Weihnachten 1970- eine Momentaufnahme

Wenn es um meine Kindheit geht, so kann ich mich an die Kindheit als solches wenig- dafür aber an bestimmte Situationen sehr genau erinnern. Es ist, als wäre in meinem Kopf eine Datei abgespeichert, die mich bestimmte Situationen immer wieder detailgenau erleben lässt inklusive aller Spezialeffekte wie Gerüche, Gesprächsfetzen, Geräusche von Außen, Lieder usw.

Es ist der 26.12.1970, der zweite Weihnachtsfeiertag in diesem Jahr…ein Samstag. Eigentlich mag ich Samstage, weil es da Suppe gibt. Und ich esse gerne Suppe. Jetzt ist aber Weihnachten und von daher ist heute nichts mit Suppe. Stattdessen sind wir bei Oma und Opa väterlicherseits. Bei Oma und Opa ist es immer ein bisschen gruselig…die wohnen in einem Riesenhaus und Opa ist „nicht ganz richtig im Kopf“. Das sagt zumindest mein Vater und die Frau, die mich besitzt – meine Mutter. Meine Tanten sagen das auch. Oma sagt nix. Oma sagt nie was…die kocht nur und ist lieb und schenkt mir neue Pollunder. Da ich vor 9 Tagen meinen 4. Geburtstag hatte, habe ich ein großes Geschenk bekommen. Nämlich eine Tafel, die man drehen kann. Auf der einen Seite ist eine normale Tafelfläche, auf der anderen Seite ist eine weiße Magnetfläche und dazu gibt es alle Buchstaben des Alphabets in bunten Farben als Magnete. Ich habe die Magnetseite aufgeklappt und da ich schon meinen Namen schreiben kann, steht in der Mitte der Tafel mein Name: MELANIE. Die anderen Buchstaben sind noch in der Tüte.
Dann muss ich mich setzen und es ist langweilig. Ich darf aber nicht mehr aufstehen, weil es gleich Essen gibt. Opa steht am Fenster. Am Linken natürlich…wo sonst?! Und natürlich mit Zigarre. Die Frau, die mich besitzt (also meine Mutter) und die Schwestern von meinem Vater reden. Sie reden mal wieder über Einalem. Einalem ist offenbar ein Problem für alle. Einalem macht dies und Einalem macht das…das Gerede über Einalem ist nichts Neues für mich. Ich betrachte aus den Augenwinkeln die Frau, die mich besitzt. Ich hasse ihre Tonlage. Sie beleidigt mein Ohr. Ich hasse dieses Gekreische. Und irgendwie hasse ich auch das Gerede über Einalem. Einalem scheint wenigstens normal zu sein…im Gegensatz zu denen jedenfalls. Und Einalem geht es wie mir…nur ist ihr Name komisch. Ich schiele zu Opa rüber…der steht am linken Fenster und guckt nach draußen, die Hände in den Hosentaschen und im Mund die Zigarre. Meine neue Tafel steht einen halben Schritt weit links neben ihm. Das Gerede und Gekreische von der Frau, die mich besitzt und meinen Tanten tritt auf einmal in den Hintergrund und ich habe plötzlich das Gefühl, als sei ich mit Opa allein im Raum. Ganz langsam dreht er sich in meine Richtung und zwinkert mir zu. Dann dreht er sich wieder zum Fenster und brennt ganz langsam und sorgfältig mit seiner Zigarre ein wunderschönes Loch in die Gardine. Oma kommt aus dem Nebenzimmer und sagt, dass das Essen jetzt fertig ist und Opa kriegt gesagt, er soll rausgehen und die Zigarre ausmachen. Ansonsten achtet keiner auf ihn. Keiner außer mir. Mein Blick hängt wie gefesselt an Opa. Opa dreht sich langsam um, nimmt die Hände aus den Hosentaschen und macht einen Schritt in Richtung Tür. Bei meiner Tafel bleibt er kurz stehen. Keiner schenkt ihm Beachtung. Ich sehe, wie er die Buchstaben meines Namens in eine andere Reihenfolge bringt und dann aus der Tür geht, um die Zigarre auszumachen. Ich starre auf die Tafel und ich lese: EINALEM. Jetzt weiß ich, wer Einalem ist.