Freundschaften und KlarNetAut

Vor gar nicht langer Zeit habe ich resigniert. Immer, wenn ich irgendwo neu angefangen habe (Schule, Universität, Arbeitsplatz) hatte ich eine große Hoffnung: Ich würde endlich auf Menschen treffen, die mich verstehen und so ticken wie ich. Ich würde Freunde finden. Dieses Mal würde ich mich noch mehr anstrengen, noch mehr auf die Menschen zugehen, mehr reden, mich nicht mehr verkriechen (und, und, und). Der letzte Versuch, Anschluss zu finden, sah folgendermaßen aus: Ich hatte einen Job ergattert und wurde nach der Uni eiskalt in die Berufswelt geschmissen.

Um zu Sozialkontakten zu kommen, hatte ich mir viel vorgenommen. Ich blieb am Ball und habe es nach einiger Zeit tatsächlich geschafft, mich mit ein paar anderen Kollegen auch außerhalb der Arbeit zu treffen. Jedoch habe ich schnell gemerkt, dass es seltsam war. Etwas stimmte nicht, ich passte und gehörte nicht dazu. Die Themen, über die sie beim Mittagessen sprachen, fand ich furchtbar langweilig. Sie dachten anders als ich, sie ließen sich überhaupt nicht aus der Ruhe bringen. Untereinander konnten sie aber sehr wohl etwas miteinander anfangen. Also war alles wie immer. Ich gehörte nicht dazu, OBWOHL ich mittendrin und dabei war. So habe ich innerlich die „Sozialkontaktsuche“ gekündigt, es war mir mittlerweile auch egal, ob ich an den Aktivitäten teilnahm oder nicht. Es brachte mir nichts, es war nicht meine Welt.

Einige Monate später sollte ich im Internet die Antwort finden – und zwar durch Zufall. Ich bin auf einen Artikel gestoßen, in dem „weiblicher“ Autismus beschrieben wurde. Sowie die Tatsache, dass dieser oft unerkannt bleibt, weil sich Asperger-Frauen von autistischen Männern unterscheiden und weniger auffallen. Mir wurde klar, dass es tatsächlich noch andere Menschen gab, die mir im Denken, Erleben und Verhalten ähnelten! Ich war kein Alien von einem anderen Planeten, mir fehlte kein Gehirnteil. Ich war Asperger-Autistin und ich war damit nicht alleine.

Die Kontakte, die ich mittlerweile geknüpft habe, geben mir sehr viel. Probleme, die andere Menschen gar nicht kennen, werden verstanden. Man muss sich nicht erklären. Und es ist alles andere als langweilig mit meinen Freunden, von denen ich einige auch im „realen Leben“ getroffen habe.

An meine Kleinkindzeit kann ich mich nicht erinnern. Ich soll aber still und sehr schüchtern gewesen sein. Laut der Aussage meines Vaters soll es aber zwei Freundinnen gegeben haben. Während der Grundschulzeit hatte ich eine beste Freundin, mit der ich mich fast jeden Tag getroffen habe. Später, auf dem Gymnasium, hatte ich wieder eine beste Freundin, wobei die Freundschaft ein paar Jahre hielt. Ich denke heute noch ab und zu wehmütig an diese beiden Mädchen, die jetzt, wie ich, erwachsene Frauen sind. Ich frage mich, warum sie sich über die Jahre so verändert haben, während ich „im Kern“ gleich geblieben bin. Heutzutage hätten wir uns nichts mehr zu sagen. In den weiteren Jahren auf dem Gymnasium hatte ich immer mal wieder eine beste Freundin. Auffällig war, dass sie immer nur ein paar Jahre blieben und dann weggezogen, oder auf eine andere Schule gewechselt sind. Ich habe nie einer Clique angehört, war nie Fan einer Band oder einer Stars, das ganze Fan-Getue fand ich lächerlich. Irgendwann war ich in der Oberstufe, ich war ganz allein. Ich habe auch nicht mehr versucht, mich in den Klassenverband zu integrieren. An diesem Punkt habe ich die Brücke hinter mir abgebrochen, der Schule, dem Elternhaus und der Stadt den Rücken gekehrt.

Heutzutage weiß ich immer noch nicht, wie man eine Freundschaft anbahnt und aufrecht erhält. Wann muss man sich beim anderen melden? Ist der/die andere überhaupt auf der Suche nach neuen Freunden? Bei meinen Sozialkontakten hatte ich immer Angst, zu aufdringlich oder übertrieben enthusiastisch zu wirken. Es könnte ja sein, dass der andere gar nichts von mir wissen will und zu allen so nett ist. Also habe ich mich nicht gemeldet, was vermutlich falsch war. Aber das fand ich immer noch besser, als abgelehnt zu werden.

Ich unterscheide sehr deutlich zwischen Bekannten und Freunden. Bekannte habe ich im Moment einige, die ich durch meine Beziehung kennengelernt habe. Bei Freunden (zu denen auch meine Beziehung zählt) muss ich mich nicht verstellen.

Das Klischee des Autisten, der sich nicht nach Kontakten sehnt und sich selbst genügt, trifft weder auf mich, noch auf andere Autisten, die ich kenne, zu.

Behindert gefühlt

„Worüber reden die? Ich bin unglaublich dumm. Es kann einfach keinen anderen Grund geben, warum ich dem Geschehen überhaupt nicht folgen kann. Und warum verstehe ich nur Bahnhof (rw)? Die erwarten bestimmt, dass ich etwas sage. Aber die Kollegin, die neben mir sitzt, hat auch noch kaum etwas gesagt (aus den Augenwinkeln beobachte ich, dass sie vor Müdigkeit die Augen kaum mehr aufhalten kann). Also sieht es für mich noch ganz gut aus. Ich versuche, mir nichts anmerken zu lassen. Heimlich beobachte ich die Gesprächsrunde. Die Gedanken der Kollegen müssen sich in solchen Situationen, wenn man im Team bestimmte Fälle bespricht, so sehr von meinen Gedanken unterscheiden. Wenn sie wüssten, was gerade in meinem Kopf vorgeht, würden sie denken, ich bin geistig behindert. Ich fühle mich so unwohl, ich will weg von hier.“ Sie denken anders.

Letzteres habe ich auch immer in folgenden Vorlesungs-Situationen an der Uni gedacht: Irgendein Dozent hat den Studenten eine Frage gestellt. Er blickte jedoch in leere Gesichter und musste mit einem weiteren Infohäppchen herausrücken. Sofort schossen einige Hände in die Höhe. Diese Info hat bei diesen konform Denkenden offensichtlich gleichzeitig dazu geführt, dass es „Klick“ gemacht hatte. Das fand ich faszinierend. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass jemand anders auf eine ähnliche Art und Weise denken könnte wie ich. In den Vorlesungen hat es bei mir selten „Klick“ gemacht. Thematisch habe ich leider kaum etwas aus ihnen mitnehmen können. Außer in den seltenen Fällen, wo ich ein Thema wirklich spannend gefunden habe, was nur bei einem bestimmten Dozenten passierte. Dann hing ich gebannt an seinen Lippen. Was ich allerdings gut konnte, war, mich 2-3 Tage vor der Prüfung im Zimmer einzuschließen und den gesamten Vorlesungsstoff des Semesters in mein Gehirn zu prügeln. Ich war sehr ausdauernd. Die Angst, in der Prüfung zu versagen, hat mich angetrieben, so dass ich Tag und Nacht -unterbrochen durch ein paar Stunden Schlaf- lernen konnte.

Heute weiß ich, dass solche sozialen Situationen (oder generell Situationen mit vielen Außenreizen), wie z.B. eine Vorlesung, bei mir zu sensorischer Überlastung (Overloads) geführt haben. Wenn die Aufmerksamkeit automatisch auf Dinge, die andere unbewusst filtern, gelenkt wird, wie soll man sich da noch auf den Vorlesungsstoff konzentrieren können? Dabei müssen gar nicht erst an die 100 Studenten in einem Raum zusammengepfercht sein. Eine Diskussionsgruppe von acht Menschen ist genug, um mich aus der Fassung zu bringen und in meinem Kopf Leere (bis auf die in den Anfangszeilen geschilderten, verzweifelten Gedanken) entstehen zu lassen.

Viele Jahre dachte ich, ich wäre irgendwie behindert, könnte es aber so unglaublich gut tarnen, dass es über zwei Jahrzehnte keinem in meiner Umgebung aufgefallen war. Ich war der festen Überzeugung, dass irgendein Teil meines Gehirns fehlerhaft sein oder -noch schlimmer- fehlen müsste. So hatte ich mir alles erklärt. Wie erleichternd es war zu erfahren, dass dieses Phänomen eine sensorische Verarbeitungsstörung im Rahmen des Autismus darstellt, kann sich vermutlich kaum jemand vorstellen.