Letzter Akt. Der Vorhang fällt.

Gerade komme ich von einem weiteren Gespräch in der Psychiatrie. Ich muss das alles noch verarbeiten, aber der Psychiater, der mit mir eben gesprochen hatte, war der festen Ansicht, dass ich kein Autist, kein Narzisst und auch sonst nichts bin, was irgendwie pathologisch wäre.

Was ich hätte, das wäre eine besondere Persönlichkeit (keine Persönlichkeitsstörung). Er gehe da mit meiner Kinderpsychologin konform, die mich vor Jahren untersucht hatte: Mir würde nichts fehlen, aber Hochbegabung kann unter Umständen zu ähnlichen Effekten führen wie Autismus.

Letzten Endes sei an mir nichts, was normale Menschen nicht auch hätten. Von meinen Problemen blieb am Ende nur das Lange-Bank-Problem, und das hätten die normalen Menschen der Klinik (also die Psychiater, Mitarbeiter etc.) genauso. Das Asperger-Syndrom hätte ich mir nur eingebildet, ähnlich wie ein Hypochonder sich in manchen Symptomen einer bestimmten Krankheit wiederfindet.

Dabei schlug der Psychiater in eine ähnliche Kerbe wie ich in einem meiner letzten Beiträge: Die Frage ist doch letzten Endes nicht, ob bei mir eine Form des Autismus vorliegt. Die Frage ist: Ist das überhaupt relevant? Mir geht es insgesamt gut, ich führe eine harmonische Beziehung, und nichts deutet darauf hin, dass sich das ändern könnte. Auch auf der Arbeit läuft alles gut. Ich bekomme Anerkennung von Kunden, Protagonisten, Kollegen und Vorgesetzten. Ich habe zwar nicht viele Freunde, aber einen besten Freund. Eine Therapie würde mich mehr belasten, als dass sie mir helfen könnte. Also alles im grünen Bereich.

Bleibt die depressive Episode, die nachgewiesenermaßen vorhanden war. Aber das, so meinte er, sei wohl eine einmalige Episode gewesen. Ich sollte vielleicht noch die Medikamente nehmen und sie dann irgendwann absetzen. Das Serotonin, das in meiner funktionierenden Beziehung freigesetzt würde, sei ohnehin viel stärker.

Was die Vergangenheit betrifft, so soll ich sie ruhen lassen. Ich habe eine funktionierende Beziehung, ein Berufsleben ohne größere Probleme und einen besten Freund. Damit habe ich alles, was ich brauche, um glücklich zu sein. Dass ich Schwierigkeiten hatte, jemanden zu finden und dass ich in der Schule Außenseiter war, interessiert doch heute niemanden mehr.

Damit keine Missverständnisse aufkommen: Ich will nicht sagen, dass ich kein Autist bin. Ich will auch nicht sagen, dass ich einer bin. Ich denke nur, diese Frage ist für mich einfach nicht mehr relevant – ebenso wie die Beschäftigung mit dem Thema. Es belastet mich mehr, als dass es mir nützt. Vor mir liegt, wenn alles so gut läuft wie bisher, eine wunderbare Zukunft. Und wenn es nicht so gut läuft, kann ich immer noch in die Psychiatrie zurück, um zu schauen, ob mit mir vielleicht nicht doch irgend etwas nicht stimmt.

Es steht außer Frage, dass ich Probleme habe. Nur: Probleme hat eben jeder Mensch, egal ob Autist, Narzisst, ADSler, neurotypisch oder eben hochbegabt.

Der Diagnose-Termin in der Asperger-Sprechstunde steht weiterhin. Aber ich denke, wenn alles so läuft wie bisher, werde ich ihn nicht wahrnehmen. Man muss sich ohnehin etwa eine Woche vorher dort zurückmelden.

Viele werden sich jetzt fragen, wie ich mich damit fühle. Manche waren ja der Ansicht, ich würde mich in der Rolle des Autisten gefallen. Ich fühle mich aber erleichtert und unbeschwert, denn ich kann jetzt in aller Ruhe die Aufgaben in Beruf und Privatleben wahrnehmen, die jetzt auf mich warten, und ich werde mich jetzt noch wesentlich mehr in der Rolle eines Nichtautisten mit besonderer Persönlichkeit gefallen.

Bleibt jetzt, nach dem letzten Akt, die Frage: Was wird aus meiner Online-Präsenz? Was wird aus Lohengrin? Ich habe auf Twitter und durch die Blogs einige Menschen kennen gelernt, die mir einiges bedeuten, und deswegen scheue ich davor zurück, den Account zu löschen, wie ich es schon einmal getan hatte. Aber auf der anderen Seite: Diese Menschen erinnern mich an etwas, das ich zu sein glaubte, aber wohl nicht bin. Trotz allem gibt es eben immer noch sehr viel, was ich mit meinen Followern und denjenigen, denen ich folge, gemeinsam habe. Was ich genau mit meinem Account anstellen werde, weiß ich noch nicht. Viel Zeit werde ich ohnehin nicht haben, denn jetzt gilt es, neue berufliche Aufgaben anzugehen und eine Beziehung, die Zukunft hat, zu stabilisieren und auszubauen. Das benötigt alles viel Zeit.

Was meine Präsenz hier auf Blogger ASpekte angeht: Die alten Beiträge werde ich hier stehen lassen. Was ich geschrieben habe, gilt immer noch. Schließlich werde ich ja dadurch, dass ich mit großer Wahrscheinlichkeit doch kein Autist bin, kein anderer Mensch. Neues wird allerdings nicht hinzukommen.

Diejenigen, die gerne noch mehr Blogbeiträge von mir lesen würden, seien aber unbesorgt: Ich werde mit Sicherheit eines Tages wieder bloggen. Nur eben zu anderen Themen. Vielleicht auch über mich selbst mit den nach wie vor vorhandenen Defiziten und Problemen. Aber es wird nichts mehr über Autismus sein. Dieses Kapitel ist für mich (vorerst) abgeschlossen.

Damit ist der Schlussakkord von „Lohengrin“ erklungen. Der Vorhang fällt nach dem letzten Akt. Mein altes Leben ist zu Ende, und ein vielversprechendes neues Leben beginnt.

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13 Kommentare

  1. OMFG. O.M.F.G.

    du hast durchlebt wovor ich so unfassbar angst habe. mein ERSTgespräch (das erste von vielen) fiel auch so aus. URKS!

    mein aspie-freund und ich haben folgenden schlachtplan (der IHM die diagnose rettete) entworfen: alles, alles was mich belastet, meine besondere art des empfidens dokumentieren (was ic gott sei dank seit über einem jahr schon tue!) und dort nach plan abarbeiten/vorlesen.
    sonst verzettele ich mich gnadenlos wieder in konditionierter „NT-Mauer“, die mich normal, kühl, rational wirken lässt.

    könntest du dir vorstellen es an eíner anderen stelle mit nicht so arg langer wartezeit nocmal mit dieser oder einer anderen taktik zu versuchen? aber gut, sofern es dir gut geht…..!?

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    • Naja, dazu folgendes: Es handelt sich hier um die Einschätzung eines Neurologen – und die stand zum Widerspruch zu einer Psychiaterin, die bei mir immer noch ASS vermutet. Ich habe aber die Behandlung inzwischen beendet, da die depressive Episode vorbei ist und eine Therapie m.E. momentan nicht nötig ist.

      Beide sind allerdings keine Experten. Bei den Experten habe ich erst im Oktober meinen Termin. Ich werde ihn auch wahrnehmen.

      Am Ende ist die Frage, ob ich Autist bin oder nicht in meiner jetzigen Lebenssituation vollkommen irrelevant. Ich habe in der Annahme, Autist zu sein, in den vergangenen Jahren Strategien und Routinen entwickelt – teilweise auch unbewusst seit frühester Kindheit. Diese Strategien wirken und würden bei einem NT m.E, nicht wirken. Ich werde sie auch weiterhin nutzen.

      Ansonsten ist – glaube ich – auch nicht die Frage, ob ich autistische Züge habe. Die habe ich zweifelsohne. Die Frage ist eher: Sind sie pathologisch? Wie komme ich damit klar? Kann man in meinem Fall wirklich von einer Behinderung sprechen (und eine solche ist Autismus ja) oder liege ich eher im subklinischen Bereich des Spektrums – also im Bereich dessen, was noch als „normal“ gilt?

      Die Beurteilung des Neurologen hob auf diese Fragestellung ab. Ich habe auch gemerkt, dass ich zu vielem fähig bin, was ich vorher nicht gedacht hatte – zum Beispiel Empathie oder die Fähigkeit, eine längere, intensive Partnerschaft zu führen. Ich war daran verzweifelt, dass ich das früher nicht konnte – aber es funktioniert. Insofern bin ich mit mir selbst im Großen und Ganzen im Reinen.

      Klar habe ich – zum Teil massive – Probleme, aber die haben andere Menschen auch – ganz gleich, ob sie Autisten, ADSler oder NTler sind.

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      • du triffst es auf den punkt.

        mein problem ist, dass ich massiv hilfe brauche, die mir so vermutlich nicht zugänglich wird. ic bin weiter sehr gespannt ( im wahrsten sinne). schön, dass es bei dir in eigenleistung klappt. evtl komme ich auch mal an den punkt. aber auch ich habe in meinen zwei jahren der warterei auf diagnose sehr, sehr viel gelernt. davon profitiere ich natürlich sehr.

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  2. höchst sonderbar… denke ich auch. Steckt man Dich da eventuell in gewisse Schubladen, in die man so viele spät-diagnostizierte Leute gerne stecken möchte?

    Es gibt da einen Spruch: ’streite erst über das Fell des Bären, wenn Du ihn auch erlegt hast’… will meinen: blog weiter. Zum einen, weißt Du noch nichts und zum anderen, was ändert es? Dann blogst Du eben als VAS… who cares??

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  3. Wär schön wenn du weiter twittern würdest, unter welchem Label auch immer. BTW strange (aber auch schön), wie man ein persönliches Gefühl für jemand entwickeln kann von dem man nur liest …

    Ich hab auch keine offizielle Diagnose, meine Söhne aber, und ich bezieh neben meinen PsychoKenntnissen und den Kriterien meine Sicherheit auch aus diesem intuitiven „WOW, die sind ja wie ich, so hab ich mich noch nie zugehörig gefühlt“

    PS @Frau Anders Gottseidank müssen Autisten nicht immer krank etc sein…wär ja noch schöner… 🙂

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  4. Tja, wo soll ich nun anfangen…………..

    ich bin froh, dass es Dir gut geht!

    Ich hoffe sehr, dass Du irgendwann wieder bloggen wirst. Denn ich bin nicht direkt über Autismus auf Deiner ehemaligen Seite gelandet, sondern weil ich Deine Texte sehr interessant fand.

    Zitat Frau Anders : „Für mich klingt all das was vom Psychiater kommt etwas seltsam und irgendwie schräg.“

    Dem schließe ich mich an!

    Zitat Frau Anders : „Das was du allerdings für dich da rausziehst klingt absolut richtig und gut.“

    Und auch das kann ich sofort so unterschreiben (bessere Worte gibt es dafür einfach nicht 😉 )

    Lass es Dir gut gehen 😉
    Anita

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  5. Für mich klingt all das was vom Psychiater kommt etwas seltsam und irgendwie schräg. Das was du allerdings für dich da rausziehst klingt absolut richtig und gut. Es ist egal welches Label einem auf der Stirn klebt. Alle haben Stärken und Schwächen mit denen sie im Leben versuchen müssen klarzukommen. Wenn du derzeit so wunderbar klarkommst in und mit deinem Leben, ist es vielleicht wirklich nicht nötig sich allzusehr mit sich selber zu beschäftigen. Wie meine Vorgängerin schon schrieb, der Weg zurück zu irgendein Thema bleibt ja allezeit offen.
    Mir geht es irgendwie auch wie dir. Alles funktioniert prächtig, niemand sieht in mir einen Autisten oder sonstwie gestörten Menschen. Ich bin vielleicht auch nur ein hochbegabter Hypochonder mit besonderer Persönlichkeit und scheiß Vergangenheit. Ich habe schließlich eine gute Partnerschaft, Familie, Kind, einen tollen Job, Freunde, ich hab nichtmal wirklich Depressionen…was will ich eigentlich mehr?
    Aber tief in mir drin spüre ich, daß etwas anders ist und das will ich weder lobpreisen noch bejammern, ich will es einfach nur verstehen und lernen damit besser umzugehen im Alltag. Das Wort „Autismus“ gibt mir nun erstmalig eine namentliche Grundlage und ein Wort zum nachforschen für all die Dinge die man so schlecht benennen kann. Und auf dieser Suche traf ich tatsächlich im Bereich des Autismus erstmalig Menschen, die mir in meinen Andersartigkeiten doch sehr ähnlich sind. Welche mit und welche ohne Diagnose. All diese Menschen helfen mir tagein- und tagaus durch ihre Berichte auch mich selber besser verstehen zu lernen. Ich glaube nicht, daß Autisten immer krank, depressiv, sozialschwach, liebesunfähige Menschenhasser und arbeitslos sein müssen um welche zu sein. Eigentlich braucht es in der Öffentlichkeit auch die, die eben gut klarkommen weil sie schlaue Mechanismen entwickelt haben in dieser Welt zu bestehen und glücklich zu werden. Also irgendwie auch Leute wie dich. Aber du hast recht, letztendlich ist es eigentlich für niemanden relevant ob das nun Autismus, besondere Persönlichkeit, Hypochondie oder einfach nur Wurstnasenkrankheit heißt. Was würde es aktuell ändern wenn er gesagt hätte, ja sie sind Autist. Du wärest immer noch der selbe. Wichtig ist doch eigentlich nur daß man glücklich und zufrieden ist und wie es aussieht bist du es grade. Das finde ich total großartig und ich wünsche dir alles, alles Gute. Möge es ewig so toll weitergehen. Wenn ich mir etwas wünschen könnte, wäre es übrigens daß du nicht ganz ins Nichts entschwindest. Ich lese so gerne von dir und bin auch weiterhin gespannt was in deinem Leben so passiert, also als der Mensch der du bist. Aber mach, was immer dir gut tut. Es war auf jeden Fall schön, dich etwas kennengelernt zu haben.
    *Tränchen verdrück*

    Gefällt 3 Personen

  6. Ich finde es gut, dass du so mit dir zufrieden bist und diese Entscheidung getroffen hast. Wie gesagt…Fachkräfte sind oft nicht allwissend, sogar häufig Autismusexperten. Wo er den Narzissten herhat, ist mir schleierhaft. Nach Autismus hört sich das bei dir trotzdem alles an (auf jeden Fall, aber das tut hier nichts zur Sache). Wie du geschrieben hast, kann man immer noch zu dem Thema zurückkehren, falls es relevant werden sollte. Es wäre aber sehr schade, wenn du aus der virtuellen Welt ganz verschwinden würdest. So, wie man sich kennengelernt hat.

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