Aus{beutung}bildung, oder was ich jetzt eigentlich mache und warum ich Ihre Hilfe brauche

Mein letzter Blogeintrag und  dieser Link (https://www.leetchi.com/c/soziales-von-klari-n) brauchen eine Erklärung.

Sie wissen ja gar nicht wirklich, was bei mir seit diesen Sätzen „Der „Bewerbungszirkus“ ist in meinem Fall noch nicht abgeschlossen. Sie können mir sehr gerne für noch offene Bewerbungen die Daumen drücken und auch für Bewerbungsgespräche, die hoffentlich noch kommen werden.“ aus dem Beitrag vom 24.05.16 passiert ist.

Ich befinde mich in einer Weiterbildung zur Psychotherapeutin. Diese Weiterbildung kostet 10. – 20.000 Euro und bis zur Hälfte der Weiterbildung (diese Hälfte muss ich momentan irgendwie hinter mich bringen) verdient man so gut wie nichts. Man muss selbst sehen, wie man über die Runden kommt. Viele können durch die Eltern unterstützt werden. Einige greifen auf Erspartes zurück. Beides trifft auf mich nicht zu – ich habe keine Ersparnisse und kann nicht auf eine Unterstützung durch meine Eltern hoffen, die selbst nichts haben.

Ich habe mich im Vorfeld an verschiedenen Stellen erkundigt, mir stehen keine finanziellen Hilfen (wie BAföG, Berufsausbildungsbeihilfe und was es noch alles gibt) zu. Gar. Nichts.

Auch ein Nebenjob neben der Weiterbildung und der damit verbundenen Tätigkeit in einer Klinik ist einfach nicht möglich. Vom Energielevel her verlangt mir die Ausbildung alles ab und mir als Autistin steht einfach weniger Energie zur Verfügung als anderen WeiterbildungsteilnehmerInnen, die vielleicht 60 Stunden die Woche arbeiten können und nicht zusammenklappen. Mal abgesehen davon, dass es fast unmöglich sein dürfte, so einen Nebenjob zu finden.

Diese Zeit wird vorbeigehen und dann geht es wieder bergauf. Bis dahin hoffe ich weiterhin auf die Unterstützung von lieben Menschen und bedanke mich fürs Lesen und Teilen dieses Blogbeitrags. Offene Fragen zur Weiterbildung beantworte ich sehr gerne.

Ich entschuldige mich für diesen Aufruf als Offtopic in unserem Blog. Der Aufruf hat keinen direkten Zusammenhang zum Thema „Autismus“, musste jetzt aber sein ;).

Advertisements

Erfolgsgeschichten aus der Zeitung

Mir liegt da was auf dem Herzen. Mal wieder. Das wird sicher noch häufiger vorkommen. Heute geht es mir um Zeitungsartikel. Zeitungsartikel, die Erfolgsgeschichten über behinderte Menschen präsentieren wollen. Da macht ein Carry Jung eine Ausbildung. Kurz zusammengefasst, steht in dem Artikel, dass alle total verwundert waren, weil sie nicht wussten, was Autismus ist. Und erst recht nicht dachten, dass das gar nicht so schlimm ist, dass Carry auf ganzer Linie überzeugen konnte. Er war vor der Ausbildung ziemlich unselbstständig. Doch mit ganz viel Liebe und Unterstützung hat er dann doch noch die Ausbildung geschafft. Und der Betrieb war begeistert. Alle haben ja so viel von ihm gelernt. Das Ende ist allerdings genau das Gleiche, wie in jedem dieser Artikel, die über diese angeblichen Erfolgsgeschichten behinderter Menschen berichten. Am Ende will die nämlich keiner. Ach ich vergaß, Carry ist hochbegabt und machte eine Ausbildung zum Metallwerker. Klingt in meinen Ohren nach genau der richtigen Ausbildung für einen hochbegabten Menschen, aber was hab ich da schon zu sagen. Das ganze wurde organisiert von der Agentur für Arbeit (ach was, das erklärt so einiges). Wir kennen dieses Spiel fast alle, glaube ich. Alles in allem wird dann diese Erfolgsgeschichte als Paradebeispiel für Inklusion angeführt.

Erst einmal zu der Situation selbst: Carry ist jetzt 21, hochbegabt und hat eine Ausbildung zum Metallwerker. Ihn will niemand übernehmen. Welche Glanzleistung der Inklusion soll denn das bitte darstellen? Sein Ausbildungsbetrieb kommentiert das ganze folgendermaßen: Wir können uns den Aufwand nicht leisten, den Carry braucht. Okay. Wo bitte ist hier gleich noch Inklusion zu finden? Weil Carry nun mit, statt ohne Ausbildung arbeitslos ist? Nennen wir das als Gesellschaft erfolgreiche Inklusion? Nennen wir das Kind doch beim Namen: Diese Erfolgsgeschichte ist einfach keine. Sie ist eine weitere Geschichte des Scheiterns, in einer endlosen Debatte um Inklusion und dem Widerwillen der Arbeitgeber (oder wahlweise auch Schulleiter). Es ist die traurige Realität der meisten von uns. Halten wir den Mund, werden wir gemobbt und verbiegen uns, bis wir zusammen brechen. Machen wir den Mund auf, will uns keiner, weil wir wertlos sind. Nein, nicht wertlos, nur übersteigen die tatsächlichen Kosten den reellen Wert, den wir darstellen. Heißt, wir kosten mehr, als wir einbringen und damit sind wir wirtschaftlich nicht rentabel. Das wir dabei permanent unter Wert verkauft werden, ist nochmal eine andere Geschichte.

Das ist ein Missstand unserer Gesellschaft, gegen den viele von uns kämpfen. Um fehlende Anerkennung, um ein Recht darauf, zu bekommen, was wir benötigen, damit wir wertvolle Arbeit leisten können. Niemand verlangt vergoldete Toiletten (und wer dies tut, wird gleich bezichtigt, Autist zu sein. Buh!), alles was wir verlangen, ist Menschenwürde. Würde, ein Recht das angeblich jeder Mensch mit seiner Geburt erhält. Manchmal halte ich das aber für ein Gerücht. Wir kämpfen um Würde und bekommen einen Arschtritt. Aber das ist ja noch nicht alles!

Denn jetzt kommt der Punkt, der mich wirklich massiv stört.

Was verkauft uns eine Erfolgsgeschichte dieser Art denn eigentlich wirklich? Was vermittelt sie uns emotional? Was geschieht mit der Psyche, wenn man von Artikeln dieser Art bombardiert wird? Und das gilt nicht nur für Autisten, sondern auch für jeden anderen, der im nächsten Umfeld zu einem Autisten lebt, insbesondere dem Vormund! Ich kann natürlich nur beschreiben, was es mit mir macht. Es wird sicher andere geben, die anderer Meinung sind und das ist auch vollkommen okay. Aber ich bin auch mit Sicherheit nicht die einzige, die von diesen Artikeln massiv getroffen wird.

Ein wichtiger psychologischer Effekt ist, dass wir glauben, was wir immer wieder hören. Je öfter wir es hören, umso fester glauben wir daran. Oder in diesem Fall eben lesen. Selbst wenn wir wissen, dass das, was wir da immer und immer wieder lesen, falsch ist, glauben wir irgendwann daran. Dazu gibt es tausende psychologische Studien, dass ist empirisch bewiesen. Das dieser Effekt existiert, ist auch kein Geheimnis. Wenn ich nun immer wieder Erfolgsgeschichten lese, die keine sind und an deren Ende alles beschissen ausgeht, dann glaube ich das irgendwann. Irgendwann überschreite ich den Punkt, an dem ich die gelesenen Artikel zu meiner eigenen Realität mache. Und das was der Artikel sagt, indem er eine Geschichte des Scheiterns als Erfolgsgeschichte verkauft, ist eigentlich:

Das ist das Beste, was du schaffen kannst! Das ist das Maximum.

Das ist Erfolg! Deine Zukunft wird die Arbeitslosigkeit sein.

Und das brennt sich ein. Darauf folgt ein weiterer schöner psychologischer Effekt. Die self-fullfilling prophecy. Wer die Geschichte zu Troja kennt und ein bisschen mit dem Kassandra-Effekt vertraut ist, der wird schnell verstehen, was ich sagen will. Indem ich diese Geschichte zu meiner eigenen mache, weil ich sie immer und immer und immer wieder lese und irgendwann einfach daran glaube, bestimme ich mein Schicksal damit. Diese Artikel werden meine Realität. Denn ich handle nun so, dass sich die Zukunft so erfüllt, wie ich sie erwarte. Und was erwarte ich? Die Arbeitslosigkeit, genau. Wie soll ich also aus dem Loch heraus kommen? Wie soll ich selbstbewusst in eine Ausbildung gehen, wenn ich glaube, dass das alles sowieso nichts wird? Wie soll ich selbstbewusst in ein Bewerbungsgespräch gehen, wenn ich permanent Angst davor habe, wieder abgewiesen zu werden? Wenn ich damit rechne, abgewisen zu werden und dann auch abgewiesen werde, aktiviere ich mein Belohnungszentrum und dann wird alles verstärkt. Die Haltung brennt sich ein, mein Schicksal scheint nun fest zu stehen. Denn ich sehe ja, was die Erfolgsgeschichten meiner Leute sind. Wie viele Autisten sind auf dem ersten Arbeitsmarkt? 5%? 10%? Und wieso kenne ich niemanden? Wo sind diese Leute?

Ganz ehrlich, ich will nicht mehr. Ich will richtige Erfolgsgeschichten lesen, oder Geschichten des Scheiterns auch als solche deklariert sehen. Ich will keine Euphemismen mehr, die Scheiße schön reden und mich dann doch nur in die Arbeitslosigkeit drängen. Ich will raus aus dieser Hilflosigkeit und selbstständig sein. Immer und Überall. Ich möchte nicht länger eingeschüchteter Bittsteller sein, der auf Gnade hoffen muss. Ich will es nicht trotz meiner Behinderung schaffen, ich will es wegen meiner Behinderung schaffen, sie macht mich nämlich auch innovativ! Ich bin nicht minderwertig! Ich bin ein vollwertiges Mitglied der Gesellschaft, das wertvolle Arbeit zum Gemeinwohl beiträgt. Ich bin kein Kostenfaktor, ich bin ein Mensch mit Gefühlen und mit Stärken und Schwächen, so wie jeder andere verdammte Mensch auf diesem Planeten auch!

Wo sind die echten Erfolgsgeschichten? Wo sind die Geschichten über behinderte Menschen, die es wirklich geschafft haben? Die dem Kreislauf entkommen konnten? Die ein glückliches Leben führen und sich einrichten konnten? Wo sind diese Geschichten über diese Menschen, die einfach nur zufrieden ihrer Arbeit nachgehen, ein gutes Privatleben haben, so wie sie es sich wünschen und denen es finanziell gut geht? Menschen ohne Existenzängste? Die ihrer Qualifikation entsprechend arbeiten?

Und wenn dann doch mal eine Geschichte über einen solchen Menschen auftaucht, dann sehe ich, was all die anderen angeblichen Erfolgsgeschichten angerichtet haben. Ein glücklicher Autist ist unvorstellbar geworden und es hagelt Bedrohungen, die Diagnose wird aus Fernsicht, ohne persönlichen Kontakt, abgesprochen, es wird beschimpft und beleidigt und die Diskussion um die Modediagnose flammt wieder auf. Dann startet er wieder, der Kontest des Leidens und es wird wütend und polternd ausgelotet, wer der Gewinner sein soll. Alle überschlagen sich in ihren Leidensgeschichten.

Ich habe es so satt!

Vielleicht gehe ich endgültig aus allen Gruppen raus, ich will das nämlich nicht mehr glauben. Ich hab genug.

KlarNetAut

Auf die Idee, das Asperger-Syndrom (abgekürzt AS) zu haben, wäre ich vermutlich nie gekommen. Und das, obwohl ich ein Psychologie-Studium abgeschlossen habe. Mein Alter liegt übrigens zwischen 20 und 30 Jahren.

Vor gar nicht allzu langer Zeit habe ich zufällig einen Artikel über „weiblichen“ Autismus gelesen. Darin habe ich mich sofort wiedererkannt und hatte endlich die Erklärung dafür, warum ich mich mein ganzes Leben lang so anders als alle anderen gefühlt habe. Später sollte ich erfahren, dass Frauen mit Asperger häufig fehldiagnostiziert werden, oder überhaupt keine Autismus-Diagnose bekommen, weil wir uns im Alltag so gut tarnen können. Wir sind perfekte Schauspieler, die in der Außenwelt möglichst wenig Schaden nehmen möchten und es schaffen, ihre Besonderheiten in Wahrnehmung und Kommunikation zu verstecken. Ein weiterer Grund ist, dass sich die Diagnostikkriterien für das Asperger-Syndrom, das 1944 erstmals von Hans Asperger (http://de.wikipedia.org/wiki/Hans_Asperger) beschrieben wurde, an Männern orientieren. Über ein halbes Jahr nach der Selbsterkenntnis/-diagnose folgte die offizielle Diagnose, die in einer Spezialambulanz für Autismus gestellt wurde.

Während des Diagnostik-Prozesses wurde ich immer wieder damit konfrontiert, dass sowohl der Fachwelt, als auch Laien keine, zu wenige oder falsche Informationen über Autismus vorliegen. Dieser Blog soll zur Aufklärung über Autismus beitragen. Ich hoffe, dass Sie, lieber Leser, Folgendes werden sehen können: Dass auch wir, neben viel Herz und Hirn, Freude am Austausch haben und durchaus zur Selbstreflektion fähig sind. Ich hoffe, dass Sie den Blog mit Interesse lesen werden und auch verbreiten möchten, wenn auch Sie ein Stück weit zur Aufklärung über Autismus beitragen wollen.

Ihre KlarNetAut

Kontakt: klarnetaut@gmx.de