Warum man Menschen aus dem Autismus-Spektrum einstellen sollte

Arbeitgeber wissen nur selten viel über das Autismus-Spektrum (und das ist ihnen auch nicht zu verübeln, weil Autismus ein Nischenthema ist). Im besten Fall lesen sie sich Wissen an, bevor sie (wenn sich Bewerber schon geoutet haben) die Kandidaten zum Vorstellungsgespräch einladen. So ist es bei der Asperger-Autistin und Bloggerin Hobbithexe passiert und es hat, erfreulicherweise, zu einem Ausbildungsplatz geführt https://hobbithexe.wordpress.com/2016/06/10/der-bewerbungsprozess/.

Stärken von Menschen aus dem Autismus-Spektrum

Es heißt zwar „Kennst du einen Autisten, kennst du einen Autisten“, jedoch kann man folgende Stärken autistischer Menschen unter einem gemeinsamen Nenner zusammenfassen (siehe „Asperger – Leben in zwei Welten“ von Christine Preißmann (2012, S.68):

-Detailgenauigkeit

-Verlässlichkeit

-Innovatives Denken

-Gute fachliche Qualifikation

-Loyalität

-Sorgfalt

-Motivation und Interesse

-Verantwortungsbewusstsein

-Ausdauer

-Ordnungsliebe

-Wahrheitsliebe/Ehrlichkeit

-Gute Merkfähigkeit

Nach Rudy Simone („Asperger`s on the Job: Must-have advice for people with Asperger`s“ (2010, S.3)) haben Autisten eine höhere fluide Intelligenz (Lösen neuer Probleme unabhängig von erworbenem Wissen) als Nichtautisten und sind hoch intuitiv.

Viele autistische Menschen besitzen eine Begabung im visuellen Denken. Das vielleicht berühmteste Beispiel ist Temple Grandin, die Testläufe ihrer Projekte vor ihrem geistigen Auge durchführt, bevor sie gebaut werden.

Einige Unternehmen (Auticon, Microsoft, SAP), haben angefangen, autistische Stärken wie z.B. Mustererkennung für sich zu nutzen und Autisten im IT-Bereich einzustellen. Das ist eine sehr positive Entwicklung. Jedoch können unsere Stärken in ALLEN Bereichen eine Bereicherung für Unternehmen sein. Es gibt erfolgreiche, autistische Lehrer, Verkäufer, Maschinenbauer, Erzieher, Professoren, Musiker etc. und ihre Arbeitgeber wissen oft nichts von ihrem Autismus. Was eventuell auffällt ist vermutlich, dass sie „irgendwie anders“ sind. Denn Autismus ist oft unsichtbar.

„Mein Autismus“ aus Arbeitnehmersicht (vorweg: Ich bin noch arbeitssuchend)

Was für mich persönlich im beruflichen Kontext wichtig (oder einer der Hauptfaktoren) ist, ist die Atmosphäre. Eine feindselige Atmosphäre hindert mich am Denken und Handeln. Während meines letzten Jobs habe ich mich mit den Kollegen wunderbar verstanden und sie waren eine große Unterstützung für mich, weil ich mich immer an sie wenden konnte. Leider wurde die Arbeitsatmosphäre von Chefseite vergiftet. Regelmäßig verließen meine Ex-Kollegen, in Tränen aufgelöst, sein Büro. Das ist wahrlich keine schöne Umgebung, in der man sich gerne aufhält oder gar arbeitet.

Was merkt man mir persönlich im Berufsalltag an – welche Verhaltensweisen sind „komisch“?

Man merkt es mir nicht an. Ich habe Ahnung von meinem Fach und komme gut mit den Menschen gut zurecht, mit denen ich (als Psychologin) Kontakt habe. Sitzungen mit mehr als fünf Menschen (viele Reize)  im Raum sind insofern problematisch, dass ich wenig sage. Hilfreich wäre ein Plan mit „Tagesordnungspunkten“, so dass ich vorher schon weiß, worum es gehen wird. Vorbereitung ist das A und O. Wenn ich weiß, was ich tun muss, ist alles kein Problem.

Der Punkt Mittagspausen und Smalltalk: Smalltalk mit Kollegen, die ich nur flüchtig kenne, ist keine Entspannung für mich. Ich habe es gemacht, weil man es eben so macht und die anderen einen nicht komisch finden…deutlich entspannender ist dagegen das Schreiben (SMS etc.).

Problematisch sind viele Geräusche auf der Arbeit (das Problem hatte ich aber noch nie in einem Job).

Wenn ich im „normalen“ Alltag ansonsten desinteressiert oder arrogant wirke, ist genau das Gegenteil der Fall. Ich will nicht zu interessiert wirken oder aufdringlich sein und schütze mich so.

Aber auch hier gilt: Kennt man einen Autisten, kennt man eben nur einen. Andere autistische Menschen haben z.B. andere Schwierigkeiten, wie mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu fahren oder Probleme mit Gerüchen.

Ausblick

Wenn man den Begriff „Autismus“ hört (ohne sich näher damit auseinandergesetzt zu haben), denkt man sofort an „Defizite“. In den nächsten Jahren wäre eine Abkehr vom rein defizitorientierten Denken bezüglich des Autismus-Spektrums  sehr wünschenswert. Stattdessen sollte man überlegen, wie man die Fähigkeiten autistischer Menschen in allen Berufsbereichen realisieren und nutzen könnte. Das geht nur mit Neugierde, Information, Austausch zwischen Autisten und Nichtautisten (Arbeitgebern, potenziellen und tatsächlichen Arbeitnehmern) und einer offenen Kommunikation, was die jeweilige Seite braucht und wie es realisierbar wäre.

 

 

Über Reizüberflutung und übersteuerte visuelle Wahrnehmung

Das Thema Reizüberflutung steht wohl bei jedem Autisten sehr weit im Vordergrund und jeder hat auf seine Weise damit zu kämpfen.
Allerdings kann man auch hier nicht pauschal alle Autisten in eine Schublade stecken.
Je nach Lebenssituation und Persönlichkeit ist der Punkt, an dem die Reizüberflutung eintritt oder wie weit das Maß des Erträglichen geht, wohl bei jedem individuell verschieden gelagert.
Ich kann mir gut vorstellen, dass man als Autist auf dem Lande ein Leben führen kann, das halbwegs frei von Reizüberflutung ist. Und würde man so jemanden in eine Stadtwohnung stecken, würde derjenige dann wohl wahrscheinlich die nächste Zeit im Dauer- Overload verbringen.
Und im Gegensatz dazu wäre die Stille auf dem Land möglicherweise unerträglich laut für einen Stadt- Autisten, der dort von ganz neuen Reizen überflutet werden würde.
Als Stadt- Autist wird man im Laufe des Lebens gegen bestimmte Reize ziemlich abgehärtet und hat sich im Laufe der Jahre Strategien entwickelt, damit umzugehen.
Nehmen wir mal meine Wohnung- die liegt mitten in einer Stadt, direkt an der Kreuzung einer stark befahrenen Straße, außerdem in Nähe des Bahnhofs auf der Höhe, auf der die Züge abbremsen. Außerdem ist um die Ecke ein Krankenhaus, weshalb hier mehrmaliges Sirenengeheule am Tag völlig normal ist. Und als Dauer- Geruchskulisse gibt es Hopfengeruch aus der Brauerei gegenüber und eine Metzgerei im Nachbarhaus.
Ich denke mal, jeder Autist, der ländlich lebt, würde meine Wohnung dankend ablehnen. Wogegen Autisten in Städten oft in ähnlichen Verhältnissen leben und sich deshalb daran gewöhnt haben.
Hier oben in meiner Wohnung (natürlich bei geschlossenem Fenster) macht mir der Verkehrslärm, das Bremsgeräusch der Züge , die Sirenen und der Anblick der unendlichen Blechlawine, die an meinen Fenstern vorüberrollt, nicht viel aus. Wenn man Tag und Nacht von dieser Geräuschkulisse begleitet wird, nimmt man es irgendwann überhaupt nicht mehr so wahr.
Die Reizüberflutung fängt an, sobald ich das Haus verlasse und dabei ist es auch nicht unbedingt der Verkehr, mit dem ich draußen die größten Probleme habe, sondern es sind eher die ganzen Menschen, die da unkoordiniert kreuz und quer durcheinander laufen, Farben von grellen Kleidungsstücken, die einen förmlich anspringen, Gerüche von Parfüms, Jogger, die plötzlich wie aus dem nichts angeschossen kommen und dicht an einem vorbeirennen, die ganzen Gesprächsfetzen von Passanten und Teenagern, die überlaut in ihre Handys kreischen und die auch mit Ohrstöpseln nicht zu überhören sind. Und vor allem die ganzen Dinge, die da draußen rumliegen und nicht da hin gehören. Auf jedem Schritt fallen mir Dinge ins Auge, die weggeworfen wurden und nun irgendwo liegen, wo sie nicht hingehören. Und die „verfolgen“ mich dann Tag für Tag. Manchmal so sehr, dass ich keine Ruhe habe, bevor ich sie nicht aufgehoben und entsorgt habe. Ich zoome alles heran, was flattert, blitzt und blinkt und eigentlich nicht ins Bild gehört.
Manche Dinge können richtig Besitz von mir ergreifen. Zum Beispiel hatte letztes Jahr irgendjemand einen Buggy einfach auf dem Bürgersteig entsorgt und dieser Buggy stand dann ständig irgendwo anders in der Straße, bis jemand ihn dann schließlich entsorgt hat.
Dieser Buggy hatte ab dem ersten Tag einen Stammplatz in meinem Kopfkarussell und das Bild schoss mir wochenlang immer wieder vor Augen.
Ich weiß nicht, wie nichtautistische Menschen es schaffen, durch diese Kulisse zu laufen und all diese Dinge nicht wahrzunehmen. Diese Filtermechanismen der nichtautistischen Menschen stelle ich mir vor wie Scheuklappen. Eingebaute Scheuklappen.
Und dann frage ich mich, ob ich eingebaute Scheuklappen haben möchte. Und ob das ein Fluch oder ein Segen ist. Vielleicht würden Nicht- Autisten es überhaupt nicht ertragen können, alles mit gleicher Intensität wahrzunehmen und deshalb sind bei ihnen eben Scheuklappen eingebaut.
Meine Wahrnehmung hat auch durchaus schöne Seiten. Ich finde draußen sehr oft irgendwelche Dinge. Ich hab schon alles Mögliche bei meinen Spaziergängen gefunden- besondere Steine, Federn und sonstiges ausgefallenes Naturzeug,Ohrringe, Armbändchen, Geld, Handy usw.). Dinge, die nicht ins Bild gehören, stechen mir von weitem ins Auge während andere Menschen einfach daran vorbeilaufen und sie nicht sehen. Vielleicht sehen sie auch nicht den ganzen Müll, von dem wir umgeben sind.
Meine wichtigsten Filter draußen sind Sonnenbrille, Hut und Ohrenstöpsel. Ich führe draußen quasi ein Leben hinter der Sonnenbrille.

Mir ist sehr stark aufgefallen dass die Intensität, mit der die visuellen Reize auf mich einströmen in den letzten Jahren sehr viel heftiger geworden ist, als es früher der Fall war. Früher konnte ich zeitweise ohne Sonnenbrille draußen herumlaufen. Das ist heute für mich nicht mehr möglich. Ohne Sonnenbrille sehe ich alles so dermaßen überscharf und übersteuert, dass es weh tut und nach kürzester Zeit die Augen tränen.
Ich kann mich noch sehr gut an Zeiten erinnern, in denen die visuelle Übersteuerung noch nicht so massiv war.
Man könnte es jetzt so betrachten, als hätte sich dieses Symptom bei mir eben im Laufe der Jahre verstärkt.
Man kann es aber auch ganz anders sehen.
Sehr interessant finde ich hierzu die Forschungen des Biophysikers Dieter Broers und seiner Kollegen, die sich unter anderem intensiv mit den Auswirkungen der Erhöhung der Schumann- Frequenz auf das menschliche Bewusstsein und die Wahrnehmung beschäftigt.
Die Schumann – Frequenz ist sozusagen der Herzschlag der Erde und jeder Mensch funktioniert nur im Einklang mit dieser Schwingung (bei den frühen Weltraumflügen hatten die Astronauten körperliche und mentale Probleme, bis man entdeckte das ihnen die Schumann-Frequenz fehlte, heute wird diese mittels eines künstlichen schwingenden Magnetfeldes bei jeder Weltraummission den Astronauten mitgegeben). Während die Haupt – Schumann Frequenz noch in den 1970er Jahren bei etwa 7,83 Hz lag, treten heutzutage Frequenzstärken von über 14 Hz auf. Das menschliche Gehirn mit seinem Taktgeber EEG geht grundsätzlich in Resonanz zur Schumann-Frequenz. Da diese neue Grundfrequenz (neben der 7,83Hz) immer stärker und häufiger auftritt, verstärkt sich dadurch die neuronale Aktivität im Gehirn des Menschen. Dieser Zustand liegt deutlich im Bereich einer erhöhten Wachheit und Erregung, (am Schnittpunkt der Alpha/Beta EEG-Welle), innerhalb der schnelleren Beta-Wellen, also dem absoluten Wachzustand des Gehirns.
In den Untersuchungsreihen wurden Tests sowohl an Probanden aus dem Autismus- Spektrum als auch an Nicht- Autisten durchgeführt und es zeigte sich, dass Nicht- Autisten größere Probleme mit der veränderten neuronalen Aktivität des Gehirns hatten als Probanden aus der Autisten- Gruppe.

Klingt für mich schon irgendwie ziemlich logisch. Schließlich sind wir Autisten es ja bereits das ganze Leben lang gewöhnt, mit einer völlig übersteuerten Wahrnehmung zu leben und haben in harter Arbeit Strategien entwickelt, damit umzugehen, was für Nicht-Autisten ja eher Neuland ist. Vielleicht ist das auch mit ein Grund dafür, warum die Zahl der nichtautistischen Menschen, die psychisch zusammenbrechen, immer mehr ansteigt.
Vielleicht stellt sich ja eines Tages heraus, dass unsere besondere Wahrnehmung keine Behinderung, sondern ein Segen ist.
Warten wir es ab…

Behindert gefühlt

„Worüber reden die? Ich bin unglaublich dumm. Es kann einfach keinen anderen Grund geben, warum ich dem Geschehen überhaupt nicht folgen kann. Und warum verstehe ich nur Bahnhof (rw)? Die erwarten bestimmt, dass ich etwas sage. Aber die Kollegin, die neben mir sitzt, hat auch noch kaum etwas gesagt (aus den Augenwinkeln beobachte ich, dass sie vor Müdigkeit die Augen kaum mehr aufhalten kann). Also sieht es für mich noch ganz gut aus. Ich versuche, mir nichts anmerken zu lassen. Heimlich beobachte ich die Gesprächsrunde. Die Gedanken der Kollegen müssen sich in solchen Situationen, wenn man im Team bestimmte Fälle bespricht, so sehr von meinen Gedanken unterscheiden. Wenn sie wüssten, was gerade in meinem Kopf vorgeht, würden sie denken, ich bin geistig behindert. Ich fühle mich so unwohl, ich will weg von hier.“ Sie denken anders.

Letzteres habe ich auch immer in folgenden Vorlesungs-Situationen an der Uni gedacht: Irgendein Dozent hat den Studenten eine Frage gestellt. Er blickte jedoch in leere Gesichter und musste mit einem weiteren Infohäppchen herausrücken. Sofort schossen einige Hände in die Höhe. Diese Info hat bei diesen konform Denkenden offensichtlich gleichzeitig dazu geführt, dass es „Klick“ gemacht hatte. Das fand ich faszinierend. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass jemand anders auf eine ähnliche Art und Weise denken könnte wie ich. In den Vorlesungen hat es bei mir selten „Klick“ gemacht. Thematisch habe ich leider kaum etwas aus ihnen mitnehmen können. Außer in den seltenen Fällen, wo ich ein Thema wirklich spannend gefunden habe, was nur bei einem bestimmten Dozenten passierte. Dann hing ich gebannt an seinen Lippen. Was ich allerdings gut konnte, war, mich 2-3 Tage vor der Prüfung im Zimmer einzuschließen und den gesamten Vorlesungsstoff des Semesters in mein Gehirn zu prügeln. Ich war sehr ausdauernd. Die Angst, in der Prüfung zu versagen, hat mich angetrieben, so dass ich Tag und Nacht -unterbrochen durch ein paar Stunden Schlaf- lernen konnte.

Heute weiß ich, dass solche sozialen Situationen (oder generell Situationen mit vielen Außenreizen), wie z.B. eine Vorlesung, bei mir zu sensorischer Überlastung (Overloads) geführt haben. Wenn die Aufmerksamkeit automatisch auf Dinge, die andere unbewusst filtern, gelenkt wird, wie soll man sich da noch auf den Vorlesungsstoff konzentrieren können? Dabei müssen gar nicht erst an die 100 Studenten in einem Raum zusammengepfercht sein. Eine Diskussionsgruppe von acht Menschen ist genug, um mich aus der Fassung zu bringen und in meinem Kopf Leere (bis auf die in den Anfangszeilen geschilderten, verzweifelten Gedanken) entstehen zu lassen.

Viele Jahre dachte ich, ich wäre irgendwie behindert, könnte es aber so unglaublich gut tarnen, dass es über zwei Jahrzehnte keinem in meiner Umgebung aufgefallen war. Ich war der festen Überzeugung, dass irgendein Teil meines Gehirns fehlerhaft sein oder -noch schlimmer- fehlen müsste. So hatte ich mir alles erklärt. Wie erleichternd es war zu erfahren, dass dieses Phänomen eine sensorische Verarbeitungsstörung im Rahmen des Autismus darstellt, kann sich vermutlich kaum jemand vorstellen.

Reizüberflutete Frau Anders Teil V (vestibulär/propriozeptiv)

Nun kommen wir zu den weniger bekannten Sinnessystemen, mit denen einige Autisten anscheinend auch große Schwierigkeiten haben. Ich versuchs mal zu erklären. Die vestibuläre Wahnehmung betrifft vor allem das Gespür für Gleichgewichtsreize, Lage des Körpers im Raum zB. bei Bewegungen und ist wichtig, um den Körper darauf passend auszurichten. Funktioniert dieser Sinn nicht so gut, wirken Bewegungen oft tappsig und tollpatschig. Viele Dinge wie laufen, radfahren und so können nur mit hohem Aufwand erlernt werden weil der Körper einfach nicht gut genug spürt wie er sich grade im Raum befindet um schnell darauf mit der passenden Gleichgewichtsreaktion oder abgestimmt geschmeidigen Muskelaktion reagieren zu können. Dieses Sinnessystem kann normal funktionieren oder über- als auch untersensibel sein.

Meines ist eher übersensibel, läßt also alle Reize in Massen auf mich los. Oft überfordert mich das sehr. Das zeigt sich darin daß mir überaus schnell schwindelig wird, sobald mein Körper sich bewegt. Mir wird beim Autofahren schlecht, ich bin absolut nicht seetauglich, und eine einzige Drehung um meine eigene Achse reicht aus damit mir kotzspeiübel wird. Ich habe vermutlich auch wegen der Stärken in diesem Sinnessystem sehr früh laufen und radfahren gelernt, allerdings führt es auch dazu daß Bewegungen oft unangenehm sind und eher vermieden werden. Wer nun im Umkehrschluß zu einer vestibulären Untersensibilität denkt, ich bin ein elegantes, sportliches, sich wohlbewegendes Wesen der irrt absolut. Das wäre ich vielleicht sogar der Fall, wäre da nicht noch das propriozeptive System was bei mir sogut wie überhaupt nicht zu funktionieren scheint. Das propriozeptive System erkennt zB. die Stellung von Muskeln, Sehen und Gelenken zueinander und schickt Infos zum Gehirn wie es zu reagieren hat. (das ist das System was euch, wenn ihr mit geschlossenen Augen einen Arm hochstreckt daß der Arm oben ist) Es macht zum großen Teil mit dem verstibulären System das aus was man oft Körpergefühl nennt. Bei mir versagt dieses System völlig. Was ich in manchen Sinnesbereichen zuviel habe, fehlt mir dort massiv. Ich spüre mich innerlich einfach total schlecht. Ich bin daher in der Außenwirkung ein grobmotorisches Trampeltier, das nicht in der Lage ist elegant zu gehen, zu tanzen oder mich sonstwie zu bewegen. Ich stoße mich oft, mir fallen Dinge herunter und manchmal falle auch ich. Ich habe mein Leben lang versucht dies zu trainieren und bin kläglich gescheitert. Ich wäre so gerne eine elegant und schön tänzelnde Elfe und bin schwer neidisch auf Menschen die sich toll bewegen können. Zumal einige meiner liebsten Hobbys wie zB. das Firepoispielen in der Öffentlichkeit echt nicht gut ankommen, wenn man sich nicht gut bewegen kann und ich mich daher nicht nach draußen damit traue. Naja, vielleicht gibts ja irgendwann mal was elefantastisches zum darstellen, wo man Leute wie mich braucht

Reizüberflutete Frau Anders Teil IV (taktil)

Im Gegensatz zu den meisten Autisten hab ich in dem taktilen Wahrnehmungsbereich, also dem des Fühlens die wenigsten Probleme. Ich kenne das Phänomen der gehassten kratzigen Pullover in der Kindheit zwar auch, aber es war nie so massiv störend wie manch andere Dinge. Heute achte ich dennoch auf angenehme Stoffe und bequeme Kleidung, weil ich jegliche Störungen in irgendeinem Wahrnehmungsbereich vermeiden möchte. Drückendes Schuhwerk, geschweige denn das laufen auf High Heels bei schmerzenden Füßen ist ein no go für mich. Ich mag auch spontane und ungeplante Berührungen von anderen nicht, Händeschütteln ist mir ein Graus und am allerschlimmsten ist ein wohlwollendes Schultergetätschel oder anstupsen. Dennoch mag ich Berührungen von Menschen die mir nahestehen und die mich berühren dürfen sehr gerne. Das darf durchaus nicht jeder, und ohne diese Erlaubnis empfinde ich Berührungen eher als ekelig. Aber ich mag Berührungen. Nein, ich genieße sie sogar extremst. Ich könnte mich den ganzen Tag beknuddeln und bekuscheln lassen. Hier mal in der Armbeuge krabbeln, da mal den Rücken krabbeln, stundenlang den Kopf kraulen…dann fühle ich mich wohl, geliebt und angenommen.

Was das Schmerzempfinden angeht, bin ich mir nicht so ganz sicher und ich bin grade dabei für mich herauszufinden wie ich da ticke. Mal bin ich überempfindlich, mal gar nicht. Noch verstehe ich es nicht. Oberflächlich, also auf taktiler Ebene bin ich manchmal extremst sensibel und kann an einem kleinen Buchseitenschnitt im Finger förmlich sterben. Dagegen kann man mir aber andererseits ohne Probleme Spritzen geben und ich habe mir als Kind immer Nadeln völlig schmerzfrei durch die Haut gezogen. In der Tiefenwahrnehmung bin ich eher untersensibel. Da brauchts schon viel input damit ich überhaupt was spüre.

Reizüberflutete Frau Anders Teil III (gustatorisch/olfaktorisch)

Ja, auch mein Geschmacks- und Geruchssinn funktionieren offensichtlich nicht normal.

Geschmacklich wird mir manches echt schnell zuviel. Vor allem diese von vielen so sehr geliebten deftig gewürzten Speisen sind mir oft zu heftig und ich kann sie dann nur schwer essen. Ich sage immer: „selbst minimal Pfeffer irgendwo dran ist mir schon zu scharf“. Ich glaube ich wäre im Altenheim mit ungewürzter Schonkost echt total glücklich. Leider gibt es oft Menschen die einem ein Chili unterjubeln wollen mit den Worten es wäre diesmal doch wirklich nicht scharf. Nein Leute, mir ist das sogar ganz ohne Chili drin sicher schon zu scharf. Es verätzt meine Zunge und ich schmecke vom ganzen Gericht einfach gar nichts mehr. Ich verstehe nicht, was daran toll sein soll. Geschmacksverstärker und ähnliches ist auch zuviel für mich. Ich hab lieber den echten und puren Geschmack von Lebensmitteln, vielleicht noch ein paar schöne Kräuter dazu und dann reicht das. Da ich die Köchin im Hause bin, leiden meine bekochten Personen oft sehr darunter, weil denen immer alles zu fade ist was ich mache. Da ich das aber weiß, schmeiß ich einfach für die anderen extra viel Salz, Pfeffer und Gewürzkram rein. Im Restaurant esse ich oft Gerichte, wo man nicht viel überwürzen kann zB. Steak mit 0815 Salat. Da kann man den Pfeffer einfach abkratzen oder abbestellen und gut ist.

Mein Geruchssinn ist jetzt nicht überdimensional fein, da kenne ich Menschen die noch krasser sensibel sind als ich, aber auch da bin ich schon irgendwie übersensibel. Das ist übrigens seit ich die Pille nicht mehr nehme schon intensiver und seit meiner Schwangerschaft wirklich extrem viel stärker geworden. Das fasziniert mich zum Teil heute noch, weil ich auch noch weiß wie es vorher war. Ich kann seitdem zB. riechen wo Menschen (also die unparfümierten) langgegangen sind, das war vorher nicht so. Ich denke mir oft, so muß sich echt ein Hund fühlen der einer Geruchsspur folgt. Ich kann von allen Menschen zB. auf einer Konferenz zuordnen wer vor mir auf dem Klo saß und rieche im Freundeskreis wer wen vorher umarmt hat. Generell rieche ich Menschen sehr stark. Lediglich mir sehr nahestehende Menschen rieche ich irgendwann plötzlich nicht mehr. Keine Ahnung, warum das so ist. Die werden anscheinend geruchlich eingemeindet in eine Art Familiengeruch, den ich selber nicht mehr wahrnehmen kann. Mich selber rieche ich ja auch nicht. Ansonsten rieche ich sehr zur Freude meiner eher schlecht riechenden Familie alle Veränderungen an Lebensmitteln bereits 5 Tage vor dem schlechtwerden eines Lebensmittels. Das macht mich zum förmlich zum Familienspürhund. Ich kann 5 Räume entfernt riechen welche Marmelade jemand in der Küche öffnet oder ob eine Herdplatte angeschaltet ist. Ich hasse Parfüm jeglicher Art. Parfümerien in Einkaufsstraßen sind meine persönliche Geruchsfolterzone. Ich verstehe nicht, wie sich Menschen absichtlich so Zeugs draufsprühen können oder fröhlich stark riechende Weichspüler, Klodüfte oder Duftkerzen benutzen ohne davon Kopfweh zu bekommen. Wobei, früher als mein Geruchssinn noch abgestumpfter war, habe ich all das auch benutzt. Heute mache ich mein geruchsloses Waschpulver einfach selber, nutze kein Parfüm und meide alles mit künstlichen Gerüchen. Ein Strauß stark duftender Blumen hingegen stört mich gar nicht und an angenehm riechenden Menschen könnte ich den ganzen Tag schnuppern.

Reizüberflutete Frau Anders Teil II (auditiv)

Ja, auch meine Ohren (bzw. das was ich als Hörreiz wahrnehme) funktionieren genauso wie meine Augen und bereiten mir im Alltag Probleme.

(Nachzulesen hier: https://klarnetaut.wordpress.com/2015/02/28/reizuberflutete-frau-anders-teil-i-visuell/)

Ich höre alles gleich laut und gleich präsent und kann mich nur schwer auf einen einzigen Reiz konzentrieren. Ich war mir lange nicht bewußt daß das nicht normal ist was ich alles gleichzeitig hören kann. Ich dachte lange Zeit, ich wäre einfach nur schwerhörig oder so. Dabei ist eher das Gegenteil der Fall. Ich kann ganz toll hören und kann sogar Frequenzen wahrnehmen die den meisten Menschen verschlossen bleiben (kennt ihr die Ortungsgeräusche von Fledermäusen?). Ich frage öfter Menschen was sie in einer oftmals eher ruhigen Situation alles hören können. Da kommen meist 1-3 Sachen. Ich hingegen schaffe es selbst in vermeintlich ruhigen Situationen locker bis zu 50 Dinge aufzuzählen die recht präsent sind. Darunter auch so Dinge wie atmen, Herzschlag, tickende Armbanduhren, das Geräusch meiner Spucke im Mund, das Geräusch von sich bewegenden Fingern, das rascheln meiner Haare und Klamotten, Vogelgezwitscher, Lampen (ja, ich kann Lampen und manchmal auch Steckdosen hören) uns, und, und

Stellt euch jetzt mal vor, wie sich das anfühlen würde wenn jedes dieser Geräusche gleich laut und permanent auf euch einprasseln würde (gibts da nicht auch irgendwo Videos oder Tonaufnahmen die das mal verdeutlichen? Über einen Tip wäre ich dankbar) und dann stellt euch mal vor wie sich das potenziert wenn ich zB. einfach nur in einer Kneipe sitze oder unter mehreren Menschen bin. Könntet ihr dann immer noch einem ernsthaften Gespräch des Gegenübers der in dem Fall nicht lauter ist als das ticken meiner Armbanduhr und dem aller Gespräche im Raum ist folgen?  Ich kann es oft nicht. Einige Zeit schaffe ich es vielleicht mit gaaaaaanz viel Konzentration, aber relativ schnell ist die dann aufgebraucht. Oft kommen ja auch noch andere Reizüberflutungen der anderen Sinneskanäle dazu und ich brauche dann ganz dringend Ruhe um nicht durchzudrehen. Früher bin ich dann vor der Tür eine rauchen gegangen, heute flüchte ich aufs Klo und halte mir dort ne ganze Weile einfach nur die Ohren zu um kurz aufzutanken. In der Außenwirkung bin ich daher ein eher schlechter Zuhörer oder ich bekomme wichtige gesprochene Informationen oft nicht richtig mit (das ist auch eine Figur Grund Wahnehmungsstörung im auditiven Bereich). Am schlimmsten ist es, wenn mehrere Menschen anwesend sind, das Radio nebenbei dudelt oder wenn man mich nicht direkt anguckt beim reden. Es reicht schon wenn mein Mann mir im rausgehen etwas zuruft was ich unbedingt noch tun soll und ich aus Gewohnheit schon jaja rufe (hey, ich hab dann wenigstens schon mal gehört daß da ein akustischer Reiz war, das ist eigentlich schon lobenswert) aber keinen Schimmer habe was er gesagt haben könnte. Oft verstehe ich auch nur den Wortanfang und erfasse erst nach reichlichem Überlegen und Kontextabwägen was gesagt sein könnte und tue dann das richtige. Ich glaube mein am häuftigsten verwendetes Wort im Leben  ist „häh?“. Das wird manchmal nicht ernstgenommen von mir nahestehenden Menschen, weil ich viel zu oft häh sage….dann ganz intensiv nachdenke und es dann doch verstanden habe weil ich mir das Wort innerlich erarbeitet habe. Also denken alle ich sage einfach nur so häh, obwohl ich es ja wohl doch verstanden hätte. Das führt oft zu Mißstimmungen. Stimmt aber nicht. In dem Moment habe ich meist aufgrund anderer Geräusche im Raum wirklich überhaupt nicht verstanden was gesagt wurde, nur meist denke ich mir schneller eine Bedeutung zusammen als andere den Satz wiederholen können. Ich gewöhne mir grade an, konkreter zu sagen daß ich etwas nicht verstanden habe ob massiver Störgeräusche und daß man mit mir wichtige Dinge lieber besprechen soll, wenn man im selben Raum ist und mich anguckt. Dann kommt es auch an.

Da alles gleich intensiv ist, habe ich auch Schwierigkeiten mit dem räumlichen hören. Wenn das Handy klingelt kann ich es stundenlang suchen ohne nur ansatzweise herausfinden zu können in welchem Raum ich es eigentlich höre. Das wirkt auf andere immer etwas tollpatschig und unbeholfen, was nicht grade immer angenehm ist für mich.

Ich hasse es mit Geräuschen förmlich belästigt zu werden wenn ich zB. einfach nur einkaufen gehen will oder im Bus sitze. Ich höre jedes klappern, rascheln, jedes Gespräch, das Gedudel aus jedem Laden und oft denke ich mir „ich will euren akustischen Müll nicht haben“.  Für mich ist es wie eine Überschüttung mit Müll, der nichtmal mein eigener ist. Leider kann ich es nicht abstellen, daß es mich so sehr überfordert und nervt. Ohrstöpsel helfen manchmal, aber sehr zu meinem Leidwesen verstärken sie auch meine inneren Körpergeräusche was mich ebenfalls schier wahnsinnig machen kann. Am besten helfen mir im Alltag meine Kopfhörer mit mir angenehmer Musik laut auf den Ohren. Die überdeckt dann alles andere und es ist eine erholsame Wohltat nur noch eine handvoll Geräusche zu hören. Lautstärke ist mir dabei zum Glück relativ egal. Daher mag ich auch laute Konzerte oder so sehr gerne. Ebenso toll sind einsame leise Gegenden. Ich kann mich super erholen wenn ich nicht mehr als 10 Geräusche gleichzeitig zu verarbeiten habe. Das gilt übrigens für alle Sinnessysteme.