Über kongenitale Prosopagnosie- oder „Wer bist´n du, ey?“

Die kongenitale (angeborene) Prosopagnosie ist ein spannendes Thema in der Hirnforschung, das in den kommenden Jahren mit Sicherheit noch mehr und mehr ins Gespräch kommen wird, da erst seit relativ kurzer Zeit (ca. 2004) überhaupt etwas über diese Variante bekannt ist.

Bis dahin war nur die Variante der erworbenen Prosopagnosie bekannt, maßgeblich erforscht durch den deutschen Neurologen Joachim Bodamer,der 1947 ausführlich die Symptome von drei Patienten beschrieb, die nach einer Hirnverletzung ihre Angehörigen nicht mehr am Gesicht erkennen konnten. Joachim Bodamer nannte dieses Phänomen „Prosopagnosie“.

Unter Prosopagnosie (PA) versteht man die Unfähigkeit, Menschen alleine anhand des Gesichts zu erkennen. Der Begriff leitet sich aus den griechischen Wörten Prosopon = Gesicht- und Agnosia = Unfähigkeit des Erkennens ab und wird irreführenderweise auch oft als „Gesichtsblindheit“ bezeichnet.

Allgemein bekannt wurde das Thema Prosopagnosie durch das Buch von Oliver Sacks: „Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte“, in dem er schildert, wie z.B.ein Patient nach Hirnschädigung einen Hut an der Garderobe für das Gesicht seiner Frau hält und ein anderer fürsorglich Parkuhren tätschelt, weil er sie für Kinder hält und all solche Sachen.

Hier mag ja von mir aus noch der Ausdruck „Gesichtsblindheit“ einigermaßen Sinn machen.

Bei der kongenitalen (also der angeborenen) Prosopagnosie passt „Gesichtsblindheit“ meiner Meinung nach überhaupt nicht- denn man sieht ja sehr wohl Auge, Auge, Nase, Mund und so- also ist man auch nicht „gesichtsblind“.
Es ist etwas ganz anderes.
Ich kann zum Beispiel stundenlang im Wartezimmer oder sonstwo jemandem gegenüber sitzen und hab sofort wieder vergessen, wie derjenige aussieht, wenn er nicht grad auffällig ist wie Nina Hagen oder ne ausgefallen Fliege trägt, ne merkwürdige Haltung hat oder Augenbrauen wie Theo Waigel oder sonst irgendwas in der Art.
Ganz normale Leute sehen für mich alle irgendwie gleich aus und die Gesichter hinterlassen keinen bleibenden Eindruck in meinem Gehirn.

Wenn ich so jemanden nach 5 Minuten wieder über den Weg laufe, dann weiß ich meistens schon nicht mehr, dass ich ihn kurz zuvor schon mal gesehen habe.
Auf die Idee, dass ich Prosopagnostiker sein könnte, kam ich allerdings erst vor zwei Jahren, als ich in der Stadt unterwegs war, und aus dem Getümmel eine junge Frau auf mich zu kam, kurz vor mir stehen blieb, und dann kopfschüttelnd weiterging.
Erst als die junge Frau bereits wieder in der Menschenmenge verschwand, wurde mir allmählich klar, dass es meine eigene Tochter war.
Kein besonders tolles Gefühl, wenn man sein eigenes Kind in der Stadt nicht erkennt.
Genau so geht es mir auch bei anderen Personen, mit denen ich regelmäßig zu tun habe und die mir eigentlich gut bekannt sind.
Nehmen wir mal zum Beispiel die Helferinnen meines Arztes, die ich regelmäßig sehe oder die Verkäuferinnen im Laden um die Ecke, mit denen ich auch seit Jahren immer wieder zu tun habe…
Solange ich solche Menschen da antreffe, wo ich sie einordnen kann (sprich: an ihrer Arbeit) , habe ich nicht das geringste Problem. Ich weiß, wer wer ist, kenn die meisten auch beim Namen. Alles wunderbar.
Treffe ich so jemanden dann allerdings mal in der Stadt, ist es aber ganz schnell vorbei mit wunderbar, die Wiedererkennung funktioniert offenbar nur an Orten, wo ich weiß, dass ich diesen Menschen begegne.
Und dann kann es schon mal ganz schnell passieren, dass ich als unfreundlich oder arrogant empfunden werde, weil der andere vielleicht freudenstrahlend grüßt und ich selber nur ein großes Fragezeichen als Gesichtsausdruck habe…oder schlimmstenfalls überhaupt nicht reagiere, weil ich mich gar nicht angesprochen fühle und denke, der oder die meint wohl jemand anderes..

Und damit bin ich absolut kein Einzelfall! Da draußen laufen jede Menge Menschen rum, denen es genau so geht.
Ging man in 2004 noch von wenigen einzelnen Fällen der angeborenen Prosopagnosie aus, so weiß man seit 2012, dass mindestens 2% der Bevölkerung von angeborener Prospopagnosie betroffen sind.

Das ist zu einem großen Teil dem Forscherehepaar Martina und Thomas Grüter, Wissenschaftler am Institut für Humangenetik in Münster, zu verdanken, die sich über ein ganzes Jahrzehnt intensivst mit angeborener Prosopagnosie beschäftigt haben, unter anderem auch aus persönlichen Gründen, denn Dr.Thomas Grüter ist selbst auch von der angeborenen Prosopagnosie betroffen.
Er bezeichnet die angeborene Prosopagnosie als eine Teilleistungsschwäche des Gehirns, vergleichbar mit einer Schreib-Lese-Schwäche. Dr. Thomas Grüter hat in seinen Untersuchungen festgestellt, dass Menschen aus dem Autismus Spektrum öfter von kongenitaler Prosopagnosie betroffen sind als nichtautistische Menschen. Worin der Zusammenhang zwischen Autismus / AS und Prosopagnosie besteht ist jedoch nicht klar.
Die meisten Menschen mit angeborener Prosopagnosie fühlen sich jedoch dadurch nicht besonders stark beeinträchtigt, viele wissen noch nicht einmal, dass sie Prosopagnostiker sind, weil jeder, der sich schlecht oder gar nicht Gesichter merken kann, sich im Laufe des Lebens ganz von selbst Strategien aneignet, wie er Menschen wiedererkennt.
Wenn ich mit einer Person öfters zu tun habe, von der ich von vorneherein weiß, dass ich mir das Gesicht nicht merken kann, suche ich nach anderen Merkmalen.
Irgend etwas, das ich mir merken kann, finde ich eigentlich fast immer. Sei es an der Haltung,an der Stimme, am Gang ,an der Frisur, an den Händen, an den Zähnen,an der Form der Ohren, dem Augenabstand oder sonst irgendwas.

Bei wichtigen Leuten, die ich jedoch nur von Zeit zu Zeit zu irgendwelchen Terminen sehe,notiere ich mir meistens zur Telefonnummer noch Haarfarbe und was mir an Merkmalen aufgefallen ist. So kann ich dann vor dem nächsten Termin noch mal nachlesen, worauf ich achten muss, wenn ich die Person erkennen will. Das funktioniert eigentlich ganz gut.

Prosopagnosie kann man nicht behandeln. Die Unfähigkeit, Gesichter zu erkennen, bleibt ein Leben lang bestehen.

Über das Bedürfnis nach Rückzug

Seit meiner Diagnose- und vor allem, seit ich mich endlich mit den sozialen Netzwerken angefreundet habe (das hat bei mir wirklich sehr lange gedauert)- habe ich viele verschiedene Menschen aus dem Autismus Spektrum kennen gelernt und immer wieder festgestellt, wie facettenreich das Autismusspektrum ist und wieviel Wahrheit in dem Satz „Kennt man einen Autisten, dann kennt man genau EINEN Autisten“ liegt.

Ich kenne viele erwachsene Asperger Autisten, die Familie oder Partnerschaften haben, aber ich kenne  auch sehr viele, die alleine leben und wenig bis gar keine sozialen Realkontakte haben.

Zu denen gehöre ich auch.

Und ich schätze auch mal, dass sich daran nicht mehr viel ändern wird in meinem Leben.

Und es stört mich eigentlich auch nicht weiter- jedenfalls meistens.

Mein einziger regelmäßiger Sozialkontakt in der Realwelt ist meine langjährige Freundin Klaudi, die mich einmal in der Woche besucht. Und damit liegen wir bei einem ganz guten Schnitt, denn es hat auch Jahre gegeben, in denen ich unsere Treffen wochenlang herumgeschoben habe, weil ich einfach nicht die Kraft zu einem Treffen hatte.

Mit dem wöchentlichen Treffen habe ich für mich persönlich schon einen großen Schritt nach vorne gemacht.

In den vierzig Jahren vor meiner Diagnose habe ich eigentlich immer mit (zumeist NT) Menschen zusammengelebt.

 

In den Jahren von 20 bis 40 habe das Modell Beziehung und/ oder Ehe zu Genüge ausprobiert, weil ich irgendwie immer dachte, das muss so sein.

Und es hat auch das eine oder andere Mal geklappt, einmal sogar 10 Jahre. Das lag aber vermutlich wohl auch ein bisschen daran, dass ich zu der Zeit junge Mutter war und von daher mit ganz anderen Dingen beschäftigt als in den Beziehungen, die danach noch so kamen.

Kann auch sein, es lag daran, dass ich zu der Zeit noch gar nichts von meinem Autismus wusste und irgendwie das Bild im Kopf hatte, das ne Beziehung oder ne Ehe einfach zum „Erwachsen- Sein“ dazugehört und dass ich das gefälligst auch auf die Reihe zu kriegen habe, wenn ich keine kranke Versagerin sein will.

Also kann ich zumindest sagen, ich habs versucht.

 

Heutzutage könnte ich mir das ehrlichgesagt nicht mehr so wirklich vorstellen.

Oder vielmehr- ich wüßte nicht, wie es funktionieren soll. Alleine schon der Gedanke, jeden Tag mit einem Menschen zu reden, sich mit ihm auseinander zu setzen, dauerhaft physische Nähe zu haben mit allem, was sie mit sich bringt… Bewegungen, Geräusche, Wörter, Farben, Eindrücke… das kann ich in Ausnahmefällen vielleicht mal einen oder zwei Tage….aber dann ist bei mir wirklich Feierabend und ich brauche mindestens doppelt so lange, um wieder davon „runter zu kommen“, auch wenn ich denjenigen mag.

 

Dann brauch ich erst mal ganz intensiv meine Rituale, meine Routinen und die Beschäftigung mit meinen 5 Katzen und die Stimme von Hermann Hesse oder von Gerd Westphal im Hintergrund um meinen Kopf zu ordnen und ruhig zu werden.

Je älter ich werde, umso mehr strengen Menschen mich an. Also ich meine „die da draußen“.

 

Ich hab irgendwie manchmal das Gefühl, es hat bei mir sehr stark mit der späten Diagnose zu tun, dass ich heutzutage so ein enormes Bedürfnis an Rückzug habe. Fast so, als müsste ich Jahre des Rückzugs, den ich nie wirklich hatte, nachholen, damit mal irgendwann Ruhe in meinem Kopf ist.

Wenn man 40 Jahre im Leben herumgestolpert ist, ohne zu wissen, was mit einem los ist, hat man eine Menge Erlebnisse / Erfahrungen angehäuft, über die man mit seinem neuen Wissen über sich selbst noch mal nachdenken will/kann/soll/ muss.

Oder vielmehr ist es so: die Gedanken und die Bilder im Kopf tauchen einfach auf und wollen neu beleuchtet werden…manchmal um Frieden mit mir selbst zu machen, manchmal, um andere zu verstehen…oder um überhaupt zu verstehen, was da so alles passiert ist im Leben.

Beinahe ein bisschen so, als müsste man einige Kapitel im Buch des Lebens noch mal neu schreiben und all das Geschehene erst mal abarbeiten, bevor wieder genug Kapazitäten für neues Erleben in der Realwelt im Kopf frei werden. Die zur Verfügung stehenden Reserven reichen zwar aus, um den Alltag einigermaßen hinzubekommen, aber alles, was darüber hinaus geht, ist pure Anstrengung.

Anfang des Jahres habe ich im Zuge der guten Vorsätze, die man sich so zum neuen Jahr macht einen Anlauf gestartet, “mehr unter Menschen“ zu gehen und bin in ein ganz nettes Cafe´ gegangen, wo ich auch jedesmal ins Gespräch mit anderen Menschen (vermutlich alle NT) kam. Das war mir aber ganz einfach zu viel. Zu viel Menschen, zu viel Worte, zu viel (Neben-) Geräusche, zu viel Bilder im Kopf…und der dringende Wunsch, lieber zuhause bei meinen Katzen zu sein.

Warum soll ich mir sowas heutzutage noch antun, wenn es überhaupt nicht meinem Wesen entspricht. Ich sitze eben lieber zuhause am Computer und tausche mich mit anderen Autisten im Internet aus, als in der Realwelt unter irgendwelche Menschen zu gehen, mit denen ich eigentlich überhaupt nichts anfangen kann.

Dieses Jahr werde ich genau 1 Mal auf eine Abendveranstaltung gehen, weil ich das Anfang des Jahres mit meiner Freundin abgemacht habe. Ich denke, ich krieg das hin…morgen ist ja erst der 1. Juli.

 

 

Soziale Kontakte und Ich

Ich muss an dieser Stelle einmal etwas los werden. Eine Meinung, ein Empfinden, mit dem ich gesellschaftlich oft auch anecke. Ich möchte hier über soziale Kontakte sprechen und über deren Vor- und Nachteile. Denn es gibt definitiv beides. Und oft ist es für mich eine ganz sorgfältige Abwägung der Vor- und Nachteile. Der Grund dafür ist nicht nur meine Gesundheit…

Ich brauche soziale Kontakte!

Das muss ich an erster Stelle klar sagen. Ich brauche soziale Kontakte, ich brauche es geliebt zu werden, ich brauche es lieben zu dürfen und ich brauche genau so Zuspruch, Zuneigung und auch körperliche Nähe, wie die allermeisten Menschen eben auch. Zugegeben, letzteres musste ich erst lernen, aber seitdem ich es kann, ist es ein wichtiger Teil in meinem Leben geworden. Ich brauche das alles ganz unbedingt. Ein Leben vollkommen ohne Liebe, und ohne geliebt werden, ist für mich schier unerträglich. Da könnte ich mich auch gleich unter die Erde legen. Will ich aber nicht. Ich brauche Menschen in meinem Leben! Ich möchte mit ihnen lachen und weinen und ich möchte mich mitteilen, und das auch sie sich mir mitteilen. Ich brauche auch Sex und ich brauche es auch hier und da in einer Gruppe zusammen zu sitzen, gemütlich zu grillen und/oder ein Bierchen zu trinken. Das sind alles wichtige Dinge für mich, aber es gibt eben auch ein, zwei Probleme, die ich so mit sozialen Kontakten habe.

Ich habe da keine Energie für!

Eines meiner Probleme wird wohl fast jeder von euch kennen. Ein Abend in Gesellschaft ist körperlich so anstrengend, wie ein Marathon. Die Aufmerksamkeit, die Konzentration, die ich aufbringen muss, um deren unverständliches Gebrabbel (sry Leute, meine ich nicht böse) in klare Worte zu verwandeln, damit ich überhaupt begreife, wovon die eigentlich sprechen, ist unendlich ermüdend. Ich muss in Windeseile alles Gesagte korrekt einordnen. Dazu muss ich Vergleiche finden, Emotionen einordnen, die Bedeutung dahinter begreifen. Ich muss einfach alles ins, für mich, rechte Licht rücken. All das funktioniert über Vergleiche. So funktioniert eben Empathie und ich bin ja auch gerne empathisch. Mir macht das irgendwo ja auch Spaß, sonst würde ich es nicht immer wieder tun! Ich muss aber in der Regel an ganz anderen Stellen suchen, um das gleiche zu finden, was sie mir da erzählen und dazu muss ich dann auch noch meine eigenen Erlebnisse massiv abstrahieren, abwandeln und wieder in ein Erlebnis setzen, welches mein Gegenüber dann auch begreifen kann. Ich spreche also permanent in Gleichnissen. GOTT! Eine fünfstündige Matheklausur ist dagegen Entspannung für meinen Kopf! Ich mache diese Arbeit gerne. Alles was ich eben sagen möchte, ist, es ist anstrengend. Wirklich, wirklich, wirklich sehr, sehr anstrengend und es wird nicht leichter, je mehr Fallbeispiele ich zu Rate ziehen kann, sondern eher immer komplexer.

Dieses Problem wird oft nicht verstanden, aber an sich durchaus gesellschaftlich akzeptiert. Ich habe da selten das Problem, wenn ich das erkläre und mich mit diesen Worten verabschiede, dass die Leute da irgendwie sauer sind auf mich, oder so. Sie sagen eher so etwas wie Achso, ja sag das doch, das ist doch gar kein Problem, dann treffen wir uns das nächste Mal nur für 2h statt für 4. Ist doch alles cool! Das zweite Problem hingegen, dass ist schon viel schwieriger wertfrei an den Mann zu bringen, darum verschweige ich das in der Regel, aber auch darüber muss ich einfach einmal sprechen.

Das Gespräch entwickelt sich einseitig!

In den allermeisten Unterhaltungen bin ich inhaltlich wirklich unterfordert. Ich habe oben grob umrissen, auf welchem kognitiven Niveau ich agieren muss und meine Mitmenschen können das sehr oft einfach nicht auch leisten. Ich muss in dieser Komplexität denken, ich habe gar keine andere Wahl, denn ich hätte sonst keine Chance, meinen Mitmenschen mehr als nur ein Aha oder Ja, das kenne ich auch zu bieten. Das zieht aber eben auch den Nachteil mit sich, dass ich, sollte ich es mal wagen, einen eigenen Gedanken zu äußern, mich häufig mehrmals massiv herunterbrechen muss, mich mehrmals stark vereinfachen muss, damit ich überhaupt verstanden werde. Dadurch entwickelt sich das Gespräch schnell recht einseitig. Ich verliere enorm die Lust daran, meine eigenen Gedanken zu äußern, die gerade einfach wesentlich für mich sind, während mein Gesprächspartner jetzt so richtig aufblüht, tausend Erkenntnisse gewinnt und mir ein Problem nach dem anderen um die Ohren haut, um mich in diesen Angelegenheiten um Rat zu bitten. Versteht mich bitte nicht falsch. Ich freue mich darüber. Ich finde das schön, wenn ich helfen kann. Mein Gesprächspartner beteuert mir dann immer wieder, wie wertvoll die Gespräche mit mir sind. Ich bin ja durchaus ein gern gesehener Gesprächspartner. Nur diese Einseitigkeit, die ist einfach ermüdend. Denn wenn ich diejenige bin, zu der alle mit ihren Problemen kommen, weil ich so weise (haha) bin, wo gehe ich denn hin, wenn ich nicht weiter komme? Zu denen, die weiter hinter mir liegen? Die verstehen ja gar nicht, wovon ich spreche.

Das vermischt sich dann zusätzlich noch mit der autistischen Denkweise. Die Arbeit hängt immer an mir und das ist meinen neurotypischen Mitmenschen gar nicht so richtig klar. Ich bin dazu gezwungen, alles so aufzubereiten, damit sie es verstehen, weil sie einfach nicht in der Lage sind, sich auf mich zuzubewegen. Weder vom Intellekt, noch von der autistischen Wahrnehmung her. Und ja, ich gebe das zu, aber in diesem Moment sehe ich auch sehr häufig schlicht keinen Sinn darin, mich meinen Mitmenschen mitzuteilen. Dabei brauche ich das so sehr. Ich möchte genau so wie jeder andere ein qualitatives, gegenseitiges Gespräch führen. Doch fast immer komme ich, aufgrund der vorhandenen Fähigkeiten meiner Mitmenschen, in diese einseitige Lage.

Therapie? Ja? Nein?

Genau das war dann auch die Frage, vor die ich mich gestellt sah, als ich endlich bereit war, an mir zu arbeiten. Suche ich mir jetzt einen Therapeuten? Einen richtig guten, der auch mal versucht, die Arbeit zu leisten, die ich tagtäglich leisten muss? Mal versucht, sich in mich hinein zu versetzen? Ich habe das alles mal durchgespielt. Ich hätte jemanden finden müssen, dann einen Platz bei ihm bekommen müssen, dann hätte ich ihn erst einmal anlernen müssen und dann, erst dann hätte die Therapie angefangen. Alles in allem wäre ich dann in 6 Jahren an der Stelle gewesen, an der ich heute nach 6 Monaten bin. Ich bin daher sehr froh darüber, dass ich die Fähigkeiten besitze, dass selbst machen zu können. Das alleine zeigt ja schon, denn es handelt sich dabei ja um einen Profi, wie erschöpfend das ganze sein muss, wenn da jemand mit noch weniger Ahnung vor mir sitzt. Ich will damit das Ausmaß beschreiben, welchen Dingen ich tagtäglich ausgesetzt bin. Welche Leistung ich da eigentlich tagtäglich vollbringe. Es ist eine ganz außerordentliche Leistung! Ernsthaft!

Und unterm Strich?

Unterm Stich kommt für mich etwas heraus, was viele nicht gerne hören möchten, weil sie sich dadurch persönlich verletzt fühlen. Für mich kommt heraus, dass ich einen enormen Energieverlust zu verzeichnen habe. Mich übermannt Lustlosigkeit und Trauer. Ich werde auf ein Podest gehievt, auf dem ich vollkommen einsam bin. Ich erlebe einfach keine Gemeinsamkeit. Immer nur Einseitigkeit. Ich stecke Tonnen an Energie in die Kommunikation, damit ich alles in den für mich richtigen Kontext setzen kann und übersetze permanent auch wieder zurück. Ich stecke Tonnen an Energie in ein Unterfangen, aus dem ich nichts zurück bekomme. Im Gegenteil. Ich bin der Verlierer der Konversation. Ich verliere nicht nur Energie, Lust und Freude, ich verliere auch Selbstbewusstsein, Selbstwertgefühl, das Gefühl von Gleichwertigkeit. Mein Gesprächspartner hingegen gewinnt nur, weil er sich nicht auf mich zu bewegen kann und daher alle Arbeit an mir hängt. Ich fühle mich da auch irgendwie … benutzt …

Ja, ja, ja. Ich soll das nicht aufwiegen und ich darf nichts von einem sozialen Kontakt erwarten, ich weiß, ich weiß. Und dennoch muss ich mir ernstlich die Frage stellen, was ich davon habe, wenn ich auf diese Kontakte verzichte. Täte ich dies, ich würde lesen, lernen, schreiben, einfach kreativ sein und mich entfalten. Kurz gesagt, ich würde mich bilden und entwickeln. Ich würde mein Selbstwertgefühl steigern, mein Selbstbewusstsein, meine Selbstwirksamkeit. Ich wäre voller Freude und Lust und meine Energie würde steigen und steigen. Und daher sage ich, wie es für mich einfach ist:

Ich empfinde soziale Kontakte in den allermeisten Fällen als Klotz am Bein!

Und es macht mich traurig, dass ich so empfinden muss. Ich möchte das nicht. Ich sehne mich danach, konstruktive Freundschaften zu pflegen. Aber das sind sie meistens nicht für mich. Meine konstruktiven Freundschaften pflege ich daher eher mit Büchern. Mit meinen Blöcken und Stiften. Mit den hunderttausend Büroartikeln, die ich sammle, wie eine Irre. Mit meinem Notebook, dass mir so ein treuer Begleiter ist. Ich finde meinen Trost und meinen Fortschritt in der Musik und in der klassischen Literatur. Ich finde meinen Trost und meinen Fortschritt in der Naturwissenschaft. Die verstehen mich. Die sind immer für mich da. Die zeigen mir Perspektiven auf. Denen muss ich mich nicht erklären, die helfen mir einfach. Sie erklären mir alles, was ich wissen will. Kaum sonst einer kann das. Ich wünschte, es wäre nicht so. Ich wünschte, Menschen könnten das für mich sein. Aber sie sind es nicht. Sie sind Klötze am Bein, die mich aufhalten, in meinem Bestreben, mich zu entwickeln. Das wollte ich viel zu lange nicht wahrhaben.

Es ist eben auch gesellschaftlich nicht akzeptiert, so zu fühlen. Wenn ich das ausspreche, dann bin ich arrogant und eingebildet. Ich bin ein Narzisst. Ich halte mich ja für was besseres und bin in mich verliebt. Ich schätze mich ja sowieso vollkommen falsch ein, denn wir wissen ja alle, dass das niemand kann. Weil zu sagen, dass man intelligent ist und diese eigene Intelligenz, im Vergleich mit anderen Menschen, auch deutlich wahrnimmt, dass macht man nicht. Da ist man selbstverliebt. Ganz klar. Und diesem Urteil erlag ich lange Zeit und habe mich so selbst daran gehindert, mich zu entwickeln. Ich habe mich dazu gezwungen, sozial zu sein. Ich habe mich dafür geschämt, intelligent zu sein. Ich habe absichtlich Klausuren verhauen. Und so weiter.

Jetzt akzeptiere ich das. Ich akzeptiere, dass mir Menschen Klötze am Bein sind und sie mich aufhalten. Ich darf das nur eben nicht so sagen. Ich bin also nicht asozial, weil ich ein Arschloch bin. Ich bin asozial, weil ich durch meine Konditionen in eine Rolle gedrängt werde, in der ich nicht sein möchte und weil ich deswegen einen anderen Weg gehe, als meine Mitmenschen. Meine Mitmenschen entwickeln sich über den Kontakt zu Gleichaltrigen. Ich nicht. Das ist okay. Wenn ich euren sozialen oder religiösen Werdegang akzeptieren kann, dann akzeptiert doch bitte auch meinen, über die Naturwissenschaften und die Kunst. Danke vielmals!