Warum man Menschen aus dem Autismus-Spektrum einstellen sollte

Arbeitgeber wissen nur selten viel über das Autismus-Spektrum (und das ist ihnen auch nicht zu verübeln, weil Autismus ein Nischenthema ist). Im besten Fall lesen sie sich Wissen an, bevor sie (wenn sich Bewerber schon geoutet haben) die Kandidaten zum Vorstellungsgespräch einladen. So ist es bei der Asperger-Autistin und Bloggerin Hobbithexe passiert und es hat, erfreulicherweise, zu einem Ausbildungsplatz geführt https://hobbithexe.wordpress.com/2016/06/10/der-bewerbungsprozess/.

Stärken von Menschen aus dem Autismus-Spektrum

Es heißt zwar „Kennst du einen Autisten, kennst du einen Autisten“, jedoch kann man folgende Stärken autistischer Menschen unter einem gemeinsamen Nenner zusammenfassen (siehe „Asperger – Leben in zwei Welten“ von Christine Preißmann (2012, S.68):

-Detailgenauigkeit

-Verlässlichkeit

-Innovatives Denken

-Gute fachliche Qualifikation

-Loyalität

-Sorgfalt

-Motivation und Interesse

-Verantwortungsbewusstsein

-Ausdauer

-Ordnungsliebe

-Wahrheitsliebe/Ehrlichkeit

-Gute Merkfähigkeit

Nach Rudy Simone („Asperger`s on the Job: Must-have advice for people with Asperger`s“ (2010, S.3)) haben Autisten eine höhere fluide Intelligenz (Lösen neuer Probleme unabhängig von erworbenem Wissen) als Nichtautisten und sind hoch intuitiv.

Viele autistische Menschen besitzen eine Begabung im visuellen Denken. Das vielleicht berühmteste Beispiel ist Temple Grandin, die Testläufe ihrer Projekte vor ihrem geistigen Auge durchführt, bevor sie gebaut werden.

Einige Unternehmen (Auticon, Microsoft, SAP), haben angefangen, autistische Stärken wie z.B. Mustererkennung für sich zu nutzen und Autisten im IT-Bereich einzustellen. Das ist eine sehr positive Entwicklung. Jedoch können unsere Stärken in ALLEN Bereichen eine Bereicherung für Unternehmen sein. Es gibt erfolgreiche, autistische Lehrer, Verkäufer, Maschinenbauer, Erzieher, Professoren, Musiker etc. und ihre Arbeitgeber wissen oft nichts von ihrem Autismus. Was eventuell auffällt ist vermutlich, dass sie „irgendwie anders“ sind. Denn Autismus ist oft unsichtbar.

„Mein Autismus“ aus Arbeitnehmersicht (vorweg: Ich bin noch arbeitssuchend)

Was für mich persönlich im beruflichen Kontext wichtig (oder einer der Hauptfaktoren) ist, ist die Atmosphäre. Eine feindselige Atmosphäre hindert mich am Denken und Handeln. Während meines letzten Jobs habe ich mich mit den Kollegen wunderbar verstanden und sie waren eine große Unterstützung für mich, weil ich mich immer an sie wenden konnte. Leider wurde die Arbeitsatmosphäre von Chefseite vergiftet. Regelmäßig verließen meine Ex-Kollegen, in Tränen aufgelöst, sein Büro. Das ist wahrlich keine schöne Umgebung, in der man sich gerne aufhält oder gar arbeitet.

Was merkt man mir persönlich im Berufsalltag an – welche Verhaltensweisen sind „komisch“?

Man merkt es mir nicht an. Ich habe Ahnung von meinem Fach und komme gut mit den Menschen gut zurecht, mit denen ich (als Psychologin) Kontakt habe. Sitzungen mit mehr als fünf Menschen (viele Reize)  im Raum sind insofern problematisch, dass ich wenig sage. Hilfreich wäre ein Plan mit „Tagesordnungspunkten“, so dass ich vorher schon weiß, worum es gehen wird. Vorbereitung ist das A und O. Wenn ich weiß, was ich tun muss, ist alles kein Problem.

Der Punkt Mittagspausen und Smalltalk: Smalltalk mit Kollegen, die ich nur flüchtig kenne, ist keine Entspannung für mich. Ich habe es gemacht, weil man es eben so macht und die anderen einen nicht komisch finden…deutlich entspannender ist dagegen das Schreiben (SMS etc.).

Problematisch sind viele Geräusche auf der Arbeit (das Problem hatte ich aber noch nie in einem Job).

Wenn ich im „normalen“ Alltag ansonsten desinteressiert oder arrogant wirke, ist genau das Gegenteil der Fall. Ich will nicht zu interessiert wirken oder aufdringlich sein und schütze mich so.

Aber auch hier gilt: Kennt man einen Autisten, kennt man eben nur einen. Andere autistische Menschen haben z.B. andere Schwierigkeiten, wie mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu fahren oder Probleme mit Gerüchen.

Ausblick

Wenn man den Begriff „Autismus“ hört (ohne sich näher damit auseinandergesetzt zu haben), denkt man sofort an „Defizite“. In den nächsten Jahren wäre eine Abkehr vom rein defizitorientierten Denken bezüglich des Autismus-Spektrums  sehr wünschenswert. Stattdessen sollte man überlegen, wie man die Fähigkeiten autistischer Menschen in allen Berufsbereichen realisieren und nutzen könnte. Das geht nur mit Neugierde, Information, Austausch zwischen Autisten und Nichtautisten (Arbeitgebern, potenziellen und tatsächlichen Arbeitnehmern) und einer offenen Kommunikation, was die jeweilige Seite braucht und wie es realisierbar wäre.

 

 

Musik

Ich habe relativ spät angefangen, Klavier zu spielen. Jedenfalls viel später, als man es tun sollte, wenn man die Chance nicht verpassen möchte, es beruflich auszuüben (solche Kinder werden dann mit 3 oder 4 Jahren angehalten, mit dem Instrument anzufangen). Damals hatte ich aber noch gar nicht daran gedacht, dass es ein möglicher späterer Beruf werden könnte. Ich muss ungefähr 10 Jahre gewesen sein. Im Fernsehen sah ich gerade einen Bericht über hochbegabte Kinder. Ein Mädchen, etwa in meinem Alter, spielte eine wunderschöne Melodie auf dem Klavier. Es war mir sofort klar, dass ich diesem Instrument auch so wundervolle Klänge entlocken wollte! Glücklicherweise bekam ich ein gebrauchtes Klavier und privaten Unterricht. Es stellte sich heraus, dass ich musikalisch begabt (oder eher hochbegabt) war. Das erklärt, warum ich damals, im Musikunterricht der Grundschule, innerlich immer so empört war, wenn es meine Mitschüler nicht schafften, zu Liedern im Takt zu klatschen. Manche von ihnen waren einfach nicht mit Taktgefühl gesegnet.

Ich hatte unglaubliches Glück, einen Kanal gefunden zu haben, wie ich meinen Gefühlen nonverbal Ausdruck verleihen konnte. Verbal würde ich es niemals in dem Ausmaß können.

Nachdem ich das Klavierspiel für mich entdeckt hatte, übte ich zunächst nur eine halbe Stunde täglich. Schließlich wurde die Zeit des Übens immer länger. Meine Klavierlehrerin veranstaltete Konzerte mit ihren Schülern und an diesen Auftritten musste ich natürlich teilnehmen.

Die öffentlichen Auftritte waren schließlich das, was mich davon abgehalten hat, Berufsmusikerin zu werden. Vor und während der Auftritte hatte ich oft Todesangst. Kein gewöhnliches Lampenfieber. Das grelle Licht auf der Bühne. Die Totenstille, bevor man anfangen sollte, zu spielen. Man musste hübsche Kleidung anziehen, hohe Schuhe. Durfte sich nicht verspielen. Bloß keine Fehler machen. Es war jedes Mal der absolute HORROR und die Nächte vor einem Auftritt waren oft schlaflos und panisch. Meine größte Angst war die Angst vor der Angst. Während des Auftritts „die Noten zu vergessen“, was auch wirklich sehr peinlich geworden wäre, plötzlich nicht mehr weiterzuwissen. Das ist, während der ganzen Auftritte, zum Glück nur ein oder zwei Mal passiert.

Für die „richtigen“ Auftritte muss man als Klavierschüler beim Vorspielen sicher genug sein. Zu diesem Zweck wurden Auftritte in Kirchen oder in Altersheimen organisiert. Ich habe auch mit dem Jugendorchester gespielt und Reisen ins Ausland unternommen, wo wir Auftritte hatten. Ich bin im In- und Ausland (Österreich, Schweiz, Großbritannien, Frankreich) aufgetreten und hatte (zumindest bei Zusammenspiel mit anderen) nicht so eine Todesangst wie bei Soloauftritten.

Etwa sechs Jahre, nachdem ich mit dem Klavierspielen angefangen hatte, nahm ich am Wettbewerb „Jugend musiziert“ teil. Im Regionalwettbewerb (man trat also gegen andere Jugendliche aus der Region an) erlangte ich den 1. Preis, darauf folgte der Landeswettbewerb (Bundeslandebene), in dem mir auch der 1. Preis zuerkannt wurde. Das bedeutete, dass ich nun im Bundeswettbewerb gegen Jugendliche (aus ganz Deutschland) antreten durfte. Verständlich, dass ich mir davor ganz schön in die Buxen gemacht habe…irgendwie habe ich den Aufritt, ohne vor Angst gestorben zu sein, hinter mich gebracht. Ohne mich groß verspielt zu haben, oder aus dem Konzept gekommen zu sein. Ich habe mich mehr über diesen Umstand gefreut, als über die Tatsache, dass es ein zweiter Platz geworden ist.

Asperger-Autisten können sich Dinge sehr schnell aneignen, wenn sie für etwas „entflammen“ und können sehr schnell sehr gut darin werden. Diese Geschichte ist sicherlich nur eine von vielen Beispielen im Leben von Asperger-Autisten, die herausragende Leistungen auf vielen Gebieten erzielen können.

„Mild autism can give you a genius like Einstein. If you have severe autism, you could remain nonverbal. You don’t want people to be on the severe end of the spectrum. But if you got rid of all the autism genetics, you wouldn’t have science or art. All you would have is a bunch of social ‚yak yaks.'“ Temple Grandin

Lesenswert (laufend aktualisiert)

Blogroll

https://andersfamilie.wordpress.com/

https://www.bloosplanet.wordpress.com

http://www.fuchskind.de/

https://gedankencocktails.wordpress.com/

http://herbstsein.blogspot.de/

https://hobbithexe.wordpress.com/

https://innerwelt.wordpress.com/

http://www.intelligenzbestie.net/

http://juliettegoutte.blogspot.de/

https://kanner840.wordpress.com/

https://klarnetaut.wordpress.com/

https://laviolaine.wordpress.com/

http://mela.geekgirls.de/

https://meerigelstern.wordpress.com/

https://nurschwimmen.wordpress.com/

https://quergedachtes.wordpress.com/

http://realitaetsfilter.com/

http://www.robotinabox.de/

https://seinsdualitaet.wordpress.com/

http://tageshauschaos.blogspot.de/

http://www.vielmehr-ich.blog.de

http://weltsichtig.de/

https://wolkenzaehler.wordpress.com/

https://yowriterblog.wordpress.com/

Herzlich willkommen

Literatur

-„Aspergirls“ von Rudy Simone http://www.beltz.de/fileadmin/beltz/leseproben/978-3-407-85946-4.pdf

-„Schattenspringer“ 1 und 2 von Daniela Schreiter

Bücher von:

-Tony Attwood

-Temple Grandin

-Tania Marshall

Anderes Wichtiges

-ADHS und Autismus Medikation Kinder http://www.kjp-roesrath.de/pdf/autismusundadhs.pdf

-ADHS als Erwachsener http://www.sebastian-bartoschek.de/cms/topics/die-sache-mit-dem-adhs.php

-Adressen Autismus-Diagnostik: http://www.rehakids.de/phpBB2/ftopic44453-0-asc-0.html

-Autismus kindgerecht (Clip zum Buch): https://www.youtube.com/watch?v=Vc8m9YvDZz8

-Löffeltheorie: http://lupus-austria.jimdo.com/leben-mit-lupus/umgang-mit-der-krankheit/l%C3%B6ffeltheorie/

-Sensorische Überlastung Medienprojekt: https://vimeo.com/52193530

-Themenschmuck und Accessoires: http://awarenessdesign.blogspot.de/

-Umgang mit sensorischer Überlastung (auf englisch, nach rechts klicken): http://recovery-  community.tumblr.com/post/88654102707/sensory-overload-and-how-to-cope-click-on

-Vorsicht: Therapieform ABA: http://auties.net/aba

-Was ist das „autistische Sein“? https://meerigelstern.wordpress.com/2013/06/08/prolog/