiges“ Wissen über Autismus weiter, es ist wichtig.

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Behindert gefühlt

„Worüber reden die? Ich bin unglaublich dumm. Es kann einfach keinen anderen Grund geben, warum ich dem Geschehen überhaupt nicht folgen kann. Und warum verstehe ich nur Bahnhof (rw)? Die erwarten bestimmt, dass ich etwas sage. Aber die Kollegin, die neben mir sitzt, hat auch noch kaum etwas gesagt (aus den Augenwinkeln beobachte ich, dass sie vor Müdigkeit die Augen kaum mehr aufhalten kann). Also sieht es für mich noch ganz gut aus. Ich versuche, mir nichts anmerken zu lassen. Heimlich beobachte ich die Gesprächsrunde. Die Gedanken der Kollegen müssen sich in solchen Situationen, wenn man im Team bestimmte Fälle bespricht, so sehr von meinen Gedanken unterscheiden. Wenn sie wüssten, was gerade in meinem Kopf vorgeht, würden sie denken, ich bin geistig behindert. Ich fühle mich so unwohl, ich will weg von hier.“ Sie denken anders.

Letzteres habe ich auch immer in folgenden Vorlesungs-Situationen an der Uni gedacht: Irgendein Dozent hat den Studenten eine Frage gestellt. Er blickte jedoch in leere Gesichter und musste mit einem weiteren Infohäppchen herausrücken. Sofort schossen einige Hände in die Höhe. Diese Info hat bei diesen konform Denkenden offensichtlich gleichzeitig dazu geführt, dass es „Klick“ gemacht hatte. Das fand ich faszinierend. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass jemand anders auf eine ähnliche Art und Weise denken könnte wie ich. In den Vorlesungen hat es bei mir selten „Klick“ gemacht. Thematisch habe ich leider kaum etwas aus ihnen mitnehmen können. Außer in den seltenen Fällen, wo ich ein Thema wirklich spannend gefunden habe, was nur bei einem bestimmten Dozenten passierte. Dann hing ich gebannt an seinen Lippen. Was ich allerdings gut konnte, war, mich 2-3 Tage vor der Prüfung im Zimmer einzuschließen und den gesamten Vorlesungsstoff des Semesters in mein Gehirn zu prügeln. Ich war sehr ausdauernd. Die Angst, in der Prüfung zu versagen, hat mich angetrieben, so dass ich Tag und Nacht -unterbrochen durch ein paar Stunden Schlaf- lernen konnte.

Heute weiß ich, dass solche sozialen Situationen (oder generell Situationen mit vielen Außenreizen), wie z.B. eine Vorlesung, bei mir zu sensorischer Überlastung (Overloads) geführt haben. Wenn die Aufmerksamkeit automatisch auf Dinge, die andere unbewusst filtern, gelenkt wird, wie soll man sich da noch auf den Vorlesungsstoff konzentrieren können? Dabei müssen gar nicht erst an die 100 Studenten in einem Raum zusammengepfercht sein. Eine Diskussionsgruppe von acht Menschen ist genug, um mich aus der Fassung zu bringen und in meinem Kopf Leere (bis auf die in den Anfangszeilen geschilderten, verzweifelten Gedanken) entstehen zu lassen.

Viele Jahre dachte ich, ich wäre irgendwie behindert, könnte es aber so unglaublich gut tarnen, dass es über zwei Jahrzehnte keinem in meiner Umgebung aufgefallen war. Ich war der festen Überzeugung, dass irgendein Teil meines Gehirns fehlerhaft sein oder -noch schlimmer- fehlen müsste. So hatte ich mir alles erklärt. Wie erleichternd es war zu erfahren, dass dieses Phänomen eine sensorische Verarbeitungsstörung im Rahmen des Autismus darstellt, kann sich vermutlich kaum jemand vorstellen.

Lesenswert (laufend aktualisiert)

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Literatur

-„Aspergirls“ von Rudy Simone http://www.beltz.de/fileadmin/beltz/leseproben/978-3-407-85946-4.pdf

-„Schattenspringer“ 1 und 2 von Daniela Schreiter

Bücher von:

-Tony Attwood

-Temple Grandin

-Tania Marshall

Anderes Wichtiges

-ADHS und Autismus Medikation Kinder http://www.kjp-roesrath.de/pdf/autismusundadhs.pdf

-ADHS als Erwachsener http://www.sebastian-bartoschek.de/cms/topics/die-sache-mit-dem-adhs.php

-Adressen Autismus-Diagnostik: http://www.rehakids.de/phpBB2/ftopic44453-0-asc-0.html

-Autismus kindgerecht (Clip zum Buch): https://www.youtube.com/watch?v=Vc8m9YvDZz8

-Löffeltheorie: http://lupus-austria.jimdo.com/leben-mit-lupus/umgang-mit-der-krankheit/l%C3%B6ffeltheorie/

-Sensorische Überlastung Medienprojekt: https://vimeo.com/52193530

-Themenschmuck und Accessoires: http://awarenessdesign.blogspot.de/

-Umgang mit sensorischer Überlastung (auf englisch, nach rechts klicken): http://recovery-  community.tumblr.com/post/88654102707/sensory-overload-and-how-to-cope-click-on

-Vorsicht: Therapieform ABA: http://auties.net/aba

-Was ist das „autistische Sein“? https://meerigelstern.wordpress.com/2013/06/08/prolog/