Über kongenitale Prosopagnosie- oder „Wer bist´n du, ey?“

Die kongenitale (angeborene) Prosopagnosie ist ein spannendes Thema in der Hirnforschung, das in den kommenden Jahren mit Sicherheit noch mehr und mehr ins Gespräch kommen wird, da erst seit relativ kurzer Zeit (ca. 2004) überhaupt etwas über diese Variante bekannt ist.

Bis dahin war nur die Variante der erworbenen Prosopagnosie bekannt, maßgeblich erforscht durch den deutschen Neurologen Joachim Bodamer,der 1947 ausführlich die Symptome von drei Patienten beschrieb, die nach einer Hirnverletzung ihre Angehörigen nicht mehr am Gesicht erkennen konnten. Joachim Bodamer nannte dieses Phänomen „Prosopagnosie“.

Unter Prosopagnosie (PA) versteht man die Unfähigkeit, Menschen alleine anhand des Gesichts zu erkennen. Der Begriff leitet sich aus den griechischen Wörten Prosopon = Gesicht- und Agnosia = Unfähigkeit des Erkennens ab und wird irreführenderweise auch oft als „Gesichtsblindheit“ bezeichnet.

Allgemein bekannt wurde das Thema Prosopagnosie durch das Buch von Oliver Sacks: „Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte“, in dem er schildert, wie z.B.ein Patient nach Hirnschädigung einen Hut an der Garderobe für das Gesicht seiner Frau hält und ein anderer fürsorglich Parkuhren tätschelt, weil er sie für Kinder hält und all solche Sachen.

Hier mag ja von mir aus noch der Ausdruck „Gesichtsblindheit“ einigermaßen Sinn machen.

Bei der kongenitalen (also der angeborenen) Prosopagnosie passt „Gesichtsblindheit“ meiner Meinung nach überhaupt nicht- denn man sieht ja sehr wohl Auge, Auge, Nase, Mund und so- also ist man auch nicht „gesichtsblind“.
Es ist etwas ganz anderes.
Ich kann zum Beispiel stundenlang im Wartezimmer oder sonstwo jemandem gegenüber sitzen und hab sofort wieder vergessen, wie derjenige aussieht, wenn er nicht grad auffällig ist wie Nina Hagen oder ne ausgefallen Fliege trägt, ne merkwürdige Haltung hat oder Augenbrauen wie Theo Waigel oder sonst irgendwas in der Art.
Ganz normale Leute sehen für mich alle irgendwie gleich aus und die Gesichter hinterlassen keinen bleibenden Eindruck in meinem Gehirn.

Wenn ich so jemanden nach 5 Minuten wieder über den Weg laufe, dann weiß ich meistens schon nicht mehr, dass ich ihn kurz zuvor schon mal gesehen habe.
Auf die Idee, dass ich Prosopagnostiker sein könnte, kam ich allerdings erst vor zwei Jahren, als ich in der Stadt unterwegs war, und aus dem Getümmel eine junge Frau auf mich zu kam, kurz vor mir stehen blieb, und dann kopfschüttelnd weiterging.
Erst als die junge Frau bereits wieder in der Menschenmenge verschwand, wurde mir allmählich klar, dass es meine eigene Tochter war.
Kein besonders tolles Gefühl, wenn man sein eigenes Kind in der Stadt nicht erkennt.
Genau so geht es mir auch bei anderen Personen, mit denen ich regelmäßig zu tun habe und die mir eigentlich gut bekannt sind.
Nehmen wir mal zum Beispiel die Helferinnen meines Arztes, die ich regelmäßig sehe oder die Verkäuferinnen im Laden um die Ecke, mit denen ich auch seit Jahren immer wieder zu tun habe…
Solange ich solche Menschen da antreffe, wo ich sie einordnen kann (sprich: an ihrer Arbeit) , habe ich nicht das geringste Problem. Ich weiß, wer wer ist, kenn die meisten auch beim Namen. Alles wunderbar.
Treffe ich so jemanden dann allerdings mal in der Stadt, ist es aber ganz schnell vorbei mit wunderbar, die Wiedererkennung funktioniert offenbar nur an Orten, wo ich weiß, dass ich diesen Menschen begegne.
Und dann kann es schon mal ganz schnell passieren, dass ich als unfreundlich oder arrogant empfunden werde, weil der andere vielleicht freudenstrahlend grüßt und ich selber nur ein großes Fragezeichen als Gesichtsausdruck habe…oder schlimmstenfalls überhaupt nicht reagiere, weil ich mich gar nicht angesprochen fühle und denke, der oder die meint wohl jemand anderes..

Und damit bin ich absolut kein Einzelfall! Da draußen laufen jede Menge Menschen rum, denen es genau so geht.
Ging man in 2004 noch von wenigen einzelnen Fällen der angeborenen Prosopagnosie aus, so weiß man seit 2012, dass mindestens 2% der Bevölkerung von angeborener Prospopagnosie betroffen sind.

Das ist zu einem großen Teil dem Forscherehepaar Martina und Thomas Grüter, Wissenschaftler am Institut für Humangenetik in Münster, zu verdanken, die sich über ein ganzes Jahrzehnt intensivst mit angeborener Prosopagnosie beschäftigt haben, unter anderem auch aus persönlichen Gründen, denn Dr.Thomas Grüter ist selbst auch von der angeborenen Prosopagnosie betroffen.
Er bezeichnet die angeborene Prosopagnosie als eine Teilleistungsschwäche des Gehirns, vergleichbar mit einer Schreib-Lese-Schwäche. Dr. Thomas Grüter hat in seinen Untersuchungen festgestellt, dass Menschen aus dem Autismus Spektrum öfter von kongenitaler Prosopagnosie betroffen sind als nichtautistische Menschen. Worin der Zusammenhang zwischen Autismus / AS und Prosopagnosie besteht ist jedoch nicht klar.
Die meisten Menschen mit angeborener Prosopagnosie fühlen sich jedoch dadurch nicht besonders stark beeinträchtigt, viele wissen noch nicht einmal, dass sie Prosopagnostiker sind, weil jeder, der sich schlecht oder gar nicht Gesichter merken kann, sich im Laufe des Lebens ganz von selbst Strategien aneignet, wie er Menschen wiedererkennt.
Wenn ich mit einer Person öfters zu tun habe, von der ich von vorneherein weiß, dass ich mir das Gesicht nicht merken kann, suche ich nach anderen Merkmalen.
Irgend etwas, das ich mir merken kann, finde ich eigentlich fast immer. Sei es an der Haltung,an der Stimme, am Gang ,an der Frisur, an den Händen, an den Zähnen,an der Form der Ohren, dem Augenabstand oder sonst irgendwas.

Bei wichtigen Leuten, die ich jedoch nur von Zeit zu Zeit zu irgendwelchen Terminen sehe,notiere ich mir meistens zur Telefonnummer noch Haarfarbe und was mir an Merkmalen aufgefallen ist. So kann ich dann vor dem nächsten Termin noch mal nachlesen, worauf ich achten muss, wenn ich die Person erkennen will. Das funktioniert eigentlich ganz gut.

Prosopagnosie kann man nicht behandeln. Die Unfähigkeit, Gesichter zu erkennen, bleibt ein Leben lang bestehen.

Warum guckst du so böse?

Ich glaube, eine der Fragen, die ich bisher in meinem Leben am Meisten bezüglich meiner Mimik gehört habe sobald ich in Interaktion mit anderen Menschen trete ist: „Warum guckst du so böse?“ Zur Familie dieser Frage gehören noch weiterhin Sätze wie- „Hab ich dir was getan?!“ „Bist du sauer?“ „Hast du irgendwas?!“ „Lach doch mal!“ -und Ähnliches. Jeder, der nur über eine reduzierte Mimik verfügt, kennt so etwas wahrscheinlich auch aus eigener Erfahrung. Nein- ich habe nichts. Ich bin weder böse, noch sauer oder sonst irgendwas. Ich gucke ganz einfach so. Das ist quasi „mein Gesicht“. Eigentlich bin ich höflich und habe gute Umgangsformen. Ich sage „Bitte“ und „Danke“, „Guten Appetit“ und „Gesundheit“ , halte für andere Leute mit die Türe auf und trage auch gerne mal den Omis aus der Nachbarschaft die Tasche nach Hause. Aber in der Interaktion mit Menschen passiert es mir auch sehr oft, dass ich aufgrund meines Gesichtsausdrucks für böse, arrogant, abweisend, überheblich, desinteressiert oder sonst irgendwas gehalten werde. Gut- ich gebe zu, ich bin nicht gerade ein Hedonist, der freudenstrahlend durchs Leben läuft und ständig jedermann mit guter Laune überschüttet, aber selbst dann, wenn ich innerlich völlig ausgeglichen bin und in Gedanken über meine mentale Blumenwiese hüpfe, wird diese Meldung offenbar nicht an meine Gesichtsmuskulatur weitergegeben und so kommt es immer wieder dazu, dass mein Gesichtsausdruck von meinen Mitmenschen vollkommen verkehrt eingeordnet wird. Meine Worte und Taten reichen in solchen Momenten offenbar für meine neurotypischen Mitmenschen als Nachweis für einen zufriedenen Gefühlszustand nicht aus- es fehlt wohl als wichtige Information das passende Gesicht. Ich für meinen Teil wäre echt froh, wenn die Menschen ein paar weniger Gesichtsausdrücke hätten. Das Deuten von Gesichtsausdrücken und Blicken ist für mich- wie für viele andere Autisten auch- ein Buch mit sieben Siegeln. Gut- ein paar besonders wichtige Gesichtsausdrücke und Blicke habe ich im Laufe der Jahre zu deuten gelernt. Zu erkennen, ob jemand sich freut, ist relativ einfach und ob jemand traurig ist oder Schmerzen hat auch. Ebenso Angst und ob jemand angestrengt nachdenkt (denn dann ist er meistens still). Vielleicht hab ich jetzt gerade noch einen oder zwei von den existenziellen Gesichtsausdrücken vergessen. Aber das war´s aber dann auch so ziemlich. Wenn es um irgendwelche Feinheiten im Blick geht, bin ich ziemlich schnell aus dem Rennen. Ob jemand nun neckisch, irritiert, gelangweilt oder sonst wie guckt, kann ich höchstens raten. So war bei mir auch der Augenpartietest jedes Mal eine absolute Katastrophe. Ab dem 3. oder 4. Bild konnte ich mich zwischen den ganzen Möglichkeiten überhaupt nicht mehr entscheiden, irgendwann sah alles gleich bekloppt aus, ich wusste gar nichts mehr und hab nur noch A genommen. Für mich funktioniert Kommunikation am besten mit klaren Ansagen. Dann weiß ich, worum es geht. Und möglichst ohne irgendwelches verwirrendes Drumherum wie Blicke, Mimiken und Bewegungen, die man noch deuten soll um zu verstehen, worum es geht. Das macht die Interaktion und Kommunikation mit den meisten Mitmenschen unheimlich kompliziert für mich. Ich denke, wenn einfach mehr Klartext gesprochen würde, gäbe es viel weniger Missverständnisse unter den Menschen . Und das wäre echt eine Erleichterung für all die Menschen, die es mit dem Deuten von Blicken und Erfassen von zwischen den Zeilen Gesprochenem nicht so drauf haben. Darauf braucht man aber vermutlich nicht hoffen, weil da draußen die neurotypischen Menschen ganz klar in der Überzahl sind, die diese verwirrende Art der Kommunikation beherrschen und für das Normalste der Welt halten. Und deshalb wie selbstverständlich davon ausgehen, dass alle anderen das auch tun. Am besten finde ich Schreiben. Wenn ich etwas lese, dann habe ich die größten Chancen, es auch richtig zu verstehen. Und kann so lange darüber nachdenken, wie ich will, bevor ich mich äußere. Aber im Alltag kommt man halt auch immer wieder zu persönlichem Kontakt mit Menschen und da ist man halt ganz klar im Nachteil, wenn man die „Sprache jenseits der Sprache“, die von den meisten anderen benutzt wird, nicht versteht und deshalb auch nicht benutzen kann. Ich habe immer wieder im Leben die Erfahrung gemacht, dass es bei der neurotypischen Welt als barsch, hart oder unfreundlich ankommt, wenn man diese Sprache und die ganzen Blicke und Mimiken nicht beherrscht, sondern einfach sagt, was man meint- ohne irgendein spezielles Gesicht dazu zu machen. Ich hatte zum Beispiel an der Arbeit (Altenpflege) das undankbare Amt der Hygienebeauftragten des Wohnbereichs. Und wir bekamen eine Praktikantin, die unter den Armen stank. In den kommenden Tagen kamen nach und nach alle möglichen Kollegen inklusive Stationsleitung auf mich zu und nervten, dass ich etwas unternehmen soll, weil ich ja Hygienebeauftrage war. Und jeder betonte, dass die Frau unter den Armen stank. Also bin ich zu der Frau gegangen, hab ihr Duschzeug, Deo, frische Arbeitsklamotten und meinen Schlüssel zum Umkleide- und Duschraum gegeben und hab gesagt:“ Hör mal zu, du stinkst unter den Armen. Geh dich mal bitte duschen!“ Ich dachte, das wäre der Auftrag gewesen. Am Ende vom Dienst musste ich zu einem „Gespräch“ zur Pflegedienstleitung, weil man „so was nicht sagen darf“ und „das anders verpacken muss“. Sowas habe ich einfach nicht drauf. Irgendwie sind das Diplomaten- Gen, das „nette Gesicht“ und die geheime Sprache, in der man Dinge sagt, ohne sie beim Namen zu nennen bei mir nicht angelegt. Das macht die Kommunikation und Interaktion mit anderen oft sehr schwer und sorgt immer wieder für Mißverständnisse und Probleme im Umgang mit den Mitmenschen. Wir bedienen uns der gleichen Worte- aber wir sprechen nicht wirklich die gleiche Sprache. Also- es bleibt schwierig …